eg   Die Fantasie setzt die künftige Welt entweder in die Höhe, oder in die Tiefe, oder in der Metempsychose zu uns. Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unsers Geistes kennen wir nicht. - Nach Innen geht der geheimnißvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freylich innerlich so dunkel, einsam, gestaltlos, aber wie ganz anders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbey, und der Schattenkörper hinweggerückt ist. Wir werden mehr genießen als je, denn unser Geist hat entbehrt. - Novalis, Blüthenstaub (1798)

Weg (2) Auf dem Gipfel der Akropolis öffnete sich die Tür des Kerkers, der in den Tempel am Fuß des Felsens gehauen war; und in dieser dunklen Öffnung stand ein Mann auf der Schwelle. Er trat tief gebückt daraus hervor, mit dem erschreckten Ausdruck der wilden Tiere, wenn man sie plötzlich freiläßt.

Das Licht blendete ihn, er blieb einige Zeit unbeweglich stehen. Alle hatten ihn erkannt und hielten den Atem zurück. Der Leib dieses Opfers war für sie etwas Besonderes und mit einem fast heiligen Glanz umkleidet.

Sie alle, zumal die Frauen, bogen sich vor, um ihn zu sehen. Sie brannten vor Begierde, den zu betrachten, der ihren Kindern und ihren Gatten den Tod gebracht hatte, und im Grunde ihrer Seelen erwuchs eine verwerfliche Neugier, das Verlangen, ihn vollständig kennenzulernen, eine Gier, die sich mit Reue mischte und zu unmäßigem Abscheu anwuchs.

Endlich schritt er vor; da wich die Betäubung der ersten Überraschung. Eine Menge von Armen erhob sich und verbarg ihn den Blicken.

Die Treppe der Akropolis hatte sechzig Stufen. Er stürzte herab, als ob er in einem Strom von der Höhe eines Berges gerollt käme; dreimal sah man ihn aufspringen; endlich kam er unten auf seine Füße zu stehen.

Seine Schultern bluteten, seine Brust keuchte in starken Stößen, und er machte solche Anstrengungen, seine Fesseln zu zerreißen, daß seine auf dem Rücken gekreuzten Arme wie Schlangenleiber anschwollen.

Von dem Ort, wo er stand, gingen mehrere Straßen vor ihm aus. In jeder derselben war eine dreifache gleichlaufende Reihe von bronzenen Ketten, die an dem Nabel der Patäken befestigt waren, von einem Ende zum andern gespannt; die Menge drängte sich dicht an den Häusern entlang, und in der Mitte gingen Diener der Alten, Riemen schwingend hin und her.

Einer von ihnen stieß ihn mit einem starken Schlag vorwärts. Mâtho begann seinen Weg.

Sie streckten ihre Arme über die Ketten hinüber und schrien, man habe ihm einen zu breiten Weg gelassen; und er ging, betastet, gestochen, geschnitten von allen diesen Fingern; wenn er am Ende einer Straße war, öffnete sich eine andere; manchmal warf er sich auf die Seite, um seine Peiniger zu beißen; man wich schleunigst zurück, die Ketten hielten ihn ab, und die Menge brach in Lachen aus.

Ein Kind zerriß ihm das Ohr; ein junges Mädchen, das unter dem Ärmel die Spitze einer Spindel verbarg, schlitzte ihm die Backe auf; man riß ihm Hände voll Haare und Fetzen Fleisch heraus, andere fuhren ihm mit Stöcken, an denen in Unrat getränkte Schwämme steckten, ins Gesicht. Aus der rechten Seite seines Halses drang ein Blutstrom hervor - da begann der Wahnsinn. Dieser letzte der Barbaren erschien ihnen als der Vertreter aller Barbaren des ganzen Heeres, an ihm rächten sie all ihr Unglück, ihre Schrecken, ihre Schmach. Die Wut des Volkes wuchs in der Sättigung; die übermäßig gespannten Ketten bogen sich, waren nahe daran zu brechen; das Volk fühlte nicht die Schläge der Sklaven, die es zurückdrängen wollten; manche klammerten sich an die Vorsprünge der Häuser; alle Öffnungen in den Mauern  waren von Köpfen verstopft, und das Böse, das sie ihm nicht antun konnten, brüllten sie ihm zu.

Gräßliche, unflätige Schmähungen, mit spöttischen Ermunterungen und Flüchen gemischt, rief man ihm zu, und als ob ihnen sein jetziger Schmerz noch nicht genügte, kündigten sie ihm noch fürchterlichere für die Ewigkeit an.

Dieses wüste Geheul erfüllte Karthago mit stumpfsinniger Beharrlichkeit. Oft wurde eine Silbe, ein rauher, tiefer, wahnsinniger Ton minutenlang von dem ganzen Volk wiederholt. Die Mauern erbebten davon vom Fuß bis zur Spitze, und es schien Mâtho, als kämen die beiden Wände der Straße auf ihn zu und erhöben ihn vom Boden wie zwei ungeheure Arme, die ihn in der Luft erstickten.

