erstand  Meine Freude war nur kurz: Und ich verlor ihn so ungern, diesen Sohn! denn er hatte so viel Verstand! so viel Verstand! — Glauben Sie nicht, daß die wenigen Stunden meiner Vaterschaft mich schon zu einem Affen von Vater gemacht haben! Ich weiß, was ich sage. — War es nicht Verstand, daß man ihn mit eisern Zangen auf die Welt ziehen mußte? daß er so bald Unrat merkte? — War es nicht Verstand, daß er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon zu machen? — Freilich zerrt mir der kleine Ruschelkopf auch die Mutter mit fort! — Denn noch ist wenig Hoffnung, daß ich sie behalten werde. — Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen! Aber es ist mir schlecht bekommen. - Lessing

Verstand (2) Das Skrupulöse und Mikroskopische der Neigungen gehört zu den ersten Anzeichen, durch die sich die Schädigung der natürlichen Gesundheit verrät. Unser sinnliches Werkzeug ist auf eine gewisse handliche Art gestimmt, mit Dingen und Menschen umzugehen. Wenn wir in Ordnung sind, muß unser Genuß lebhaft sein, der Zugriff entschieden und der Appetit nicht allzu wählerisch. So müssen uns gemeinhin am menschlichen Gesicht die Poren der Haut unsichtbar sein.

Im Zustande der Schwächung dagegen tritt der Gesamteindruck zurück, und die Einzelheiten drängen sich auf. Der geistige und körperliche Ekel wird wachsamer, und die Sinne werden durch eine unangemessene Verfeinerung geschärft. Die Geräusche, Gerüche und Farben greifen leichter an, die Speisen bereiten Überdruß. Vor allem wird dem Gaumen das Fleisch zuwider, ebenso der Tabak und die starken Getränke; dieser Widerwille erstreckt sich auch bald auf den Umgang mit denen, die sich an solchen Genüssen erfreuen. Es entwickelt sich die Unduldsamkeit der Enthaltsamen.

Der Verstand zeigt sich zu Bedenklichkeiten, zu Zweifeln und Haarspaltereien geneigt. Das Hintergründige, das Doppel- und Vielsinnige der Sprache tritt stärker hervor. Die Zusammenhänge dagegen treten zurück; der Geist faßt weniger die Sätze und Gefüge als die einzelnen Worte auf. Hieraus leitet sich eine punktförmige und vertrackte Art des Widerspruches ab, die den Gang der Unternehmungen stört. Beim Schreiben entwickelt sich eine Art von übertriebener Reinlichkeit, der Gedanke strebt die immer feinere Fassung an, der grammatische Zweifel beginnt den freien Fluß der Ideen zu hemmen und steigert sich bis zur subtilen Spielerei. So entsteht ein gefilterter Stil, der zuweilen durch seine unfruchtbare Schönheit und künstliche Gesundheit verblüfft, eine Prosa für Vegetarier. Dem entspricht ein leerer Klassizismus in der bildenden Kunst.

In diesem Zusammenhang gehört ferner eine Art der Empfindsamkeit, die auch die moralischen Züge wie durch ein Vergrößerungsglas zu erblicken vermag — die kränkliche Scharfsichtigkeit dessen, der sich den Appetit am Menschen verdorben hat. Dann treten in den Gesichtern die geheimen Mißverhältnisse hervor, das Lachen wird unangenehm, der Ton der Stimme verrät unverhüllter die Winkelzüge und Absichten, in denen sich der Sprechende bewegt. Diese Feinfühligkeit erstreckt sich leicht auch auf die spiegelbildliche Beobachtung, so beim Beicht-Skrupulanten, einem Typus, der auch in den protestantischen Ländern nicht fehlt.

Der Gattung der Skrupulanten, welche die Dinge mit den feinsten Gewichten wägt, entspricht eine andere, die nur mit Bergeslasten hantiert, und die man als die Posaunisten bezeichnen kann. Diese zweite Sorte ist fast bedenklicher, denn während das Staubkorn doch noch ein winziges Stückchen Erde umfaßt, herrscht hier das völlig Ungewisse Element der Luft. Die Dinge nehmen einen windigen und verblasenen, einen schiefen und aufgetriebenen Charakter an. Sie schwanken wie die Wetterfahnen im Sturm der Launen und Ansichten.

Während man die Skrupulanten zum Pessimismus geneigt finden wird, herrscht bei den Posaunisten der Optimismus vor. Die einen haben etwas Seßhaftes, Eingezogenes, die anderen etwas Bewegtes und Unstetes. Dort bohrt sich der Geist uhrmacherartig in immer feinere Gehäuse ein, hier bläst er mit kräftigen Stößen eine Reihe von wechselnden Gebilden auf. Dort sieht man den konzentrisch, hier den exzentrisch arbeitenden Geist. Der eine kapselt sich gern in sektenhafte Zusammenhänge ein, der andere liebt die große Versammlung und den offenen Markt. Wenn man einen Posaunisten im Lauf der Jahre verfolgt, könnte man einen Katalog seiner Neigungen anlegen — als Philosoph etwa bläst er sich durch sämtliche Systeme hindurch.

