iebhaber  Die Gefangene hat sich mit ihren Vorderfüßen am Drahtgitter festgekrallt, dem Licht zugewandt, und verharrt dort regungslos, fast leblos. Kein Zucken der Flügel, kein Zittern der Fühler! Ebenso verhielt sich das Weibchen des Nachtpfauenauges.

Das Eichenspinnerweibchen reift heran, sein zartes Fleisch kräftigt sich. Durch einen Vorgang, von dem unsere Wissenschaft bislang keine genaue Vorstellung hat, stellt es einen unwiderstehlichen Lockstoff her, der Besucher aus allen vier Himmelsrichtungen zu ihm führen wird. Was geht in diesem dickbäuchigen Körper vor, welche Umwandlungen vollziehen sich dort, deren Produkt am Ende die gesamte Umgebung in Aufruhr versetzt? Wüßten wir mehr über dieses Geheimnis des Schmetterlings, wir wären schon ein ganzes Ende weiter.

Am dritten Tag ist die Braut dann bereit. Das Fest kommt rasch in Gang und erreicht bald seinen Höhepunkt. Ich halte mich gerade im Garten auf und habe schon die Hoffnung auf irgendeinen Erfolg aufgegeben, weil sich die Dinge so in die Länge ziehen, als ich gegen drei Uhr nachmittags bei sehr heißem Wetter und strahlendem Sonnenschein plötzlich einen großen Schwarm Schmetterlinge im Rahmen des offenen Fensters herumflattern sehe.

Das sind die Liebhaber, die ihrer Schönen einen Besuch abstatten. Die einen verlassen die Wohnung, die anderen fliegen hinein, wieder andere sitzen an der Mauer, ruhen sich dort aus, als wären sie vom langen Weg ermattet. Undeutlich sehe ich sie von weit her kommen, über die Mauern, über die Zypressenwände hinweg, Aus allen Himmelsrichtungen eilen sie herbei, doch sie werden immer seltener. Den Anfang der Zusammenkunft habe ich leider verpaßt, und jetzt mögen die Geladenen ungefähr vollzählig sein.

Gehen wir dort hinauf. Diesmal erlebe ich am hellichten Tag, ohne daß mir auch nur die geringste Kleinigkeit entgeht, zum zweiten Mal das bewegende Schauspiel, in das mich schon einmal der große Nachtfalter eingeführt hat. Im Arbeitszimmer flattert ein großer Schwarm Männchen herum, die ich mit einem Blick auf etwa sechzig Stück schätze, sofern es überhaupt möglich ist, sich in diesem verwirrenden hin-und herschwirrenden Durcheinander zurechtzufinden. Nach ein paar Runden um die Drahtglocke fliegen einige zum offenen Fenster, kehren aber sofort wieder zurück und beginnen aufs neue ihre Kreise zu ziehen. Die eifrigsten unter ihnen setzen sich gleich auf die Drahtglocke, treten sich auf die Füße, schubsen sich und versuchen, den günstigsten Platz zu ergattern. Auf der anderen Seite des Gitters klammert sich die Gefangene mit ihrem dicken Wanst fest an den Draht und wartet gleichgültig ab, was da passiert. Kein Zeichen von Unruhe ihrerseits angesichts des tobenden Haufens.

Sie fliegen raus und rein, kreisen unermüdlich um die Glocke, flattern im Raum umher und führen so ganze drei Stunden lang ihre ausgelassene Sarabande auf. Doch die Sonne steht niedrig, draußen wird es etwas frischer, und damit kühlt sich auch die Inbrunst der Schmetterlinge ab. Viele fliegen hinaus und kehren nicht zurück, andere beziehen Stellung für das morgige Treffen; sie lassen sich auf dem Holzrahmen des geschlossenen Fensters nieder, so wie es auch die Nachtpfauenaugen gemacht haben. Für heute ist das Fest aus. Bestimmt wird es morgen aufs neue aufleben, denn dank des Drahtgitters ist es ja bis jetzt ohne Ergebnis geblieben.

