R evolutionär 1. Der Revolutionär ist ein vom Schicksal verurteilter Mensch. Er hat keine persönlichen Interessen, keine geschäftlichen Beziehungen, keine Gefühle, keine seelischen Bindungen, keinen Besitz und keinen Namen. Alles in ihm wird von dem einzigen Gedanken an die Revolution und von der einzigen Leidenschaft für sie völlig in Anspruch genommen.



Netschaev, aus: Unterhaltungen mit Bakunin. Hg. Arthur Lehning. Nördlingen 1987

2. Der Revolutionär weiß, daß er in der Tiefe seines Wesens, nicht nur in Worten, sondern auch in Taten, alle Bande zerrissen hat, die ihn an die gesellschaftliche Ordnung und die zivilisierte Welt mit allen ihren Gesetzen, ihren moralischen Auffassungen und Gewohnheiten und mit allen ihren allgemein anerkannten Konventionen fesseln. Er ist ihr unversöhnlicher Feind, und wenn er weiterhin mit ihnen zusammenlebt, so nur deshalb, um sie schneller zu vernichten.

3. Der Revolutionär verachtet alle Doktrinen und lehnt die weltlichen Wissenschaften ab, die er künftigen Generationen überläßt. Er kennt nur eine Wissenschaft: die Wissenschaft der Zerstörung. Aus diesem Grund, aber nur aus diesem Grund, wird er sich dem Studium der Mechanik, der Physik, der Chemie und vielleicht der Medizin zuwenden. Aber Tag und Nacht befaßt er sich eingehend mit der allein wesentlichen Wissenschaft: mit dem Menschen, mit seinen entscheidenden Merkmalen und seinen Lebensumständen und allen Erscheinungen der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung. Das Ziel ist stets das gleiche: die sicherste und schnellste Methode, diese ganze verrottete Ordnung zu zerstören. ... - Netschaev, Katechismus des Revolutionärs (ca. 1870). Nach: Thomas Payne, Lenin - Sein Leben und sein Tod. München 1965

Revolutionär (2) M. Bakunin AN OGARJOW
2. November 1872. Locarno.
Alter Freund!
Das Unerhörte ist also geschehen. Die Republik hat den unglücklichen Netschajew ausgeliefert. Was am traurigsten ist, ist der Umstand, daß die Regierung zweifelsohne den Netschajewschen Prozeß wieder aufnehmen und daß es neue Opfer kosten wird. Übrigens sagt mir eine innere Stimme, daß Netschajew, der unrettbar verloren ist, und es ohne Zweifel weiß, aus seinem tiefen Innern, welches verworren und versumpft, doch keineswegs abgeschmackt ist, seine ganze ursprüngliche Energie und Standhaftigkeit wieder wachrufen wird. Er wird als Held zugrunde gehen und diesmal niemand und nichts verraten. Das ist meine Überzeugung, und wir werden bald sehen, ob ich recht habe. Ich weiß nicht, wie Du darüber denkst, mir tut es sehr leid um ihn. Niemand hat mir so viel Böses und dabei mit Absicht getan wie er, und doch tut es mir leid um ihn. Er war ein Mann von seltener Energie, und als wir ihn kennenlernten, flackerte in ihm die helle Flamme der Liebe zu unserm armen verlassenen Volke. Die geschichtliche Not unseres Volkes verursachte ihm wahren Schmerz. Damals war er noch bloß von außen unsauber, aber im Innern rein. Der Hang zu herrschen, sein dünkelhafter Trotz, die dank seiner Unwissenheit in ihm in unglücklichster Weise mit der Methode des sogenannten Machiavellismus und Jesuitismus zusammentrafen, zogen ihn endlich ganz in den Schmutz. Zuletzt wurde er ein ganzer Narr. Denke Dir, etwa zwei oder drei Wochen vor seiner Verhaftung ließen wir ihn durch unsere Bekannten warnen — da weder ich noch jemand von meinen Freunden ihm begegnen wollten —, er möge sich eiligst aus Zürich fortmachen, da man ihn suche. Er wollte es aber nicht glauben und sagte: «Es sind die Bakunisten, die mich aus Zürich jagen», und er fügte hinzu: «Es ist nicht mehr das Jahr 1870; jetzt habe ich im Berner Bundesrate ergebene Leute, Freunde, sie hätten mich gewarnt, drohte mir eine solche Gefahr», — und jetzt ist er verloren.

Nun, alter Freund, hier eine Bitte an Dich. Du weißt, daß Marx, Utin und ihre ganze deutsch-jüdische Kompanie gegen mich einen schmutzigen verleumderischen Prozeß angestrengt haben. Ich brauche Beweise, daß ich kein Dieb bin. Daher schicke ich Dir den Entwurf einer Erklärung, die ich Dich bitte zu unterschreiben. Da Du ein Klassiker, ein Stilist bist, so wird dir vielleicht mein Stil mißfallen. Auf den Stil sehe ich nicht, verändere ihn soviel Du willst und richte ich darin nach Deinem strengen Geschmack. Ich glaube aber nicht, daß Du etwas im Inhalte der fraglichen Erklärung ändern wollen oder es für nötig halten wirst, weil der Inhalt derselben, wie Du selbst weißt, streng der reinsten Wahrheit entspricht. Die Wahrheit aber kann nicht verändert werden.

Ich halte es nicht für nötig, auf unsere alte Freundschaft zurückzukommen, damit Du eine solche Erklärung verfassest und unterschreibst. Dazu wird auch Dein Gerechtigkeitssinn ausreichen, die Freundschaft jedoch wollen wir für angenehmere Dinge aufbewahren.

Dein M. Bakunin.
Meine Adresse ist immer dieselbe: Canton du Tessin, Locarno, Monsieur M. Bakounine.

ENTWURF DER ERKLÄRUNG
Hiermit bezeuge ich, daß ich persönlich und direkt Netschajew den genannten Bachmetjewschen Fonds übergeben habe, damit er dem russischen Komitee einhändige, das nach Netschajews Versicherung in Rußland existiert hat und dessen Vertrauensmann im Auslande Netschajew war, wie er selbst behauptete und worüber er mir schriftliche Ausweise vorlegte.

Bakunin hatte nicht das geringste Recht, über den Bachmetjewschen Fonds zu verfügen. Dieses Recht gehörte ausschließlich Herzen und mir zu, und nach seinem Tode mir allein. Daher war Bakunin nicht anwesend bei der Übergabe des Fonds an Netschajew, die in Gegenwart Natalja Alexandrowna Herzens stattfand. Ich beging dabei folgenden Fehler: da ich fast bedingungslos der revolutionären Ehrlichkeit Netschajews vertraute, so ließ ich mir keine Quittung von ihm geben. Als aber später infolge der zu mir gelangten Tatsachen meine gute Meinung von Netschajew erschüttert wurde und ich in Gegenwart Bakunins, O-ows, Rossis und Ssemjon Sserebrennikows eine Quittung von von Netschajew forderte, da gestand er zwar vollkommen zu, daß er den Bachmetjewschen Fonds von mir erhalten habe, doch weigerte er sich, mir eine Quittung zu geben, unter dem Vorwande, daß es nicht Gewohnheit des russischen Komitees sei, Quittungen auszustellen. Das war von seiten Netschajews die höchste Gewissenlosigkeit und es überzeugte mich endgültig von seinem moralischen Bankerott.

Was Bakunins Anteil an dieser Sache betrifft, so war er folgender:

Nach Herzens Tode suchte er mich zu überreden, Netschajew, als der Vertrauensperson des russischen Komitees, als dem einzigen Vertreter der russischen revolutionären Sache den ganzen Bachmetjewschen Fonds zu übergeben. Es war übrigens nicht schwierig, mich dazu zu überreden, da ich gleich Bakunin an das Bestehen und den ernsten Charakter dieses Komitees glaubte und da wir beide Netschajew als den Hauptvertreter desselben im Auslande betrachteten.

