tadt  Was die Stadt Homs angeht, so stinkt sie, wie Emesa einst stank, denn da liebt, schlachtet und scheißt man im Freien. Und die Konditoreien neben den Latrinen wie die ritueller Schlachthäuser neben den anderen Schlächtereien. All das schreit, entleert sich, liebt, verspritzt Gift und Sperma wie unsereins ausspuckt. - Antonin Artaud, Heliogabal oder Der Anarchist auf dem Thron. München, Frankfurt am Main 1980 (zuerst 1967)

Stadt (2) Ich bin jetzt die Stadt: ein weiter, aus Gliedern konstruierter horizontaler Raum; eine alte, vergammelte, ausgediente Stadt: zerfallene Hallen, gestürzte Gerüste, demolierte Domizile, verhexte Sexgäßchen. Schartige Straßen führen von einem gelichteten Friedhof zu den hohen dunklen Mauern eines Richtplatzes, wo sich Galgen, Ketten, Peitschen, Pranger und Richtblöcke aneinanderreihen. Halbverfallene Gefängnisse halten Bluttäter, Lügner, Betrüger und Diebe in Gewahrsam. In schwarze Priestermäntel gehüllte Männer flüstern von zu brechenden, gebrochenen und verletzten Gesetzen, verbrechenbewährte Männer verstellen ihre Stimme und geben sich als spitzfindige Erläuterer zweideutiger Gesetze aus; und ich erkenne meine Stimme in diesen und jenen. Aufgeworfene Pflastersteine bringen bescheidene und kühne Kuppler zu Fall - wachsame Sachverständige für Lüsternheit, Leichtfertigkeit und gelehrte Liebestollheit; sie verführen vortreffliche Väter verkümmerter Kinder - Symbole einer aussterbenden Rasse; sie verleiten geistvolle Theologen, Meister im Erkennen der Eigenschaften des Nichts, strenge Gesetzgeber für die okkulten Ausscheidungs- und Lustorgane; sie locken langgliedrige, blaßhäutige, magere, halb keusche halb lasterhafte Knaben an. Ein paar von diesen Kupplern mit irgendeiner wenn auch schludrigen Doktrin geben sich als Theologen des Teufels aus. Sie erläutern die unterweltlichen Abenteuer der im Laster verblaßten Seelen, sie unterstützen die Wahl der Qualen für die in vergeblichen Verhandlungen mit dem anspruchsvollen Samen verstrickten Männer, die verlogenen Gefolgsleute aus Liebe zur mentula, die aus dem cunnus casa und ecclesia und aus dem Loch der Verkündigung eine keusche Katakombe gemacht haben. In schönen Sätzen beschreiben sie, wie man die Liebhaber der Liebesmädchen ausnimmt, und die Lüsternen lauschen und wählen sich lüstern die Lage, die ihrer Phantasie von der ewigen Qual am besten entspricht. Jeder für sich stellt sich den feurigen Schacht und die Nacht vor, wo er ewig und ohne zu sterben dahinstirbt. Die philosophischen und redegewandten Kuppler sind nüchterne Verwalter von Huren, Hetären und Vulvenhändlerinnen - allesamt fromme Töchter der Verdammnis und zugleich demütige Dienerinnen des gesichts- und gliedlosen Höchsten - pedantische Priesterinnen der Sünde, aber sonst völlig ohne Arg, das sie ganz und gar den Kupplern überlassen, unter denen sich nicht selten Priester und angesehene Antithetiker finden. In ihren Körpern ist eine Süße - die Süße des befleckten Leichnams, auf den sich die Seele stützt, wenn sie die Riten der Schuld rezitiert. Die warmen schmeichelnden Stimmen der Kuppler vermischen sich mit den heisernen Wachträumereien der in Gedanken an die versiegelte Keuschheit des Skeletts versunkenen Frauen. Hier gibt es keine Leidenschaften. Aber anderswo bedrängen vom Warten verzehrte Männer wollüstige vom Wollen zermürbte Frauen - beide gealtert durch verharschtes Verliebtsein und die Angst vor dem Tod, die der Hoffnung auf eine gemeinsame Hölle in liebevollem Feuer vorausgeht. Die Fremdenführer zeigen den Touristen rostrote Streifen vergänglicher Flammen auf glatten und bröckeligen Mauern - todsichere Zeichen für große und verhinderte Lieben. Zu Tode erschöpfte, von zärtlichem und vergeblichem Verlangen zermürbte Liebende werfen zitternd und zagend ihre Seelen fort - kurzlebige Körperchen, die das ›Für immer‹ flüstern - und haben nur noch den einen Wunsch, der Nacht ihr unkeusches Geflüster zu entziehen. - (hoelle)

