tille  Hat der Mensch die Stille hergestellt, so wird er sein eignes Leben betrachten als ein ganz Fremdes, Er soll in jedem Augenblick, in dem er die Stille gewonnen hat, sich als Toten sehen, der er auch ist, und über sich urteilen. Das Wertlose aus seinem Leben muß er fortwerfen. Das wenige, was ihm erhaltbar scheint, soll er hinausnehmen aus dem Ganzen. So verzehrt er zuerst seine letzte Erscheinung. Ein Mensch, der nicht Hunger hat auf den Tod und das nächste Leben, ist nichts. Der eigne Körper muß verzehrt werden. Auch das eigne gewesene psychische Leben muß man verzehren. Damit beginnt das Leben. Man muß gewiß sein, daß viel von dem, den man so vernichtet hat, am nächsten Tag nicht mehr vorhanden ist. Im Urteil, in den Plänen, im Tun ist ein solcher Mensch anders am andren Tage, als ihn irgend jemand erwartet hat.

Immer wieder gewinnt ein Mensch einen Augenblick Stille um sich, und er sieht einen seiner Gegner vor sich aufstehen. Er sieht ihn an als einen Toten. Wenn er selbst ein andrer wird, kann auch sein Gegner nicht derselbe bleiben. Als einen Fremden betrachtet er seinen toten Gegner, seinen bösen Widersacher, und versucht, dieses abgeschlossene Leben so zu führen, wie es ihm nur möglich ist. Die Sekunden sollen ihm zu Jahren werden. Da wird auch das Ich, das der Stille gestern von sich sterben ließ, ihm in der Gestalt des neuen Seins entgegenprallen, und sie kommen vor ihn beide, die gut Bekannten vor den unbekannten Richter. So hält der Stille zwei Leben vor sich und weiß nicht, in welchem von beiden er das Recht findet. Beide sind tot für ihn, und er versucht, aus ihrem Kampf das, was im wachsenden Leben stand, von dem zu scheiden, was aus alten Tierheiten aus dem alten Unveränderbaren kam. In einem dritten Augenblick der Stille wird ihm wieder ein andrer begegnen, und so hat er die kommenden Zeiten voller Begegnungen vor sich. Sie alle werden, wie er selbst, tot sein: Gewesene. Er wird nicht mehr verschweigen, wie er und jeder geflohen sind zum Trunk und sich an ihren engen Besitz gehalten haben, wie sie vorübergingen an einer ungeheuren weiten Welt, in der sie alles hätten mein nennen dürfen (wenn es auch keinen Sinn hatte), aber sie gingen an allen Vielheiten vorüber und suchen nun den Weg ins Freie.

Und wieder in der Stille wird sich so einer ein neues Leben bauen, nur um Erloschenes verlassen zu können. Bescheiden baut er. Nicht das Unmögliche suchend, sondern das Leichte, denn er wünscht mehr Stille als bisher zu schaffen. - Ernst Fuhrmann, Was die Erde will. Eine Biosophie. München 1986 (Matthes & Seitz, debatte 9, zuerst 1930)

Stille (2)  Es war noch nicht sehr spät, aber ich war aus Müdigkeit schon zu Bett gegangen; ich hielt es für wahrscheinlich, daß ich schlafen würde. Da fuhr ich auf, als hätte man mich berührt. Gleich darauf brach es los. Es sprang und rollte und rannte irgendwo an und schwankte und klappte. Das Stampfen war fürchterlich. Dazwischen klopfte man unten, einen Stock tiefer, deutlich und böse gegen die Decke. Auch der neue Mieter war natürlich gestört. Jetzt: das mußte seine Türe sein. Ich war so wach, daß ich seine Türe zu hören meinte, obwohl er erstaunlich vorsichtig damit umging. Es kam mir vor, als nähere er sich. Sicher wollte er wissen, in welchem Zimmer es sei. Was mich befremdete, war seine wirklich übertriebene Rücksicht. Er hatte doch eben bemerken können, daß es auf Ruhe nicht ankam in diesem Hause. Warum in aller Welt unterdrückte er seinen Schritt? Eine Weile glaubte ich ihn an meiner Tür; und dann vernahm ich, darüber war kein Zweifel, daß er nebenan eintrat. Er trat ohne weiters nebenan ein.