Indessen erinnerte er sich, ehemals gleiches erfahren zu haben. Das war dieselbe Menge auf den Terrassen, dieselben Blicke, derselbe Zorn; aber damals ging er frei, alle wichen ihm aus, ein Gott deckte ihn; und diese Erinnerung, die allmählich bestimmter wurde, erfüllte ihn mit einer vernichtenden Traurigkeit. Schatten glitten vor seinen Augen vorbei, die Stadt drehte sich in seinem Kopf, sein Blut strömte aus einer Wunde seiner Hüfte, er fühlte sich sterbend - seine Knie brachen zusammen, und er sank langsam auf das Pflaster.

Da nahm einer im Vorhof des Melkarth-Tempels die Schürstange eines vom Kohlenfeuer rotglühenden Dreifußes, schob sie unter die erste Kette hindurch und drückte sie auf die Wunde; man sah das Fleisch rauchen; das Hohngeschrei des Volkes erstickte Mâthos Stimme; er stand wieder aufrecht. Aber sechs Schritte weiter fiel er wieder, und ein drittes und viertes Mal; immer trieb ihn eine neue Qual auf. Man bespritzte ihn aus Röhren mit kleinen Tropfen siedenden Öls; man streute auf seinen Weg Glasscherben; er setzte seinen Leidensgang fort. Aber an der Ecke der Sateb-Straße lehnte er sich unter dem Schirmdach eines Ladens mit dem Rücken gegen die Mauer und ging nicht weiter.

Da schlugen ihn die Sklaven des Rates mit ihren Peitschen von Flußpferdhaut so heftig und so lange, daß die Fransen ihrer Tuniken von Schweiß trieften. Mâtho schien unempfindlich zu sein; dann nahm er plötzlich einen Anlauf und lief aufs Geratewohl, indem er mit den Lippen ein Geräusch machte wie jemand, der vor Frost zitterte. - Gustave Flaubert, Salammbô. Köln 2000 (zuerst 1862)

Weg (3)  Als wir auf dem Eiermarkt an dem Schönbornpalast vorbeigingen, sagte Kafka: »Das ist keine Stadt. Das ist der zerklüftete Boden eines Zeitozeans, bedeckt mit dem Steingeröll verglühter Träume und Leidenschaften, zwischen denen wir - wie in einer Taucherglocke - spazieren gehen. Es ist hier interessant, doch mit der Zeit verliert man den Atem. Man muß - wie alle Taucher - emporsteigen, sonst sprengt einem das Blut die Lunge. Ich habe hier eine Zeitlang gewohnt. Ich mußte weg. Es war zu weit.«

»Ja«, nickte ich, »die Verbindung mit der inneren Stadt ist nicht gut. Man muß über die alte Steinbrücke und dann durch ein Gewirr von winkeligen Gassen. Es gibt hier keinen direkten Weg.«

Kafka schwieg einige Augenblicke. Dann schloß er sich meinen Ausführungen mit einer Frage an, die er sofort selbst beantwortete.

Er sagte: »Gibt es für uns überhaupt irgendwo einen direkten Weg? Ein, direkter Weg ist nur der Traum, und der führt nur in die Irre.«

Ich sah Doktor Kafka verständnislos an. Wie hing der Weg von der Kleinseite zur Versicherungs-Anstalt auf dem Poric mit einem Traum zusammen?

Um die in mir aufsteigende Verwirrung zu verbergen, sagte ich halblaut: »Mit der Straßenbahn kommt man auch nicht richtig vorwärts. Man muß umsteigen, und es dauert da gewöhnlich ziemlich lange, ehe man eine passende Verbindung bekommt.«

Doktor Kafka schien mich jedoch überhaupt nicht zu hören. Er ging, das Kinn vorgestreckt und die Hände in den Taschen des dünnen, grauen Überziehers vergraben, mit so eiligen Schritten die steile Spomergasse hinunter, daß ich, der ich ihm knapp zur Schulter reichte, mich tüchtig abzappeln mußte, um ihn nicht zu verlieren. Kafka selbst schien dieser Eilmarsch aber erst unten auf dem Kleinseitner Ring ins Bewußtsein zu treten.

Er blieb bei der Haltestelle der elektrischen Straßenbahn stehen und meinte mit einem verlegenen Lächeln: »Es sieht so aus, als wollte ich Ihnen durchgehen. Bin ich nicht zu schnell gegangen?«

»Es war nicht so arg«, entgegnete ich und fuhr mit dem Taschentuch hinter den schweißfeuchten Hemdkragen. »Man geht immer etwas schneller, wenn man einen Berg hinuntergeht.«

Doch damit war Doktor Kafka nicht einverstanden. »Nein, nein! Das tut nicht der Berg allein. Da ist noch die schiefe Ebene in mir. Ich rolle wie eine Kugel der Ruhe entgegen. Das ist eine Schwäche, durch die man jede Haltung verliert.«

»Es war nicht so arg«, wiederholte ich, aber er schüttelte nur den Kopf.

Er sah über mich hinweg zur Mündung der Thomasgasse. Dabei sprach er leise weiter. Es klang wie ein lautgewordenes Selbstgespräch: »Die Ruhe zwischen den alten Häusern wirkt wie eine Sprengladung, die alle inneren Dämme zerbricht. Die Beine laufen den Berg hinunter, und die Stimme baut - Wort um Wort - einen Bilderberg auf. Die Grenze zwischen außen und innen verschwindet. Man treibt durch die Gassen wie durch Kanäle dunkler Zeitabwässer dahin. Man lauscht seiner eigenen Stimme und glaubt etwas besonders Kluges und Witziges zu hören. Dabei handelt es sich aber nur um eine krampfhafte Verschleierung der Selbstentwertung. Man blickt sich selbst - sozusagen - verächtlich über die Achsel an. Es fehlt nur noch, daß man in die Tasche nach Papierblock und Füllfeder greift, um sich selbst einen anonymen Brief zu schreiben.« In der Mündung der Thomasgasse erschien nun eine langsam fahrende Straßenbahn.