Doch leider nein! Zu meiner großen Bestürzung wird es nicht wieder aufleben, und zwar ist das mein Fehler. Am späten Abend bringt mir jemand eine Gottesanbeterin, die wegen ihres außergewöhnlich kleinen Wuchses besondere Vorsicht verlangt. In Gedanken noch ganz mit den Ereignissen des Nachmittags beschäftigt und zerstreut, setze ich das fleischfressende Insekt in aller Eile unter die Drahtglocke zu meinem Eichenspinnerweibchen. Nicht einen Augenblick denke ich daran, daß dieses Zusammensein schiefgehen könnte. Die Gottesanbeterin ist ja so zart und das Eichenspinnerweibchen so wohlbeleibt! Von daher also keinerlei Besorgnis meinerseits.

Ach! Wie schlecht habe ich doch die ungestüme Fleischgier dieses Tieres mit den zwei vorderen Fangbeinen eingeschätzt! Am nächsten Tag erwartet mich denn auch eine bittere Überraschung: Ich komme gerade dazu, als die kleine Gottesanbeterin den riesigen Schmetterling verschlingt. Der Kopf und die Hälfte der Brust sind schon verschwunden. O du schreckliches Tier! Du hast mir übel mitgespielt! Es ist aus mit meinen Forschungen, mit denen ich schon die ganze Nacht geliebäugelt habe; drei Jahre lang kann ich sie nun nicht wieder aufnehmen, da ich kein Exemplar des Eichenspinners mehr habe.

Doch über dieses Mißgeschick dürfen wir die wenigen Einzelheiten nicht vergessen, die wir gerade erfahren haben. Zu einer einzigen Zusammenkunft sind etwa sechzig Männchen herbeigeeilt. Wenn wir uns vor Augen halten, wie selten der Eichenspinner hierzulande anzutreffen ist, wenn wir uns noch einmal meine persönlichen Forschungen vergegenwärtigen und noch dazu die aller meiner Mitarbeiter, die sich völlig umsonst über Jahre hingezogen haben, dann muß diese Zahl uns zu denken geben. Plötzlich tritt der Unauffindbare in ganzen Scharen auf, und das dank des Duftstoffes eines einzigen Weibchens. - (fab2)

Liebhaber (2) Im Spalt des kaum geöffneten Speiseschranks drang meine Hand wie ein Liebender durch die Nacht vor. War sie dann in der Finsternis zu Hause, tastete sie nach Zucker oder Mandeln, nach Sultaninen oder Eingemachtem. Und wie der Liebhaber, ehe er's küßt, sein Mädchen umarmt, hatte der Tastsinn mit ihnen ein Stelldichein, ehe der Mund ihre Süßigkeit kostete. Wie gab der Honig, gaben Haufen von Korinthen, gab sogar Reis sich schmeichelnd in die Hand. Wie leidenschaftlich dies Begegnen beider, die endlich nun dem Löffel entronnen waren. Dankbar und wild wie eine, die man aus dem Elternhause sich geraubt hat, gab hier die Erdbeermarmelade ohne Semmel und gleichsam unter Gottes freiem Himmel sich zu schmecken, und selbst die Butter erwiderte mit Zärtlichkeit die Kühnheit eines Werbers, der in ihre Mägdekammer vorstieß. Die Hand, der jugendliche Don Juan, war bald in alle Zellen und Gelasse eingedrungen, hinter sich rinnende Schichten und strömende Mengen: Jungfräulichkeit, die ohne Klagen sich erneuerte. - (ben2)

Liebhaber (3)  Ein langjähriger Liebhaber hat so schwachen Stand, daß er einem neuen Ehemann das Feld räumt; und dieser hält sich so kurze Zeit, daß ein neuer Liebhaber, der auftaucht, ihm rasch mit gleicher Münze zahlt.