Stadt (3) Urbanität ist eine Form der Gesittung, die gar nicht natürlich sein oder werden kann, weil das Städtische und das Natürliche einander ausschließen. Über die Qualität ist damit nichts gesagt, obwohl viele mit der Bibel geneigt sind, in der Stadt die Wurzel allen Übels zu sehen - oder auch: die Stadt aus der Wurzel aller Übel, der Seßhaftigkeit von kainitischer Art, hervorgehen zu lassen. Der Brudermord steht am Anfang der Vorgeschichte der Stadt - aber wohl doch auch der Vatermord am Anfang der Vorgeschichte horden- und nomadenhafter Naturtriebhaftigkeit? - (blum)

Stadt (4)  Einst war im Lande der Romäer eine Königsstadt, die Lebta genannt wurde; und in ihr war eine Burg, die immer verschlossen gehalten wurde. Jedesmal, wenn ein König starb und ein anderer romäischer König ihm auf dem Throne folgte, so legte er ein neues, festes Schloß davor, bis vierundzwanzig Schlösser vor dem Tore lagen, von jedem König ein Schloß. Nach dieser Zeit aber bemächtigte sich der Herrschaft ein Mann, der nicht aus dem Königshause stammte; der wollte jene Schlösser öffnen, um zu sehen, was in der Burg wäre. Die Großen des Reiches suchten ihn daran zu hindern, sie rieten ihm davon ab und hielten ihn zurück, aber dennoch weigerte er sich und sprach: .Diese Burg muß geöffnet werden.' Nun boten sie ihm alles, was sie an Geld und an kostbaren Schätzen besaßen, damit er die Burg nicht öffne; aber er ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. - -« Da bemerkte Schehrezâd, daß der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an. Doch als die Zweihundertunddreiundsiebenzigste Nacht anbrach, fuhr sie also fort: »Es ist mir berichtet worden, o glücklicher König, daß die Großen des Reiches jenem König alles boten, was sie an Geld und Schätzen besaßen, damit er die Burg nicht öffne; aber er ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen, sondern er riß die Schlösser herunter, öffnete das Tor und fand in der Burg Bildnisse von Arabern: die waren beritten auf Rossen und Kamelen, trugen Turbanbinden, die lang herabhingen, waren mit Schwertern gegürtet und hielten die langen Lanzen in der Hand. Auch fand er dort ein Schriftstück; das nahm er und las es, und er sah, daß in ihm geschrieben stand: ,Wenn dies Tor geöffnet wird, so wird eine Araberschar dies Land erobern, die so aussieht wie in diesem Bildnisse; drum hütet euch, und noch einmal hütet euch, das Tor zu öffnen!' Nun lag jene Stadt in Andalusien, und in eben jenem Jahre, unter dem Kalifen el-Walîd ibn 'Abd el-Malik aus dem Stamme der Omaijaden, fiel sie in die Hände des Târik ibn Zijâd. Der bereitete jenem König einen schmählichen Untergang, plünderte sein Land, nahm die Frauen und Kinder dort gefangen und machte große Beute an Geld und Gut. Denn er fand dort unermeßliche Schätze, mehr als hundertundsiebenzig Kronen aus Perlen, Hyazinthen und anderen Edelsteinen. Auch fand er dort einen Saal, in dem Reitersleute mit Speeren werfen konnten und der voll war von goldenen und silbernen Geräten, wie sie keine Schilderung beschreiben kann. Ferner fand er den Speisetisch des Gottespropheten Salomo, des Sohnes Davids - über beiden sei Heil! -, der, wie erzählt wird, aus grünem Smaragd ist und noch jetzt in der Stadt Rom vorhanden sein soll; auf ihm standen Gefäße aus Gold und Schüsseln aus Chrysolith. Und ebenso fand er ein Buch der Psalmen, das in griechischer Schrift auf goldene Blätter geschrieben und mit Edelsteinen besetzt war; ferner ein Buch mit einer Beschreibung der nützlichen Eigenschaften von Steinen und Pflanzen und Mineralien und der Talismane und der alchimistischen Wissenschaft von Gold und Silber; dazu ein Buch, in dem die Kunst, Hyazinthe und andere Edelsteine in Formen zu schmelzen, und die Bereitung von Giften und Gegengiften beschrieben war; endlich auch eine Karte von der Erde, den Meeren, den Ländern, Städten und Dörfern. Ferner fand er einen großen Saal voll von Elixier, von dem ein Dirhem tausend Dirhem Silber in reines Gold verwandeln kann; dazu einen großen, runden, wunderbaren Spiegel aus gemischten Metallen,der für Salomo, den Sohn Davids - über beiden sei Heil! - gemacht worden war, und in dem jeder beim Hineinschauen die sieben Klimate der Welt mit eigenen Augen sehen konnte; und schließlich fand er noch einen Saal, in dem so viele Karfunkelsteine waren, daß niemand sie beschreiben und keine Kamelslast sie umfassen konnte. Alle diese Dinge sandte er an el-Walîd ibn 'Abd el-Malîk. Und die Araber breiteten sich in den Städten Andalusiens aus, das eines der herrlichsten Länder ist. Dies ist der Schluß der Geschichte von der Stadt Lebta. - (1001)

