arten

Wartende Hundszecke


Was ist Wirklichkeit? Unterweisung durch die Zecke, vermittelt durch Baron Jakob von Uexküll.

Dies ist ein mit Hilfe eines Rasterelektronenmikroskops 120mal vergrößertes Porträt einer Hundezecke. Zu sehen sind Teile von zweien der acht Beine, die Hummerscheren ähneln, und der geschwollene Körper.

Die weibliche Zecke hängt an einem Busch oder Baum, bis ein Opfer vorbeikommt. Dann läßt sie sich fallen, sucht einen unbehaarten Fleck, durchbohrt die Haut mit ihrem Rüssel und schlemmt im Blut. Je nach der Art ist sie zunächst so groß wie ein Floh oder wie eine Erbse und später wie eine große Eichel. Nach dem Mahl fällt die Zecke auf die Erde, legt ihre Eier und stirbt. Die Larven, die sogenannten Samenzecken, steigen an Grashalmen hoch und warten. Wenn ein geeignetes Opfer vorbeikommt, tun sie, was ihre Mutter tat: sie fallen, schlemmen, fallen. Dann paaren sie sich. Die Männchen sterben nach getaner Arbeit. Die Weibchen klettern auf einen Busch oder Baum, um dort zu hängen und.... zu warten.

Der größte Teil des Lebens einer Zecke wird mit dem Warten auf den Reiz verbracht, der ihr Futter- und Paarungsverhalten auslöst. Man hat Zecken beobachtet, die über zwanzig Jahre lang auf ihre Mahlzeit gewartet haben. Die Liste der Reize, die eine Reaktion auslösen können, ist sehr kurz.

Einige Arten reagieren auf Buttersäure, die sich im Fell warmblütiger Tiere findet. (Sie gibt Schweiß und ranziger Butter den charakteristischen Geruch.) Wenn sie einmal ihren Gastgeber gefünden haben, reagieren sie auf Temperaturunterschiede, suchen einen haarlosen Fleck, durchstechen mit ihrem Rüssel die Haut und füllen sich mit Blut. Sie fallen genauso auf einen Luftballon, wenn er nur den richtigen Geruch hat. wie auf ein Reh, und sie trinken Gift genau wie Blut, wenn es die richtige Temperatur hat. Einige Zecken nehmen mit ihren Vorderbeinen Kohlendioxid wahr, das von Tieren ausgeatmet wird, deren Blut sie begehren. Einige haben Augen, die den Unterschied zwischen Licht und Schatten wahrnehmen können.

Woraus besteht die Welt einer Zecke? Aus Licht und Schatten. An- oder Abwesenheit von Kohlendioxid. An- oder Abwesenheit von Buttersäure. Woraus besteht die Welt des Menschen? Aus allen Ereignissen, die sichtbar und unsichtbar, möglich und unmöglich, jetzt, früher oder später sind.

Alle Arten haben ihre artenspezifische Wirklichkeit, auch der Homo sapiens. Die menschliche Zeit ist ein Aspekt dieser artspezifischen Wirklichkeit. Während aber der zeitliche Gesichtskreis aller anderen Arten auf das beschränkt ist, was sie unmittelbar fühlen können oder was nur ganz wenig darüber hinausgeht, ist unser zeitlicher Horizont unbegrenzt. Eine Zecke kann nur auf Buttersäure oder ähnliches warten, wir aber auf Godot, also auf symbolische Wirklichkeiten, die in einer imaginären Zukunft oder Vergangenheit frei beweglich sind. 

- (zeit)

Warten (2)  Herr K. wartete auf etwas einen Tag, dann eine Woche, dann noch einen Monat. Am Schluß sagte er: »Einen Monat hätte ich gut warten können, aber nicht diesen Tag und diese Woche.« - (keu)

