ergleich   Definieren wir zuerst eine echte und eine falsche Tugend, und zwar durch den Vergleich zwischen dem Elefanten und dem Hund: der eine von ihnen ist ein Wahrzeichen edler Freundschaft, der andre falscher Freundschaft.

1.  Die Freundschaft. — Sie ist edel beim Elefanten; immer stimmt sie mit der Ehre überein. Er hat nicht die niedrige Gesinnung des Hundes, der, auch wenn er manchmal grundlos geschlagen wird, keine Erinnerung daran bewahrt. Der Elefant erträgt gerechte Züchtigungen, aber er läßt sich nicht ohne Grund mißhandeln; Beleidigungen vergibt er nicht; im übrigen ist seine Freundschaft genauso unerschütterlich, so ergeben wie die des Hundes. Diese edle Freundschaft ist die gleiche, die zu kollektiven und korporativen Bindungen führt; die kriecherische Freundschaft des Hundes jedoch begünstigt nur den Despotismus, jene Herrschaftsform der zivilisierten und barbarischen Völker, in der keineswegs die edlen Leidenschaften regieren, die man beim Elefanten wahrnehmen kann. Die Despoten lieben die Freundschaft des Hundes, der, ungerecht mißhandelt und erniedrigt, auch weiterhin dem, der ihn beleidigt hat, dient und ihn liebt.

2. Die Liebe. — Sie ist beim Elefanten sittsam und treu: anstößig und verbrecherisch ist sie beim Hund, der unter Vierfüßlern in der Liebe am niedrigsten ist und mit dieser Leidenschaft sämtliche Laster verbindet, wie die zivilisierten Völker, in deren Liebesverhältnissen Arglist, Betrug und Unterdrückung vorherrschend sind.

3. Die Vaterschaft. — Sie ist verständig und achtbar beim Elefanten. Er will keine Kinder erzeugen, die im Unglück leben würden, und er enthält sich der Vermehrung, sowie er nicht mehr frei ist. Damit erteilt er den zivilisierten Völkern eine Lektion, die an ihren Kindern zu Mördern werden durch die Menge, in der sie sie erzeugen, ohne sicher zu sein, für ihr Wohlergehen sorgen zu können. Die Moral oder Theorie der falschen Tugend treibt sie, Kanonenfutter zu produzieren, Scharen von Rekruten, die sich aus Not selber verkaufen müssen. Diese unbedachte Vaterschaft nämlich ist eine falsche Tugend, Egoismus der Lust. Auch hat die Natur den Elefanten vor diesem Laster bewahrt, der das Vorbild der vier affektiven Leidenschaften ist, genommen in ihrem wahrhaft sozialen und für umfassende Bindungen günstigen Sinn. Der Hund, Wahrzeichen der falschen Tugenden, hat die Gabe jener falschen Vaterschaft, die ganze Scharen in die Welt setzt, Würfe von elf Jungen (elf: die erste der antiharmonischen Zahlen), Haufen, von denen drei Viertel durch Waffen, Zähne oder Hunger umkommen müssen.

4. Die Ehre. — Ist die vierte beim Elefanten ausgebildete Tugend; doch nicht jene Ehre nach dem Moralkodex, die die Verachtung der Reichtümer predigt und will, daß man aus der hohlen Hand trinkt, wie weiland Diogenes. Der Elefant will nicht nur gute Nahrung (80 Pfund Reis pro Tag); er schätzt außerdem einen großen Luxus in Kleidung, Delikatessen, Geschirr und Getränken; wenn Silbergeschirr durch Tongeschirr ersetzt wird, fühlt er sich erniedrigt.

Wenn der Elefant Muster der vier sozialen Tugenden ist, so muß er, wenn das Bild treu sein soll, uns auch das Los der in der Zivilisation zum Spott gewordenen Tugend zeigen. So hat ihn denn auch die Natur mit Schmutz bedeckt. Er selber liebt es, sich mit Staub zu bestreuen, als Bild des tugendhaften Menschen, der lieber die Straßen des Elends einschlägt, als daß er nach einem Reichtum strebt, den er nur durch Anwendung aller Laster erreichen könnte: Erpressung, Gemeinheit, Bestechlichkeit, Ungerechtigkeit, Schacher, Börsenschwindel, Preiswucher, Zinswucher. Die Natur hätte diesem edlen Wesen einen reichen Mantel geben können wie den des Tigers; doch wäre das ein Widersinn gewesen, ein falsches Porträt; denn in unsern Gesellschaftsordnungen führt die echte und wahrhaft achtbare Tugend allein zur Armut; ich sage die echte Tugend und nicht die Tugenden der Philosophie, Weisheit des Chamäleons, das sich zu allen Niederträchtigkeiten hergibt, wenn sie nur zum Reichtum führen.

