errat   Soll man ein Versprechen halten? Soll man ein Versprechen geben? Wo etwas versprochen werden muß, herrscht keine Ordnung. Also soll man diese Ordnung herstellen. Der Mensch kann nichts versprechen. Was verspricht der Arm dem Kopf? Daß er ein Arm bleibt und kein Fuß wird. Denn alle sieben Jahre ist er ein anderer Arm. Wenn einer den andern verrät, hat er denselben verraten, dem er versprochen hat? Solang einer, dem etwas versprochen ist, in immer andere Verhältnisse kommt und sich also immer ändert nach den Verhältnissen und ein anderer wird, wie soll ihm gehalten werden, was einem andern versprochen war? Der Denkende verrät. Der Denkende verspricht nichts, als daß er ein Denkender bleibt. - (keu)

Verrat (2) Die Einstellung der einzelnen Völker zum Verrat ist verschieden, und entsprechend auch ihre Gesetzgebung und Rechtspraxis. In England gilt der Verrat als das schlimmste aller Verbrechen, in Frankreich dagegen der Vatermord. In Frankreich wird das Amtsvergehen des Präsidenten der Republik als ‹Crime de haute Trahison› bezeichnet. In England existiert der Beigriff des ‹High Treason› seit 1351. Hochverrat wird dort von dem begangen, der dem König, seinen Familienmitgliedern oder Ratgebern nach dem Leben trachtet, und von dem, der gegen den König Krieg führt oder des Königs Feinde unterstützt. Bis 1832 fielen darunter auch Münzvergehen sowie Mord an Lehrherren und Ehemännern.  - (bov)

Verrat (3)   Als er seine Leute fortgeschickt hatte, damit sie die Nebengebäude durchsuchten, küßte er Madame Haudouin auf den Mund und drängte sie ins Schlafzimmer hinein. Sie war bereits ganz verwirrt von diesem jugendlich feurigen Kuß, den zu erhoffen ihr Alter und auch Wohlanständigkeit untersagten, aber die Angst, die sie beim Gedanken, ihr Sohn sei im gleichen Zimmer, befiel, vergällte ihr jeden Genuß an diesem ersten Kitzel. Sie schloß die Augen, als sie sich aufs Bett hinlegte, schlug sie dann aber wieder auf, als sie merkte, wie ungeschickt sich der Soldat anstellte. Die Zeit drängte, denn sie konnten überrascht werden. Sie wollte ihm helfen, doch hatte sie in ihrem ganzen Eheleben nur recht wenig nutzbringende Erfahrung erworben. Es ließ sich an wie eine Neuentdeckung, die sie gemeinsam und einhellig anstrebten, und dann und wann lächelten sie einander zu und baten sich ihre gegenseitigen Ungeschicklichkeiten ab. Ohne es eigentlich zu wollen, stillte Madame Haudouin eine Neugier, die ihres Gatten eigennützige nächtliche Vergnügungen bisher unbefriedigt gelassen hatten. Nachdem sie den Soldaten auf den rechten Weg geleitet und am gottgewollten Ort untergebracht hatte, spürte sie in ihrem schlummernden Fleisch ein verheißungsvolles, süßes, sehnendes Prickeln. Noch war sie befangen und wie gelähmt, das schlechte Gewissen plagte sie, doch als ihr Peiniger Anstalten machte, sich wegzuheben, hielt sie ihn unwillkürlich heftig umfaßt und zog sein Gesicht zu dem ihren herab. Als sie ihn dann, voll Scham über ihr Gewährenlassen, von sich stoßen wollte, umfing sie der liebeshungrige Bayer ein zweites Mal. Diesmal verklärte ein dankbares und mitschuldbewußtes Lächeln ihr Gesicht; ihren trägen, vom Alter abgestumpften Leib durchzuckte ein jähes, fast schmerzhaftes Wollustgefühl, und sie erstickte mit Müh und Not einen langgezogenen Schrei, mit dem sich ihr Staunen und ihre Überwältigung Luft machen wollte. Der Bayer fuhr plötzlich auf und stieg vom Bett herunter; offenbar hatte er Angst, er habe sich zu lange versäumt. Während er seine Uniform wieder zuknöpfte und in Ordnung brachte, reichte er seinem Opfer die Hand und wollte der Frau beim Aufstehen behilflich sein. Da sah der junge Soldat erst, daß sie eine ältliche Frau war und daß er um einer alten Brust willen Verrat geübt hatte. Ein wehes Lächeln trat auf seine Lippen beim Gedanken, er werde nun ohne jedes stolze Hochgefühl in den Tod gehen müssen. - Marcel Aymé, Die grüne Stute. Reinbek bei Hamburg 1964 (rororo 402, zuerst 1932)

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