Stadt (5) Tatsächlich, dort, unter meinen Augen, erschien eine verwüstete, untergegangene Stadt, mit eingestürzten Dächern, zerstörten Tempeln, eingefallenen Toren, gebrochenen Säulen, aus denen man noch die gediegenen Proportionen einer Art toskanischer Architektur erahnte; etwas weiter entfernt die Reste eines gigantischen Aquädukts; hier die verschlammte Erhebung einer Akropolis mit den meßenden Formen eines Parthenon, dort Spuren einer Mole, als hätte ein antiker Hafen an den Gestaden eines verschwundenen Ozeans den Kauffahrteischiffen und Kriegstriremen ehemals Schutz geboten; noch weiter hinten zeichneten sich die langen Linien eingefallener Mauern und breiter, verlassener Straßen ab - ein ganzes versunkenes Pompeji, das Kapitän Nemo vor meinen Augen aufsteigen ließ!

Atlantis

Wo war ich? Wo war ich nur? Ich wollte es um jeden Preis wissen, ich wollte reden, ich wollte die Kupferkugel abreißen, die meinen Kopf umschloß.

Aber Kapitän Nemo trat auf mich zu und gebot mir mit einer Gebärde Einhalt. Dann bückte er sich, hob ein Stück Kreidestein auf, ging auf einen schwarzen Basaltfelsen zu und schrieb dieses einzige Wort:

ATLANTIS

Wie ein Blitz durchruhr mich die Erkenntnis! Atlantis, die alte Hauptstadt von König Theopompes, das Atlantis Platos, dieser Kontinent, der geleugnet wird von Origenes, Porphyrios, Iamblichos, d'Anville, Malte-Brun, Humboldt, die seinen Untergang ins Reich der Sagen wiesen; Atlantis, an das Possidonius, Plinius, Tertullian, Ammianus Marcellinus, Engel, Sherer, Tournefort, Buffon, d'Avezac glaubten - dieses Atlantis hatte ich vor Augen, und es trug noch die unwiderleglichen Spuren seiner Katastrophe! In dieser versunkenen Landschaft außerhalb Europas, Asiens, Libyens, jenseits der Säulen des Herkules, hatte das mächtige Volk der Atlantiden gelebt, gegen das das alte Griechenland seine ersten Kriege geführt hatte. - Jules Verne, Zwanzigtausen Meilen unter Meer. Zürich 1976 (zuerst 1870)