Kafka fuhr auf, als ob er erwachen würde. Er sagte: »Nun, unsere Nummer ist da. Wir können einsteigen« - und schob lächelnd die Hand unter meinen Arm. - Gustav Janouch, Gespräche mit Kafka. Aufzeichnungen und Erinnerungen. Frankfurt am Main 1981 (Fischer Tb. 5093, zuerst 1954)

Weg (4)  TEOFILO — spät abends nachhause zurückgekehrt, findet er vor seiner Tür die Herren Florio und Gwinne, die ihn überall vergeblich gesucht hatten. Als sie ihn kommen sahen, sagten sie: Machen wir uns bitte gleich auf den Weg, denn viele Ritter, Edelleute und Doktoren warten auf Euch. Unter denen, die mit Euch disputieren sollen, ist auch einer, der denselben Nachnamen hat wie Ihr. Da kann ja nichts mehr schiefgehen (sagte der Nolaner). Bis jetzt habe ich nur den Fehler begangen, zu hoffen, die Angelegenheit noch bei Sonnenlicht erledigen zu können, aber ich sehe nun, daß wir bei Kerzenlicht disputieren werden. Meister Gwinne entschuldigte die Verspätung damit, daß einige Ritter, die gern dabei sein wollten, nicht zu Mittag, sondern erst zum Abendessen hätten kommen können. Nun denn (sagte der Nolaner), machen wir uns auf und bitten Gott, er möge uns an diesem finsteren Abend auf einem so langen Weg durch so unsichere Straßen begleiten.

Obwohl wir auf der direkten Straße waren, glaubten wir, wir könnten den Weg abkürzen, indem wir zur Themse einbogen, in der Hoffnung, dort einen Kahn zu finden, der uns zum Palast bringen würde. Wir kamen zum Steg am Palast von Lord Buckhurst und verbrachten dort soviel Zeit damit, oares, id est Bootsmann zu rufen und zu brüllen, als genügt hätte, bequem zu Fuß unser Ziel zu erreichen und dabei noch etwas zu erledigen. Endlich antworteten aus der Ferne zwei Fährmänner, und ganz langsam und vorsichtig, als sollten sie gehängt werden, näherten sie sich dem Ufer. Erst nach vielem Hin- und Herfragen über das Woher, Wohin, Warum, Wie und Wieviel legten sie endlich mit dem Bug an der letzten Stufe des Stegs an. Der eine, der so aussah wie der antike Fährmann der Unterwelt, reichte dem Noianer die Hand, und der zweite, der dessen Sohn zu sein schien, obwohl er mindestens schon 65 Jahre alt war, half darauf uns anderen ins Boot-. Ohne daß ein Herkules, ein Aeneas oder ein König von Sarza, ein Rodomonte, das Boot betreten hatte,

gemuit sub pondere cimba
Sutilis, et multam accepit limosa paludem.

Als der Nolaner die Musik hörte, sagte er: Gebe Gott, daß es nicht Charon ist. Ich glaube, dieser Kahn ist ein Nacheiferer des ewigen Lichtes. Er kann es an Jahren gewiß mit der Arche Noah aufnehmen und ist, meiner Treu, sicher ein Überbleibsel aus der Zeit der Sintflut. Der Kahn knarrte, wo immer man ihn berührte, und bei der geringsten Bewegung ging ein Ächzen durch den ganzen Bau. Jetzt glaube ich (sagte der Nolaner), daß es kein Märchen ist, daß die Mauern (von Theben, wenn ich mich recht erinnere) Stimmen besaßen und manchmal Lieder anstimmten. Wenn Ihr es nicht glaubt, so hört nur auf die Laute dieses Kahns. Es klingt wie lauter Pfeifen neben dem Zischen des Wassers, das von allen Seiten durch die Spalten und Ritzen ins Boot eindringt. Wir lachten, aber Gott weiß, wie.

Als Hannibal dem arg bedrängten Reich
Ein solches Unheil widerfahren sah,
Da lacht' er unter weinenden Gefährten.

PRUDENZIO Risus sardonicus.

TEOFILO Von dieser süßen Harmonie eingeladen, wie von Liebe, Zorn, Zeiten und Jahreszeiten begleiteten wir die Musik mit Liedern. Herr Florio (an seine Geliebten denkend) sang: Wo bist Du hin, mein süßes Leben. Der Nolaner fiel ein: Der Sarazen in Schmerzen, o weibliches Gemüt usw. So ganz allmählich ging es voran, soweit der Kahn es zuließ, der (wenn er auch durch die Holzwürmer und die Zeit so morsch wie Kork geworden war) in seinem festina lente ganz aus Blei zu sein schien. Die Arme der beiden Alten vermochten nur wenig auszurichten, denn obgleich sie mit den Körpern weit ausholten, machten sie mit den Rudern nur kurze Schläge.