Die Natur hat dem Elefanten Stoßzähne aus Elfenbein gegeben, sehr kostbare Waffen, in Analogie zu unserem gesellschaftlichen Zustand, der den Luxus der Gewalt vorbehält, der unproduktiven herrschenden Klasse. Auch trägt der Rüssel, der Waffe und Werkzeug zugleich ist, nur ein ärmliches Haarkleid, denn er ist produktiv, und der Elefant muß den Zustand der Geschäftigkeit und der Tugend zum Ausdruck bringen, beide Opfer von Ungerechtigkeit und Verspottung. Als Wahrzeichen des Schicksals der Tugend ist er lächerlich, wenn man ihn von hinten sieht, und zwar durch den Kontrast zwischen seiner Kruppe und seinem dürftigen und unschönen Schwanz.

Seine äußerst kleinen Augen stehen in auffallendem Kontrast zu den riesigen Ausmaßen seines Körpers. Das ist ein Abbild der eingeengten Aussichten des tugendhaften Menschen... Seine Ohren stehen zu seinen Augen im Gegensatz. Ihr mächtiger Umfang und ihre zerquetschte Form stellen das Leiden des guten Menschen dar, der nur die Sprache der Heuchelei und der Verderbtheit in unseren Gesellschaftsordnungen hört, wo die einen die Tugend preisen, ohne sie doch zu üben, die anderen unverschämt das glückliche Laster preisen. Der gerechte Mensch ist von dieser doppelten Sprache der Verkommenheit niedergedrückt und wund; sein Ohr ist davon zerquetscht, nur Lug und Trug zu hören: Dies Mißgeschick ist im Ohre des Elefanten abgebildet. - Charles Fourier, ca. 1830, nach (hum)

Vergleich (2) Was die Deutschen betrifft, so bedürfen sie weder der Freiheit noch der Gleichheit. Sie sind ein spekulatives Volk, Ideologen, Vor- und Nachdenker, Träumer, die nur in der Vergangenheit und in der Zukunft leben, und keine Gegenwart haben. Engländer und Franzosen haben eine Gegenwart, bei ihnen hat jeder  Tag seinen Kampf und Gegenkampf und seine Geschichte. Der Deutsche hat nichts, wofür er kämpfen sollte, und da er zu mutmaßen begann, daß es doch Dinge geben könne, deren Besitz wünschenswert wäre, so haben wohlweise seine Philosophen ihn gelehrt, an der Existenz solcher Dinge zu zweifeln. Es läßt sich nicht leugnen, daß auch die Deutschen die Freiheit lieben. Aber anders wie andere Völker. Der Engländer liebt die Freiheit wie sein rechtmäßiges Weib, er besitzt sie, und wenn er sie auch nicht mit absonderlicher Zärtlichkeit behandelt, so weiß er sie doch im Notfall wie ein Mann zu verteidigen, und wehe dem rotgeröckten Burschen, der sich in ihr heiliges Schlafgemach drängt — sei es als Galant oder als Scherge. Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erwählte Braut. Er glüht für sie, er flammt, er wirft sich zu ihren Füßen mit den überspanntesten Beteuerungen, er schlägt sich für sie auf Tod und Leben, er begeht für sie tausenderlei Torheiten. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine alte Großmutter. - Heinrich Heine, Englische Fragmente (1828)

Vergleich (3) Nun wöllen wir nach unseres Aristotilis Art und Meinung das Geschlecht aller Tiere in zweierlei Gestalt und Form, nämlich die männliche und weibliche, abteilen, und wodurch eins derselbigen von dem andern unterschieden, item was eines jeden Zuneigungen, Natur und Sitten, als welche da herzhaftig, furchtsam aufrecht und redlich oder aber unredlich und unbillig seien, der Notdurft und Gebühr nach anzeigen.