Warten (3) Sonntag, 31. Mai 1908 Wenn man morgens in solchem Gartenhaus den Briefträger erwartet. Man dehnt das Kaffeetrinken, um in nichts Ernstes zu versinken. Man dreht die Zeitung und kommt nicht zur Sammlung. Die Fenster stehen offen, damit man hört, wenn er im Vorderhaus die Treppen emporsteigt und klingelt. Jetzt, rechts, links, man sieht hinaus — wieder: rechts, links, man sieht das weiße Beinkleid hinter den buntgemalten großen Treppenfenstern steigen, höher, rechts, links. Die verschiedensten Glockentöne, hohe, harte, klirrende, schnarrende. Dann kommt der Bote über den Hof, die Ungeduld ist beruhigt, man trinkt einen Schluck, liest einen Aufsatz. Endlich klingelt es. Gute Nachricht. Und doch erwartete man meistens etwas Besonderes, wenn man auch nicht wußte, was. Erst beim zweiten Lesen Ruhe, Lust, volles Genügen. Bringt der Briefträger nichts, bleibt etwas Hartes, Gleichgültiges zurück, selten ein deutliches Gefühl der Enttäuschung, eher, wenn Nachricht bestimmt zu erhoffen war, Angst, Besorgnis und Unruhe, die oft mehrere Stunden, manchmal, sich abschwächend und intermittierend, bis gegen Abend anhält. - Oskar Loerke, Tagebücher 1903 - 1939. Frankfurt am Main 1986 (st 1242)

Warten (4)  Helle Rosen liebt sie und die schwarze Vase. Abtönung! ich werde sie entblättern. der Duft! toll! ein Mädchen auf meinem Zimmer! das hätt ich nicht von ihr gedacht. sie ist so fein. aber wer nicht nimmt. ich bin immer zu zach gewesen. damals die Rote. ich will auch genießen. die Rosen vor ihren Platz. herrlich. hier auf dem Sofa soll sie sitzen. ich setze mich neben. ich kann sie umfassen. ich fühle ihre Brust. nein! nichts vorwegnehmen. überhaupt. ich werde mich umwerben lassen. ganz kühl werde ich sein. sie ist auf meinem Zimmer. auf mein Zimmer gekommen. überhaupt wenn ich kühl bin. ich werde sie zerreißen. die Kleider reiß ich ihr vom Leibe. nackt soll sie stehen hier. vor mir liegen. die Haare wühl ich ihr auf. Unsinn! wo ist der Wein? schwerer echter! Burgunder! ja aufziehn. das stört nachher. zwei Flaschen. das genügt. ausziehn. aufziehn. entkorken. meine Haut ist mir zu eng! ein schöner Kerl! ja! Körper. Wuchs. im Spiegel sogar. eigentlich? ich habe nicht viel Glück gehabt bei den Weibern. zu zach! zu zach! zu zach! jawohl. heute nachholen! heute. das Bett aufdecken. ach was! wir gehn ja gar nicht zu Bett. rauschen will ich! rauschen! ein Glas trink ich vor. Flammen. Blut! Lodern! alles vergessen. richtig! Gebäck. Weihnachten. Ja. meine Mutter. hahaha! wenn sie ahnte, was ich damit ködere. ahnt nicht, sicher nicht. schlechter Kerl. schlecht? ich. nein. ich tus wohl lieber nicht. lieber nicht. wenn sie kommt. sie ist ein anständiges Mädchen. sicher, ohne Zweifel. das zeigt ihr Blick. sie tuts nur. sie liebt mich. ich bin der Verführer. pfui Teufel! Verführer! ich will leben. leben. leben. Ja. ich will. und wenn sie dran glauben will. sie soll dran glauben. sie muß dran glauben. der Teufel holt sie. ich fetze sie auseinander. die weiche Haut streichen will ich. alle Geheimnisse. ein Glas noch. wild. wild. wild. ein Stier. ich renne die Wand ein. hier soll sie sein. säß sie da. Ja. wenn sie jetzt da säße. du du du! verrückt! ich küsse das dreckige Sofa. alles zittert. Arme. Beine. die Adern sind gequollen. ich halte nicht mehr aus. sie käm. wenn sie nur kommt? wenn sie nun nicht kommt? nicht kommt? sicher nicht. kommt nicht! Satan! ich hole sie. ich hole sie aus dem eigenen Hause. ich schlage. ich schlage sie auf der offenen Straße. ich werfe sie in den Rinnstein. in den Rinnstein. die Dirne! Dirne! Dirne! ooo! ich schieße. ich schieße sie nieder. die ganze Qual. Muskeln. Sehnen. Fieber. mit dem Revolver schieß ich sie nieder. wie leicht er in der Hand liegt. zierlich. flach. die Mündung vorn. und rund. fein. zum Küssen. Lippen. haha! ich bin verliebt. der Revolver ein Mädchen! ich hab noch nie mit ihr geschossen. jungfräulich. und die kleinen Patronen. sie hinein passen. schlüpfen. Donnerwetter! jetzt wirds aber Zeit! sie müßte schon hier sein. wahrhaftig. sie kommt nicht. nein. sie kommt nicht. ich wollte doch. ich wollte sie käme nicht. Gott! laß sie nicht kommen. laß sie nicht kommen. laß sie verhindert sein. verhindert. flöße ihr Scheu ein. Scheu. Scheu. fortbleiben. ja fort. besser. ja. ich behalte ein reines Gewissen. mein ganzes Leben lang werde ich den Vorwurf nicht mehr los. ich bin kein Verführer. ich will kein Verführer sein. meine Mutter. doch! aber braucht doch nicht gleich? braucht denn? wenn sie nun käme? wir plaudern. plaudern. gewiß. nein. da braucht doch nicht. haha! Mann und Frau. gewiß. Freunde wirkliche Freunde. warum nicht? ich lache. sie wird mich auslachen. auslachen. mich die rothaarige damals. tückisch. heimlich. der Blick. äh! Blicke! die halt ich nicht aus. das ertrage ich nicht. nie mehr. nein. ich gehe fort. ich bin nicht da. sie wird nicht kommen. aber ich gehe fort. das ist das beste. mir wird ordentlich leichter. ganz leicht. gesiegt. ja. ich. jaja. ist? ja? ist? o? rauscht? trippeln. ja? und? es? ja? klopft. Donner. wahrhaftig. klopfen. äää! Frechheit. unverschämt. schamlos. Dirne. Dirne. sie will mich. Verführerin. sie will mich nein. ä. nein. ich kann nicht. nein. ich will nicht. nein. klopfe nur. ja. klopfe. ich kann nicht. will nicht. kann nicht. will nicht. klopfe nicht! klopfe nicht! klopfe! ja! klopfe doch! klopfe doch! klopfe! ja! klopfe! paff!!!  - August Stramm