PRUDENZIO Optime discriptum illud, festina, mit dem flinken Rücken der Schiffer, lente, mit der Wirkung der Ruder, vergleichbar schlechten Arbeitern des Gartengottes.

TEOFILO So brachten wir viel Zeit aber wenig Weg hinter uns, und wir hatten kaum ein Drittel der Strecke zurückgelegt, nämlich bis kurz hinter den Ort, der Temple heißt, als unsere Gevattern plötzlich, anstatt sich zu beeilen, dem Ufer zusteuerten. Was soll das bedeuten, fragt der Noianer. Sie wollen doch nicht etwa verschnaufen? Man erklärte ihm, jene wohnten hier und wollten deshalb nicht weiter fahren. Da war alles Bitten vergebens, dennyliese Kerle sind so gefühllos, daß selbst die Pfeile Amors an ihrer Brust abprallen.

PRUDENZIO Principio omni rusticorum generi, hoc est a natura tributum, ut nihil virtutis amore faciant; et vix quicquam formidine paenae.

FRULLA Es gibt noch ein anderes Sprichwort, das auf dieses gemeine Volk zutrifft:

Rogatus turnet,
Pulsatus rogat,
Pugnis concisus adorat.

TEOFILO Kurz und gut, sie setzten uns aus, und nachdem wir bezahlt und uns auch noch bedankt hatten (denn dort bleibt einem nichts anderes übrig, selbst wenn einem so ein Lump unrecht getan hat), zeigten sie uns den kürzesten Weg zur Hauptstraße.

Nun steh mir bei, süße Mafelina, Muse des Merlin Cocai. Es war ein Weg voller Schlamm, der weder für gewöhnlich noch unter glücklichen Umständen einen Durchgang bot. Der Nolaner aber, der mehr studiert hat als wir und sich in den Schulen besser auskennt, sagte:

Mir scheint, ich sehe einen Ausweg, wenn er auch verdammt schwer sein wird. So folgt mir denn! Doch kaum hatte er das gesagt, versank er auch schon so tief im Schlamm, daß er die Beine nicht mehr herausziehen konnte. So gingen wir mitten hindurch, einer dem anderen beistehend, in der Hoffnung, dieses Purgatorium würde bald ein Ende nehmen. Doch von einem ungerechten und harten Geschick verfolgt, fanden wir uns alle miteinander in einem schlammigen Durchgang wieder, der wie der Garten der Eifersucht oder des Entzückens auf beiden Seiten von hohen Mauern umgeben war. Da kein Licht uns den Weg leuchtete, konnten wir die Strecke, die wir zurückgelegt hatten, nicht von der unterscheiden, die noch vor uns lag, und hofften bei jedem Schritt auf das Ende. Immer mitten durch den glitschigen Schlamm watend, sackten wir bis zu den Knien in die Tiefe der dunklen Unterwelt. Keiner konnte hier dem anderen einen Rat geben, wir wußten nicht, was wir sagen sollten, und nur gelegentliches wütendes Zischen, Murmeln, Seufzen und verstohlenes Fluchen unterbrach das allgemeine Schweigen. Da uns die Augen ihren Dienst versagten, wurden die Füße sich gegenseitig zum Führer; ein Blinder mußte den anderen leiten.

Wie einer, der danieder liegt und klagt,
Daß allzu träge nur die Zeit verfließt,
Und bald von Steinen, bald von Zauberformeln,
Erlösung sich erhofft von seinen Schmerzen;

Bis er im Leiden schließlich dann erfährt,
Daß jedes Mittel vor dem Schmerz versagt,
Verzweifelnd sich dem Schicksal ruhig beugt,
Und weitere Hilfe selbst im Sterben schmäht;

so erging es auch uns, als wir trotz wiederholter Versuche keine Abhilfe für unser Übel gefunden. Ohne uns weiter zu bemühen und vergebens den Kopf zu zerbrechen, wateten wir entschlossen durch dieses Schlammmeer, dessen träger Fluß in die tiefen Fluten der Themse sich ergoß.

PRUDENZIO O welch schöner Schluß!

TEOFILO Ein jeder von uns dachte an den Entschluß des Blinden in Epicuros Tragödie:

Wohin mich Blinden auch das Schicksal führt,
Da laß mich gehn, soweit die Füße tragen,
Und komm aus Mitleid weiter nicht mit mir.
Ich find' schon einen Graben, einen Stein,
Der mich von meiner großen Pein erlöst,
Und in den Abgrund tief mich stürzen läßt.

Doch durch die Gnade der Götter (denn, wie Aristoteles sagt, non dafür infinitum in actu) fanden wir uns schließlich, ohne größeren Übeln zu begegnen, in einem Pfuhl wieder, der zwar nur einen ganz schmalen Rand zum Gehen bot, aber dennoch so höflich war, uns wieder aufzurichten, indem er unseren Füßen keine weiteren Hindernisse in den Weg legte. Bis er uns schließlich (während wir den Pfad immer höher stiegen) zu einer freundlichen Regenrinne führte, die auf einer Seite einen steinigen Weg freiließ, auf dem man die Füße ins Trockene setzen konnte. Allerdings strauchelten wir bei jedem Schritt wie Betrunkene, nicht ohne Gefahr zu laufen, Hals und Beine zu brechen.

PRUDENZIO Conclusio, conclusio.