Und nun (ja, wie soll ich das beschreiben?), nun wurde es still. Still, wie wenn ein Schmerz aufhört. Eine eigentümlich fühlbare, prickelnde Stille, als ob eine Wunde heilte. Ich hätte sofort schlafen können; ich hätte Atem holen können und einschlafen. Nur mein Erstaunen hielt mich wach. Jemand sprach nebenan, aber auch das gehörte mit in die Stille. Das muß man erlebt haben, wie diese Stille war, wiedergeben läßt es sich nicht. Auch draußen war alles wie ausgeglichen. Ich saß auf, ich horchte, es war wie auf dem Lande. Lieber Gott, dachte ich, seine Mutter ist da. Sie saß neben dem Licht, sie redete ihm zu, vielleicht hatte er den Kopf ein wenig gegen ihre Schulter gelegt. Gleich würde sie ihn zu Bett bringen. Nun begriff ich das leise Gehen draußen auf dem Gang. Ach, daß es das gab. So ein Wesen, vor dem die Türen ganz anders nachgeben als vor uns. Ja, nun konnten wir schlafen. - Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Fankfurt am Main 2000 (it 2691, zuerst 1910)

Stille (3) Manchmal, wenn die Leute, auch hierzulande, in den Gastgärten an den Tischen sitzen und es zwischendurch still wird und nur noch ein Vor-sich-Hinschauen jedes einzelnen stattfindet (es ist ganz und gar nicht jene »Totenstille beim Heurigen« Horvàths), denke ich: die Menschen sind durch und durch sanft, erschütternd sanft, und vor allem: ganz und gar, endlich wieder, unverständlich, weder filmisch noch literarisch belangbar. - Ja, taste mit dem, was du aufschreibst, niemanden an, greife in niemanden ein, halte aber die Sätze für jedermann offen, allen zugänglich.  So wäre das Schreiben das pure, unbefleckte Handeln, und doch ein Handeln: es soll die Leute unantastbar machen, unantastbar erhalten - (bleist)

Stille (4) »Treibe das Leersein bis zum Äußersten / und bewahre die Stille unerschütterlich: die abertausend Geschöpfe ringsum entfalten sich, / und ich schaue also ihre Wiederkehr«: Geradeso war es heute früh mit den fallenden Blättern des Nußbaums, den Schwunglinien der Vögel in der Luft, ihrem Schaukeln in den Weinranken, dem Laub als Gehänge in der Morgensonne, den dazugehörigen hockenden Katzen auf dem Erdboden und mir, der den Kopf ins Morgengrün hob. »Stille, das ist die Rückkehr der Bestimmung; die Rückkehr der Bestimmung nennt man das Beständige, das Wissen vom Beständigen nennt man Erleuchtung« - (bleist)