Sind derowegen die Männer von Natur eines großen Leibes, haben breite Angesichter, die obersten Augbrauen etlichermaßen eingebogen oder gekrümmt, große Augen, viereckiges Kinn, dicke und spannädrige Hälse, starke Schultern und Rippen, breite Brüste, hohle Bäuche, beinigte Hüftscheiben, starke Oberschenkel und Arme, harte Knie, hinabwärts gezogene Waden, große, wohlformierte Hände, starke, große und weit voneinander ragende Schulterblätter, große, starke und mit Rippen wohlversehene Rücken, der Ort zwischen Rücken und Lenden gleicheckig und voller Fleisch, beinigte starke Lenden, hagere Arsbacken, hart und trocken Fleisch, langsamen Gang, große und grobe Stimme und so fort. Von Gemüt und Sitten aber sind sie großmütig, unerschrocken, gerecht und redlich, einfältig und des Siegs begierig. Demnach kein Tier unter allen je gefunden wird, dessen ganzer Leib wie auch alle und jede Glieder mit seiner, des Mannes, Gestalt, mehr kann und mag verglichen werden denn der Löwe.

Im Gegenteil haben die Weiber kleine Häupter, weiche Haupthaar, schmale Angesichter, eingedrückte Stirnen, starke Augbrauen, kleine und helle Augen, starke und nach dem Angesicht übel formierte Nasen, fleischige Angesichter, dünne Lefzen, kleine und gleichsam lachende Mündlein, runde und glatte Kinn, dünne Hälse, übelgelöste Brustschlüs sel, enge und schwache Brüste, fette Hüften, fleischige Knie, so sich oft und viel zurückbiegen, weiche Schienbeine, dünne Arme, schwache Schultern, enge und schwache Rücken, der Ort zwischen Rücken und Lenden ungleich und schwach, fleischige Lenden, fleischige und fette Arsbacken, über den ganzen Leib ein weich und nit fast spannäderig Fleisch, helle und kleine Stimmen und kurze Tritt, sind sonst von Natur gering und zart, von Natur kleinmütig, diebisch und über alle Maßen arg und hinterlistig, Nach des Adamantii Meinung aber sind sie weich, zornmütig, hinterlistig, betrüglich und zugleich furchtsam und frech oder verwegen. Das Panthertier ist unter allen anderen Tieren, beides an Gestalt und Gemüt oder Sitten, den Weibern am meisten ähnlich. - Aus J. B. Portas «Menschliche Physiognomie», 1601, nach (kal)

Vergleich (4) Er las die Erzählung DIE VERWANDLUNG, und je länger er las, desto weniger konnte er sich für irgend etwas anderes interessieren als für diese Erzählung. Kafka beschrieb den müden Familienvater Samsa, wie er in einem Sessel sitzt, umgeben von Frau, Tochter und Sohn Gregor. Der Vater schläft jeden Abend in seinem Sessel ein, und die beiden Frauen wollen ihn zum Bettgehen bewegen, ohne Erfolg. Der müde und im ganzen unansehnliche Vater wurde von Kafka mit Sympathie beschrieben, und Abschaffel erinnerte sich plötzlich, daß auch sein Vater oft am Abend einschlief. Abschaffels Vater saß im Wohnzimmer auf der Couch, die Arme über dem Bauch verschränkt, der Kopf lag seitlich auf einer der Schultern, so daß der Hals spannte, und schlief und schnarchte. Für Kafka war der schlafende Vater immer noch ein mächtiger und starker Vater, für Abschaffel hingegen wurde der schlafende Vater ein schwacher Vater. Je länger, geräuschvoller und tiefer er schlief, desto mehr wandte sich das Kind Abschaffel von ihm ab. Es war für das Kind so unerträglich, den Vater schon am frühen Abend schlafend zu finden, daß es sein eigenes Leben dadurch eingeschränkt sah. Wenn der Vater immer schlief, war das Kind schutzlos und, vor allem, kraftlos. Es glaubte, auch nicht mehr Kräfte zu haben als der Vater, und die Kräfte reichten nur zum Schlaf. Abschaffels Mutter saß zwar immer dabei, nähend, Zeitschriften lesend oder stopfend, und von Zeit zu Zeit lächelte die Mutter zu dem Kind hinüber, und das Lächeln forderte deutlich zur Aussöhnung mit dem schlafenden Vater auf. Aber es half nichts. Das Kind Abschaffel war schon bald beleidigt und verzog sich in die Küche, und in der Küche wurde aus dem Beleidigtsein ein Belustigtsein. Das Kind verhöhnte die Schwäche des Vaters; unfähig, die Wirklichkeit des Lebens des Vaters zu begreifen, gelang dem Kind der Spott. - (absch)