Ein alter Liebhaber fürchtet oder verachtet einen neuen Rivalen, je nach dem Charakter der Person, der er huldigt. Oft fehlt einem alten Liebhaber gegenüber einer Frau, die ihn fesselt, nur der Titel Ehemann; das ist viel wert, denn ohne diesen Umstand wäre er längst verloren. - (bru)

Liebhaber (4)  Die Sonne begann zu sinken. Die beiden Verirrten hörten einige schwache Schreie, die klangen, als hätten Frauen sie ausgestoßen. Sie konnten nicht erkennen, ob es sich um Schmerzens- oder Freudenschreie handelte, aber sie standen eilig mit jener Unruhe und Furcht auf, die einem jeder Umstand in einem unbekannten Land einflößt Die Rufe stammten von zwei völlig nackten Madchen, die am Rande der Wiese leichtfüßig dahineilten, während zwei Affen sie verfolgten und in den Hintern bissen. Candide wurde von Mitleid erfaßt, er hatte bei den Bulgaren schießen gelernt und hätte in einem Gesträuch eine Haselnuß treffen können, ohne dabei die Blätter zu berühren. Er nimmt sein doppelläufiges spanisches Gewehr, druckt ab und tötet die beiden Affen.

»Gott sei gelobt, mein lieber Cacambo! Ich habe die beiden armen Wesen aus großer Gefahr gerettet, wenn ich eine Sünde beging, indem ich einen Inquisitor und einen Jesuiten umbrachte, so habe ich sie wohl wiedergutgemacht, indem ich zwei Madchen das Leben rettete. Vielleicht sind es zwei Fräulein von Stande, und so könnte dieses Abenteuer hier zu unserem Vorteil ausschlagen.«

Er wollte weiterreden, aber das Wort erstarb ihm auf den Lippen, als er bemerkte, daß die beiden Mädchen die beiden Affen zärtlich umarmten, über ihren Leichen in Tranen ausbrachen und die Luft mit den schmerzlichsten Schreien erfüllten. »So viel Herzensgute erwartete ich nicht«, sagte er schließlich zu Cacambo. Dieser entgegnete »Herr, da habt Ihr ein Meisterwerk vollbracht, Ihr habt die Liebhaber dieser beiden Fräulein getötet«. - »Ihre Liebhaber! Ist es denn möglich? Ihr scherzt, Cacambo Wie soll ich Euch glauben?« - »Lieber Herr«, erwiderte Cacambo, »immer versetzt Euch alles in Staunen? Warum findet Ihr es so merkwürdig, daß es in manchen Ländern Affen gibt, die die Gunst von Damen erlangen? Sie sind zu einem Viertel Menschen.« - Voltaire, Candide, nach: Affenmensch und Menschenaff. Hg. Margit Knapp. Berlin 1999 (Wagenbach Salto 85)

Liebhaber (5)  «Die Frau hat einen Kopf!» sagte Frédéric mechanisch.

Und Arnoux begann wieder sie zu rühmen. Sie war unvergleichlich an Klugheit, Herz, Sparsamkeit; und mit gedämpfter Stimme setzte er hinzu, indem er die Augen rollte: «Und einen Körper hat siel»

«Adieu», sagte Frédéric.

Arnoux machte eine Bewegung. «So! Warum?» Die Hand ihm halb hinstreckend, prüfte er sein Gesicht, ganz betroffen über den Zorn darin.

Frédéric erwiderte trocken: «Adieu.»

Er ging die Rue de Breda hinunter wie ein Stein, der einem Abgrund zurollt. Voller Wut auf Arnoux tat er ein Gelübde, ihn für immer zu meiden, und auch sie. Er war zerrissen, trostlos. Arnoux war weit entfernt, mit seiner Frau zu brechen, wie er gehoff t hatte, er liebte sie offenbar, ganz und gar, vom Scheitel bis in die Tiefe der Seele. Über die Gewöhnlichkeit dieses Mannes war Frédéric außer sich. Alles gehörte ihm also, diesem da! Er fand ihn wieder auf der Schwelle der Lorette; und die Qual eines Bruchs wurde gemehrt durch den Grimm über seine Ohnmacht. Daß Arnoux so ehrenhaft war, ihm Garantien für sein Geld verschaffen zu wollen, demütigte ihn; er hätte ihn erdrosseln mögen. Und über seinem Gram schwebte in seinem Bewußtsein wie ein Nebel das Empfinden, daß er feige handelte an seinem Freund. Tränen erstickten ihn. - Gustave Flaubert, Lehrjahre des Gefühls. Reinbek bei Hamburg 1959 (zuerst 1869)