Stille (5) Leben heißt Bewegung erleiden und Bewegung machen. Die Bewegung tritt jedoch nur zum Teil als räumliche Veränderung in Erscheinung. Ein viel größerer Teil der Bewegung, die wir erleiden, geht ohne jede Standortveränderung vor sich. Alles, was lebt, befindet sich in Schwingungen. Alles, was lebt, tönt. Wir vernehmen jedoch nur einen Teil davon. Wir hören nicht den Kreislauf des Blutes, das Sterben und Wachsen unseres Körpergewebes, das Tönen der chemischen Prozesse. Doch die feinen Zellen unseres Organismus, unserer Gehirn-, Nerven- und Fleischfasern werden von den unhörbaren Tönen durchspült. Sie schwingen mit den Dingen, die uns umgeben, mit. Darauf ist die Macht der Musik aufgebaut. Wir können mit ihr tiefere Gefühlsschwingungen auslösen. Dazu benutzen wir Musikinstrumente, bei denen hauptsächlich das ihnen innewohnende Tonvermögen entscheidend ist. Das heißt: entscheidend sind nicht die Lautstärke und die Tonfarbe, sondern der verborgene Toncharakter, die Intensität, mit welcher der musikalische Reiz die Nerven berührt. Das ist das Hauptproblem jedes Musikinstrumentes und jedes Instrumentenbauers. Er muß sich bemühen, seine Musikinstrumente mit einer möglichst hohen Tonintensität auszustatten. Das heißt: er muß solche Instrumente bauen, die ansonsten ungehörte und ungefühlte Schwingungen ins menschliche Bewußtsein heben. Das Problem des Instrumentenbauers ist demnach die Belebung der Stille. Er muß den verborgenen Ton aus der Stille herausschälen.  - Herr Cerný, nach: Gustav Janouch, Gespräche mit Kafka. Aufzeichnungen und Erinnerungen. Frankfurt am Main 1981 (Fischer Tb. 5093, zuerst 1954)

Stille (6) Wir zogen von Chotyn nach Berestecko. Die Kämpfer dösten in ihren hohen Sätteln. Das Lied plätscherte, wie ein austrocknender Bach. Ungeheuerliche Leichen lagen an den tausend Jahre alten Kurganen. Bauern in weißen Hemden zogen vor uns die Mützen. Die Burka des Div-kom Pavlicenko wehte über dem Stab, wie ein düsteres Banner. Sein flauschiger Baslyk war über die Burka geworfen, und der krumme Säbel lag, wie angeklebt, an seiner Seite.

Wir ritten vorüber an Kosakenkurganen und dem Grabhügel Bogdan Chmelnickijs. Hinter dem Grabstein hervor kam ein Alter mit Bandura und sang uns mit Kinderstimme vom vergangenen Ruhm der Kosaken. Wir hörten sein Lied schweigend an, dann entrollten wir die Standarten und brachen zu den Klängen eines dröhnenden Marschs in Berestecko ein. Die Bewohner hatten die Fensterläden mit Eisenstangen verrammelt, und Stille, eine unumschränkt herrschende Stille hatte im Schtetl den Thron bestiegen.

Quartier bekam ich bei einer rothaarigen Witwe, die durch und durch nach Witwenschmerz roch. Ich wusch mich nach dem Ritt und ging auf die Straße. An den Telegraphenmasten hingen schon die Ankündigungen, daß Div.-Kriegskommissar Vinogradov am Abend einen Vortrag halten werde über den zweiten Kongreß der Komintern. Direkt vor meinen Fenstern waren einige Kosaken dabei, wegen Spionage einen alten Juden mit silbernem Bart zu erschießen. Der Alte winselte und riß sich immer wieder los. Da packte Kudrja aus der Maschinengewehreinheit den Kopf des Alten und klemmte ihn sich unter die Achselhöhle. Der Jude verstummte und spreizte die Beine. Kudrja zückte mit der rechten Hand den Dolch und erstach den Alten vorsichtig, ohne sich zu bespritzen. Dann klopfte er an das verrammelte Fenster.

— Wenn wer Interesse hat, — sagte er, — mag er ihn wegschaffen. Das ist frei...  - Isaak Babel, Die Reiterarmee. Berlin 1994 (Friedenauer Presse, neu übs. von Peter Urban, zuerst 1926) 

Stille (7)  Es ist ziemlich leer. Wind, Wind und Wind. Morgens dringt in mein Erwachen das Rauschen der Bäume, die die Quinta umgeben, und diese wechselnden Winde aus dem Norden, dem Süden, dem Osten wollen sich nicht beruhigen, der Ozean glänzt grün und weiß, spritzt salzig auf an den felsigen Ufern mit Gekrach, Schaum explodiert; auf die Sande unaufhörlicher Einsturm der sich drohend erhebenden und kochend sich türmenden Wasser, kein Augenblick Rast, und ein so weitschallendes Donnern und Rauschen, daß es sich in Stille verwandelt. Stille. Dieses Toben ist Friede. Unbeweglich ist die Linie des Horizontes. Unbewegliches Glänzen unermeßlicher Fläche.   - (gom)