Vergleich (5) Daß dem Menschen aber die Tapferkeit von Natur aus fremd ist, das kannst du, mein lieber Odysseus, aus folgender Überlegung am besten entnehmen. In der Tierwelt ist die Stärke bei beiden Geschlechtern von Natur aus gleich, und das weibliche steht dem männlichen durchaus nicht nach, wenn es die Mühen um den Lebensunterhalt oder den Kampf für die Jungen gilt. Du hast ja vielleicht von dem Schwein von Kromyon gehört, das dem Theseus Schwierigkeiten genug machte, obwohl es weiblichen Geschlechts war. Und der Sphinx, die hoch oben auf dem Felsen von Phikion saß, hätte ihre weise Geschicklichkeit, Rätsel und dunkle Reden zu ersinnen, wenig genützt, wenn sie die Kadmeer nicht an Stärke und Herzhaftigkeit übertreffen hätte. In jener Gegend soll bei Teumessos auch eine Füchsin, ein 'furchtbares Ding', und in der Nähe eine Schlange gewesen sein, die mit Apollon um die Orakelstätte von Delphi kämpfte. Euer König Agamemnon hat gern von dem Mann aus Sikyon die Stute Aithe als Lohn dafür genommen, daß er ihn von der Teilnahme an dem Heereszug nach Troja entband; ein kluger Gedanke, daß er dem Feigling die ausgezeichnete, siegesbewußte Stute vorzog. Du selbst hast ja schon oft an Panthern und Löwen die Beobachtung gemacht, daß die Weibchen nicht im geringsten den Männchen an Mut und Stärke nachstehen. Aber deine Frau? Während du im Krieg bist, steht Penelope zu Hause am Feuer des Herdes und wehrt sich nicht einmal soviel wie die Schwalben gegen die Schurken, die sich an ihr und ihrem Eigentum vergreifen wollen, und ist doch eine Spartanerin!   - (plu)

Vergleich (6) Lady Macleod wollte wissen, ob denn niemand von Natur aus gut sei. — JOHNSON. «Nein, ebensowenig wie ein Raubtier.» — BOSWELL. «Auch die Frauen nicht?» —JOHNSON. «Nein.» — Lady Macleod stutzte und sagte leise, das sei ja noch ärger als Swift.  - (johns)

Vergleich (7)  Jeder gibt zu, daß es ein ganz perverses Vergnügen ist, zwei so verschiedene Tiere miteinander zu vergleichen, aber worin liegen denn diese Unterschiede? Die Spinne fliegt nicht, aber sie kann in der Luft gehen. Nun, auch beim Adler macht das Fliegen ja nicht mehr die geringsten Schwierigkeiten und seine Beherrschung der Luft ist unfaßlich, wunderbar und grauenhaft. Wenn aber eine Spinne keine Flügel hat und nicht fliegt, wenn sie ihre Flügel und Flügelkräfte dafür in einer andren Art der Emanation ausgibt, um die Luft mit Wegen vollzubauen, so ist das nicht gerade weniger als das, was der Adler tut, wenn er sich in Kreisen in die Höhe schraubt. Aber eine Spinne lebt in der allervollkommensten Einsamkeit. Sie ist ein weibliches Tier und man sagt, daß die Männchen wesentlich kleiner sind, und nach der Begattung von den Weibchen gefressen werden. Das ist vielleicht eine Tatsache, aber auch sie ist bisher nicht genau genug überlegt worden. Gewiß konnte das Männchen nicht das Weibchen gleich nach der Begattung auffressen, denn dann hätte es keine Fortpflanzung gegeben. Aber es ist auch nicht so sentimental aufzufassen, wenn ein Tier das andre frißt, - das kommt ja häufiger vor und ist das Schicksal der meisten Tiere. Das Weibchen aber hat wahrscheinlich nicht an der Begattung genug, sondern sie muß die ganze männliche Substanz des anders entwickelten Tieres in sich aufnehmen, etwa so, wie auch die Bienenkönigin alle Lebenskräfte einer Drohne in sich aufnimmt, sodaß das männliche Prinzip selbst in ihr fortlebt, solange sie Junge zur Welt bringen will.