Stadt (6)  Die eigenartige Schönheit dieser Stadt hat es mir angetan. Gestern war herrlichstes Wetter, und die Stelle, von der aus ich das Meer entdeckte, die Bastionen, die Berge, die Stadt, bietet einen erstaunlichen Anblick. Aber vor allem bin ich von Frau von Montfuron entzückt. Sie ist liebenswürdig, und man schließt sie sofort ins Herz. Gestern kamen eine Menge Kavaliere, um Herrn von Grignan bei seiner Ankunft zu begrüßen, darunter bekannte Namen, wie Saint-Herem; dann aber auch Abenteurer mit Degen und schwungvollen Hüten, Leute wie auf Bildern von Krieg, oder aus Romanen, geschaffen, sich einzuschiffen auf Abenteuer mit Eisen, Ketten, Sklaven, Geknechteten, Gefangenen. Mich, die ich Romane liebe, hat das alles begeistert.

Der Bischof von Marseille kam gestern abend, wir essen heute bei ihm. Wirklich, wir sind wie zwei Finger einer Hand!

Heute ist Teufelswetter, zu traurig. Wir werden weder das Meer, noch Galeeren, noch den Hafen sehen. Ich bitte Aix um Entschuldigung, aber Marseille gefällt mir besser. Es ist im Verhältnis bevölkerter als Paris. Hunderttausend Seelen wohnen in dieser Stadt. Wie viele davon schöne Seelen sind, das zu zählen hatte ich keine Zeit. Die Atmosphäre im allgemeinen ist ein wenig schurkisch.  - (sev)

Stadt (7)  Die Stadt bietet sich dar als symbolischer, magischer Ort, als eine Buchseite, die nach Deutung heischt, als Gewebe von Bedeutungen, Anspielungen, Phantasien; eine Stadt ist ein geheimer Ort, wo eine vom Schimmel zerfressene Mauer, ein hinfälliger Bau, ein endloser ungepflasterter Platz, den Pfützen und starre Grasbüschel durchlöchern, eine verborgene Geschichte erzählen: ein Märchen, in dem Schrecken und Glanz beharrlich beieinander wohnen. - Manganelli furioso. Handbuch für unnütze Leidenschaften. Berlin 1985

Stadt (8)   Die Stadt nährt eine Brut von Arschlöchern, die Stadt züchtet Arschlöcher, die von sich selbst überzeugten Arschlöcher der ganzen Welt konzentrieren sich in den Städten. Die Städte wachsen und wachsen, so wie eine Mistkugel, die ein Mistkäfer vor sich hinwälzt, größer und größer wird. Erst überschreitet sie eine Bevölkerung von einer Million, dann von zehn Millionen, dann hat sie eine Million Jahre erreicht, dann zehn Millionen. So hat man schließlich den Anschluss erreicht, Stück für Stück und Abschnitt für Abschnitt verbinden sich Arschlöcher mit Arschlöchern, bis die ganze Welt ein Riesenarschloch ist.  -  Xu Xing, Süddeutsche Zeitung  vom 5. Januar 2007

Stadt (9)

Die Stadt

Ein weißer Vogel ist der große Himmel.
Hart unter ihn geduckt stiert eine Stadt.
Die Häuser sind halbtote alte Leute.

Griesgrämig glotzt ein dünner Droschkenschimmel.
Und Winde, magre Hunde, rennen matt.
An scharfen Ecken quietschen ihre Häute.

In einer Straße stöhnt ein Irrer: Du, ach, du –
Wenn ich dich endlich, o Geliebte, fände ...
Ein Haufen um ihn staunt und grinst voll Spott.

Drei kleine Menschen spielen Blindekuh –
Auf alles legt die grauen Puderhände
Der Nachmittag, ein sanft verweinter Gott.

- Alfred Lichtenstein

Stadt (10)  Die Küchendünste sämtlicher Länder hängen über der City und mischen sich mit dem würzigen Geruch von Opium und Haschisch, dem harzigen roten Rauch der Feuerstellen von Dschungelbewohnern, salzigem Fischgeruch und dem Gestank von fauligem Flußwasser, eingetrocknetem Kot und Schweiß und Genitalien. Die heiseren Klänge von Bambusflöten aus den hohen Bergen, Jazz und Bebop und einsaitige mongolische Instrumente und Zigeuner-Cymbals und arabische Sackpfeifen.