Diese wahrheitsgetreue Aussage bestätige ich durch meine Unterschrift.    
Nikolai Ogarjow

- Aus: Michail Bakunin, Gott und der Staat und andere Schriften. Reinbek b. Hamburg 1969 (rororo Klassiker 240-242)

Revolutionär (3) Die Kampforganisation der Sozialrevolutionäre ist an der infernalischen Figur des Evno Azef zugrunde gegangen. Er hat sie nicht nur physisch dezimiert, er hat ihr auch moralisch das Rückgrat gebrochen. Der Chef der politischen Polizei in Sankt Petersburg, General Aleksandr Gerasimov, schreibt in seinen Memoiren:

»Die Leute hatten das Vertrauen zueinander verloren, und jeder sah im anderen einen Verräter. Unter solchen Umständen stand ihnen der Sinn nicht nach Attentaten. Der Terror hatte seine Gefährlichkeit für die Regierung verloren, Auch die allgemeine revolutionäre Bewegung im Lande hatte sich beruhigt. Wie ich mich erinnere, gab es während des ganzen Winters 1908 — 09 in Petersburg keine einzige geheime Druckerei, wurde keine einzige illegale Zeitung herausgegeben und arbeitete keine einzige revolutionäre Organisation. Genau ebenso war es fast überall in Rußland. Nach den stürmischen Jahren 1904 bis 1907 war endlich die Beruhigung eingetreten, an welche Stolypin gedacht hatte, als er in der Duma sagte: ›Erst Beruhigung, dann Reform.‹

Nun war die Möglichkeit zu friedlicher und erfolgreicher Arbeit am wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung des Landes gegeben.«

Die Selbstzufriedenheit dieses Urteils mutet unbegreiflich an, vor allem, wenn man bedenkt, daß es einige Jahre nach der Katastrophe des zaristischen Regimes niedergeschrieben wurde. Aber auch die Erklärungen, die Savinkov und die Seinen für ihre Niederlage fanden, greifen zu kurz. Die Affäre Azef löste das Ende der Kampforganisation aus, aber sie war letzten Endes nur ein Symptom. Die inneren Gründe für das Scheitern des Terrorismus lagen tiefer.

Die Verschwörer, die ihr Leben dem politischen Kampf geweiht hatten, waren an politischen Fragen desinteressiert. Savinkov und die Seinen betrieben keinerlei Agitation, sie hatten kein Programm, sie kümmerten sich kaum um die Debatten ihrer eigenen Partei. Sie lebten in einer eigentümlichen Isolation, die nur gewaltsam, durch die Detonation ihrer Bomben, gebrochen werden konnte. Die Sache, für die er sich hängen läßt, die Politik, ist dem Terroristen letzten Endes gleichgültig. Dieses Paradox hängt sicherlich mit den Lebensbedingungen des Untergrundes zusammen. Die Illegalität erzwingt die konsequente Trennung des Terroristen von der gesellschaftlichen Realität, die ihn umgibt. Längst bevor die Polizei ihn ergreift, ist er ein Gefangener, der aus seiner konspirativen Zelle nicht mehr entkommen kann. Obsessives Denken und Wirklichkeitsverlust sind die notwendige Folge seiner Existenzbedingungen. - Hans Magnus Enzensberger, Nachwort zu: Boris Savinkov, Erinnerungen eines Terroristen. Nördlingen 1985 (Die Andere Bibliothek 4, 1985, zuerst 1917)

Revolutionär (4)

Revolutionär (5) Ich verließ das Palais-Royal; und obzwar ich, wie man das gut und gerne nennen mag, vor Wut schäumte, entschlüpfte mir von da bis zu meiner Wohnung nicht ein Wort, das zur Erbitterung des Volkes hätte beitragen können. In zahlloser Menge hatte es auf mich gewartet, und nun zwang man mich, aufs Verdeck meiner Karosse zu steigen und zu berichten, was ich im Palais-Royal getan hatte. Ich sagte den Leuten, ich hätte der Königin geschildert, wie bereitwillig man sich ihrem Willen gefügt habe, indem man die Waffen wieder da hinterlegte, wo man sie geholt hatte, und indem man sie dort nicht holte, wo man sie eben noch hatte holen wollen; die Königin habe mir zu erkennen gegeben, wie sehr solche Unterwerfung sie befriedige, und sie habe gesagt, nur auf diesem Weg sei die Freiheit der Gefangenen von ihr zu erlangen. Ich fügte hinzu, was immer ich für geeignet halten konnte, diese Volksmenge milder zu stimmen; es kostete mich gar nicht viel Mühe, denn die Stunde des Abendessens nahte. Sie werden diesen Zusammenhang lächerlich finden, es hat damit aber seine Richtigkeit; ich habe in der Tat beobachtet, daß bei Erregungen des Volkes in Paris auch die Stürmischsten nicht die Essensstunde zu versäumen wünschen — se désheurer, nennen sie das. - (retz)

Revolutionär (6)  Tiberius Sempronius Gracchus, 30 Jahre alt, aus guter Familie, begabt, aber kränklich, sieht sich die seiner aristokratischen Abstammung entsprechende Laufbahn verschlossen, lässt sich zum Volkstribun wählen und bringt, um sich bei den Massen einen Halt zu geben, ein komunistisches, die patognomonischen Merkmale einer verrükten Utopie auf der Stirn tragendes Akergesez ein, welches den Apetit der Massen aufs Äusserste reizt. In Folge der begreiflichen Widerstände, die dieses Vorgehen bei der ordnungsliebenden Aristokratenpartei findet, steigert sich der an und für sich labile und zu Erschöpfung neigende Gehirnzustand des Agitators zur Exaltazjon und manjakalischen Aufregung (Mania simplex). Ideenflüchtige Reden mit megalomanischem Charakter: das Volk wolle ihn zum König krönen. Eben, da das in seinen Magen-Hoffnungen sich getäuscht sehende Volk eine bedrohliche Haltung einnehmen will, komt die gut organisirte und disziplinirte Senate-Partei zuvor. Es bricht ein Aufstand aus, und Tiberius Gracchus wird im Strassenkampf mit 300 seiner Anhänger mit aristokratischen Stuhlbeinen erschlagen (133 v. Chr.).  - Oskar Panizza, Die kriminelle Psychose, genannt Psichopatia criminalis. Hilfsbuch für Ärzte, Laien, Juristen, Vormünder, Verwaltungsbeamte, Minister etc. zur Diagnose der politischen Gehirnerkrankung. München 1985 (Matthes & Seitz Debatte 21, zuerst 1898)

