rscheinung Aus der Tiefe der schwindelerregenden Wüste (deren Sonne Fieber und deren Mond Krämpfe bewirken) sahen sie drei Gestalten herannahen, die ihnen riesengroß vorkamen. Es waren drei menschliche Gestalten, und die in der Mitte hatte einen Stierkopf. Als sie näher kamen, sahen sie, daß der mittlere eine Maske trug, und daß die beiden anderen blind waren.

Einer (wie in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht) forschte nach dem Grund dieser wundersamen Erscheinung. »Diese da sind blind«, erklärte der Mann in der Maske, »weil sie mein Antlitz geschaut haben.« - Jorge Luis Borges, Universalgeschichte der Niedertracht, nach (bo3)

Erscheinung (2) Jedenfalls sind der Mann, welcher das Weib flieht, und das Weib, welches dem Geschlechtsgenuß nachgeht, abnorme Erscheinungen. - Richard von Krafft-Ebing, Psychopathia sexualis (1886)

Erscheinung (3) Es kamen die Träume alter Frauen oder, wie ich sagen müßte, die Deutungen von anderer Leute Träumen durch alte Weiber, und diese brachten nun eine große Menge Menschen um den Verstand. Einige hörten Stimmen, die sie ermahnten, sich wegzubegeben, weil eine solche Pest in London herrschen werde, daß die Lebenden nicht imstande sein würden, die Toten zu beerdigen; andere nahmen Erscheinungen in der Luft wahr, und es muß mir erlaubt sein, es, wie ich hoffe, ohne Verletzung der Nächstenliebe auszusprechen, daß sie Stimmen hörten, die niemals sprachen, und Gesichte hatten, die nie erschienen. Aber die Einbildung der Leute war wirklich unberechenbar und wie besessen geworden, und es ist kein Wunder, wenn Menschen, die beharrlich nach den Wolken spähten, Gestalten und Figuren sahen, Darstellungen und Erscheinungen, die aus nichts als aus Luft und Dampf bestanden. Hier erzählten sie uns, sie hätten ein von einer Hand gehaltenes flammendes Schwert gesehen, das aus einer Wolke hervorkam, und seine Spitze hätte gerade über der City gehangen. Dort sahen sie Leichenwagen und Särge in der Luft, die zur Bestattung gefahren wurden, und dort wieder ein Haufen von Leichen, die unbeerdigt dalagen, und anderes, womit gerade die Einbildung der armen verängstigten Leute sie mit Stoff versorgte, um ihn auszuspinnen:

Von Schiffen, Heeren, Schlachten ein Gewimmel
Sieht die erregte Phantasie am Himmel,
Bis klarer Blick das Dunstgebild erkennt
Als das, was man ganz einfach »Wolken« nennt.

- Daniel Defoe, Die Pest in London (zuerst 1722)

Erscheinung (4) Der Mann erscheint in der Früh als die nackte Wahrheit und reißt die Frau um. Er gibt ihr einen Hieb auf den Hintern, von fern herkommend. Die Tuben klappern schon auf dem Badezimmerbord, der Schonbezug zuckt auf dem Abort. Die Tiegel wiegen sich, weithin glänzend. Man hört die Stille, die in der Rute des Mannes die ganze Nacht gedauert hat. Dann spricht er, und durch nichts ist er abzuwenden. Auf dem ebenen Boden steht die Frau, müd vom langen Zug durch die Nacht, und ihre Öse soll jetzt geweitet werden. So intim wie ein Walzwerk ist sie schon lang geworden, denn sogar vor den Geschäftspartnern wird mit ihr der Länge und der Breite nach geprahlt, in kurzen kräftigen Klimmzügen eilen die schmutzigen Sprachsalven aus dem Direktor in die Höh. Und die Untergebenen schweigen verlegen. Der Mann ringt sich was ab, wir hören noch voneinander. Der Direktor greift in die Tasche dieses Körpers, der ihm gehört, beisammen sind die Geliebten, nichts fehlt. Dieser Mann ist ein Freund von lockerem Gerede, und immer lockt das Weib. Daher kann er unmöglich länger an sich halten, dieser stille Büchsenöffner, gleichwie die Pflanze das Licht hilflos sucht, sobald es abgedreht ist. Das Kind spielt schon recht nett auf Befehl allein. Wie wird dieses Kind erst aufgeigen, wenn es, nach Papas Vorbild im Reisespaß, ein Mann und Vater geworden ist! Auf das lange lästige Gestilltwerden kann sich das Kind gar nicht mehr besinnen, werden doch weiterhin all seine Forderungen gestillt. So lang hat die Frau sich an das Kind ausgeschenkt, und was lernt es daraus? Daß man Ausdauer haben muß, zeigt sich der Himmel in Gestalt eines Hügels, auf den man um einen schönen Preis rauf muß. - Elfriede Jelinek, Lust. Reinbek bei Hamburg 1992 (rororo 13042, zuerst 1989)