Als Besucher hört man den Posaunisten schon unten im Flur; er tritt lebhaft herein und packt das Gespräch sogleich beim Schöpf. Wenn er Widerspruch findet, macht er sich unter Grobheiten davon. Sein Groll hält jedoch nicht lange an; es ist dies ein Schauspiel, das sich alle halben Jahre wiederholt. Vielleicht enthüllten jene Ansichten, für die er sich das letztemal ereiferte, inzwischen sich bereits in ihrer vollen Windigkeit. Vergeblich wäre es indes, ihn darauf hinzuweisen, denn es fehlt ihm die geistige Scham, und damit die durchgehende Verantwortung.

Der Skrupulant dagegen schleicht sich leise ein, möglichst zur Stunde der Dämmerung. Oft fühlt man sich zunächst überrascht durch eine so feine und besondere Art, die Dinge zu sehen. Bald aber kommt gleich dem Pferdehuf die Mißbildung hervor; er setzt voraus, daß wir irgendeiner Ungereimtheit zustimmen. Findet er uns unzugänglich, so verabschiedet er sich mit spitzen Wendungen und läßt sich nicht wieder sehen. Dafür hört man von ihm und den Seinen, denn oft verfügen solche Geister über sektenbildende Kraft.

Solcher Art sind die beiden Abweichungen, mit denen man hauptsächlich in Berührung kommt. Sie gleichen den Konkav- und den Konvexspiegeln, von denen jeder das Bild in einem anderen Sinne verzerrt. Manchmal möchte es scheinen, als ob nichts seltener wäre als der gesunde, handfeste Verstand. Dafür aber ist er es allein, der die Dinge ins Lot zu bringen weiß. Nicht die unzähligen Schläge, die danebengehen, treiben den Nagel ein, sondern der eine, der trifft. - (ej2)

Verstand (3) "Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben" - dieser Ausspruch ist in doppelter Hinsicht unrichtig, am unrichtigsten aber, soweit er sich auf den Verstand der Schlangen bezieht; denn dieser ist so überaus gering, daß sich außer dem im allgemeinen bereits mitgeteilten kaum noch etwas besonderes hierüber sagen läßt. Wahrscheinlich tut man den Schlangen nicht Unrecht, wenn man annimmt, daß sie unter den tiefstehenden Kriechtieren die am tiefsten stehenden sind. Bei ihrer Jagd legen sie eine gewisse List an den Tag, und Feinden gegenüber benehmen sie sich ebenfalls zuweilen scheinbar verständig, gegen ihre Pfleger einigermaßen zutunlich; unter keinen Umständen aber zeigen sie ein höheres Maß von Verstand als andere Kriechtiere: sie sind nicht bloß stumpfsinnig, sondern, wie bemerkt, auch stumpfgeistig. - (brehm)

Verstand (4) Die Vorsichtsmaßregeln, die gegen Diebe getroffen werden, welche Truhen öffnen, Ranzen durchsuchen oder Geldladen plündern, bestehen darin, daß die Truhen, Ranzen, Laden mit Stricken umwunden, mit Riegeln und Schlössern versichert werden. Dies ist, was die Welt Verstand nennt.

Aber ein starker Dieb kommt, der trägt die Truhe auf seinen Schultern davon, und Ranzen und Lade obendrein. Und seine einzige Furcht ist, die Stricke und die Riegel könnten nicht stark genug sein!

Somit läuft das, was die Welt Verstand nennt, einfach auf den Beistand hinaus, der dem starken Diebe geleistet wird.

Und ich wage zu erklären, daß nichts von dem, was die Welt Verstand nennt, anderes kann, als den großen Dieben dienstbar zu sein, und daß nichts von dem, was die Welt Weisheit nennt, anderes meint, als die großen Diebe zu beschützen. - (tschu)

Der Alte, der unten neben der Fuhre schritt, erwies sich als lange nicht so streng und ernst, wie sein Gesicht dies zu bekunden schien. Da er einmal das Gespräch begonnen, gab er es nicht mehr auf.

»Wohin fährst du?« fragte er und stampfte mit den Füßen. »Zur Schule, lernen«, entgegnetc Jegoruschka, »Lernen; Aha ... Na, so möge dir die himmlische Königin beistehen! So ist das. Ein Verstand ist gut, zwei sind besser. Dein einen Menschen gibt Gott einen Verstand, dem anderen zwei und einem dritten drei ... Und einem dritten drei, das stimmt... Der eine Verstand, das ist der, mit dem die Mutter einen zur Welt gebracht hat, der andere kommt vom Lernen, der dritte aber vom wackeren Leben. Und somit, Brüderlein, ist es nur recht, wenn wer drei Verstände besitzt. Denn der hat's nicht nur leichter zu leben, dem fällt's auch leichter zu sterben. Zu sterben... Denn warum, sterben müssen wir alle.« Der Alte kratzte sich die Stirn, hierauf blickte er mit seinen roten Augen zu Jegoruschka auf.   - Anton Tschechow, Die Steppe. Nach (tsch)

Verstand (5)

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