Revolutionär (7) Chr. F. D. Schubart, 38 Jahre alt, Kantor und Schulmeister, wie es scheint nicht belastet, ausser durch einen unwiderstehlichen Hang, Verse zu machen, von guter musikalischer Begabung, ergibt sich früh dem Trunke und der Ausschweifung, kann sich auf der Universität nicht halten, wird wegen Schulden verhaftet; nach der Entlassung ruhiger geworden, verlebt er mehrere Jahre an einem stillen Ort als Schulmeister; seine beste Zeit; doch hält es den Ruhelosen, der sich inzwischen verheiratet, nicht, er komt in die Residenz, wo er den Fürsten und die Hofdamen durch sein glänzendes Orgelspiel fesselt; übermütig stürzt er sich in die tollsten Ausschweifungen, infizirt sich sexuell bei Hofe, infizirt die Familje, macht Spottgedichte auf die heiligste Litanei und den allerheiligsten dreieinigen Gott, die er in Musik sezt und mit schnörkelhaften Verzierungen dem Schlussgottesdienst anfügt. Er muss fliehen, treibt sich bald da, bald dort, herum, immer in Bacho et Venere exzedirend, Frau und Kinder vernachlässigend. Endlich komt er in eine'süddeutsche Reichstadt und gründet dort eine Zeitung. Auch hier zeigt sich sofort sein stark exzedirendes Benehmen, er stösst revoluzjonäre Rufe aus, wie: "O England, nur diesen Hut voll von deiner Freiheit! ......", wird wegen dieser Äusserung ausgewiesen — flieht in die nächste Reichsstadt, wo er seine Zeitung fortsezt und durch den frechen Ton derselben bedeutenden Absaz findet; er beschimpft alle 48 deutschen Potentaten aufs Maasloseste, indem er ihre Mätressen aufzählt und ihnen verbieten will, zur Unterhaltung ihrer Privat-Bordelle und Balett-Häuser die Landessöhne als Soldaten in's Ausland zu verkaufen. Endlich wird der Gauner, dessen Nervensistem vollständig zerrüttet ist, und der unter der toxischen Einwirkung von Bier und Tabaksqualm die maaslosesten politischen Konjekturen über die Einigkeit Deutschlands und die Selbstbestimmungsfähigkeit des deutschen Bürgerstandes produzirt hatte, verhaftet und in Kerkerhaft abgeführt. Der Zustand bessert sich sofort. Er verlangt zum Abendmahle, betet brünstig zu Gott, lässt alles irdische Versemachen bleiben, nimt dreissig Pfund ab; die „raptus"- artigen Entwürfe und temperamentvollen Einfälle bleiben gänzlich aus; ein tiefer Seelenfriede zieht in sein Inneres ein. Als er nach zehnjähriger Haft durch einen Zufall entlassen wird, ist er ein ganz Anderer geworden. Als Hoforganist gelingt es ihm, in meisterhafter Weise vor der Mätresse des Allerhöchsten die Orgel zu spielen. Er gewinnt voll die Gunst seines Fürsten. Auf dessen Wunsch sezt er die Zeitung zum Vorteil der Hof-Schatulle fort, aber ganz in Geist und Auffassung des Gottesgnadentums der Monarchen und der von Gott für die Völker aufgestellten Führer und Leuchten. Geachtet von allen Ehrlichen des Landes stirbt er bald darauf dekorirt von seinem Fürsten.- Oskar Panizza, Die kriminelle Psychose, genannt Psichopatia criminalis. Hilfsbuch für Ärzte, Laien, Juristen, Vormünder, Verwaltungsbeamte, Minister etc. zur Diagnose der politischen Gehirnerkrankung. München 1985 (Matthes & Seitz Debatte 21, zuerst 1898)

Revolutionär (8)  Adam Lux ist aus der Gegend von Mainz, lebte daselbst im Zirkel seiner Gattin und seiner Kinder als begüterter Landmann und als kenntnisreicher Philosoph. Sein vorzüglichstes Vergnügen war das Studium der Alten. Ein reifer Verstand, eine für alles Erhabene empfängliche Seele, ein fester und gesunder Körperbau waren die unschätzbaren Eigenschaften, die er, was so selten ist, vereinigt besaß. Die Geschichte der griechischen und römischen Republiken fesselten ihn mit Allmacht, und Catos Seele schien in die seinige überzufließen. Als die fränkischen Fahnen auf den Wällen von Mainz wehten, als sich in Mainz die Abgeordneten der eroberten Rheingegenden einfanden und die rheinisch-deutsche Konvention formierten, da trat auch Lux als Mitglied in diese Versammlung, von der er, als sie die Vereinigung mit Frankreich votierte, nebst Potocky und dem berühmten, für die Freiheit und die Wissenschaften zu früh dahingeschiedenen Forster nach Paris an den Nationalkonvent abgeschickt wurde. Die Mainzer Deputation kam gerade in einer Epoche an, wo der Kampf zwischen der Girondistenpartei und der Bergpartei schon so weit gekommen war, daß die konspirierende Pariser Munizipalität mit Hülfe einiger Häupter der letztern die erstere Partei mit einer beispiellosen Wut bekämpfte. Man kann sich leicht denken, an welchen der beiden Teile Lux' Wünsche sich anschlössen.

In sich selbst verschlossen, entfernt von der Gesellschaft, kehrte er meistens nur abends bei Eröffnung des Schauspiels in dieselbe zurück, den übrigen Tag brachte er auf einsamen Spaziergängen, besonders in dem Gehölze von Boulogne zu, wo er, unter dem erquickenden Schirme einer Eiche, bald in den Briefen des Brutus an den Cicero, bald in andern alten Schriftstellern sich mit den großen Republikanern des Altertums vertraut machte und, von ihren heiligen Schatten umringt, in tiefe Betrachtungen versunken, die Größe der Vorzeit, die schimpfliche Lage seines Vaterlandes und den damaligen Stand der Dinge in Frankreich berechnete. Ich traf ihn mehrmals auf seinen Spaziergängen. Seine Stirne war faltenlos, seine Stimme ruhig wie die eines denkenden Mannes: der ernste Blick seines Auges schien mitten in einer Art von glänzender Heiterkeit, dem Gepräge seiner Seelenruhe, zu schwimmen. Die Revolution vom 31. Mai erschien, und die Erfüllung aller der furchtbaren Ahnungen, gegen die er sich bisher zu waffnen suchte - begann. Einige seiner Freunde trugen die Trümmer der Republik mit sich in das Gefängnis, andere irrten mit denselben in den Departements umher und suchten Männermut, republikanische Tugenden und Hülfe gegen den siegenden Despotismus. Schon waffnete sich der Mittag, und in dem Westen schien das Gewitter in eben dem Augenblick auf das Haupt der Verbrecher herabstürzen zu wollen - als die Verräterei, sinnreicher als die Tugend, den drohenden Blitz von sich abwenden und auf das Haupt derer zurückfallen machte, die ihn der Freiheit und der Republik zugunsten hervorgerufen hatten.

Mitten unter den Zurüstungen der Departements entschloß sich ein Mädchen, die zu Boden getretene Freiheit zu rächen - zwischen ihrem Entschlüsse und der Ausführung war nur der Weg, den sie von Caën nach Paris zurückzulegen hatte. Kaum hatte ihr Auge den Ort erblickt, wo die große Freveltat, die Ermordung der Freiheit, sich ereignet hatte - so stieß schon ihr rächender Arm den rächenden Dolch in Marats verbrecherische Brust. - Darf man sich noch wundern, daß sie gerade ihn wählte, ihn, der, weit entfernt, gleich einem Fache seine scheußliche Seele zu verbergen, sie ebenso wie seine ekelhafte Figur zu Hülfe rief, zur Schau stellte und so zum sichtbaren Mittelpunkte alles desjenigen machte, was sich zu Verbrechen und Greueltaten fähig fühlte. Seine Mordepisteln waren ihr bekannt, er mußte also fallen.