Erscheinung (5) Auf einmal kommt es ihm zum Bewußtsein, daß es für ihn nur das eine und einzige Mittel der Erscheinung gibt: Dynamit, irgendeinen hochwertigen Sprengstoff, und vielleicht noch die eine Möglichkeit, bei einer ungeheuerlichen Tat heil davon zu kommen, gefangen zu werden, verurteilt zu werden, sich zu verteidigen, zu sprechen, eine Lehre zu verkünden.

Und im Augenblick, in dem Grettir einmal jene geheime Beziehung zwischen sich und dem Sprengstoff festgestellt hat, ist er auch vollkommen entschieden, was er tun will, es hat keine Sekunde gedauert, bis er seinen Entschluß fertig formuliert hat, denn es gibt eben nur ein einziges, ganz großes Verbrechen. Natürlich wird man es bis zum Schluß geheimhalten, auch vor sich selbst nicht laut erwähnen, denn wie unwahrscheinlich ist es, daß Derartiges gelingt. Nein, die Tat, die Grettir plant,, ist groß genug, daß man mit ihr Geduld haben kann. Wenn Gott mit ihm ist, wird es gelingen, ohne ihn kann man nichts tun, man muß nicht an irgendeine Beschleunigung denken, sondern das, was man tut, in möglichster Vollkommenheit tun, und niemals würde es einen Menschen geben, der geneigt wäre, ein Helfer zu sein.

Es ist nicht so seltsam, daß Grettir genau in dem Augenblick, in dem er eine Tat plant, die Jeder gottlos nennen wird, zu der Meinung kommt: Wenn Gott mir hilft, wird es möglich sein. - Was ist dieser Gott, wer ist es? Nun, vor allen Dingen ist dieser Gott die Freude. Grettir weiß, daß er von Anfang an eine unerhörte Freude an seiner Tat haben wird, daß er sie bejubelt und begrüßt und nicht im Geringsten bedauern wird, er wird nicht das winzigste Gefühl des Hasses haben, sondern kindlich, - und manche würden sagen - kindisch versuchen, ob das möglich ist, ob es gehen wird.

Er will den Papst mitten im Vatikan in die Luft sprengen.  - Ernst Fuhrmann, Der Geächtete. Berlin 1983 (zuerst 1930)

Erscheinung (6)  Es ist oft nichts unphilosophischer als die Philosophen und nichts dümmer als die Gelehrten. Daß man sich dumm lernt und närrisch philosophirt, sind ziemlich gewöhnliche Erscheinungen.  - (seume)

Erscheinung (7)  Wenn mehr als eine Person, ohne vorhergegangene Communication, unvorbereitet und unerwartet eine Erscheinung, oder wenn sie auch nur einer sieht, doch Thatsachen sehen, die keinen andern Ursprung, als von der Erscheinung haben können, so ist es keine Vision, sondern eine wahre Geistes-Erscheinung. - (still)