Liebhaber (6)  In Thespiai, der Stadt in Böotien unweit des Helikon, wurde Narkissos geboren als ein wunderschönes Kind. Er machte sich weder etwas aus Eros, dem Gott der Liebe, noch aus Liebhabern. Alle Verehrer ließen denn auch von ihrer Leidenschaft ab außer Ameinias, der sehr beharrlich war in seinem Verlangen. Da er aber nicht erhört wurde, vielmehr ein Schwert zugesandt bekam, bringt er sich vor dem Haus des Narkissos um, nicht ohne flehentlich zu bitten, daß der Gott ihn rächen möge.

Als Narkissos sein Gesicht und seine Gestalt sich im Wasser einer Quelle widerspiegeln sieht, wird er als einziger und erster zum unziemlichen Liebhaber seiner selbst. Am Ende, als er nicht mehr ein noch aus weiß und findet, daß er zu Recht leide, weil er das Liebesverlangen des Ameinias mißachtete, bringt er sich zu Tode. - Konon, nach: Mythos Narziß. Texte von Ovid bis Jacques Lacan. Hg. Almut-Barbara Renger. Leipzig 2005

Liebhaber (moderner)  Eine Alte Jungfer, die am Rand eines Kais in der Nähe eines Modernen Liebhabers stand, wurde beim Üben folgender Worte belauscht: »Edler Retter! Das Leben, das du gerettet hast, ist dein!« Nachdem sie sie mehrmals mit verschiedenen Betonungen wiederholt hatte, sprang sie ins Wasser, wo man sie ertrinken ließ.

»Ich bin ein Edler Retter«, sagte der Moderne Liebhaber und entfernte sich gedankenvoll; »das Leben, das ich gerettet habe, ist in der Tat meines.« - Ambrose Bierce. Nach: Der Rabe 15. Magazin für jede Art Literatur, Zürich 1986 (Haffmans)

Liebhaber (8)  Wir  entwickeln und verkünden eine neue große Idee aus dem zeitgenössischen Leben: die Idee der mechanischen Schönheit; und daher preisen wir die Liebe zur Maschine, wie wir sie auf den versengten und rußgeschwärzten Wangen der Mechaniker aufflammen sahen. Habt ihr nie einen Lokomotivführer beobachtet, wie er liebevoll den großen und mächtigen Körper seiner Lokomotive wäscht? Es sind die präzisen und wissenden Zärtlichkeiten eines Liebhabers, der die angebetete Frau liebkost.

Beim großen Streik der französischen Bahnarbeiter war festzustellen, daß die Organisatoren dieser Sabotage sich vergeblich mühten, auch nur einen Lokomotivführer zur Beschädigung seiner Lokomotive zu bewegen.

Mir scheint dies absolut natürlich. Wie hätte einer dieser Männer seine treue und ergebene Freundin mit ihrem glühenden und hingebungsvollen Herzen verletzen können? Seine schöne, stählerne Maschine, die so oft vor Wonne unter seiner einölenden Zärtlichkeit glänzte?  - F.T. Marinetti, Der multiplizierte Mensch und das Reich der Maschine

Liebhaber (9)  Die einen suchen die Frauen auf, um ihrer zu genießen und danach den Kopf frei zu haben für anderes. Und somit entsteht bei ihnen das Verlangen nach Wechsel. Andere haben eine Frau, so wie man Pantoffeln hat, immer bequem dieselben. Wenige, unendlich wenige, ersehnen in der Frau ein lebendiges Wesen, in dem sich ständig etwas entdecken, dem sich ständig etwas abgewinnen läßt, eine kleine Welt, die, wenn auch noch so sehr durchdrungen, stets Unendliches an Dunklem und Unvertrautem birgt.

Das sind die wahrhaft Liebenden. Sie sind überaus selten; und wo es einmal einer werden könnte, gerät er an eine Frau, die genau von der Art ist wie die Männer, von denen ich zuerst sprach.  - (pval2)

Liebe
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Amateur
Synonyme