Lux, der sich gerade in der Honoréstraße befand, als eine ungewöhnliche Bewegung auf den Straßen seine Aufmerksamkeit erregte, fragte nach der Ursache derselben. Man antwortete ihm, daß man die Mörderin Marats soeben zum Schafott führe - das heißt, das große Opfer einer bessern Welt übergebe. Lux blieb unter den Zuschauern. Charlotte Corday erschien, ihr Auge war mit einem Gemisch von Größe und Mitleiden auf die Volksmenge geheftet. — Lux las in ihren Zügen, was nur wenigen zu lesen vorbehalten war - sein Blick begegnete dem ihrigen - mehr bedurfte es nicht, um in dem Innersten ihrer Seele zu lesen und jene Harmonie entdecken zu können, die große Herzen in einem Moment auf Ewigkeiten verschwistert. - Man hatte ihm von einer aristokratischen Fanatikerin gesprochen; er fand eine Republikanerin, die, nachdem sie dem Rache fordernden Vaterland den hohen Tribut gebracht hatte, die Gesetze zu versöhnen, mit jenem Blick dem Tode entgegenging, die ihrem Wesen noch drei Schritte vor dem Schafott jene verklärte Gestalt zu geben schien, die ihr erst jenseits desselben zuteil werden sollte: man hatte ihm von einer alten Betschwester gesprochen, und er fand ein Mädchen in der vollkommensten Jugendblüte, ein Mädchen, dem die nahe Gegenwart des Todes keine der Rosen rauben konnte, die ihre Wangen schmückten - dem die jungfräuliche Sittsamkeit, gepaart mit Heldenmut und Schönheit, jenen unaussprechlichen Reiz gab, dem selbst der stupideste Fanatismus durch ein plötzliches Unterbrechen seines wilden Gebrülls und das Verbrechen durch eine dem schwachen Überrest von Menschlichkeit entschlüpfte Träne huldigen mußte. Lux folgte Charlotten bis an das Schafott, sein gut organisiertes, ungeschwächtes Auge erblickte die kleinste ihrer Bewegungen, die Art, womit sie sich dem Schafott näherte und das Totengerüst bestieg, die sanfte Schamröte, die selbst das drohende Beil nicht zurückschrecken konnte, als die Blutknechte ihr den jungfräulichen Busen entblößten - nichts entging seinem spähenden Blicke: das Eisen fiel. - Dieterich, Bürgermeister von Straßburg, nach: Justinus Kerner, Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit. In: (ker)

Revolutionär (9) Galin mit dem weißen Star, der schwindsüchtige Slinkin, Sycov mit zerfressenem Darm — sie stolpern durch den unfruchtbaren Staub der Etappe und tragen den Aufruhr und das Feuer ihrer Flugblätter in die Reihen der wackeren Kosaken, wenn sie Ruhe haben, der Reservegauner, die sich Polnischübersetzer nennen, und der Mädchen, die man uns in den Zug der Politabteilung zur Erholung aus Moskau schickt.

Erst nachts wird sie fertig, die Zeitung — Zündschnur, die unter die Armee gelegt wird. Am Himmel erlischt die schielende Laterne der Provinzsonne, die Lichter der Druckerei, auseinanderstiebend, lodern unaufhaltsam, wie die Leidenschaft einer Maschine. Und dann, um Mitternacht, kommt Galin aus dem Waggon, um zusammenzuzucken unter den Bissen seiner nichterwiderten Liebe zu der Waschfrau unseres Zuges, Irina.

— Das letzte Mal, — sagt Galin, schmal in den Schultern, bleich und blind, — das letzte Mal, Irina, haben wir die Erschießung Nikolaus des Blutigen behandelt, hingerichtet vom Ekaterinburger Proletariat. Gehen wir heute zu anderen Tyrannen über, die eines hündischen Todes starben. Peter den Dritten erwürgte Orlov, der Liebhaber seiner Frau, Paul zerfleischten die Höflinge und sein eigener Sohn. Nikolaj Palkin nahm Gift, sein Sohn fiel am l. März, ein Enkel starb am Suff . . . das müssen Sie wissen, Irina . . .

Und das leere, anbetungsvolle Auge auf die Waschfrau gerichtet, wühlt Galin unermüdlich in den Grabgewölben umgekommener Kaiser. Gebeugt steht er, begossen vom Mond, der dort, oben, ragt, wie ein frecher Stachel, die Druckmaschinen rattern irgendwo in seiner Nähe, und in reinem Licht erstrahlt die Radiostation. An die Schulter des Kochs Vasilij geschmiegt, lauscht Irina dem dumpfen und unsinnigen Liebesgeflüster, über ihr, durch die schwarzen Schlingpflanzen des Himmels, schleppen sich Sterne, die Waschfrau döst, bekreuzigt ihre geschwollenen Lippen und schaut Galin mit aufgerissenen Augen an. So schaut den seiner Wissenschaft ergebenen Professor ein junges Mädchen an, das nach den Unannehmlichkeiten der Empfängnis dürstet.

Und neben Irina gähnt der dickmäulige Vasilij, der die Menschheit geringschätzt, wie alle Köche. Köche — sie haben viel zu tun mit dem Fleisch von toten Tieren und den Begierden der Lebenden, deshalb suchen Köche in der Politik immer nach Dingen, die sie nichts angehn. So auch Vasilij, der dickmäulige Sieger. Sich die Hosen immer wieder bis an die Brustwarzen hochziehend, fragt er Galin nach der Zivilliste verschiedener Könige, nach der Höhe der Mitgift für Zarentöchter und sagt dann, gähnend:

— Arisa, es ist Schlafenszeit, — sagt er. — Morgen ist auch noch ein Tag. Gehn wir Flöhe fangen . . .

Und sie schlössen die Küchentür und ließen Galin allein mit dem Mond, der dort, oben, ragte, wie ein frecher Stachel . .. Dem Mond gegenüber auf dem Bahndamm, am eingeschlafenen Teich saß ich mit meiner Brille, meinen Geschwüren am Hals und meinen verbundenen Füßen. In meinem verwirrten Poetenhirn verdaute ich den Kampf der Klassen, als Galin, mit den starblinden Augen blinkend, auf mich zutrat.

— Galin, — sagte ich, bedrückt von Selbstmitleid und Einsamkeit, — ich bin krank, mein Ende scheint gekommen, Galin, ich bin es leid, in unsrer Reiterarmee zu leben . . .

— Sie sind eine Rotznase, — antwortete Galin, und die Uhr an seinem knochigen Handgelenk zeigte ein Uhr nachts, — Sie sind eine Rotznase, und wir haben euch Rotznasen zu ertragen . . . Die ganze Partei geht in Schürzen, die beschmiert sind mit Blut und Kot, wir säubern für euch den Kern von der Schale. Und es wird nicht mehr lange dauern, und ihr werdet ihn sehen, den sauberen Kern, dann werdet ihr den Finger aus der Nase nehmen und das neue Leben in ungewöhnlicher Prosa besingen, bis dahin bleiben Sie still sitzen, Rotznase, und pfuschen Sie uns nicht ins Handwerk . . .

Er rückte näher, wickelte die Binden neu, die sich von meinen juckenden Geschwüren gelöst hatten, und ließ den Kopf auf seine Hühnerbrust sinken. Die Nacht tröstete uns in unseren Kümmernissen, ein leichter Wind umwehte uns, wie der Rock der Mutter, und das Gras unten glitzerte frisch und feucht.

Die Maschinen, die in der Zugdruckerei gedröhnt hatten, kreischten auf und verstummten, das Morgengrauen zog eine Linie an den Rand der Erde, die Tür zur Küche quietschte und öffnete sich einen Spalt. Vier Füße mit dicken Fersen streckten sich in die Kühle, und wir sahen Irinas liebende Waden und Vasilijs große Zehe mit dem schiefgewachsenen und schwarzen Nagel.

— Vasilek, — flüsterte das Weib mit russischer gepreßter ersterbender Stimme, — gehen Sie von meiner Pritsche runter, Quälgeist. . .

Doch Vasilij zuckte nur mit der Ferse und rückte noch näher.