Erscheinung (8)   Eine Zeitlang stand die Erscheinung nur einen Schritt entfernt und betrachtete ihn mit der geistlosen Bösartigkeit eines wilden Tieres; die Welt schien unterdessen grau vor Alter und Sünde zu werden, und der Geisterwald, als habe er mit dieser monströsen Steigerung der Schrecken seinen Zweck erfüllt, schwand mitsamt seinen Geistern und gespenstischen Lauten aus dem Bewußtsein Fraysers. Doch plötzlich streckte die Erscheinung die Hände vorwärts und sprang mit entsetzlicher Wildheit auf ihn zu! Das Geschehnis weckte seine physischen Kräfte, während sein Wille weiter gelähmt blieb. Zwar war sein Geist immer noch gebannt, aber sein kräftiger Körper und die flinken Glieder in ihrer blindwütigen, groben Behendigkeit wehrten sich tapfer und gut. Einen Augenblick lang beobachtete er diesen unnatürlichen Kampf zwischen kalter Intelligenz und mechanischer Abwehr wie ein Außenstehender - in Träumen gibt es manchmal solche Gefühle; seine Identität gewann er dadurch zurück, daß er sich in seinen Körper sozusagen hineinstürzte, so daß die angespannten mechanischen Bewegungen jetzt von einem Willen abgelenkt wurden, der so umsichtig und wild war wie der seiner gräßlichen Gegenspielerin.

Aber welcher Sterbliche kann sich mit einem Geschöpf seiner Traumwelt messen? Die Phantasie, die den Feind erschafft, ist schon besiegt; der Ausgang des Kampfes ist Ursache des Kampfes. Aber trotz seiner Abwehr, trotz aller Kraft und Aktivität, die im leeren Raum vergeudet zu sein schienen, fühlte er die kalten Finger unmittelbar an seiner Kehle. Hintenüber zur Erde gebeugt, sah er eine Handbreit über sich das tote, verzerrte Gesicht, und dann wurde alles schwarz. Ein Ton wie von einer Trommel in der Ferne, ein murmelndes Stimmengewirr, ein scharfer, ferner Schrei, dem wieder Stille folgte — und dann träumte Halpin Frayser, er sei tot. -  Ambrose Bierce, Der Tod des Halpin Frayser, in: A.B., Die Spottdrossel. Zürich 1978 (detebe 106)

Erscheinung (hoffmanneske)  Ottone Kressler war, wie ich mir gedacht hatte, lang und dünn. Sein längliches und schmales Gesicht sah aus, als hätten sie ihm als Kind mit Gewalt die Wangen eingedrückt. Er schien die Karikatur einer Hoffmann sehen Erscheinung zu sein. Tiefliegende, unglaublich tiefliegende Augenhöhlen mit zwei Lichtschimmern im Hintergrund; lange, krumme, geistige Nase; geschwungener Mund mit einem keineswegs weiblichen oder sinnlichen Mund, sondern im Gegenteil mit sarkastischen und bitteren Zügen, schiefstehende Zähne, spitzes Kinn. Das Gesicht war frisch rasiert und rötlich. Aber es war nicht jenes gesunde und natürliche Wangenrot, sondern ein dunkles Rot, wie von geronnenem Blut. Und es reichte hinunter bis zum Hals. Er war schlecht gekleidet, trug einen aschgrauen Gehrock und einen häßlichen Hut, so als wolle er gerade ausgehen. - Giovanni Papini, Ein geistiger Tod. In. G.P., Der Spiegel auf der Flucht (Spiegelfluchten). Stuttgart 1983. Die Bibliothek von Babel Bd. 19, Hg. Jorge Luis Borges

 Erscheinung (10) Um die erste Nachtwache, als ich den ersten Schlaf geschlafen hatte, erwachte ich mit plötzlicher Furcht und sah den Mond hell leuchten, wie wenn er in seiner Fülle steht und aus dem Meer zu springen scheint. Da dachte ich bei mir, daß dies die geheimste Zeit war, wenn jene Göttin die größte Macht und Stärke besäße, in Erwägung, daß alle Menschen ihrer Vorsehung unterstellt sind; und daß nicht nur alle Tiere, ob häuslich und zahm, ob wild und schweifend, durch die Herrschaft ihres Lichts und ihrer Gottheit gestärkt werden, sondern auch die unbeseelten Dinge ohne Leben; und ich erwog, daß alle Körper im Himmel, auf Erden und in den Wassern durch ihren beschleunigten Wandel beschleunigt und durch ihren verlangsamten Wandel verlangsamt werden: und so sehr all mein grausames Mißgeschick und Elend mich bedrückte, fand ich Hoffnung und herrliche Heilung, obgleich es sehr spät für die Erlösung aus meinem Leid war, durch Anrufung und Gebet zu der köstlichen Schönheit dieser Göttin. Weshalb ich, meinen betäubten Schlaf abschüttelnd, mich mit fröhlichem Gesicht erhob und, von einer großen Liebe getrieben, mich zu reinigen, meinen Kopf sieben Male in das Wasser des Meeres tauchte; welche Zahl sieben den heiligen und göttlichen Dingen gemäß und eigen ist, wie der würdige und weise Philosoph Pythagoras lehrte. Dann sprach ich voller Leben und Freude, obgleich mir nach Weinen zu Mut war, dieses folgende Gebet zu der mächtigen Göttin.