Warten (5)  Es beweist ein großes Herz mit Reichthum an Geduld, wenn man nie in eiliger Hitze, nie leidenschaftlich ist. Erst sei man Herr über sich; so wird man es nachher über Andere seyn. Nur durch die weiten Räume der Zeit gelangt man zum Mittelpunkte der Gelegenheit. Weise Zurückhaltung bringt die richtigen, lange geheim zu haltenden Beschlüsse zur Reife. Die Krücke der Zeit richtet mehr aus als die eiserne Keule des Hercules. Gott selbst züchtigt nicht mit dem Knittel, sondern mit der Zeit. Es war ein großes Wort: "Die Zeit und ich nehmen es mit zwei Andern auf." Das Glück selbst krönt das Warten durch die Größe des Lohns.   - Balthasar Gracian, Hand-Orakel

Warten (6)  «Ich bin wie das letzte Blatt des Jahres, das noch lose am Stamme hängt. Der erste Windhauch, und ich falle. Meine Stimme ist wie die eines alten Weibes geworden. Meine Augen zeigen den Füßen nicht mehr den Weg, und meine Füße sind schwer, und ich bin müde. Es ist gut.»

Er neigte ergeben das Haupt, bis der letzte Laut des knirschenden Schnees erstorben war und er wußte, daß er seinen Sohn nicht mehr zurückrufen konnte. Dann tastete seine Hand schnell nach dem Holze. Das war das einzige, das noch zwischen ihm und der Ewigkeit stand, die über ihn hereinbrach. Zu guter Letzt war sein Leben nach einer Handvoll Scheite zu messen. Eines nach dem andern wurde schwinden, um das Feuer zu nähren, und Schritt für Schritt würde sich der Tod an ihn heranschleichen. Wenn das letzte Scheit seine Wärme abgegeben hatte, würde die Kälte ihre Kräfte sammeln. Zuerst würden die Füße nachgeben, dann die Hände, und langsam würde die Starre der Glieder den Leib ergreifen. Sein Haupt würde auf die Knie fallen, und er würde Ruhe haben. Das war ganz leicht.   - Jack London, Das Gesetz des Lebens. In: J.L., Die konzentrischen Tode. Stuttgart 1983. Die Bibliothek von Babel Bd. 14, Hg. Jorge Luis Borges

Warten (7)

"Der Wanderer"