Stille (8)   - Silence (Komplementärbegriff). Das Gegenteil von Lärm. Alles, was dem Gehör auffällt, unterbricht die Stille. Es heißt, die Stille der Tempel sei erhaben, die Stille der Nacht süß, die Stille der Wälder macht uns angst, die Stille der Natur ist tief, die Stille der Klöster trügerisch. - Jaucourt, (enc)

Stille (9)   Im Mondschein konnte man an der Küste, wie ein Amphitheater zum Meer abfallend, eine riesige Stadt mit ungeheuren Bauten erkennen. Es gab zwar Häuser, Plätze, Straßen und Türme wie anderswo auch, doch jedes Ding war erschreckend groß und massig, hatte unvorstellbare und furchterregende Proportionen. Zwischen den erhabenen, vom fahlen Licht erhellten Fassaden waren die Tiefen pechschwarzer Straßen, öffneten sich die dunklen Schlünde der Plätze, bodenlose Abgründe. Überall Stille, kein menschliches Wesen, kein Licht, kein Lebenszeichen war zu sehen. Nur einige große Brunnen, durch überirdische Zuflüsse verbunden und von Terrasse zu Terrasse abfallend, gaben ein kaltes Plätschern von sich. Doch es war eine drohende Stille, man glaubte, jeden Augenblick müsse ein Kommando, ein schauderhaftes Wort sie zerreißen.  - Tommaso Landolfi, Das Meer der Schaben, nach (land)

Stille (10)  Ich sitze und lausche der Stille. Das Zimmer ist einfach mit Kalk getüncht. Manchmal schießt aus der weißen Zimmerdecke eine berstende Hühnerkralle hervor, manchmal löst sich raschelnd ein Plättchen Tünche. Soll ich verraten, daß mein Zimmer zugemauert ist? Wie das? Zugemauert? Wie ich dann hinausgehen könnte? Das verhält sich eigentlich so: für den guten Willen gibt es kein Hindernis, einem intensiven Verlangen stellt sich nichts entgegen. Ich muß mir nur eine Tür vorstellen, eine gute alte Tür, wie in der Küche meiner Kindheit eine war, mit eiserner Klinke und einem Riegel. Es gibt kein so fest zugemauertes Zimmer, in dem sich nicht eine solche vertrauliche Tür öffnen ließe, wenn nur die Kräfte langen, sie hinzudenken. - (bs)

Stille (11)  Als mir vor so viel Einsamkeit schauderte, vernahm ich das erste Anzeichen von Leben in all dieser Ödnis . Ich hörte es zuerst aus großer Ferne, weit aus dem Inneren des Landes kommen - ein seltsamer, tiefer, stöhnender Ton war es, und sein Anschwellen und Verebben war wie das Seufzen eines einsamen Windes in einem großen Wald. Doch es ging kein Wind. Dann, im nächsten Moment, war er erstorben, und die Stille des Landes war durch den Kontrast um so unheimlicher. Und ich sah die Männer in dem Boot an, in welchem ich war, als auch diejenigen in dem anderen Boot, das der Bootsmann befehligte; und es gab keinen unter ihnen, der nicht eine horchende Haltung eingenommen hatte. Auf diese Weise verging eine Minute in völliger Lautlosigkeit. - W. A. Hodgson, Die Boote der ›Glen Carrick‹, aus: W.A.H., Stimme in der Nacht. Frankfurt am Main 1982 (st 749)