›O gesegnete Königin des Himmels, seist du die Frau Ceres, die ursprüngliche Frucht und Quelle aller Früchte auf Erden, die du, nachdem du deine Tochter Proserpina gefunden, der durch die großen Freuden, die du da empfandest, gänzlich nahmst hinweg die Nahrung, die sie seit alters aßen, die Eichel, und machtest die öde und unfruchtbare Erde Eleusis bereit, daß sie gepflügt und gesät werde, und die du den Menschen jetzt eine bessere mildere Nahrung gibst; oder seist du die himmlische Venus, die du am Anfang der Welt Männer und Frauen vereintest in zeugender Liebe und so auf ewig die menschliche Art mehrtest, und die du jetzt in den Tempeln der Insel Paphos verehrt wirst; oder seist du die Schwester des Gottes Phoebus, die du so vielen Menschen durch deine Arzneien die Mühen der Arbeit lindertest und erleichtertest und jetzt an den heiligen Stätten Ephe sos verehrt wirst; oder seist du die schreckliche Proserpina, so genannt nach dem tödlichen Geheul, das du ausstößt, die du die Macht hast, mit dreifachem Antlitz dem Ansturm von Hexen und Geistern, die den Menschen erscheinen, zu wehren und sie in den Tiefen der Erde zu halten, die du in so vielen Hainen wandelst und in so verschiedenen Arten angebetet wirst; du, die du alle Städte der Erde mit deinem weiblichen Licht erhellst; du, die du alle Samen der Welt durch deine feuchte Wärme nährst und dein wandelndes Licht im Einklang mit den nahen oder fernen Bahnen der Sonne spendest: mit welchem Namen und in welcher Art oder Form ich ,dich immer anrufen darf, bete ich zu dir, du mögest meine große Mühe und Plage enden und meine Hoffnung aufrichten und mich von dem mißlichen Geschick erlösen, das mich so lange Zeit verfolgt. Gewähre, wenn es dir denn gefällt, Frieden und Rast meinen Widrigkeiten, denn ich habe genug Mühen und Gefahr bestanden...‹