- Max Klinger

Warten (8)    Ein Rey-Zamuro, der als winziger schwarzer Fleck am Himmelsblau auftauchte, senkte sich herab vorsichtig kreisend und mit einer Verstohlenheit, die bei einem Vogel solcher Größe verblüffte. Der Schatten seines perlweißen Körpers, seiner an den Enden schwarz gezeichneten Schwingen traf nicht leiser auf das Gras auf als der Vogel selbst, der sich auf einem Unrathäufchen keine drei Meter von jenem, still wie ein Leichnam daliegenden Manne niederließ. Der Vogel reckte seinen nackten Hals, streckte seinen kahlen, so widerlich in grellen Farben schillernden Kopf mit gefräßiger Gier nach dem in appetitlicher Reglosigkeit daliegenden Leib aus. Dann ließ er ihn rief in sein weiches Gefieder sinken und schickte sich an zu warten. Das erste, worauf Nostromos Blick beim Erwachen fiel, war dieser geduldige nach den Anzeichen des Todes und Verfalls ausschauende Beobachter. Als der Mann aufstand, hüpfte der Geier mit großen, seitwärtigen, flatternden Sprüngen davon. Er zögerte noch eine Weile grämlich und widerstrebend, ehe er sich lautlos kreisend emporschwang, mit böse hängendem Schnabel und häßlich abgestreckten Klauen. - Joseph Conrad, Nostromo. Frankfurt am Main 1984 (Fischer-Tb. 5781, zuerst 1904)

Warten (9)  Hungrig und schlecht gekleidet streifte Iwan durch den Palast. Häufig versteckte er sich vor den Schuiskis, denn sie quälten ihn, wenn sie seiner ansichtig wurden. Von Zeit zu Zeit spürten sie ihn auf, kleideten ihn in fürstliche Gewänder, gaben ihm ein Zepter und setzten ihn auf den Thron - eine Scheinzeremonie, mit der sie seine Erbansprüche verhöhnten. Anschließend jagten sie ihn weg. Eines Abends hetzten mehrere Schuiskis den Metropoliten - das Oberhaupt der russischen Kirche - durch den Palast. Der Metropolit flüchtete sich in Iwans Zimmer, und der Junge mußte voll Entsetzen miterleben, wie die Schuiskis eindrangen, Beleidigungen hervorstießen und den Metropoliten gnadenlos verprügelten.

Einen Freund, der ihn tröstete und beriet, hatte Iwan im Palast: einen Bojaren namens Worontsow. Doch eines Tages, als Iwan mit Worontsow und dem neuen Metropoliten im Refektorium zusammensaß, stürmten einige Schuiskis herein, schlugen Worontsow zusammen und beleidigten den Metropoliten, indem sie dessen Kleider zerrissen und darauf herumtrampelten. Danach wurde Worontsow aus Moskau verbannt.

Bei all diesen Vorkommnissen sagte Iwan nicht ein Wort. Den Bojaren erschien es, als wäre ihr Plan aufgegangen: Die junge Mann war zum angstgeschüttelten, willfährigen Idioten geworden. Jetzt brauchten sie sich nicht mehr um ihn zu scheren, konnten ihn sogar in Ruhe lassen. Doch am Abend des 29. Dezembers 1543 ließ der nun dreizehnjährige Iwan Fürst Andrei Schuiski in sein Gemach kommen. Dort fand Schuiski die Palastwachen vor. Der junge Iwan zeigte auf Andrei und befahl den Wachen, ihn zu verhaften, zu töten und seine Leiche den Bluthunden vorzuwerfen. In den folgenden Tagen ließ Iwan alle engen Verbündeten von Andrei verhaften und verbannen. Die Bojaren wurden von Iwans plötzlicher Kühnheit völlig überrascht. Voll Todesangst erstarrten sie vor diesem jungen Mann - den man später Iwan den Schrecklichen nannte.  - (macht)

Warten (10)   Es ist alles so mies geworden auf dieser Welt, daß es sich nicht mehr zu reden lohnt. Die Menschheit stirbt, sie siecht dahin unter der aasigen und widerlichen Neuschöpfung, die sich Kapital schimpft, eines Kadavers, auf dessen Oberfläche gleich eitrigen Beulen immer wieder neue faschistische Regierungen entstehen und platzen und stinkende Gase in eigener Soße verrotteter gesichtsloser Menschenmasse fahren lassen. Es gibt nichts mehr zu reden, alles ist zerredet und zerfasert und kleingekaut. Es gibt nur noch das eine: warten, bis was geschieht, bis sich was tut — und dann tun, soviel jeder kann.  - Stanislaw I. Witkiewicz, Die Schuster. Lehrstück mit Liedchen in 3 Akten. In: S.I.W., Verrückte Lokomotive. Ein Lesebuch, mit Bildern des Autors. Hg. Andrzej Wirth. Frankfurt am Main 1994 (zuerst 1934)