Man kann sich sehr wohl vorstellen, daß die Natur viele Wesen zwittrig angelegt hatte, aber dann einen bestimmten Zweig abtrennte, damit er im Leben einen ganz bestimmten Entwicklungsweg für sich fände. Ist diese Spaltung beider Zweige weit genug gediehen, dann kann auch die 'Wiedervereinigung' erfolgen. Vergessen wir auch nicht immer, daß die Menschenpaare, die zusammenleben, in viel stärkerem Grade miteinander verschmolzen werden und Werte austauschen auf Zeit und Dauer, als daß sie sich eben nur paaren. Es ist gerade unter Menschen das Allerhäufigste, daß die Männchen von den Frauen im vollen Sinne des Wortes aufgefressen werden. Ich mache hier keine Anspielung auf die rein wirtschaftlichen Erscheinungen, in denen eine Frau viel mehr verbraucht, als der Mann durch seine Arbeit heranschaffen kann, sondern ich beziehe mich auf die tatsächlich häufige Erscheinung, daß eine Frau ausgezeichnet gedeiht, eine große Reihe gesunder Kinder hat und der Mann sichtbar zusammenschrumpft.

Viel wichtiger scheint es mir, die Tatsache anzuerkennen, daß Spinne unter allen Wesen, die wir beobachten, bei weitem das einsamste Wesen ist, und daß umgekehrt Menschen, die in einer solchen Isolierung leben, eigentlich ausnahmslos eine Aehnlichkeit mit Spinnen bekommen.

Es kann also zweierlei garnicht überraschend sein, erstens, daß man die Größe zwischen Adler und Spinne ganz ausschaltet und zu der Ueberzeugung kommt, daß jede Wespe durchaus nicht weniger leistet, als ein Adler, daß aber die Spinne eine viel stärker markierte Natur als der Adler ist, und daß auch ihre Leistungen und Funktionen vielleicht sehr weit über die Möglichkeiten des Adlers hinausgehen, wenn man eben die Frage der Größe, die vollkommen belanglos ist, ausschaltet. Stellen wir uns nur einmal vor, daß sich eine Spinne von einem Millimeter Größe an einem Faden nur von der Decke eines Zimmers, also vier Meter, herunterläßt. Das würde genau übertragen bedeuten, daß ein Mensch von zwei Metern Größe sich von einem Berg von 8 000 Metern Höhe (und höher fliegt auch der Adler kaum) herabläßt, senkrecht und eben diese Höhe wieder mühelos und in kurzer Zeit hinaufsteigt. Das übertrifft die wildeste Vorstellung eines Fakir bei weitem, - aber woher hat der Fakir überhaupt diese Vorstellung? Weil sie aus dem Leben all der unzählbaren Spinnen übertragen ist auf eine Zelle des menschlichen Gehirnes, und weil genau so, wie alle andren Triebe auch dieser im Menschen Ausdehnung und Wirklichkeit erhalten möchte.

Nein, bei aller Abscheu, die alle Welt vor den Spinnen hat, bleibt die Spinne doch einer der stärksten Karaktere, eine der allerseltsamsten und fertigsten Erscheinungen; die außerordentliche Kraft, mit der so viele Raubtiere ihrer Beute nachgehen, ist auch bei ihr noch unverkennbar, und doch ist diese spontane Energie umgesetzt in eine voraushandelnde, vorausblickende Leistung, die außerordentlich ist, denn jedes andre Raubtier wird sich durch Hunger dazu reizen lassen, das zu fressen, was es wittert, aber eine Spinne baut ihr Netz, lange bevor es ihr nützen kann, sie frißt vielleicht viele Tage lang nichts bis sie einmal reiche Beute macht, aber wir können noch keineswegs die ganze Psyche fassen, aus der heraus ihr Netz angelegt ist, welche ungewöhnlichen Berechnungen dabei durchgeführt sind - ja, gegenüber diesem Tier fühlt man mehr, als bei irgendeinem andren, daß es der Abfall eines ganz ungeheuren Wesens voll Klugheit sein muß.  - Ernst Fuhrmann, Der Geächtete. Berlin 1983 (zuerst 1930)

Vergleich (8)  Auf seinem Schreibtisch lag aufgeschlagen ein Polizeibericht mit etwa zwanzig Fotos von gesuchten Personen. Es waren meist brutale Gesichter, die alle Merkmale der Degeneration trugen.

Ernst Strowitz, vom Gericht in Caen in Abwesenheit zum Tode verurteilt wegen Mordes an einer Bäuerin auf der Straße nach Benouville —

Darüber eine Warnung, rot unterstrichen:

Achtung! Ist immer bewaffnet.