— Die Reiterarmee, — sagte Galin da zu mir, — die Reiterarmee ist ein soziales Kunststück, vorgeführt vom ZK unserer Partei. Die Kurve der Revolution hat die Kosakenhorden in die erste Reihe geworfen, sie sind durchdrungen von vielen Vorurteilen, aber das ZK, mit seinen Manövern, wird sie auskehren mit eisernem Besen . . .

Dann sprach Galin über die politische Erziehung der Ersten Reiterarmee. Er sprach lange, dumpf, mit voller Klarheit. Das Lid über seinem starblinden Auge zuckte, und Blut tropfte von seinen geschundenen Handflächen. - Isaak Babel, Die Reiterarmee. Berlin 1994 (Friedenauer Presse, neu übs. von Peter Urban - zuerst 1926)

Revolutionär (10) Mratschkowskij war Mitglied der Bolschewistischen Partei seit 1905. Er war der Sohn eines vom Zaren nach Sibirien verbannten Revolutionärs. Er selbst wurde viele Male von der zaristischen Polizei verhaftet. Im Bürgerkrieg, nach der Sowjetrevolution, organisierte Mratschkowskij in den Uralgebieten ein Freiwilligenkorps, das große Heldentaten bei der Besiegung der konterrevolutionären Armee Admiral Koltschaks vollbrachte. Zur Zeit Lenins und Trotzkis wurde er zu einem beinahe legendären Helden.

Im Juni 1935 waren alle Vorbereitungen für den ersten Schauprozeß beendet. Die Geständnisse von vierzehn Gefangenen lagen vor. Den führenden Figuren, Sinowjew und Kamenjew, waren ihre Rollen zugeteilt, und sie kannten ihren Text. Zwei Männer in diesem Schub von gezeichneten Opfern weigerten sich jedoch beständig, mit Geständnissen herauszurücken. Einer von ihnen war Mratschkowskij, der andere sein Kollege Iwan N. Smirnow, einer der Gründer der Bolschewistischen Partei und Chef der Fünften Armee im Bürgerkrieg.

Stalin wollte den Prozeß ohne diese beiden Männer nicht beginnen lassen. Man hatte sie monatelang bearbeitet, hatte sie allen körperlichen Methoden dritten Grades der Ogpu unterworfen, aber sie weigerten sich noch immer, Geständnisse zu unterzeichnen. Der Chef der Ogpu wies plötzlich meinen Kollegen Sloutskij an, die Vernehmung Mratschkowskijs zu übernehmen und den Mann »niederzubrechen«. Wie der Zufall es wollte, hatte Sloutskij eine tiefe Achtung für Mratschkowskij. Wir weinten beide, als mir Sloutskij von seinem Erlebnis als Inquisitor berichtete.

»Ich begann die Untersuchung frisch rasiert«, sagte er. »Als ich damit fertig war, war mir ein Bart gewachsen.

Als er das erstemal in mein Büro geführt wurde, sah ich, daß er stark hinkte; es war die Nachwirkung einer im Bürgerkrieg erlittenen Beinverletzung. Ich bot ihm einen Stuhl an. Er setzte sich nieder. Ich eröffnete die Untersuchung mit den Worten: ›Wie Sie sehen, Genösse Mratschkowskij, habe ich den Befehl erhalten, Sie zu verhören.‹

Mratschkowskij antwortete: ›Ich habe nichts zu sagen! Und überhaupt wünsche ich kein Gespräch mit Ihnen zu führen. Ihre Sorte ist viel ärger als die Gendarmen des Zaren. Wie wäre es, wenn Sie mir sagten, was für Recht Sie dazu haben, mich zu verhören? Wo waren Sie während der Revolution? Ich kann mich nicht erinnern, in der Zeit der Revolutionskämpfe von Ihnen gehört zu haben.‹«

Dann sah Mratschkowskij die beiden Orden des Roten Banners an Sloutskijs Brust und fuhr fort: »Typen Ihrer Art sah ich niemals an der Front. Diese Dekorationen da müssen Sie gestohlen haben!«

Mratschkowskij stand auf, zog mit einer schnellen Bewegung sein Hemd aus und entblößte die Narben der Wunden, die er in den Kämpfen für das Sowjetregime empfangen hatte. »Das sind meine Auszeichnungen!« rief er aus. Sloutskij schwieg weiter. Er ließ Tee bringen und bot dem Gefangenen ein Glas davon und mehrere Zigaretten an. Mratschkowskij nahm das Glas und den Aschenbecher, der ihm gereicht wurde, warf sie auf den Boden und schrie: »Sie wollen mich also bestechen? Sie können Stalin sagen, daß ich ihn verachte! Er ist ein Verräter! Man hat mich zu Molotow« (damals sowjetischer Premierminister) »gebracht, der mich ebenfalls bestechen wollte. Ich habe ihm ins Gesicht gespuckt.«

Jetzt endlich sprach Sloutskij: »Nein, Genösse Mratschkowskij, ich habe die Orden des Roten Banners nicht gestohlen. Ich erhielt sie in der Roten Armee an der Front von Taschkent, wo ich unter Ihrem Kommando kämpfte. Ich habe Sie nie für ein Reptil gehalten und halte Sie auch jetzt nicht dafür. Aber haben Sie sich der Partei widersetzt und gegen sie gekämpft? Natürlich haben Sie das getan. Nun, die Partei hat mir jetzt befohlen, Sie zu verhören. Was Ihre Wunden betrifft - schauen Sie sich das an.« Worauf Sloutskij seinen Körper teilweise entblößte und seine eigenen Narben zeigte . . .

Dann sagte er: »Ich habe nach dem Krieg für das revolutionäre Tribunal gearbeitet. Später hat mich die Partei der Ogpu-Verwaltung zugeteilt. Ich führe jetzt nur meinen Auftrag aus und gehorche Befehlen. Wenn mir die Partei befiehlt, zu sterben, werde ich sterben.« (Sloutskij hat das auch getan - achtzehn Monate später wurde sein Selbstmord gemeldet.)

»Nein, Sie sind heruntergekommen und ein Polizeihund geworden, ein richtiger Ochrana-Agent«, unterbrach ihn Mra-tschkowskij. Dann hielt er inne, zögerte und fuhr fort: »Und doch haben Sie offenbar noch nicht ganz Ihre Seele verloren.«

Zum erstenmal fühlte Sloutskij, daß ein Funken des Verstehens zwischen ihm und Mratschkowskij aufflammte. Er begann, über die innere und äußere Lage der Sowjetregierung zu sprechen, über innere und äußere Gefahren, von den Feinden innerhalb der Partei, die die Sowjetmacht untergruben, von der Notwendigkeit, die Partei als den einzigen Retter der Revolution um jeden Preis zu schützen.

»Ich sagte ihm«, erzählte mir Sloutskij, »ich sei persönlich davon überzeugt, daß er, Mratschkowskij, kein Gegenrevolutionär wäre. Ich nahm die Geständnisse seiner verhafteten Freunde vom Schreibtisch und zeigte sie ihm als Beweis, wie tief sie in ihrer Opposition zum Sowjetsystem gefallen waren.

Drei volle Tage und Nächte redeten und diskutierten wir. In der ganzen Zeit schlief Mratschkowskij nicht einen Augenblick, und ich habe mir im ganzen vielleicht drei bis vier Stunden Schlaf während dieser Periode des Ringens mit ihm gestohlen.«

Tage und Nächte des Argumentierens folgten, bis Mratschkowskij einsah, daß niemand außer Stalin die bolschewistische Partei zu führen vermochte. Mratschkowskij war überzeugter Anhänger des Einparteien-Systems und mußte zugeben, daß keine bolschewistische Gruppe stark genug war, die Parteimaschine von innen her zu reformieren oder Stalins Führung zu stürzen. Es herrschte wirklich tiefe Unzufriedenheit im Lande; dagegen aber von außerhalb der bolschewistischen Reihen anzukämpfen, mußte das Ende der proletarischen Diktatur bedeuten, zu der Mratschkowskij sich bekannte.