Die City wird immer wieder überrollt von Epidemien der Gewalt, und die Toten bleiben auf den Straßen liegen und werden von Aasgeiern gefressen. Friedhöfe und Beerdigungen werden nicht zugelassen. Albinos blinzeln in der Sonne, Jungs hocken träge onanierend in den Bäumen, halb zerfressene Aussätzige spucken Passanten an und beißen sie und werfen mit Eiter und Schorf und diversen Vektoren um sich (Ungeziefer, das Krankheiten überträgt), in der Hoffnung, jemanden anstecken zu können.

So oft du nach einem fürchterlichen Besäufnis aus deiner Bewußtlosigkeit erwachst, hockt an deinem Bett unweigerlich so ein aussätziger Bürger ohne Gesicht, der die ganze Nacht seine Phantasie strapaziert hat, wie er dich am besten anstecken kann. Doch keiner weiß, wie diese Krankheiten übertragen werden, oder ob sie überhaupt ansteckend sind. Die zerlumpten Aussätzigen hausen in einem Gewirr von Höhlengängen unter der City und schnalzen überall aus der Erde; oft stemmen sie sich sogar mitten in einem überfüllten Cafe durch den Bretterfußboden.

Rätselhafte Gestalten, die Etruskisch palavern, gehen hartnäckig einem längst vergessenen Gewerbe nach; Jun-kies, süchtig nach Drogen, die noch niemand erforscht hat; Pusher, die künstlich aufgeputschtes Harmalin an den Mann bringen; Junk, reduziert auf die nackte Substanz der Sucht, die dem Opfer die ebenso prekäre wie heitere Gelassenheit einer Pflanze verschafft; Flüssigkeiten, die einen zum Latah machen; Antibiotika mit unbekannten Zusätzen; tithonisches Serum, das als lebensverlängernd angepriesen wird; Schwarzmarkthändler des 3. Weltkriegs; Marktschreier, die Heilmittel für Strahlenkrankheiten feilbieten ; Kriminalbeamte auf der Fährte von Unschuldigen, die von hochgradig paranoiden Schachspielern denunziert wurden; Richter, die in der unleserlichen Geheimschrift der Hebephrenie lückenhafte Haftbefehle ausstellen, in denen von unaussprechlichen Verstümmelungen des menschlichen Geistes die Rede ist; Bürokraten, beschäftigt in Behörden, die für immer unsichtbar bleiben; ausführende Organe geheimer Polizeistaaten; eine verzwergte Lesbierin, die mit tödlicher Präzision die Methode ›Bang-utot‹ praktiziert — die Lungenerektion, die dem schlafenden Feind den Atem abwürgt.   - (yag)

Stadt (11) Mit der Spitze meines Schuhs versuchte ich, die Neigung des Abhangs zu erkunden; er war sehr steil, aber vielleicht, wenn ich mich hinuntergleiten ließ... Ich setzte mich auf die weiche Erde und begann, mit den Fersen bremsend, den Abstieg. Meine Furcht erwies sich als unbegründet: ich kam ohne Zwischenfall unten an. Eine Grenze war überschritten; ich ging sicher auf dem Pflaster einer Straße; ich war in Lyon.

Die Stadt war still, dunkel, ohne Leben. Längs der Gehsteige flossen wahre Gießbäche, und hin und wieder schlug ein Fensterladen im Wind. Meine Schritte hallten zwischen unsichtbaren Häuserwänden. Ich schleppte mich dahin wie ein Insekt über eine steinige Fläche. Ich stolperte über einen Gehsteigrand und ertastete eine Mauer zu meiner Rechten. Nun hatte ich nichts anderes zu tun, als geduldig immer weiter zu gehen, solange die Mauer mich leitete und meine Füße mich trugen.