Es war ein Kerl, der seine Haut teuer verkaufen würde. Trotzdem hätte sich Maigret lieber mit ihm beschäftigt als mit all diesen Familiengeschichten, die wie zähflüssiger Sirup waren, und mit diesem unerklärlichen Mord, der ihn wie eine Halluzination verfolgte. - Georges Simenon, Maigret und der Schatten am Fenster. München 1971 (Heyne Simenon-Kriminalromane 29, zuerst 1932)

Vergleich (9)

MANIE

MELANCHOLIE

ich stehe zu Befehl

ich würde mich nicht mehr freiwillig melden

ich liege am liebsten auf dem Bauch, vorausgesetzt natürlich, daß es nicht immer meiner ist

ich liege unter den Brücken

ich kümmere mich nur um Nymphen

ich bin nicht mehr, der ich bin, in meinem Schweinslederkoffer

ich weigere mich die Küsse zu unterzeichnen

ich kann niemandem mehr gefallen

ich habe eine Lampe, Löwenmäulchen, eine Jagdhütte, sichere Methoden

ich habe keinen Hunger, ich bin zu verfressen, um zu essen

ich bin nicht mehr in dem Alter, wo man Angst vorm Gewitter hat

ich habe keine Angst, ich bin zu feige, um Angst zu haben

ich habe meine Frau mit mir im Bett, sogar wenn ich stehe

ich habe die Frau vom Geschlechtsteil des Mannes amputiert

ich packe meine Lust am Napoleonsbart, wo ich sie finde

ich bin mehr am Ende als ein Fortsetzungsroman

ich nehme mit Bismarck einen Martell auf dem Marsfeld

ich bin mager wie ein Weinstock im Schatten seines einzigen Blattes

ich verstand mich gut mit Pasteur

es ist einerlei, wer ich bin

ich trage die Last, die man mir bestimmt, weil sie warm ist

ich schleppe mich dahin auf den Krücken meines Fensters

 -  Texte aus: Breton / Paul Éluard, Die unbefleckte Empfängnis. Zusammenstellung: Gisela Steinwachs, Nachwort zu: André Breton / Paul Éluard, Die unbefleckte Empfängnis. Frankfurt am Main 1988 (zuerst 1930)

Vergleich (10)  Holofernes. Ich bin der Glanzpunkt der Natur, noch hab' ich keine Schlacht verloren, ich bin die Jungfrau unter den Feldherrn. Ich möcht' mich einmal mit mir selbst zusammenhetzen, nur um zu sehen, wer der Stärkere is, ich oder ich. - Johann Nepomuk Nestroy, Judith und Holofernes

Vergleich (11)  

Das Arschloch hat hohe Moral,
bereitet dem Nächsten kein Weh und Qual,
der Mund bereitet dem Nächsten oft Qual,
schuf manchen Tränensee.
Mancher Mund verbreitet mehr Gestank als
alle Arschlöcher der Welt zusammen.

  - Friedrich Schröder Sonnenstern, Trostlied für Aus- und Angebombte. Hg. Gerhard Jaschke. Wien 1981

Vergleich (12)    Im Grunde kennen wir die Natur nicht gut genug, um ein System aufzustellen. Das Beste wäre, aus einer Reihenfolge von Vergleichungen der verschiedenen Zeiten und Länder die endgültige Gleichungsformel für den Menschen zu bestimmen; und es ist recht merkwürdig zu sehen, daß man die Theologie des Menschen so gut wie seine Küche auf eine Einheit zurückführen kann. Man kann zum Beispiel sagen, daß unsere ganze Kochkunst darauf zurückgeht, daß wir Rohes und Gekochtes essen. Fleisch, Fische, usw. kocht man; Früchte usw. ißt man roh; das Einsalzen, das Räuchern usw. sind Arten des Kochens: ebenso führt man in der Theologie alles darauf zurück, daß man an gute oder böse Gottheiten glaubt, daß die Heiligen sich in Götter verwandeln, sobald man aus dem All einen obersten Gott macht etc. Kurz, wenn ich ein Buch darüber schriebe, so würde das etwas wirklich Originelles sein etc. - (gale)

Vergleich (13)  Eine Frau hält den Liebhaber für besser als den Man 1. weil sie diesen hat — 2. weil jener idealisch, dieser wirklich vorschwebt 3. weil jener giebt, dieser fodert, jener nimt und dankt, dieser giebt und Dank fodert  4. weil sie jenen kürzer kent  5. weil jener verspricht, dieser nur hielt  6. weil sie den Man lieber haben würde, sobald sie der Liebhaber heirathete. - (idg)