Nachdem ich dieses Gebet beendet, indem ich der Göttin meine Beschwerden entdeckte, fiel ich auf diesem meinem Bett wieder in Schlaf. Und allmählich (denn meine Augen waren wieder geschlossen) erschien mir aus der Mitte der See ein göttliches, verehrungswürdiges Antlitz, angebetet selbst von den Göttern. Dann meinte ich, nach und nach, die ganze Gestalt ihres Körpers zu erschauen, strahlend und weithin über das Meer ragend stand sie vor mir: darum ich es wage, ihre göttliche Erscheinung zu beschreiben, im Falle der Armseligkeit meine menschliche Sprache genüge oder die göttliche Macht mir so reiche Beredsamkeit schenke, daß ich es auszusprechen vermag. Vor allem besaß sie eine große Fülle von Haaren, die in Wellen und Strahlen um ihren göttlichen Nacken flossen und wallten; auf dem Haupte trug sie reiche Girlanden mit Blumen geflochten, und mitten auf der Stirn fand sich ein flaches Diadem in der Art eines Spiegels, oder vielmehr, nach dem Lichte, das von dort her strahlte, dem Mond zu vergleichen; und dieser wurde von beiden Seiten von Schlangen getragen, die aus den Furchen der Erde emporzuwachsen schienen, und darüber wölbten sich Kornähren. Ihr Gewand war von feinstem Leinen, in verschiedenen Farben leuchtend, dort weiß und strahlend, dort gelb wie die Krokusblüte, dort rosenrot, dort hell flammend; und ihr Mantel (der meine Augen und meine wunde Seele verwirrte) war ganz dunkel und finster, mit leuchtender Schwärze bedeckt, und war unter ihrem linken Arm zur rechten Schulter in Form eines Schildes geschlungen, wobei ein Teil davon, in feinster Manier gefaltet, auf den Saum ihres Gewandes herabreichte, so daß die Falten anmutig fielen. Hie und da funkelten an dessen Rändern und über seine Oberfläche verstreut die Sterne, und inmitten zwischen ihnen stand der Mond in halber Fülle, der wie eine Feuerflamme leuchtete; und rund um die ganze Länge des Saumes dieses göttlichen Gewandes war eine Krone oder Girlande ununterbrochen geflochten aus allen Blumen und allen Früchten des Feldes. Höchst unterschiedliche Dinge trug sie mit sich, denn in der rechten Hand trug sie eine Zimbel von Messing, ein flaches Stück Metall, in der Art einer Brünne geformt, durch deren Rand etliche Ruten gezogen waren; und wenn sie mit dem Arm dieses dreifache Gewinde bewegte, gab es einen hellen klaren Klang von sich. Ihre linke Hand hielt, gleich einem schützenden Boot, einen goldenen Becher, an dessen Henkel, am oberen Teil, der am besten sichtbar war, eine Natter ihren Kopf mit weit geschwelltem Halse erhob. Ihre wohlduftenden Füße steckten in Schuhen, bestickt und mit Siegespalmen umwunden. So stand die göttliche Gestalt, die feinsten Düfte des fruchtbaren Arabiens atmend, nicht an, mit ihrer heiligen Stimme diese Worte an mich zu richten:

›Siehe, Lucius, ich bin gekommen. Dein Wehklagen und Gebet hat mich bewogen, dich zu erretten. Ich bin es, die natürliche Mutter aller Dinge, die Herrin und Herrscherin aller Elemente, die erste Erzeugerin der Welt, Haupt aller göttlichen Mächte, Königin auch derer in der Hölle, die Gebieterin derer, die im Himmel wohnen, verkörpert einzig und allein in der einen Gestalt aller Götter und Göttinnen. Meinem Willen gehorchen die Planeten des Himmels, die günstigen Winde der Meere und die trostlose Stille der Hölle; mein Name, meine Göttlichkeit wird in aller Welt verehrt, in allen verschiedenen Formen, in unterschiedlichen Gestalten angebetet, und unter vielen Namen. Denn die Phrygier, die ersten unter den Menschen, nennen mich die Mutter der Götter zu Pessinus; die Athener, aus ihrer eignen Scholle entsprungen, nennen mich die kekropische Athene; die Zyprer, vom Meere umgeben, heißen mich die paphianische Aphrodite; die Pfeile tragenden Kreter nennen mich die diktynianische Artemis; die in drei Sprachen redenden Siziler kennen mich als die höllische Proserpina; den Eleusiern bin ich ihre alte Göttin Ceres; die einen nennen mich Juno oder Bellona, die anderen Hekate oder Rhamnusia, und vor allem rufen mich beide Arten von Äthiopiern, die im Osten wohnen und von den Morgenstrahlen der Sonne erleuchtet sind, und die Ägypter, hervorragend in allen Arten der alten Lehre und durch ihre eignen Gebräuche unterwiesen, mich zu verehren, bei meinem wahren Namen Königin Isis. Bewahre, ich bin gekommen, mich deines Unglücks und deiner Wirren zu erbarmen; bewahre, ich bin hier, um dich zu trösten und dir zu helfen; laß los dein Weinen und Wehklagen, schiebe hinweg all deine Sorgen, denn siehe den heilvollen Tag, der gesegnet ist durch meinen göttlichen Willen.‹ - Apuleius, Der goldene Esel. Nach (grav)