Diese Mauer hatte finstere Löcher, in denen sich verschlossene Türen bargen. Meine Finger streiften Fenster mit geschlossenen Läden oder eiserne Gitter, und sie wurden warm, wenn sie über rauhen Stein oder körnigen Verputz dahinglitten. Von Zeit zu Zeit erkannte ich auch eine Haustafel mit verwaschener Inschrift, und dann war die Mauer plötzlich zu Ende. Mißtrauisch, mit tastenden Fußspitzen, ging ich weiter, um die Bordkante nicht zu verfehlen, überquerte die Straße und tappte mit vorgestreckten Händen auf die nächste Häuserreihe zu. Das Wasser aus dem Rinnstein strömte mir über die Füße, von den Dächern fielen riesige Tropfen, die auf den Stoff meiner Kleidung klatschten und mich dann eiskalt bis auf die Knochen durchdrangen. Aber ich hatte schon längst jenes Stadium hinter mir, in dem der Mensch noch für sein Leben oder seine Gesundheit fürchtet; ich stürzte mich in meine Verzweiflung mit einer Art ungläubiger Verblüffung. Die Glocken schlugen eine halbe Stunde... aber welche? Vielleicht würde ich schon in der nächsten halben Stunde zu einer Zielscheibe für die Pistolen der Streifen. Die Straße nahm kein Ende; dann verschwand die Mauer, meine brennenden Fingerspitzen griffen ins Dunkel, und meine Sohlen gingen über verdächtig weichen Grund; weitertastend entdeckte ich ein Straßenbahngleis. Ich faßte wieder Hoffnung, ein wenig Wärme stieg mir zum Herzen. Es war mir, als sei ich nicht mehr so allein, so verlassen. Dieser stählerne Strang würde mich ins Zentrum der Stadt fuhren. Ich folgte ihm und fühlte mich bald inmitten eines ungeheuren, leeren Raumes, in dem der Wind frei heranbrauste, mit der ungebrochenen Kraft, die er von weiten Hochflächen her in sich trägt. Ich lauschte: fernes Brausen, wie man es aus einer Muschel hört, schlug an mein Ohr, und in der Luft lag der Geruch von Fisch und Algen.   - Boileau / Narcejac, Ich bin ein anderer. Reinbek bei Hamburg 1990

Stadt (11)  »Wohnt die Stadt in der Nacht?«

»Die Nacht erläutert alles, worin die Stadt steht. Sie interpretiert die Stadt mit der Intelligenz der Abwesenheit und dient der Abwesenheit als stummer und blutloser Bote.«

»Kennt die Stadt den Schlaf?«

»Sie kennt die Träume; überall, auch zwischen den Steinen, den Ruinen und den Kloaken, siehst du abgehackte Traumglieder sich winden. Von den Firsten alter aufgegebener Paläste stürzen Bündel gefiederter und gespornter Albträume schwer herab. Weiche Gespenster wiegen sich an den Rändern der verlassenen Straßen.«

»Gibt es auch verliebte Träume?«

»Hier kennt man keine Genitalien, es gibt weder Paarung noch Empfängnis noch Geburt; nur einen unbestimmten Verfall, der offensichtlich nie ein Ende haben soll.«

»Gibt es Durst und Trank, Hunger und Nahrung?«

»Es gibt kein Wasser, nur Schlamm;  und als Nahrung Asche.«

»Und was weiß man vom Tod?«

»Der Tod handelt - wie du bald sehen wirst; aber er hat nicht viel Gewicht, denn die Stadt ist nicht weniger sterblich als unsterblich. Auch wenn jegliches Leben aus ihr gewichen ist, bleibt sie noch immer die Stadt.«  - (hoelle)