Vergleich (14)  In seinem Spätwerk ›Circe‹ (1544) greift Gelli auf Homers Vorlage zurück. Nur daß bei ihm Kirke die Gefährten nicht alle in Schweine verwandelt, sondern in unterschiedlichste Tiere. Odysseus führt seine »Dialoghi« mit den Verzauberten, denen er mit Circes Erlaubnis wieder zu menschlicher Gestalt verhelfen kann. Doch die Auster will von einer solchen Rückkehr nichts wissen: als Schalentier genießtvsie häuslichen Schutz, wie sie ihn als Fischer nie gekannt hat. Ebenso verspürt der Maulwurf keine Lust, Mensch zu werden; er, der als Bauer einst die Erde aufwühlte, verfügt jetzt über alles, dessen er bedarf. Odysseus meint, daß Leute niedrigen Standes nun einmal keinen Zug zum Höheren-Menschlichen haben. Aber auch die Schlange winkt ab, ihr früherer Beruf als renommierter Arzt schärfte ihren Blick: Tiere ernähren sich nach ihren Bedürfnissen, während der Mensch sich stets zum Überessen verleitet und deswegen gar seine Speisen pfeffert und salzt, von der Unbotmäßigkeit des Trinkens nicht zu reden; demnach ist der Mensch ständig von Krankheiten geplagt, und er hat mit Ärzten zu tun, die auf dem Lehrstuhl besser heilen als am Bett. Während die Schlange die Natur des Menschen als ein »Hotel der Miseren« charakterisiert, zitiert der Hase, ein geschultes Karnickel, einen antiken Autor, wonach das Vergnügen auf dieser Welt kein wahres Vergnügen ist, sondern verkleideter Schmerz. Der Hase, ehemals ein Edelmann, weiß, wovon er spricht, wenn er eine Gesellschaft im Auge hat, in welcher Arme und Reiche in ständiger Sorge leben, die einen, weil sie etwas haben, und die andern, weil sie nichts haben. Grundsätzlich lauten auch die Überlegungen des Ziegenbockes: was ist das für eine menschliche Existenz mit all ihrer Unsicherheit, ihrer Angst vor dem Gesetz, dem Mißtrauen gegenüber Artgenossen und der Ungewißheit ob der Zukunft. Als Ziegenbock kennt er nicht wie der Mensch die Furcht vor dem Tod, die Zukunft bedrängt ihn nicht, da er als Tier zu seinem Glück keinen Begriff von Zeit und kein Gefühl dafür besitzt. Pessimistisch hört sich an, was der Löwe vom menschlichen Dasein hält: das Innere des Menschen ist ein Gefäß, um es mit allerlei Übeln aufzufüllen; lastender als körperliche Leiden sind die seelischen, unvermeidlich die Qualen wegen seiner Laster wie Geiz und Neid, und vor allem wegen seiner Fähigkeit, Böses zu tun. In diesen Chor fügt sich bestens das Pferd, das am Tier Kraft und Mäßigung lobt. Das Kalb ist bereit zuzugeben, daß auch bei den Tieren Grausamkeiten vorkommen, beharrt aber darauf, daß ein Tier jeweils nur ein einziges Laster hat, indessen der Mensch alle in sich vereint. - (loe2)

Vergleich (15)  Ebensosehr als der Witz - nur mit höherer Anspannung - vergleicht der Scharfsinn, um die Unähnlichkeit zu finden, und der Tiefsinn, um Gleichheit, zu setzen; und hier ist der heilige Geist, die dritte Vorstellung, die als die dritte Person aus dem Verhältnisse zweier Vorstellungen ausgeht, überall auf gleiche Weise ein Wunderkind.

Hingegen in Rücksicht der Objekte tritt ein dreifacher Unterschied ein. Der Witz, aber nur im engern Sinn, findet das Verhältnis der Ähnlichkeit, d. h. teilweise Gleichheit, unter größere Ungleichheit versteckt; der Scharfsinn findet das Verhältnis der Unähnlichkeit, d. h. teilweise Ungleichheit, unter größere Gleichheit verborgen; der Tiefsinn findet trotz allem Scheine gänzliche Gleichheit. (Gänzliche Ungleichheit ist ein Widerspruch und also undenkbar.) Überraschung, welche man sonst noch als Zeichen und Geschenk des Witzes vorrechnet, unterscheidet dessen Schaffen wenig von dem Schaffen anderer Kräfte, des Scharf-, des Tiefsinns, der Phantasie etc. etc.; jede überrascht durch das ihrige, der Witz noch mehr durch seines, weil seine bunten Flügelzwerge leichter und schneller vor das Auge springen. Verliert aber zweimal gelesener Witz zugleich mit der Überraschung seinen Wert?  - Jean Paul, Vorschule der Ästhetik. München 1974 (zuerst 1804 ff.)