Der Untersuchungsrichter und sein Gefangener stimmten darin überein, daß alle Bolschewisten ihren Willen und ihre Gedanken dem Willen und den Gedanken der Partei unterzuordnen haben. Sie stimmten darin überein, daß man im Dienste der Partei den Tod oder die Entehrung, oder auch den Tod und die Entehrung auf sich zu nehmen hatte, wenn die Konsolidierung der Sowjetmacht das erforderte. Es war Sache der Partei, den Selbstanklägern Anerkennung für ihre Selbstaufopferung zu zollen, wenn sie das wollte.

»Ich brachte ihn zum Weinen«, berichtete Sloutskij. »Ich weinte mit ihm, als wir zu dem Schluß kamen, daß alles verloren war, daß keine Hoffnung und kein Glaube mehr bestand und nur noch ein letzter verzweifelter Versuch übrigblieb, einem nutzlosen Kampf der unzufriedenen Massen zuvorzukommen. Dafür brauchte die Regierung öffentliche ›Geständnisse‹ von den oppositionellen Führern.«

Mratschkowskij bat um eine Zusammenkunft mit Iwan Smirnow, seinem intimen Freund. Sloutskij ließ Smirnow aus seiner Zelle holen, das Zusammentreffen der beiden Männer fand in seinem Büro statt. Lassen wir Sloutskij es beschreiben:

»Es war eine schmerzlich aufregende Szene. Die zwei Helden der Revolution umarmten sich. Sie weinten. Mratschkowskij sagte zu Smirnow: ›Iwan Nikitisch, wir wollen ihnen geben, was sie wollen. Es muß sein . . .‹

Am Ende des vierten Tages unterschrieb er das ganze von ihm im öffentlichen Prozeß abgelegte Geständnis - General Walter Kriwitskij, nach Arthur Koestler, Nachwort zu: Sonnenfinsternis. Frankfurt am Main u.a. 1979

Revolutionär (11)

Revolutionär (12)  Karl Radek wird am 12. Februar 1919 verhaftet. Man wirft ihm »Beihilfe zum Spartakusputsch, Aufreizung und Geheimbündelei« vor. Angeblich hat Radek bei seiner Festnahme winselnd um sein Leben gebettelt und soll in seiner Zelle vor jedem Besuch gezittert haben. Das Personal im Zellengefängnis Lehrter Straße in Berlin-Moabit besteht zu einem großen Teil aus Angehörigen des Regiments Reinhard, die auch Radek dort eingeliefert haben. Die Behandlung, die er erfährt, und was er auf den Gängen beobachtet und aus Nebenräumen hört, vor allem aber die frische Erinnerung an die Ermordung Rosas, Liebknechts und anderer Spartakisten, lassen seine Ängste verständlich werden. Noch im Juni 1919 werden während eines Spaziergangs auf dem Gefängnishof von der benachbarten Kaserne aus Schüsse auf ihn abgefeuert, die ihn aber nicht treffen.

Am 5. März 1919 ernennen ihn die Bolschewiki, um zur Verbesserung seiner Lage beizutragen, zum Botschafter der Ukraine. Am 26. Juni 1919 beschließt das Reichskabinett Radek im Austausch gegen Geiseln an Sowjetrußland auszuliefern. Doch erst müssen die Modalitäten von Radeks Rückführung ausgehandelt werden. Radek bleibt weiterhin im Gefängnis, aber in der ehemaligen Wohnung eines Gefängniswärters darf er fast unbeschränkt Besucher der verschiedensten politischen Richtungen empfangen. Max Barthel, ein Arbeiterschriftsteller, berichtet über diese Zeit:

»Ich ging als angeblicher Gehilfe des Zahnarztes zu dem Gefangenen. Im Besuchszimmer warteten einige Leute. Und schon fegte er herein, der Herr Botschafter der Ukraine. Er trug sine Art militärische Uniform aus grauem Tuch und sah wie ein gutmütiger Menschenaffe aus. Bemerkenswert war sein Bart, eine Schifferfräse, die das Gesicht umgab. Hinter großen schwarzgerahmten Brillengläsern blitzten dunkle Augen. Aber das war kein Gefangener, der bei uns stand, vielmehr ein Mann, der Audienz gab und sich dessen bewußt war... Da wartete ein bekannter Professor, der sich für die russische Agrarfrage interessierte. Maximilian Harden war da, der gefürchtete Leitartikler der >Zukunft<, dann ein englischer Journalist, klug und skeptisch, dort einige Herren mit kommerziellen Plänen und im Hintergrund hochgewachsen, das Gesicht beherrscht, ein Mann, der den hohen Offizier nicht verleugnen konnte. Weiter ein Verbindungsmann zur KPD-Zentrale und zuletzt eine elegante Dame in einem Wölkchen Parfürm.« Der wohl prominenteste Besucher in Radeks Salon ist Walther Rathenau. »Ein Bein über das andere geschlagen«, so berichtet Radek, »bat er um die Erlaubnis, seine Auffassung über die Weltlage darzulegen. Er sprach über eine Stunde und lauschte dem Klang seiner Stimme. ›Lesen Sie meine Bücher‹, rief Rathenau unter anderem, ›Marx schuf nur die Theorie der Zerstörung. In meinen Büchern finden Sie die Theorie des konstruktiven Sozialismus. Es ist der erste wissenschaftliche Schritt, der nach Marx getan wurde.‹ « Rathenaus Besuch ist als der erste tastende Versuch deutscher Wirtschaftsführer zu werten, mit der Sowjetunion ins Geschäft zu kommen.

Als Karl Radek Ende Januar 1920 nach Moskau zurückkehrt, hat er sich die nötigen Kenntnisse über Personen, Verhältnisse und Strömungen in Deutschland angeeignet, um den Sowjets als Deutschlandsachverständiger dienen zu können. Schon im Dezember 1920 ist er wieder in Deutschland, um an dem Parteitag der KPD teilzunehmen, auf dem der linke Flügel der USPD unter Ernst Däumig sich den Kommunisten anschließt, die nun mit ca. 350000 Mitgliedern die erste Massenpartei des Kommunismus außerhalb Rußlands sind. Radek füngiert als Offizieller Vertreter der Exekutive der Komintern (Abkürzung für die III. Internationale). Später spielt er bei der Ausschaltung von Paul Levi aus der Führung der KPD und aus der Partei eine entscheidende Rolle.