TEOFILO Um zum Schluß zu kommen, tandem laeta arva tenemus. Auf der Hauptstraße angelangt, schien es uns, als seien wir auf den Elysischen Gefilden. Und als wir uns umsahen, wohin uns diese verwünschte Abzweigung geführt hatte, bemerkten wir, daß wir nur ein paar Schritte von der Stelle entfernt waren, an der wir abgebogen waren, um zu den Bootsleuten zu gelangen, ganz in der Nähe der Wohnung des Noianers. 0 unbeständige Dialektiken, verschlungene Zweifel, lästige Trugschlüsse, spitzfindige Fangschlüsse, dunkle Rätsel, verworrene Labyrinthe, verteufelte Sphinxe, löst Euch auf oder laßt Euch lösen!

Am Scheideweg, bei diesem zweifelhaften Schritt,
Was soll ich Armer tun, was soll ich sagen?
Auf der einen Seite zog es uns zu unserer Wohnung,

denn Meister Schlamm und Meister Sumpf hatten uns solche Dreckstiefel verpaßt, daß wir kaum die Beine heben konnten. Auch sprachen die einfachsten Regeln der Weg- und Zeichendeutung dagegen, die Reise fortzusetzen. Die Sterne, die sich alle in den Mantel der Nacht gehüllt hatten, ließen uns im Dunkeln und drängten uns zur Rückkehr. Das Wetter riet davon ab, einen so weiten Weg fortzusetzen, und ermunterte uns, das kurze Stück zurückzukehren. Die Nähe der Wohnung winkte einladend. Die Umstände, die uns mit einer Hand wieder bis hierhin zurückgeholt hatten, stießen uns nun mit zwei noch stärkeren Armen weiter zurück. Die Müdigkeit schließlich (gleich dem natürlichen inneren Prinzip, das den Stein zum Mittelpunkt bewegt) wies uns denselben Weg und ließ uns nach rechts neigen. Auf der anderen Seite riefen uns die vielen Mühen, Anstrengungen und Beschwerden, die wir sonst vergebens auf uns genommen hätten. Aber die Zweifel wollten nicht verstummen: wenn dieses Stückchen Weg, das keine 25 Schritte beträgt, schon soviel Anstrengung gekostet hat, wie soll es erst mit dem langen Weg werden, der noch vor uns liegt?   - Giordano Bruno, Das Aschermittwochsmahl. Frankfurt am Main 1981 (it 548, zuerst ca. 1580)

Weg (5)

Es gibt ein chaotisch gestaltetes Wesen,
das war schon vor Himmel und Erde
Still und leer,
steht es allein und verändert sich nicht,
kreist es und erschöpft sich nicht
Vielleicht ist es die Mutter der zehntausend Dinge
Ich kenne seinen Namen nicht,
daher nenne ich es den Weg
Ich finde keinen besseren Namen
und bezeichne es als groß

Es ist groß,
und es fließt dahin,
es fließt immer weiter,
und auch wenn es wegfließt,
kommt es zurück

- (tao)

Weg (6)   SEINEN WEG MACHEN. Diese Redewendung hat nichts gemein mit dem religiösen Akt, der darin besteht, seinen Kreuzweg zu gehen. Es ist sogar unerläßlich, nicht allzu häufig Kreuzwege zu gehen, wenn man seinen Weg halbwegs rasch machen will. Man muß sich sagen, daß das eben ein gewisses Hindernis ist, weil die Praxis des Kreuzweges unvereinbar erscheint mit der Biegsamkeit, wie sie für einen Menschen unabdingbar ist, der sich entschlossen hat, seinen Weg zu machen.

Gleichwohl gibt es diesen und jenen Weg, obwohl alle, wie man sagt, nach Rom führen. Es gibt samtweiche und steinige Wege. Es gibt Wege, die steil ansteigen, und Wege, die jäh abfallen. Es gibt den großen, glanzvollen Weg und den kleinen Schlendrian. Es gibt auch den Querfeldeinweg, der manchmal der kürzeste ist und den gewöhnlich die Reisenden wählen, die nicht unter die Räder kommen wollen. Dennoch hat man beobachtet, daß er häufig vom Rad der Fortuna eingeschlagen wird. Das Wichtigste ist, nicht in den tiefen und gefährlichen Spurrinnen auszugleiten, die von diesem durchaus nicht leichten Rad ausgehöhlt worden sind.

Nicht weniger wichtig ist es, mit aller Energie die Schwachen oder Armen beiseite zu drängen, denen man dort begegnen kann, und vor allem darf man sich von niemandem, wer es auch sei, überholen lassen und zurückbleiben. Die ihren Weg gemacht haben, werden Ihnen sagen, daß es Umstände gibt, unter denen man sich nicht scheuen darf, die allzu eiligen anderen Leute auf diese oder jene Weise aus dem Felde zu schlagen. Das Sicherste ist, über seinen Mitbewerber hinwegzusteigen, nachdem man ihm zuvor die Kehle durchschnitten hat.  - (bloy)