Stadt (12)  «Wird der Mythos des freien Menschen in der freien Stadt möglich sein? Im Moment wird Barcelona mit jedem Abschnitt, den es in Besitz nimmt, menschlicher, und mit jeder Fläche, die dem Spazierengehen dient, diese Relation von Raum und Zeit, die der Muße ebenso Sinn verleiht wie dem Umstand, nichts zu befürchten und nichts zu erhoffen zu haben, das heißt, dem, was wir wunschloses Glück nennen könnten. Diesem Volk, das die kostenlosen Dinge so liebt und dem einer seiner Philosophen versprach, daß eines Tages jede Rechnung automatisch beglichen würde, überall, durch die einfache Tatsache, Katalane zu sein. Dieses Volk liebt nichts so sehr wie Schnecken zu suchen, Pilze zu sammeln, an öffentlichen Trinkwasserspendern zu trinken und durch seine Stadt zu bummeln, ohne etwas zu bezahlen. Die Leute haben eine maternofiliale Beziehung zu ihrer Stadt: Sie kannten sie als Frau und fühlen sich als Kinder der großen Hure, der Ramoneta, der Bronzenen Venus und der Pepita mit dem Regenschirm* - der Senora Josefina von Reus, um es noch genauer zu sagen. Einige seiner Philosophen versuchten sie in der Vergangenheit davon zu überzeugen, daß ihre Stadt aus Marmor oder ein Stadtstaat sei, oder die Stadt sei ein ganzes Land... ohne ihr Ziel zu erreichen. Die Leute wissen, daß diese Stadt eine Heimat ist, die jeder einzelne durch die Hegemonie des eigenen Gedächtnisses besitzt. Viele sind hier geboren. Andere kamen von weit her. Aber dieses possessive Gedächtnis entstand an jenem Tag, als sie, wie die alten Chaldäer, begriffen, daß die Welt im wesentlichen bei den Hügeln aufhörte, die sie noch mit eigenen Augen sehen konnten.»   - Nach Manuel Vázquez Montalbán, Schuß aus dem Hinterhalt. Reinbek bei Hamburg 1990

* Pepita, Koseform von Josefina

Stadt (13) «In manchen Städten leben die Reichen oben auf Hügeln und die Armen unten im Tal. In anderen wohnen die Reichen am Strand, die Armen im Inland. Und hier, in London, gibt es hier einen Gradienten des Elends? Ein Gefälle, je breiter der Fluß in das Meer strömt? Ich frage nur nach dem Grund? Liegt es an der Seefahrt? Sind es Strukturen der Landnutzung, zumal im Industriezeitalter? Oder ist es ein Fall von ur-altem Stammestabu, das alle englischen Generationen überlebt hat? Nein. Der wahre Grund ist die Gefahr aus dem Osten, nicht wahr? Und dem Süden: vom europäischen Kontinent her. Die Menschen, die hier draußen leben, sollten als erste dran glauben. Wir-hier sind entbehrlich: die im West End und nördlich des Flusses sind es nicht. O nein, ich will keineswegs sagen, daß die Gefahr aus dem Osten eine bestimmte Gestalt hat. Nichts Politisches, nein. Wenn die Paranoische Stadt träumt, dann können wir diesen Traum nicht verstehen. Vielleicht träumte die Stadt von einer anderen, feindlichen, die über das Meer geschwommen käme, ihre Mündung zu besetzen ... oder von Wellen der Finsternis ... Wellen aus Feuer ... Vielleicht auch davon, wieder verschlungen zu werden von der riesigen, stum-men Kontinentmutter? Mich gehn sie nichts an, die Träume von Städten ... Aber was, wenn die Stadt ein wucherndes Neo-Plasma wäre, das sich durch die Jahrhunderte ständig verändert hat, um genau der sich ändernden Gestalt seiner schlimmsten, geheimsten Ängste zu begegnen? Die lumpigen Bauern, der entehrte Offizier, der feige Springer, alles, was wir verdammt, was wir unwiederbringlich verloren haben, ist hier draußen gestrandet, liegt schutzlos und wartet. Es war doch bekannt, leugnen Sie's nicht, Pointsman, bekannt, daß sich die Front in Europa eines Tages so entwickeln mußte! Nach Osten zurückweichen mußte, damit man die Raketen brauchte, und es war bekannt, wo und warum die Raketen zu früh einschlagen würden. Fragen Sie Ihren Freund Mexico? Sehen Sie sich die Dichten auf seiner Karte an? Osten, nur Osten, und südlich vom Fluß, immer dort, wo das Ungeziefer lebt, die kriegen es am dicksten ab, mein Lieber.»   - Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel. Reinbek bei Hamburg 1981