Stille (12)  In der Gegend von Rue de la Quincampoix, Rue Saint-Martin und Rue Nicolas-Flamel treffen sich Prostituierte, eventuelle Kunden, Neugierige, zwielichtige Gestalten. Sie alle schlendern umher vor dem Hintergrund des massigen Schattens der Tour Saint-Jacques auf der anderen Seite der Rue de Rivoli. Die Bürgersteige sind schmal, die Fahrbahnen auch nicht viel breiter. Es herrscht beinahe völlige Stille, fast schon feierlich, nur manchmal unterbrochen von dem jammernden Lallen eines Betrunkenen oder dem Stimmengewirr junger Leute, die einfach laut sprechen müssen, um nicht die Fassung zu verlieren. Erfolgloses Strohfeuer, das in flüsternden Verhandlungen gelöscht wird. Aus den Bistros fallen Lichtkegel aufs Pflaster. Dort drinnen an der Theke werden leise Worte gewechselt, die in Lärm ausarten können. Aber draußen herrscht Stille. Die Stille von unentschlossnen, grübelnden Männern. Die Stille von Mädchen, die sich nur anbieten, nicht aber Männer ansprechen dürfen. Manchmal wagen sie, einladend zu murmeln, wenn jemand an ihnen vorbeigeht. In der Rue Caumartin im 9. Arrondissement spannen sie frech die Wange mit der Zunge, in der Rue Mogador grüßen sie sogar: Guten Tag, Monsieur. Hier wird nur gemurmelt. Die Polizeiverordnung untersagt ihnen sogar, die Passanten direkt anzusehen.  - Léo Malet, Spur ins Ghetto. Bühl-Moos 1986 (zuerst 1957)

Stille (13) Heuschrecken fressen nahezu alles, was sie finden. Und dieses Fressen geschieht auf unheimliche Weise. »Sie kommen mit fürchterlichem Getöse«, berichtet einer der ungezählten, seit biblischen Zeiten immer wieder von Heuschreckenschwärmen heimgesuchten afrikanischen Bauern, Mamadou Kharra. »Sie lassen sich auf den Feldern nieder, und auf einmal ist alles still. Man hört nichts, wenn sie die Ernte auffressen. Es ist gespenstisch.« - Theo Löbsack, Das unheimliche Heer. Insekten erobern die Erde. München 1991 (dtv 11389)

Stille (14)  ....  n, o, ;,  x,  !, u ... In der Dyskrasie dieser scheinbar unverständlichen Lautfolge folgt auf das X ein leerer Raum, der dort auch nicht fehlen darf - zur Erleichterung der Transkription. Jetzt überkommt mich eine unwiderstehliche Lust, mir vorzustellen, daß dieser Zwischenraum eine unaussprechbare Stimme beherbergt, einen Gedankenstrich oder ein Sternchen - kurzum, einen Augenblick der Stille, der völlig anders ist als die freiwillige Stille des ;. Und wirklich: ob es nun ein Gedankenstrich oder ein Sternchen ist oder auch nur der allgemeine Wunsch, einen neuen Absatz zu beginnen - diese Stille ist nicht als vorsätzlich zu betrachten, sondern eher als eine Stille, der man gerade in dem Augenblick begegnet ist, als sich die Frage formulierte - eine Stille, die zwar in den Regeln der Befragung blieb, die aber nicht gewählt worden war, außer wie man notgedrungen etwas wählt, wenn man die Wahl trifft, zu fragen, denn es gibt auch Stillen, welche von Wahlen abstammen, die wir als verbal ansehen und erdulden müssen, weil wir ihnen in unvorhergesehener aber schicksalhafter Weise begegnet sind. Also: zwei Stillen begegnen sich in dieser winzigen Äußerung, aber nun folgt ein Ausruf, den man als Bewegung der Stimme verstehen muß, ohne Vokale und Konsonanten, ein rein musikalisches Sich-Aufbäumen, gewiß ein vornehmes Zeichen des Wahnsinns. Aber wofür ist er wohl ein Zeichen, jener Ausruf, der mit der Niedertracht, der Aufforderung zur Mittäterschaft und zwei entgegengesetzten Stillen gemeinsam existiert? Wenn ich die Stille neben den Ausruf setze und annehme, ich hätte es mit einer schicksalhaften und exklamativen Stille zu tun, dann kann ich auch annehmen, dieser Ausruf sei ein schweigender Schrei, ein Stilleschrei, eine Erklärung der Ohnmacht; doch man vergesse nicht, daß alle Stimmen und Stillen gleichzeitig sind, weshalb der Ausruf alle Zeichen unwiederbringlich verändert, indem er ihnen eine Beschleunigung aufzwingt, die weder Frieden noch Waffenruhe noch Sinn zuläßt - ein reiner Überfall der Geschwindigkeit der Verzweiflung und der Wut im Inneren einer Handvoll unentwirrbarer Stimmen und Stillen; und man beachte auch, daß das Bewußtsein des Ausrufs sich mit einem U vermischt, welcher Buchstabe, wie ich vermute, die endgültige Verwandlung des Wahnsinns in ein mörderisches H-u-u-u-u ausdrücken soll - das Wutschnauben eines stimmlichen Universums in einem schweigsamen Universum. - Giorgio Manganelli, Geräusche oder Stimmen. Berlin 1989