Erscheinung (11)   Er  nannte seine Brüder und seinen Vater Wichser, aber vor allem seine arme Mutter, die eines Nachts - die erste einer ganzen Reihe von verheerenden Nächten - aus dem Bett gefallen war und so irre rumschrie, als hätte sie den Leibhaftigen selbst gesehen. Sie sagte, daß eine Schlange ins Schlafzimmer gekommen wäre, sich am Fußende aufgerollt, sie unbeweglich angestarrt und schließlich gezwungen hätte, sich nackt auszuziehen. Da hatte sie angefangen zu schreien. Aber plötzlich fing sie irgendwann am nächsten Tag wieder an zu schreien, den ganzen Tag lang, und wie eine Hündin jaulend, mit Kopfschmerzen, die sie fast um den Verstand brachten, klammerte sie sich an ihre Töchter oder wer sonst gerade da war, damit man sie vor dem Ding schützen sollte, das nur sie erkannte. In der folgenden Nacht wachte sie wieder schreiend auf: aber diesmal war es nicht der Leibhaftige. Allerdings hatte sie etwas Platz auf dem durchgewühlten Bett für jemanden gelassen, obgleich ihr Körper, vertrocknet wie ein Stockfisch, sich nicht besonders um diesen Jemand kümmerte. Auf die grauen Bettücher neben ihr hatte sich — wie sie nachher erzählte - ein totes Mädchen gesetzt, zumindest war es seiner Kleidung nach zu urteilen tot: Festkleid, weiße Wollstrümpfe und ein Kranz aus Orangenblüten auf dem Kopf, weil sie nämlich in ein paar Tagen hätte heiraten sollen. Sie hatte angefangen, sich bei Begalones Mamma darüber zu beklagen, daß man ihr ei'n zu kurzen Unterrock angezogen hätte, daß der Orangenblütnkranz auf ihrem Kopf zu eng säße und ihr deshalb auf die Schläfen drückte, schließlich, daß zu wenig Messen für sie gelesen-wurden und ihr kleiner Vetter, Pisciasotto der Hosenpisser, sie zu selten auf dem Friedhof besuchte. Begalones Mutter hatte dieses Mädchen vorher noch nie gesehen, aber am folgenden Tag stellte sich heraus, als die Nachbarn ihren Senf zu dem Geschrei gaben, das nachts aus den kaputten Fenstern von Begalones Wohnung drang und in den Höfen der Wohnblöcke widerhallte, daß das tote Mädchen eine Verwandte gewisser Leute war, die im selben Wohnblock ein paar Türen weiter wohnten: alles stimmte haargenau, einschließlich des Vetters Pisciasotto, der quicklebendig im Prenestino-Viertel existierte. Danach erschien dann wieder der Teufel in verschiedener Gestalt: mal als Schlange, ein anderes Mal als Bär, und wieder ein anderes Mal als eine Nachbarin, der die Zähne wie Hauer gewachsen waren, und alle kamen und gingen sie, als wären sie bei Begalone zu Hause, nur um die Mutter zu quälen. Daraufhin hatte die Familie beschlossen, etwas zu unternehmen, und ließ einen alten Verwandten aus Neapel kommen, der sich mit solchen Dingen auskannte. Der ließ erst einmal sämtliche Gegenstände auskochen, die Begalones Mutter gehörten: zwanzig Kilowatt Gas wurden in wenigen Tagen für diese Kocherei verpulvert, aber ans Abendessen dachte niemand. Die drei Brüder, die vier Töchter und sämtliche Nachbarinnen waren damit beschäftigt, den Zauber zu verscheuchen. Im Kopfkissen von Begalones Mutter hatten die Frauen Federn gefunden, die wie Tauben, Kreuze und Kronen zusammengeknüllt waren, und hatten sie sofort ausgekocht. Gleichzeitig hatten sie Stücke von altem Eisen in siedendes Öl gegeben und anschließend in kaltes Wasser getaucht, um zu sehen, welche Figuren daraus entstehen würden. Außerdem hörte man seit zwei, drei Tagen in der Wohnung nichts anderes als Schläge auf den Fußboden, mit denen Kreise um die Verhexte gezogen wurden, die sich immer wieder Gott befahl und vor sich hinjammerte.  - (rag)

Erscheinung (12)

- Anna May, aus: Orchideengarten 1919

Erscheinung (13)  Ich erwachte plötzlich, als die Tür heftig aufgerissen wurde. Herein kam Natascha Gonzalez, gekleidet wie eine Erscheinung. Sie trug ein langes weißes Nachthemd, und ihr üppiges eisengraues Haar wallte über ihre Schultern. Auf den Wangen ihres gelben Gesichtes hatte sie zwei purpurfarbene Zornesflecken, und sie deutete wie eine Rachefurie auf Dr. Gambit: »Wenn Sie diese Frau nicht hinauswerfen«, schrie sie, »werde ich das Heim noch diese Nacht verlassen.«