Vergleich (16)  

Vergleich (17)

- N.N.

Vergleich (18)  Ganz wie unserem Schöpfer ist auch dem Geheimdienst kein Pflänzlein zu klein, das heißt keine Spur zu unbedeutend, um sie nicht zu verfolgen und ein Dossier über sie anzulegen. Und ganz wie der Herrgott selbst hält der Geheimdienst dadurch viele Existenzen am Leben, die von seiner Existenz wiederum nicht das geringste ahnen. Es sind damit nicht die vielen tausend Mitarbeiter gemeint, die über die ganze Welt verteilt bei ihm in Brot und Dienst stehen, denn sie wissen es ja und sind nichts anderes als Priester, die ebenfalls hauptberuflich einer Sache nachgehen, für die es in unserer wirklichen Welt keinerlei Beweise oder Grundlagen gibt.

Und kein Wunder auch, daß sich deshalb besonders viele Heuchler unter berufsmäßigen Priestern und Geheimdienstmitarbeitern befinden, die mit dem allgemeinen metaphysischen Konsens einer Gesellschaft - könnte man soweit gehen und von einer christlich-geheimdienstlichen Gesellschaft sprechen? - ihren eigenen Lebensunterhalt bestreiten.

Daneben gibt es eine ganze Anzahl von Existenzen, die aus geheimdienstlichen Gründen in Amt und Würden oder nur am Leben erhalten werden. Auch hier gibt es Priester, Minister natürlich, Schlagerstars, ehemalige und noch amtierende, Ingenieure, Ärzte, Schriftsteller, Hausfrauen. Im Grunde geht es durch alle Schichten, Berufe und Klassen, die sich so treu vereint sonst nur in der klassischen Antwort ei­ner Prostituierten auf die Frage nach ihrer Klientel wieder­finden.  - (blue)

Vergleich (19)  Hagiga 16a vergleicht den Menschen mit Engeln und Tieren gleichermaßen. Drei der sechs menschlichen Fähigkeiten (Verständnis, aufrechter Gang, das Sprechen der heiligen Sprache) teilen sie mit Ersteren, drei der Fähigkeiten (Essen, Vermehrung, Defäkation) mit Letzteren. Im Genesis Rabba 8:11 wird das Sterben als das, was mit Tieren geteilt wird, und Sehen das, was mit Engeln geteilt wird, hinzugefügt.  - (raf)

Vergleich (20)  Im Vergleich zum preisvergleichenden Stil ist der Pasodoble ein Kinderspiel. Umgekehrt ist der Pasodoble im Vergleich zum preisvergleichenden Spiel ein Kinder-Stil. Ausgangsposition ist in beiden Fällen die Logik, das ist die Summe der durch Vergleiche zu gewinnenden Schritte, gewissermaßen auch der vorweggenommene Einsatz oder hintangesetzte Vorsatz. Tusch. Die Vergleichspaare sind angetreten. Lichtdurchflutete Paläste halten den Atem an, sind von Kopf bis Mus auf Köpfchen eingestellt. Leise schimmelt der Schmeh. Jetzt! Mit Tschingbum und Trara, in allen Stockwerken gleichzeitig, auf allen Rolltreppen, unter allen Branchen, setzt sich der Pasodoble in seine fröhliche Bewegung. Das Vergleichsmoment ist unvergleichlich! Diagonal verzückt, in elegant ausgreifenden Hüpfern entschwebt es zwischen sich biegenden Tischen. Ha, »Unterschiedenes ist gut« ... Wird Hölderlins Pasodoble doch ein Schlager? Klingling. Das Antippen von Themen ist im Vergleich zu Preisen ein Kinderspiel. Umgekehrt sind die Preise im Vergleich zur angetippten Logik hinkende Vergleiche. Tusch.  - Oskar Pastior, Fleischeslust. Nach (pas)

Vergleich (21)  

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