Wieder in der Sowjetunion verliert Radek als Anhänger Trotzkis 1924 seine Mitgliedschaft im Zentralkomitee. 1927 wird er aus der Partei ausgeschlossen und in den Ural verbannt, jedoch nach Unterwerfung unter die Linie Stalins 1931 wieder aufgenommen. Es ist zwischen 1931 und 1937 außenpolitischer Redakteur der »Iswestija« und arbeitet die Verfassung von 1936 aus. Im Rahmen der »Großen Säuberung« wird er erneut verhaftet und wegen Sabotage und Kontakten zu Trotzki angeklagt. Das Urteil wird am 30. Januar 1937 verkündet, während es für die meisten seiner Mitangeklagten ein Todesurteil ist, kommt er mit zehn Jahren Gefängnis davon. Ein Anzeichen dafür, daß er während des Prozesses unter Umständen mit Stalins Ankläger zusammengearbeitet hat. Er wird in die Arktis geschickt und 1939 in einem Arbeitslager angeblich von einem kriminellen Sträfling ermordet. - Frederick Hetmann, Rosa L. - Die Geschichte der Rosa Luxemburg und ihrer Zeit. Frankfurt am Main 1979

Revolutionär (13)  Seine Eleganz ist weltberühmt, er liebt kühne Farbenzusammenstellungen, besonders die Westen sind in ihrer abwechslungsreichen Musterung recht gewagt. Seine Halsbinde ist immer blütenweiß, und sobald sie auch nur ein bißchen zerknittert ist, wird sie gewechselt. Obwohl die Spitzenmanschetten mehr und mehr aus der Mode kommen, trägt er sie fast täglich, und die Bewegung, mit der er die Spitzen, die ihm über die Hände fallen, zurückwirft, ist oft die einzige Unterbrechung seiner Starrheit beim Reden. Den Hut trägt er nach alter Sitte am liebsten unter dem Arm, schon um die Frisur nicht zu zerstören, die jeden Morgen in zwei Seitenrollen gelegt und schneeweiß gepudert wird, während der kurze Zopf fest in schwarzes Seidenband eingerollt wird. An seine Brille scheint er sich geradezu zu klammern, manchmal trägt er zwei, eine grüne, die seine Augen schützen soll, und eine, die er zum Lesen braucht. Wenn er den Blick vom Manuskript abwendet, schiebt er die Brille gern auf die Stirn bis ans Haar zurück. Noch lieber verbirgt er seinen Blick hinter den grünen Gläsern. Tut er dies aus Schüchternheit oder um seine Umgebung über seinen Gesichtsausdruck im unklaren zu lassen? Tatsache ist, daß er empfindliche Augen hat, die sich leicht entzünden und manchmal sogar blutunterlaufen sind. Aber Tatsache ist auch, daß sein Blick Furcht einflößt, verberge er sich nun hinter den unergründlichen Gläsern oder ruhe er starr und hart auf dem anderen. Besonders im Konvent weichen die Leute seinem Blick gern aus, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß dort die meisten Leute ein schlechtes Gewissen haben. - Friedrich Sieburg, Robespierre. München 1965 (zuerst 1935)

Revolutionär (14)  Ich fühle das Zeug in nur, mit dem Jahrhundert fertig zu werden. Gefährte des Ruhms und der Freiheit, predigen Sie in Ihren Sektionen; die Gefahr möge Sie entflammen. Suchen Sie Desmoulins auf, umarmen Sie ihn für mich und sagen Sie ihm, daß er mich niemals wiedersehen wird, daß ich seinen Patriotismus schätze, aber daß ich ihn selbst verachte, weil ich ihm ins Herz geschaut habe und weil er Angst hat, ich könnte ihn verraten. Sagen Sie ihm, daß er die gute Sache nicht im Stich lassen soll, und legen Sie es ihm ans Herz, denn er hat noch keineswegs die Kühnheit einer großherzigen Tugend! Adieu! Ich stehe über dem Unglück. Ich werde alles ertragen, aber ich werde die Wahrheit sagen. Ihr seid alle Feiglinge, daß Ihr mich nicht gewürdigt habt. Mein Ruhm wird sich trotzdem erheben und wird Euch vielleicht verdunkeln. Infame Gesellen, die Ihr seid, ich bin ein Spitzbube, ein Verbrecher, weil ich Euch kein Geld geben kann. Reißt mir das Herz aus und freßt es, dann werdet Ihr, was Ihr nicht seid: groß. - Saint-Just, nach: Friedrich Sieburg, Robespierre. München 1965 (zuerst 1935)

Revolutionär (15)  Die Revolution bot ihm endlich Gelegenheit, sich hervorzutun, aber auch da machte er sich mit seinen fast dämonischen Haß- und Rachegefühlen Feinde. Er war ein Einzelgänger, vielfach geringgeschätzt und verfolgt, kein Mitglied einer Fraktion oder Partei, und ein Menschenverächter. Er war klein und häßlich gebaut und zudem durch eine schilfernde Hautkrankheit, vermutlich Psoriasis oder Herpes in fortgeschrittenem Stadium, verunstaltet. Grob im Umgangston und schlecht gekleidet, flößte er eher Furcht als Ehrfurcht ein. Er lebte verborgen in dem Gewirr mittelalterlicher Straßen und Gassen des alten Paris inmitten anderer Revolutionäre, häufig auf der Flucht und für seine Gegner schwer greifbar, von einer treuen Freundin, Simone Evrard, versorgt, die ihm Obdach und Unterschlupf gewährte und ihn versorgte, ohne seine politischen Ambitionen zu teilen. Marats Todesschrei galt Simone.  - A. J. Dunning, Extreme. Betrachtungen zum menschlichen Verhalten. Frankfurt am Main 1992

Revolutionär (16)  Der Reichstag war streng bewacht und niemand durfte herein oder hinausgehen. Der Soldat, der die Eingangstür bewachte, wollte mich nicht hinauslassen, obwohl ich heftig auf ihn einredete.

»Befehl ist Befehl« sagte er eigensinnig.

»Von wem haben Sie denn den Befehl?« fragte ich.

»Von jemand« sagte er und sah mich böse an.

»Seien Sie nicht dumm« sagte ich »und nehmen Sie dies. .«

Ich drückte ihm eine Zwanzigmarknote in die Hand.

»Ich nehme keinen Kunsthonig« sagte der Soldat. »Es macht einem Magenkrebs, wenn man es lange ißt. .«

»Wie lange haben Sie es gegessen?« fragte ich.

Der Mann drehte die Zwanzigmarknote in seiner Hand.

»Vier Jahre« sagte er »aber es schien mir wie zwanzig. Es ist mir, als hätte ich mein Leben lang nichts getan als Menschen umgebracht. .«

Dann standen wir auf der Straße, ich roch die gute Luft des Tiergartens und kam zu der Überzeugung, daß meine Beteiligung an dieser Revolution zu einem Ende gekommen war. - Richard Huelsenbeck, Reise bis ans Ende der Freiheit. Autobiographische Fragmente. Heidelberg 1984

Revolutionär (17)  Ich habe die Dorfschule besucht und war ein halbes Jahr auf der Landwirtschaftsschule. Mit vierzehn Jahren fing ich an, mich herumzutreiben. Ich war fünf Jahre Setzer, Matrose, Clown und Fakir, der »Derwisch-Ben-Ali-Bey« (ich schluckte Säbel, durchstach mich mit Nadeln, sprang zwischen Messern und brennenden Fackeln durch und zeigte allerlei andere Tricks). Ich zog mit einer Drehorgel durch Tomsk, trat in Schaubuden als Schauspieler auf, war Coupletsänger in einem Zirkus und sogar Ringer.

Seit 1917 nahm ich an der Revolution teil. Nach der Einnahme von Omsk durch die Tschechen (ich war damals in der Roten Garde), als meine Kameraden erschossen und aufgehängt wurden, floh ich in die Hungersteppe und nach dem Tod meines Vaters (die Kosaken in unserem Dorf glaubten, ich hätte ihn ermordet — mein Vater war Monarchist —, und wollten mich lynchen) weiter nach Semipalatinsk und in die Mongolei.