Stille (15)  In dem Augenblick also, da man den Schrei hört, diskutiert ihr gerade über die Angst - eure Angst, die Angst des Ortes und die Angst, die jene anderen Geräusche vielleicht erzeugt, vielleicht interpretiert. Es ist aber deutlich, daß eure Präsenz, und zwar nur diese, die Interpretation des Ortes ist - des Dorfs, wie man ihn definiert hat - und daß es, wäret ihr nicht bis hierher gekommen, vermutlich gar keine Geräusche gäbe.

Doch an diesem Punkt stellt sich unweigerlich ein neues Problem: wenn ihr in einem Moment der Stille hier angekommen seid oder es euch wenigstens so schien, dann wird es ratsam sein, eure Haltung gegenüber dieser Stille zu interpretieren, auch wenn sie illusorisch ist, denn die mutmaßlich illusorische Bedingung der Geräusche hat das Problem der Interpretation eures Gesprächs mit diesen Geräuschen nicht daran gehindert, sich zu stellen. Also: für einige Zeit, gleichgültig ob kurz oder lang, jählings oder Jahrhunderte hindurch, habt ihr in einem Zustand der Stille gelebt. Die Stille ist keine Verringerung des Geräuschs auf Null, sondern etwas anderes, ein Jenseits im Bezug auf das Geräusch. Für jenen Augenblick mußtet ihr eine Interpretation der Stille und eurer selbst in dieser Stille geben. Ich weiß, daß man gesagt hat, ihr würdet euch vielleicht freuen, zum Zeichen, daß der Ort für eine Rast, eine Ruhepause außerordentlich geeignet war; aber da es euch nie gelungen ist zu erklären, wie die von jener Pause unterbrochene Wegstrecke beschaffen war, ist vermutlich auch niemals klar geworden, in welchem Sinne diese stille Pause Befriedigung bot. In Wirklichkeit habt ihr es vermieden, euch das Problem der Stille zu stellen; und in der Tat, wenn es sich um eine absolute Stille gehandelt hätte - die Stille, die man auch als Jenseits bezeichnet - dann wäre diese Stille unangreifbar gewesen, in gewisser Weise selbstgenügsam, autonom; eure Reaktion hat aber gerade darauf abgezielt, dem gebieterischen Charakter und der dialektischen Unfähigkeit dieser Stille auszuweichen. Sagen wir, daß gerade jener Moment, den ihr euch als besonders geruhsam ausgemalt hattet, in Wirklichkeit der Ausgangspunkt der Angst gewesen ist -der Angst, die die Geräusche erzeugt hat. Einen Moment lang habt ihr euch gefragt, ob ihr gestorben wäret oder wenigstens an einen Ort gelangt, der in jedem Fall endgültig war, so sehr, daß er weder Vervollkommnungen noch Verbesserungen noch Interpretationen zuließ.  - Giorgio Manganelli, Geräusche oder Stimmen. Berlin 1989

Geräusch Ruhe
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