Weg (7)    Das Teufelskraut ist nur einer von Millionen Wegen. Jedes Ding ist eins von Millionen Wegen (un camino entre cantidades de caminos). Darum mußt du immer daran denken, daß ein Weg nur ein Weg ist. Wenn du fühlst, daß du ihn nicht gehen willst, mußt du ihm unter gar keinen Umständen folgen. Um so viel Klarheit zu haben, mußt du ein diszipliniertes Leben führen. Nur dann wirst du wissen, daß ein Weg nur ein Weg ist, und dann ist es für dich oder für andere keine Schande, ihm nicht zu folgen, wenn es dein Herz dir sagt. Aber deine Entscheidung, auf dem Weg zu bleiben oder ihn zu verlassen, muß frei von Furcht oder Ehrgeiz sein. Ich warne dich. Sieh dir den Weg genau und aufmerksam an. Versuche ihn, so oft es dir notwendig erscheint. Dann stell dir, und nur dir selbst, eine Frage. Diese Frage ist eine, die sich nur alte Männer stellen. Mein Beschützer nannte sie mir einmal, als ich jung und mein Blut zu unruhig war, um sie zu verstehen. Heute verstehe ich sie. Ich will dir sagen, wie sie lautet: Ist dieser Weg ein Weg mit Herz? Alle Wege sind gleich: sie führen nirgendwo hin. - Carlos Castaneda, Die Lehren des Don Juan. Ein Yaqui-Weg des Wissens. Frankfurt am Main 1980

Weg (8)  Wie die Eleaten, wie Augustin ahnte Novalis, daß die Innenwelt der unumgängliche Weg ist, um wirklich zur Außenwelt zu gelangen und zu entdecken, daß die beiden eine einzige sein werden, wenn die Alchimie dieser Reise einen neuen Menschen ergibt, den großen Versöhnten. - (cort)

Weg (9)  Um irgendeinen Weg zu Ende zu gehen muss man unendlich viele Wege zu Ende gehen. Um von A nach B zu gelangen, muss man zuerst von A nach A' gehen, was in der Mitte von A und B liegt, dann nach A" in der Mitte von A' und B usw. Es ist aber logisch absurd, dass jemand alle unendlich vielen Wege durchschritten haben sollte, so wie es logisch absurd ist, dass jemand alle unendlich vielen Aufgaben erledigt haben sollte. Es ist daher absurd anzunehmen, dass jemals irgendjemand irgendeinen Weg zu Ende gegangen ist. - Nach (bar2)

Weg (10)  Nachdem wir so zwei Tag lang gesegelt, kam uns das Eiland Hodi vor Augen, wo wir etwas Merkwürdiges sahen. Die Weg allda sind Tier, wenn anders der Schluß des Aristoteles nicht trügt: daß ein unfehlbar Zeichen und Merkmal eines Tieres war, wenn sichs von selbst bewegt. Denn dorten wandern die Weg wie Tier umher, und ihrer etliche sind Irrweg, nach der Planeten Gleichnis, andre Fahr- und Fußweg, Kreuzweg, Schleichweg. Und wenn die fremden Passagier, Knecht oder Landeskinder frugen: »Wo geht der Weg 'naus, oder der?« so hört ich, daß die Antwort war: bei der Windmühl, am Wirtshaus; aufs Dorf, aufs Stadel, ans Wasser. Darauf hockten sie sich jeder auf seinen Weg und kamen ohn all ihr Zutun, ohn ein Glied zu rühren, an den Ort, wohin sie wollten, wie ihr in Arles oder Avignon die Leut auf der Rhon' ankommen seht, die in Lyon zu Kahne steigen. Und, wie ihr wißt-, daß unterm Mond kein Ding durchaus vollkommen, nichts in allen Stücken glücklich ist: so sagt' man uns auch, daß daselbst eine Rass' von Kerlen war, sie hießens Wegeplacker und Pflastertreter, vor denen Hefen und scheuten sich die armen Weg als wie vor Mördern: denn sie warteten an der Straß ihnen wie Wölfen und Schnepfen auf, denen man Luder und Streichgarn legt. Von denen sah ich die Diener der Gerechtigkeit einen m Verwahrsam führen, weil er ganz unbilligerweis und Frau Minerven zum Schabernack, den Weg zur Schul ergriffen hätt, welches der längst von allen war. Ein andrer wieder macht' sich breit, wie er vielmehr auf gut soldatisch den kürzesten ergriffen hätt; und meint', der Fund brächt ihm den Nutzen, daß er dadurch meist, was er wollt, der erst erreicht' und habhaft würde.

Wie eines Tags auch Karpalim zu Epistemon sprach, als er um, seine Ent in der Faust, an eine Mauer harnen traf: es wundert' ihn nicht mehr, wenn er ihn beim Lever des guten Pantagruel allzeit zuerst erscheinen sah, weil er immer den kürzesten von allen zog, und der am wenigsten staucht' und stieße.   - (rab)

Weg (11)  »Alle Wege sind recht, rnan muß nur zugehen.«  Das ist ein Satz von Barlach, und  er fällt mir immer wieder ein, und ich zweifle ihn immer wieder an, und so auch jetzt

Nun gut, also dieser Weg: Parallel zum Ufer, etwa fünfzig Meter vom Ufer ab, vielleicht einen Meter breit, aus gestampftem hellgelbem grießigem Kies, der wie Beton aussieht, aber leicht bröckelt, und er läuft parallel zur Straßenseite des Dorfes und endet in der das Dorf begrenzenden Straße hügelauf: Geh zu

