ersinken   Der Traum, den ich träume, wird zu einem Zustand wie ein Wachsein, das nicht mehr lange währt: Im Traum selbst von unwiderstehlicher Müdigkeit überwältigt, spüre ich, daß der Traum bald enden wird, und zwar indem ich erneut im Nichts der Bewußtlosigkeit versinke, anstatt in die Wirklichkeit zurückzukehren. Ich will vor Angst schreien, doch Z ... weckt mich, und die Not hat ein Ende.

Ein Vorgang ähnlich jenem, der mir an der Grenze zwischen Traum und Erwachen oft solche Schreie entreißt. Diesmal aber war der Übergang bei weitem beklemmender, da ich, anstatt für unabsehbare Zeit einem quälenden Auftauchen ausgesetzt zu sein, den Traum verließ und gewissermaßen in der Tiefe verschwand, um in einen Schlaf zu versinken, aus dem ich nicht mehr wiederkehren würde — es wäre der Tod - (leiris)

Versinken (2) Ich ging immer weiter und weiter die Fifth Avenue entlang, ohne Krawatte und so. Plötzlich fing etwas Unheimliches an. Jedesmal wenn ich eine Nebenstraße kreuzen mußte und von dem verdammten Randstein hinuntertrat, hatte ich das Gefühl, daß ich die andere Straßenseite nicht erreichen könne. Es war, als ob ich hinunter, hinunter, hinunter sinken müßte und mich kein Mensch je wieder sehen würde. Ich bekam einen schönen Schrecken. Niemand kann sich das vorstellen. Ich schwitzte wie ein Idiot - mein ganzes Hemd und die Wäsche und alles wurde tropf naß. Dann fing ich an, bei jeder Kreuzung so zu tun, als ob ich mit meinem Bruder Allie spräche. Ich sagte: «Allie, laß mich nicht verschwinden. Allie, laß mich nicht verschwinden. Bitte, Allie.» Und wenn ich glücklich auf der andern Seite ankam, ohne zu verschwinden, würde ich ihm danken. Nach dem nächsten Häuserblock fing es wieder von vorne an. Aber ich ging doch weiter. Vermutlich fürchtete ich mich vor dem Stehenbleiben - ich erinnere mich nicht mehr genau, ehrlich gesagt. Aber ich weiß noch, daß ich noch fast bis zur Seventeenth Street und weit über den Zoo hinausging. Dann setzte ich mich auf eine Bank. Ich konnte kaum atmen und schwitzte blödsinnig. Dort blieb ich ungefähr eine Stunde lang sitzen, glaube ich. Schließlich beschloß ich, wirklich wegzugehen.   - J. D. Salinger, Der Fänger im Roggen. Reinbek bei Hamburg 1969 (rororo 851, zuerst 1951)

Versinken (3)   Dann war da der Duft des zerdrückten Heidekrautes und unter ihrem Kopf das rauhe Gewirr der zur Erde gebogenen Stengel und hell die Sonne auf ihren geschlossenen Augen, und sein Leben lang wird er die Kurve ihres Halses nicht vergessen, wie ihr Kopf zurückgebeugt zwischen den Heidekrautwurzeln ruhte, und ihre Lippen, die sich leise und ganz von selbst bewegten, und das Flattern der Lider über den Augen, die sich der Sonne verschlossen und allem, und alles war rot für sie, orangefarben, goldgelb von dem Sonnenlicht auf ihren geschlossenen Augen, und alles hatte die gleiche Farbe, alles, die Erfüllung, das Besitzen, das Nehmen, alles die gleiche Farbe, in der Blindheit, die Farbe war. Für ihn war es ein dunkler Weg, der nach Nirgendwo führte und weiter nach Nirgendwo und abermals weiter nach Nirgendwo und noch einmal nach Nirgendwo, immer und ewig nach Nirgendwo, schwer auf den Ellbogen in die Erde gekrampft nach Nirgendwo, dunkel, ohne Ende nach Nirgendwo, hangend immer und alle Zeit nach dem bewußtlosen Nirgendwo, diesmal und immer für ewig nach Nirgendwo, unerträglich jetzt, immer wieder und immer nach Nirgendwo, unerträglich jetzt aufwärts, aufwärts, aufwärts und ins Nirgendwo, plötzlich, versengend, umfassend, und alles Nirgendwo ist dahin, und die Zeit steht still, und da waren sie beide, da die Zeit stillstand, und er fühlte, wie unter ihm die Erde wich und versank. - Ernest Hemingway, Wem die Stunde schlägt. Frankfurt am Main 1978 (zuerst 1940)

Versinken (4) Die Tür auf meiner Seite wurde aufgerissen wie eine Sardinendose. Draußen stand ein Mann auf dem Gehweg, und meine Augen befanden sich etwa in Höhe seiner Kniescheiben. Ob er einen Kopf aufhatte, konnte ich nicht erkennen.