Stadt (14)  Die Stadt wimmelt von unschuldigen Ungeheuern. - Herr, mein Gott! Du, der Schöpfer, du, der Meister, der du das Gesetz und die Freiheit geschaffen hast, du, der Herrscher, der alles seinen Lauf gehen läßt, du, der Richter, der verzeiht, du, der du voll bist von Trieben und Ursachen, und der du vielleicht die Vorliebe für das Schaurige in meinen Geist gelegt hast, um mein Herz zu bekehren, wie die Heilung an die Spitze eines Messers; Herr, erbarme dich, erbarme dich der törichten Männer und Frauen! O Schöpfer! ist es möglich, daß es Ungeheuer in den Augen jenes Einzigen gibt, der weiß, warum sie da sind, wie sie sich dazu gemacht haben und wie sie es hätten anfangen sollen, sich nicht dazu zu machen?  - Charles Baudelaire, Der Spleen von Paris. In: C.B., Die Tänzerin Fanfarlo und Der Spleen von Paris. Zürich 1977

Stadt (15) Ich bin ein nicht allzu unzufriedener Eintagsbewohner einer Hauptstadt, die man für modern hält, weil jeder bekannte Geschmack in der inneren und äußeren Ausstattung der Häuser, ebenso wie in der Anlage der Stadt ausgeschaltet worden ist. Hier könntet ihr nicht die Spuren eines einzigen Denkmals des Aberglaubens aufweisen. Die Moral und die Sprache sind auf ihren einfachsten Ausdruck zurückgeführt, endlich! Diese Millionen Menschen, die nicht nötig haben einander zu kennen, betreiben Erziehung, Beruf und das Altern so gleichartig, daß ihr Lebenslauf um ein Mehrfaches weniger lang sein dürfte, als eine verrückte Statistik für die Völker des Festlandes herausfindet. Und so, wie ich, von meinem Fenster aus, neue Gespenster durch den dicken und ewigen Kohlenrauch kreisen sehe, — unser Waldesschatten, unsere Sommernacht! — neue Rachegöttinnen, vor meinem Cottage, das mein Vaterland und mein ganzes Herz ist, da alles hier diesem gleicht, — winseln der Tod ohne Tränen, unser vielbeschäftigter Diener und Knecht, ein verzweifelter Amor und ein hübsches Verbrechen im Schlamm der Straße.  - Arthur Rimbaud, Farbstiche (Illuminations). Nach: (rim)

Stadt (16)  Mit einer Gruppe ortsüblicher Geister sollte ich in die Stadt vor den Alpen, nach einer neuen Landbevölkerung Ausschau zu halten. Geh weg, geh weg, hatten mir die Birken zugerufen. Und als es soweit war, riefen sie: Geh mit! Geh mit! Wenn die mich mitnehmen, sagte ich mir, taugen sie nichts. Was sind die ewig um ein paar Blätter gestolpert! Da schüttelten die Birken sie und baten sie, doch einmal ein wenig vernünftig zu sein und sich um unser Tal zu kümmern und einmal aus ihren Nasenlöchern hinauszusehen! Wer kann das schon! Zuerst war die Stadt ganz nah, dann aber erschien sie nicht. Überall waren noch diese Vorhäutler, diese übliche Landbevölkerung, die langsam aber sicher das Land zugrunde richtete.

...

Bis ich mich dreimal umsah, hatten sich die Geister verduftet mit ihrem uralten Trick, sich in ihre Nasenlöcher zurückzuziehen und unwirksam zu sein. Da war die Stadt. Mein erster Gedanke: Das ist mein Tod. Ich hätte mich so gerne verwandelt, aber meine Zeit war noch nicht gekommen. Die Leute mußten alie ihren Nasen nachgegangen sein, denn die Straßen waren ieer. Am Ende einer Straße stand immer so ein Pipifax, ein Turm, eine Säule oder ein Heiliger, der sein Kreuz in die Luft hielt, um das man ihm aber das Fenster weggeschlagen hatte. Ich habe mir sagen lassen, daß in der Stadt nichts los ist, wenn nicht Soldaten marschieren oder Betrunkene herumtorkeln oder die Autos herumrasen, in die sich die Menschen, vor weiß Gott was, flüchten.  - Herbert Achternbusch, Ich bin ein Schaf. Memoiren. München 1996

Stadt (17)  

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