Dies Beispiel war als verspieltes Ad-absurdum-Führen des Barlachschen Satzes gemeint, aber Barlach bekommt nun auf eine wirklich absurde Weise recht: Ein paar hundert Meter auf eben diesem Weg weitergegangen, sieht man jenes Gebilde aus Hauch zwischen Strom und Himmel, das man nicht -hat beschreiben können, deutlich als Bergkette, deutlich gegliedert, ziemlich hoch und massig, deutlich über dem Fluß erhoben, deutlich unter dem blauen Himmel, und es ist 'gänzlich undenkbar, daß dies jemals ein Hauch gewesen sein kann

Der Betonweg ist zu Ende; hinauf zur Dorfstraße ein Saumpfad, gratartig, zwischen Gärten aus Weidenbäumen, und schwarze Rinnsale am Grund beider Flanken: Geh zu   - Franz Fühmann, Drei Tage von zweiundzwanzig: Budapest. Nach: F.F., Den Katzenartigen wollten wir verbrennen. München 1988 (dtv 10844)

Weg (12)  Ich habe schon gesagt, daß ich zwar ohne Eile, aber nicht unbekümmert dahingehe. Eigentlich bin ich sehr ruhig. Glücklich bin ich nicht, verlange es auch nicht zu sein, ich mache selbstverständlich keine Pläne, spüre aber fest in meinem Inneren eine hartnäckige Ruhe verankert, deren Mittelpunkt sich in meinem Bauch befindet. Ich glaube, nun ist es klar, was ich meinte, als ich von meiner Aufmerksamkeit sprach. Da ich nämlich einen Weg zurücklegen, unbedingt zurücklegen muß, lege ich ihn mit Aufmerksamkeit zurück. Mein Gehen hat etwas Pedantisches, und die Pedanterie ist bestimmt keine Tugend, die an und für sich Freude und Befriedigung bringt. Ich habe nämlich keinen Grund, stolz auf mich zu sein, was aber keineswegs heißen soll, daß ich mich verachte. Dieser Gemütszustand, der aus der Erfüllung einer langwierigen und geduldigen Aufgabe entspringt, kommt der Ruhe zugute. Ich verlange nicht, daß diese Ruhe der sogenannte »Seelenfriede« ist, was auch immer er sein mag. Vermutlich ist der Seelenfriede ein froher, erleuchteter, glücklicher Geisteszustand. Ich habe jedoch auch den Eindruck, jener »Friede« muß etwas Unruhiges und Geräuschvolles sein. Vielleicht gefällt er mir gar nicht oder geht mich nichts an. Weitaus mehr liebe ich meine jetzige Ruhe, der es nicht an einem Anhauch Unredlichkeit gebricht, da sie sich aus meiner Beziehung zur Straße nährt. Wie ich eine Beziehung zu jedem Haus oder zu jeder Bank habe, wo ich raste oder mich aufhalte oder die ich auch nur sehe, so habe ich auch eine Beziehung zur Straße. Lange Zeit war diese Beziehung äußerst schwierig. Die Erinnerung fällt mir zwar schwer und ist mir eigentlich unangenehm, aber ich kann doch nicht vergessen, daß mir die Straße lange Zeit anstrengend, frustrierend und ironisch erschien. Damals wanderte ich des Nachts, aß im Stehen, mißachtete die Aufmerksamkeiten der Ehefrauen, die sicherlich einen besseren Mann verdient hätten. Ich führte beim Gehen Selbstgespräche, und manchmal stellte ich mich auf die Bänke, um zu sehen, wieviel Weg noch vor mir lag. Auch hinterließ ich Spuren, als wollte ich wohl gerade die Straße wissen lassen, daß ich immer noch daran dachte umzukehren. Einmal kletterte ich auf das Dach eines Hauses, um so weit in die Ferne zu sehen, wie es ging. Ich ging im Regen dahin und empfand den lauwarmen Tränenfluß als eine Art Nächstenliebe. Ich vergeudete meine Energie in vagen, vergeblichen Gebärden, deklamierte Verse aus dem Stegreif und suchte den Straßenrand nach Spuren anderer Passanten oder Zeichen ab.    - Giorgio Manganelli, Reisenotizen. In: (irrt)

Weg (13)   Es gefällt mir, am Anfang einer Gabelung Rast zu machen, und man weiß ja, daß ein Labyrinth in erster Linie aus Gabelungen besteht; es gefällt mir, die köstliche Ungewißheit des Irrtums auszukosten; denn auch wenn sicher ist, daß einer der Wege den Irrtum darstellt, so ist doch nicht sicher, daß der andere den Irrtum ausschließt. Die Dunkelheit, das langsame Vorwärtskommen, die ungeheure Länge der Strecken zwingen mich, lange im Ungewissen zu bleiben, welcher der beiden Wege mit geringerer Wahrscheinlichkeit der irrtümliche ist; jedenfalls habe ich bis heute nur solche Wege erkundet, die ich als irrtümlich bezeichnen muß, obwohl nicht einmal sicher ist, daß sie es sind; aber eines kann ich sagen: daß keiner dieser Wege mich zu dem Ort geführt hat - und ich würde ihn ganz sicher erkennen -, der die Ansprüche des Labyrinths erfüllt. Groß ist die Faszination des Labyrinths, seine strenge Neigung, absolute Fragen zu stellen und sie zugleich in indirekter, ausweichender, fast spielerischer, schlauer und kindlicher Weise zu äußern.