Ich tat so, als schliefe ich noch und legte vorsichtig das Hörrohr an mein linkes Ohr. Dr. Gambit stand ziemlich erregt auf und plazierte Mrs. Gonzalez in den nächsten Stuhl auf ein paar Taschenbuchromane. »Seien Sie heiter, Natascha, denken Sie an Ihre besondere Mission«, sagte er, zündete eine Zigarette an und steckte sie ihr selbst in den Mund. Das alles nahm ich mit einem Auge wahr. Dr. Gambit's Verhalten gegenüber Natascha kann ich nur als höchst unerwartet bezeichnen.

»Meine liebe Dame, Heiterkeit ist der Tribut, den Sie den wundervollen Gaben, die durch Sie hindurchfließen, zahlen müssen. Heiterkeit, Natascha«, wiederholte er, indem er sie durch die beiden dicken Gläser seiner Brille fixierte. »Heiterkeit, Natascha, Sie sind heiter, vollkommen glücklich, ruhig und heiter.« Mrs. Gonzalez hatte sich ein wenig beruhigt und paffte nun friedlich ihre Zigarette. »Sie sind die Heitere Natascha, Sie sind ganz ruhig und Sie entspannen sich langsam. Nun erzählen Sie mir, was Sie sagen wollten, als Sie hereinkamen.«

»Es geht um eine Botschaft des Großen Über Uns, die mir von einem hochgewachsenen bärtigen Mann verkündet wurde.« Jetzt klang ihre Stimme, als ob sie im Schlaf redete. Dabei hielt sie den Sessel aber noch so krampfhaft umklammert, daß ihre Knöchel weiß herausstanden. »Diese Überragende Bärtige Gestalt schwebte in mein Schlafzimmer, überreichte mir einen Kranz weißer Rosen und sagte: ›Du bist Natascha, auf dieser Quelle des Lichts will ich meine Lehre bauen, Dir will ich die Rosen des Himmels geben. Der Duft Deiner Heiligkeit ist dem Herren wohlgefällig wie Blütenduft. Mein Name ist Petrus, was bedeutet Felsen.‹«

»Erzählen Sie mir alles, Natascha, Sie sind Heiter, Sie sind Heiter und Still, Ruhig und Heiter«, sagte Dr. Gambit und legte einen Zeigefinger auf Nataschas Stirn. - (hoer)

Erscheinung (14)  Fräulein Laguerre stürzte sich eines Abends nach einer stürmischen Auseinandersetzung mit ihrem Geliebten noch im Kostüm und tränenübergossen aus der Oper; sie hatte so den Kopf verloren, daß sie in den Feldern umherirrte. Dort verbrachte sie weinend die Nacht, und am Morgen (es war im Sommer) begrüßte sie die Morgenröte mit einer wundervollen Arie, der man oft in Paris applaudiert hatte. Die Bauern hielten dieses schöne Geschöpf in seinen reichen, phantastischen Gewändern mit seinen Gesten, seiner Stimme und seiner herrlichen Gestalt für die Jungfrau Maria oder einen Engel und warfen sich vor ihm auf die Knie. - Rivarol, nach (riv)

Erscheinung (15)  Es war auch die Meinung einiger (wie S. Thomas  erwähnt), daß die Engel, seien es gute oder böse, niemals Körper annähmen, sondern daß alles, was man in den Schriften von ihren Erscheinungen liest, durch Gaukelei geschehen wäre, oder in bloß vorgestelltem Sehen. Bei diesen Worten wird von dem heiligen Doktor der Unterschied festgestellt zwischen Gaukelei und vorgestelltem Sehen: Gaukelei kann einen Gegenstand haben, der sich von ;. außen dem leiblichen Auge darstellt, mag er auch anders scheinen, als er ist; aber vorgestelltes Sehen verlangt derlei nicht notwendig, daß sich nämlich ein Gegenstand von außen darstellte; sondern es kann ohne diese äußere Darstellung, nur durch jene inneren Sinnesgestalten geschehen, wenn sie zur Vorstellung geführt werden.