Was auch immer auf seinem Hals saß, er hatte keine Muße, dem nachzugehen. Ich hörte eine Serie von Explosionen irgendwo auf dem Dach von Boris' Wagen, und als ich mich nach Boris umschaute, war er nicht da, dafür aber zumindest zwei weitere Sätze Kniescheiben. Später erfuhr ich von einem homosexuellen Passanten, der wahrscheinlich für den Rest seines Lebens anonym bleiben wird, daß Boris auf dem Auto und damit beschäftigt war, den Kopf, der zu dem Kerl mit meinem Satz Kniescheiben gehörte, in das Metalldach des Wagens zu hämmern, während die anderen Kerle herumrannten und wütend versuchten, Boris zu packen. Von meiner Perspektive aus konnte ich lediglich eine Anzahl von Zähnen erkennen, die die Frontscheibe herabschlidderten und auf dem Kühler mehrmals aufhüpften. Es sah aus, als habe jemand eine Kaugummi-Fabrik sabotiert.

Ich zielte mit einer sauberen Geraden zwischen einen Satz Kniescheiben und ein bißchen darüber, und offenbar hatte ich genau getroffen, denn ich hörte ein paar Etagen höher ein heulendes Geräusch. Ich sah Licht und krabbelte rückwärts über den Fahrersitz hinaus wie ein aufgeschreckter Krebs, der alle Welt zu kneifen versucht. Ich schaute über das Wagendach und sah, wie Boris auf dem Gehweg einen Kerl verhackstückte. Ich drehte mich gerade rechtzeitig um, kriegte eine Lokomotive genau zwischen die Augen und ließ mich regelgemäß bis acht auszählen. Ein paar Schüsse peitschten durch die Kneipe, und ich sah ein Gesicht, das mich sehr an Ratso erinnerte, hinter dem Fenster eines Raumschiffes entschwinden. Ich konnte noch sehen, aber konnte mich nicht so recht aufrappeln von der Persenning oder vom Sand der Arena oder dem Meeresgrund oder worin ich zum Teufel zur Zeit versunken war.

Boris vollführte eine Art unheilvolles Ballett. Sein Partner war ein riesiger blonder Kerl, aber nachdem Boris ihm mit ein paar Fingern hinter das linke Ohr getickt und die Nase halbwegs ins Gehirn gerammt hatte, war der Kerl ein Rotschopf und lag neben mir auf der Straße. Wenn ich nur sein linkes Ohr erwähnte, so, weil es das einzige war, das er noch besaß. - Kinky Friedman, Greenwich Killing Time. Zürich 1992 (zuerst 1986)

Versinken (5)

 - Bosc, Alles, bloß das nicht. Ausgewählte Cartoons. Zürich 1982 (detebe 21890, zuerst 1974)

Versinken (6)  Zu Hause sagten sie ihm nichts, doch es wunderte ihn immer mehr, daß sie nichts bemerkt haben sollten. Am Anfang fiel es vielleicht nicht auf und er selbst dachte, daß die Halluzination oder was immer es war, bald vorübergehen werde; doch jetzt, wo er schon bis zu den Ellbogen im Boden eingesunken ging, war es unmöglich, daß seine Eltern und seine Schwestern es nicht sahen und etwas unternahmen. Freilich hatte er bis dahin nicht die geringste Schwierigkeit gehabt, sich zu bewegen, und obgleich das das Seltsame an der Sache zu sein schien, war, was ihn im Grunde nachdenklich machte, daß seine Eltern und seine Schwestern anscheinend nicht bemerkten, daß er überall bis zu den Ellbogen eingesunken ging.  - (cort)

Versinken (7)

- N. N.

Verschwinden Sinken
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