Jeder Weg ist ein Weg, aber er ist auch eine Halluzination, ein Weg, so scheint es, auf ein Ziel zu, aber da dieses Ziel, was immer es ist, nie erreicht wird, außer es handelt sich um einen weiteren Weg, wäre es auch möglich, daß jeder Weg eine Täuschung, ein Trugbild, ein Schabernack ist, um mir durch ein ins Dunkel gezeichnetes Lügenideogramm einzureden, daß es letzten Endes klug wäre, sich gar nicht zu bewegen. Aber da wir uns einig sind, daß dies zwar ein Spiel ist, aber vielleicht ein Spiel, das ein Schicksal vortäuscht, probiere ich einen Weg, und muß am Ende wieder umkehren und den Weg zurückgehen, oder ich stoße auf eine weitere Gabelung; tatsächlich ist das, was mir als Ziel angeboten wird, jedesmal eine Gabelung, sei es eine neue, sei es eine bereits erprobte, deren Losung - im übrigen offensichtlich falsch - ich aber bereits vergessen habe. Zuweilen geschieht es mir, daß ich mich ständig in einem Bereich weniger Straßen bewege, die so angelegt sind, daß sie sich fast vollständig ähneln, weshalb ich sie jedesmal gleichzeitig wiedererkenne und mißverstehe, während sie mich jedesmal zu einer Gabelung zurückbringen, die mir vermutlich bekannt ist oder nur einer anderen, vergeblich erprobten, ähnlich; in Wirklichkeit habe ich jenen Bereich, in dem ich mich als drinnen im Labyrinth erkannte, nur sehr selten überschritten; und wenn es doch einmal geschah, dann habe ich das Gefühl gehabt, ganz nahe beim Zentrum zu sein - ohne im übrigen zu wissen, welche Funktion dieses Zentrum im Labyrinthspiel hatte - und habe den Schrecken erlebt, mich verirrt zu haben und keine andere Rettung zu sehen als die Zerstörung des Labyrinths, wenn diese je möglich und ernstlich denkbar war.

Ich weiß nicht, ob es eine umfassende Zeichnung mit einer Lösung gibt, aber ich würde glauben, daß man kein Labyrinth erfindet, ohne den Plan, einen Weg, einen Ausgang anzubieten; oder auch dieses ist nicht unmöglich: das Labyrinth ist selbst der Weg, und kein anderer ist denkbar, planbar, begehbar; dann ist das Labyrinth also einfach das Modell des Wegs, die Weghaftigkeit, hab' ich recht?  - Giorgio Manganelli, Der endgültige Sumpf. Berlin 1993 (zuerst 1991)

Weg (14)  Jõshu fragte den Lehrer Nansen: „Was ist der wahre Weg?" Nansen antwortete: „Der alltägliche Weg ist der wahre Weg." Jõshu fragte: „Kann ich ihn studieren?"

Nansen antwortete: „Je mehr du studierst, um so weiter vom Weg." Jõshu fragte: „Wenn ich ihn nicht studiere, wie kann ich ihn dann erkennen?" Nansen antwortete: „Der Weg gehört weder den gesehenen Dingen an, noch den ungesehenen. Er gehört weder zu den bekannten Dingen, noch zu den unbekannten. Suche ihn nicht, studiere ihn nicht, benenne ihn nicht. Um Dich auf ihm zu finden, öffne Dich soweit wie der Himmel."  - (hof)

Weg (15)

Weg (16)  LEONCE. Gott sei Dank, daß ich anfange, mit der Melancholie niederzukommen! Die Luft ist nicht mehr so hell und kalt, der Himmel senkt sich glühend dicht um mich, und schwere Tropfen fallen. - O diese Stimme: ›Ist denn der Weg so lang?‹ Es reden viele Stimmen über die Erde, und man meint, sie sprächen von andern Dingen, aber ich habe sie verstanden. Sie ruht auf mir wie der Geist, da er über den Wassern schwebte, eh das Licht ward. Welch Gären in der Tiefe, welch Werden in mir, wie sich die Stimme durch den Raum gießt! - ›Ist denn der Weg so lang?‹ Geht ab

VALERIO. Nein, der Weg zum Narrenhaus ist nicht so lang; er ist leicht zu finden, ich kenne alle Fußpfade, alle Vizinalwege und Chausseen dorthin. Ich sehe ihn schon auf einer breiten Allee dahin, an einem eiskalten Wintertag, den Hut unter dem Arm, wie er sich in die langen Schatten unter die kahlen Bäume stellt und mit dem Schnupftuch fächelt. - Er ist ein Narr! Folgt ihm.  - Georg Büchner, Leonce und Lena

Weg (17)  Nan-ch'üan sprach: „Der Geist ist nicht Buddha; Erkenntnis ist nicht der Weg."

Wu-mert erklärt:

Nan-ch'üan hat sozusagen, als er alt wurde, sich nicht geschämt. Er hat seinen übel riechenden Mund nur wenig geöffnet und das Häßliche im eigenen Hause nach draußen gezeigt. Trotzdem wissen nur wenige ihm Dank.

Der Gesang lautet:

Wenn das Wetter klar ist, geht die Sonne auf;
Wenn Regen fällt, wird die Erde feucht.
Mag einer mit voller Kraft alles erklären,
Nur kann vielleicht grade (der Partner) nicht glauben.

- Nach: Douglas R. Hofstadter, Metamagicum. Stuttgart 1991

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