Daher waren, wenn man der Meinung jener folgt, die Gefährten des Diomedes nicht durch Dämonen in angenommenen Körpern und Vogelbildnissen dargestellt, sondern es geschah das nur in phantastischem und vorgestelltem Sehen, nämlich durch Herausführung jener Sinnesgestalten etc. wie oben. Aber weil der heilige Doktor jene Ansicht als Irrlehre, nicht als bloße Meinung, zurückweist, (wenn auch nicht geradezu als Ketzerei, wie in Liebe geglaubt wird), da solche eingebildeten Erscheinungen bisweilen auch von guten und bösen Engeln angewendet worden seien, ohne Annahme von Körpern, die Heiligen doch, wie er ebenda sagt, übereinstimmend erklären, daß die Engel auch in körperlicher Erscheinung sich gezeigt hätten, (und solche Erscheinung geschieht in angenommenen Körpern); auch der Text der heiligen Schrift mehr für solche körperliche Erscheinungen ist als für die vorgestellten und gauklerischen: deshalb also können wir danach für jetzt von allen Erscheinungen, ähnlich der von den Gefährten des Diomedes, sagen, daß, wenn dieselben auch durch die Macht der Dämonen im vorgestellten Sehen der Zuschauer hätten gesehen werden können nach der angegebenen Weise, doch lieber angenommen wird, daß sie durch Dämonen in angenommenen Körpern aus dem Elemente der Luft, als fliegende Vögel dargestellt wurden, oder daß andere, natürliche Vögel, getrieben von den Dämonen, jene dargestellt hätten.  - Jakob Sprenger, Heinrich Institoris: Der Hexenhammer. München 1985 (dtv klassik, zuerst 1487)

Erscheinung (16)  Sie war braungebrannt und beim besten Willen ließ sich nicht ausmachen, wie ihr Gesicht eigentlich aussah. Mitch achtete aber zunächst auch gar nicht auf ihr Gesicht - er sah nur wie gebannt auf ihren Körper! Das Mädchen war nackt! Ja, nackt - trotz ihrer Reithosen und ihrer Bluse! Sie hätte sogar noch aufreizend nackt gewirkt, wenn man sie in ein halbes Dutzend Mäntel vermummelt hätte. Sie schien die Wirkung, die von ihrer Figur ausging, zu genießen. Aber es schien ihr nicht genug zu sein, nur diese Wirkung zu genießen!

Sie wirkte wie eine läufige Hündin, die geil ihren Schwanz aufstellte. Mit sinnlichen schwänzelnden Bewegungen kam sie naher. Sie wackelte vielversprechend mit den breiten Hüften und dem nicht nur gebärfreudigen Becken und ihre voluminösen Brüste schwabbelten hin und her und auf und nieder. Und der schwüle Dunst ihrer brünstigen Geilheit schlug einem zwanzig Meter gegen den Wind entgegen.

Mitch riß sich los von dieser Erscheinung, sah ihr endlich ins Gesicht ~ und ihm wurde speiübel!

Denn das Mädchen war eine Frau. Eine alte Frau, Und das hieß, daß er Gidge Lord gegenüberstand.

Ihr Haar war schmutzig-grau. Ihr Gesicht schien verwelkt und zusammengeschrumpft, als hätten Kopfjäger ihren Schädel bearbeitet. Ihre Augen waren verblaßt. Und ihr Mund wirkte wie eine ausgeblutete Wunde im ledernen Braun ihrer Züge. Sie streckte ihre Hand aus. Als aber Mitch diese Hand ergreifen wollte, versetzte sie ihm einen brutalen Fausthieb  gegen sein Handgelenk.

»Die Schecks her, Corley!«   - Jim Thompson, Texas an der Kehle. Berlin, Frankfurt am Main 1988

Erscheinung (17)   Die Giraffe wirkt seltsam nur im Vergleich zu unseren Häusern und Wohnungen. Ein Tier, das in kein Zimmer passt, durch kein Treppenhaus gelangt, immer nur draußen bleiben kann und deshalb in seiner unbeholfenen Größe Symbol der reinen Erscheinung ist.  - (raf)

Erscheinung (18)   

Geschehen Schein
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