Damals wurde ich tüchtig gejagt, weil ich an kommunistischen Verschwörungen teilgenommen hatte. So durchstreifte ich das ganze von Kolcak besetzte Gebiet, vom Ural bis nach Tschita, dann wurde ich schließlich eingezogen und als Setzer zu einer Felddruckerei kommandiert.  - Wsewolod Iwanow, Anhang zu: W. I., Die Rückkehr des Buddha. Nördlingen 1989 (Die Andere Bibliothek 49, zuerst ca. 1930)

Revolutionär (18)  »Es ist höchste Zeit für einen Aufstand, wenn kleine Mädchen schon denken, sie könnten singen, und junge Männer denken, sie könnten regieren.«

»Naja, die Jahreszeit ist halt trostlos. Der Herbst steht vor der Tür.«

»Der Herbst«, versetzte Pilaat und fuchtelte mit dem Arm, »ist die Jahreszeit der Zerstörung - doch wir sind schwache, erbärmliche Kreaturen, und wir überlassen es völlig der Natur, den ganzen Schauplatz einzureißen, wie wir es ihr überlassen, im nächsten Jahr denselben Schauplatz wieder aufzubauen und im Jahr darauf wieder und so weiter für endlose und unerschöpfliche und ermüdende Jahre.«

»Ja, und?«

»Ich würde die Szene besser einreißen als irgendjemand sonst«, sagte er, obwohl er danach gar nicht gefragt worden war, »besser als alle anderen würde ich den ganzen bestehenden Plan der Natur in Stücke reißen. Wie sie beben, wie sie flehen würde! Doch ich würde keine Gnade kennen. Nein, nicht einmal dann, wenn sie auf die Knie fiele und zu meinen Füßen weinen und sie mit ihren unausstehlichen Tränen bedecken würde. Ich würde sie ermuntern, Selbstmord zu begehen. Ich würde mich lustig machen über die Flecken auf ihren Wangen. Den Dreck unter den flehend gebeugten Knien würde ich preisen. Laut lachen würde ich und sie bei diesen gräßlichen, breiten Schultern schütteln, die sie hat, und würde ihr ins Gesicht schreien: ›Nun stirb schon, stirb! Uns schert das nicht. Reiß dir die Blättchen aus dem Herzen. Wir wollen uns ein Bett daraus machen. Weine - wir brauchen etwas zu trinken. Zerstör dich, denn wir brauchen eine Harfe, um das Lied der Freiheit darauf erklingen lassen zu können.‹« Er war halbtrunken von seiner Raserei und stand auf.

»›Hör zu‹, würde ich zu ihr sagen, ›wir haben dich satt. Ich, Pilaat, habe dich satt, und sie, mein kleines Mädchen, hat dich satt, und Maria hat dich satt. Wir alle haben deine Spontaneität satt und deine Ausdauer und deine Pünktlichkeit. Wir wollen dich tot und halb vermodert sehen. Was wir dann tun werden? Wir werden dir unsere Füße ins Herz stampfen, weil sie kalt sind, und unsere Hände werden wir an deinen Handflächen wärmen. Und wir werden einander die Hände schütteln angesichts deines Todes und sagen: Endlich hast du mehr vollbracht als Jahreszeiten und Schönheit, du hast die Zerstörung geschaffen. Wir können nicht länger morgens aufstehen und sagen: ›Sieh an, die Sonne ist aufgegangen. Wir werden unsere Kinder nicht mehr zur Schule schicken, damit sie Mathematik lernen. Nie wieder wird man uns auch nur einen Augenblick lang als ein Ergebnis deiner Launen mit dir in Verbindung bringen. Wir haben die Freiheit gewonnen - so.‹« Er schnippste mit den Fingern, vollführte eine Pirouette auf dem Absatz, setzte sich, und erörterte nun die Durchführbarkeit der Zerstörung im großen Stil.  - Djuna Barnes, Die Terroristen. In: D.B., Die Nacht in den Wäldern. Short Stories. Berlin 1982 (Quartheft 133)

Revolutionär (19)

Revolutionär (20)   Guzman kommt zu Pancho Villa, der sich zornig und besorgt über den Telegrafen beugt und auf Nachrichten über die Kämpfe wartet, in die seine Männer verwickelt sind. Der Telegraf beginnt zu ticken: die Schlacht ist gewonnen, es gibt so viele Tote, so viele Verwundete und so viele Gefangene. »Was soll ich mit den Gefangenen machen?« fragt der Kommandant der Einheit. Die Frage ärgert Villa. »Was soll das heißen? Was Sie mit ihnen machen sollen? Erschießen natürlich!« Und er wendet sich an Guzman und einen gewissen Llorente, der Guzman begleitete: »Was meinen Sie dazu, meine Herren Doktoren? Er fragt mich, was er mit den Gefangenen machen soll!« Nachdem er den Erschießungsbefehl hat durchgeben lassen, fragt er noch einmal: »Was meinen Sie dazu?« Totenbleich, aber bestimmt antwortet Llorente: »Wenn ich ehrlich sein soll, Herr General, ich finde diesen Befehl nicht richtig.«

Guzman schloß die Augen, denn er erwartete, daß Villa die Pistole ziehen und diesen Affront bestrafen würde. Doch nach einigen Augenblicken des Schweigens fragte Villa ganz ruhig: »Warum?« Darauf erklärte ihm Guzman: »Wer sich ergibt, Herr General, schont dadurch das Leben eines oder mehrerer anderer, denn er verzichtet darauf, tötend zu sterben. Deshalb darf derjenige, der diese Kapitulation annimmt, kein Todesurteil fällen.« Villa starrte ihn an, dann sprang er auf, diktierte dem Telegrafisten beinahe schreiend den Gegenbefehl und verlangte vom Empfänger eine unverzügliche Antwort. Sie traf zwanzig Minuten später ein, zwanzig Minuten, die Villa in gespanntester Erwartung verbrachte. Als er erfuhr, die Gefangenen seien gerettet, »griff er nach seinem Taschentuch und wischte sich den Schweiß von der Stirn«. Später beim Abendessen sagte er zu Guzman und Llorente: »Und vielen Dank, Freunde, vielen Dank für heute morgen, für diese Sache mit den Gefangenen .,.«  - Martin Luis Guzman, Adler und Schlange. Nach (scia)

Revolutionär (21)   Der wichtigste Grund seines Aufenthalts in Florenz war die Organisation der venezolanischen Kolonie, die sich hauptsächlich auf den nordöstlichen Teil der Stadt - auf die Gegend um die Via Cavour - konzentrierte. Es waren nur ein paar hundert: sie halfen sich gegenseitig und arbeiteten entweder in der Tabakmanufaktur oder auf dem Mercato Centrale, manche auch als Kantinenwirte beim IV. Armeekorps, dessen Unterkünfte in der Nähe lagen. Innerhalb von zwei Monaten hatte der Gaucho ihnen Dienstränge und Uniformen gegeben, sie alle nannten sich fortan Figli diMachia-velli. Nicht daß sie besonders stolz über diese Autorität gewesen wären, auch waren sie, politisch gesprochen, weder ausgesprochen liberal oder nationalistisch; der Grund lag nur darin, daß ihnen von Zeit zu Zeit ein schöner Aufstand Spaß machte, und wenn martialische Organisation und Machiavellis schützende Hand die Sache beschleunigten, um so besser. Der Gaucho hatte ihnen einen Aufstand für die nächsten beiden Monate versprochen, doch war die Zeit nicht günstig: in Caracas war alles ruhig, sieht man von kleineren Geplänkeln im Urwald ab. Er wartete auf einen größeren Zwischenfall, ein Stimulans, auf das er in donnerndem Wechselgesang über den Atlantik hinweg antworten könnte. Schließlich waren seit der Beilegung des Grenzkonflikts mit Britisch-Guayana, über den sich fast Amerika und England in die Haare geraten wären, erst zwei Jahre vergangen. Seine Agenten in Caracas ermutigten ihn: die Lunten brannten, Schmiergelder flossen, Truppen wurden bewaffnet - es war nur noch eine Frage der Zeit. Doch offensichtlich war irgend etwas schiefgelaufen; warum sonst hätte man ihn festgenommen. - (v)

Revolution Machtmittel 
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