Warten (11)  In dieser Nacht rumorte es in den Hügeln, und die Ziegenmelker kreischten bedrohlich. Gelegentlich trug der Wind aus der Cold-Spring-Schlucht einen unbeschreiblichen Geruch in die träge Nachtluft; einen Gestank, wie ihn die drei Wissenschafter bereits schon einmal bemerkt hatten, als sie sich über ein verendendes Ding beugten, das fünfzehneinhalb Jahre für ein menschliches Wesen gegolten hatte. Aber das Grauen, auf das sie warteten, zeigte sich nicht. Was immer dort unten in der Schlucht lauerte, wartete seine Zeit ab.  - H. P. Lovecraft, Das Grauen von Dunwich. In: Cthulhu. Geistergeschichten. Übs. H. C. Artmann. Frankfurt am Main 1972 (st 29, zuerst 1929)

Warten (12)

Rabe, wartender

- Félix Bracquemond

Warten (13)  Kniend, geschoren. Eine Reihe zu neunt, an eine Deichsel gebunden. Des Hauptmanns Kopf in einem Weidenkorb. Sein Rumpf steht aufrecht, setzt die Füße. Wen er erreicht, der kommt frei. Ich bin der neunte, ein schlechter Platz. Aber noch läuft er.  - (eich)

Warten (14)

Warten (15)

Warten (16)  Ich kann nicht haben, daß man mich warten läßt. Nein, ich kann nicht haben, daß man mich warten läßt. Sofort schau' ich zur Tür, zum Fenster. Ich hebe den Vorhang des Fensters hoch. Ich bin außer mir. Die Tugend ist, wenn man eine Stunde auf seinen Mann oder auf seine Schneiderin gewartet hat, eine ziemlich zerbrechliche Sache. Wenn ich einmal die Geduld verloren habe, falle ich, glaube ich, dem erstbesten Draufgänger anheim. Ja, das Warten entwickelt in mir eine gewisse Neigung zur Liebe.  - (lib)

Warten (17)  Die Kaninchen hatten Junge bekommen.

Wenn man sie anrührte, hatte es geheißen, würde die Mutter sie auffressen.

In aller Heimlichkeit hatte ich nichts Eiligeres zu tun als hinzulaufen und sie anzurühren, damit ihre Mutter sie auffräße.

Als man meine Untat bemerkte, gab es ein gewaltiges Donnerwetter, und meine Mutter verdammte mich dazu, sofort zehn Reihen am Stickrahmen zu füllen, eine Arbeit, die mir von allen am meisten verhaßt war.

Ich aber blieb verstockt; still und ungerührt saß ich da, mit verschränkten Armen, als wartete ich auf etwas.

«Worauf wartest du?» fragte meine Mutter endlich.

«Daß dich der Tod holt.»  - Marcel Jouhandeau, Elise erzählt. In: M. J., Elise. Reinbek bei Hamburg 1968 (zuerst 1933 ff.)

Warten (18)

Warten (19)

Warten (20)

Warten (21)   Im Laufe der Zeit ist er ein leidenschaftlicher Wartender geworden. Er liebt es, zu warten. Selbst äußerst pünktlich, haßt er die Pünktlichen, die ihn mit ihrer manischen Genauigkeit urn den unglaublichen Genuß jenes leeren Zeitraums bringen, in dem nichts Menschliches, nichts Vorhersehbares, nichts Aktuelles geschieht, und in dem alles den beglückenden und rätselhaften Duft der Zukunft atmet. Wenn das Stelldichein an einer Straßenecke ist, dann gaukelt er sich mit Vorliebe ein ganzes Märchen möglicher Mißverständnisse vor: er geht von einer Straßenecke zur anderen, kehrt wieder zurück, blickt sich forschend um, überquert die Straße; das Warten gestaltet sich rastlos, kindlich, abenteuerlich. Es gab eine Zeit, da eine zehnminütige Verspätung ihn in blinde Wut versetzte, so als hätte man ihn beleidigt. Jetzt wünscht er sich Verspätungen von fünfzehn, zwanzig Minuten. Es müssen aber echte Verspätungen sein; deshalb nützt es nichts, wenn er zu früh kommt.   - (pill)

Zukunft Zeitablauf
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