Rute   Bei einem Badhalter pflegten einst die vomehmen Leute und die Häupter der Stadt zu verkehren. Zu dem kam eines Tages ein Jüngling von schöner Gestalt, der zu den Söhnen der Wesire gehörte; er war aber fett und feisten Leibes. Als nun der Badhalter vor ihm stand, um ihn zu bedienen, während der Jüngling seine Kleider ablegte, konnte er an ihm keine Rute entdecken; denn die war wegen des Übermaßes seines Fettes zwischen seinen Schenkeln verschwunden, und nur so viel wie eine Haselnuß war von ihr zu sehen.

Da wurde der Badhalter traurig und schlug seine Hände zusammen. Wie der Jüngling das sah, fragte er ihn: ,Was ist dir, Badhalter, daß du so traurig bist?‘ Jener gab ihm zur Antwort: ,Ach, mein Herr, ich trauere um dich, denn du bist in arger Not, sintemalen du bei all deinem Reichtum und deiner hohen Schönheit und Anmut nichts hast, mit dem du dich vergnügen kannst wie die anderen Männer!‘ Der Jüngling sagte darauf: ,Du hast recht mit deinen Worten; aber du erinnerst mich an etwas, das ich vergessen habe.‘ ,Was ist denn das?‘ fragte der Badhalter; und der Jüngling fuhr fort:

,Nimm diesen Dinar und hole mir eine schöne Frau, auf daß ich mich an ihr versuchen kann!‘ Jener nahm den Dinar, begab sich zu seiner Frau und sprach zu ihr: ,Frau, es ist ein Jüngling zu mir ins Bad gekommen, einer von den Söhnen der Wesire; der ist so schön wie der Mond in der Nacht seiner Fülle, aber er hat keine Rute wie die anderen Männer, sondern nur ein kleines Ding, so groß wie eine Haselnuß. Ich klagte um seine Jugend; und da gab er mir diesen Dinar und bat mich, ihm eine Frau zu bringen, an der er sich versuchen könne. Du sollst den Dinar am ehesten verdienen; uns kann daraus nichts Schlimmes erwachsen, ich werde deinen Ruf schützen. Setz dich nur eine Weile zu ihm und hab ihn zum besten und gewinne so diesen Dinar von ihm!‘ Die Frau des Badhalters nahm den Dinar hin, schmückte sich und legte ihre prächtigsten Gewänder an; sie war aber eine der schönsten Frauen ihrer Zeit. Dann ging sie mit ihrem Manne, und er führte sie in ein geheimes Gemach zu dem Sohne des Wesirs.

Als sie dort bei ihm war und ihn anschaute, fand sie, daß er ein schöner Jüngling war und in seiner lieblichen Gestalt dem Monde zur Zeit seiner Fülle glich; da ward sie von seiner Schönheit und Anmut verwirrt. Doch auch dem Jünghng wurden, als er sie erblickte, Herz und Sinn sogleich betört. Sie blieben nun beieinander und schlossen die Tür hinter sich. Darauf nahm der Jüngling die Frau in die Arme und drückte sie an seine Brust, und sie umarmten einander; dem Jüngling aber schwoll die Rute gleich der eines Esels, und er warf sich auf die Frau des Badhalters eine lange Weile, während sie unter ihm seufzte und stöhnte und im Liebesspiel sich bewegte.

Da begann der Badhalter sie zu rufen: ,O Mutter Abdallahs, nun ist es genug! Komm heraus, der Tag wird für deinen Säugling zu lang.‘ Und der Jüngling sprach zu ihr: ,Geh zu deinem Kind, und dann komm wieder!‘ Aber die Frau sagte: ,Wenn ich dich verlasse, so ist mein Leben dahin. Mein Kind will ich in seinen Tränen umkommen lassen; sonst mag es ohne Mutter als Waise aufwachsen!‘ Und sie blieb so lange bei dem Jüngling, bis sie ihm zehnmal zu Willen gewesen war. Während alledem stand ihr Mann vor der Tür und rief und schrie, weinte und flehte um Hilfe. Aber es kam keine Hilfe; und so mußte er allein dort stehen bleiben, während er immer rief: ,Ich bringe mich um!‘ Es war ihm unmöglich, zu seiner Frau zu kommen; da überwältigten ihn Qual und Eifersucht, er lief zum Dache des Bades hinauf, stürzte sich von oben in die Tiefe und starb.   - (1001) 

Rute (2)  Die Gestalt, die hinter den Felsen aus der dunkelroten Finsternis hervortrat, war nicht George. Das war Salamobia, der ihn mit seinen gelbumrandeten Augen anstarrte. Der Feuergott hielt inne, öffnete seinen Mund und brachte keinen Laut hervor. Das war der Salamobia von den Maulwurf-Kiwas, denn seine Maske war bemalt mit den Farben der Finsternis. Und doch war er es nicht. Der Kleine Feuergott starrte die Gestalt an, den muskulösen Körper unter dem dunklen Hemd, die abstehende Halskrause aus Truthahnfedern, die dunklen und leeren Augen, den grimmigen Schnabel, den gefiederten Haarschopf. Schwarz war die Farbe des Maulwurf-Salamobia, aber das hier war nicht die Maske, denn die kannte er. Der Onkel seiner Mutter hatte den Maulwurf-Salamobia verkörpert, und die Maske befand sich in einem Schrein im Haus des Onkels seiner Mutter. Aber wenn das hier nicht die Maske war...

Der Feuergott sah jetzt, daß die Rute in der Hand dieses Salamobia nicht aus geflochtener Yucca war. Sie glitzerte im rötlichen Zwielicht. Und ihm fiel ein, daß der Salamobia, wie alle Geister der Urahnen, die sich hinter der Zuñi-Maske verbargen, nur den Mitgliedern der Bruderschaft der Zauberer erschienen oder aber jenen, die sterben mußten.  - Tony Hillerman, Schüsse aus der Steinzeit. München 1993

Rute (3)  Sie fuhren zur Trauung, die Ehe zu schließen; als sie zurückgekehrt waren, führte Sturmheld Iwan-Zarewitsch fort, um ihm zu zeigen, wo ihm das Schlafgemach gerüstet worden war, gab ihm drei Ruten, eine eiserne, eine kupferne, eine dritte aber aus Zinn, und sagte: »Willst du am Leben bleiben, so erlaube mir, an deiner Stelle mich zur Königin zu legen.« Der Zarensohn war einverstanden. Der König führte das junge Paar zum Ehebett. Da löste Sturmheld-Kuhsohn den Zarensohn ab, und kaum lag er, so begann er zu schnarchen. Die Königstochter legte den Fuß auf ihn, legte auch den zweiten dazu, dann nahm sie ein Kissen und begann den Helden zu ersticken. Sturmheld aber sprang empor, packte die eiserne Rute und fing an, die Königin zu schlagen; schlug sie so lange, bis die Rute zerbrach. Dann nahm er die kupferne, und auch die ging in Stücke; zuletzt schlug er mit der zinnernen. Die Königin begann zu flehen und verschwor sich mit hohen Eiden, nie mehr solche Dinge zu tun. Am Morgen erhob sich Sturmheld und ging zu Iwan-Zarewitsch: »Nun, Bruder, geh hin und sieh, wie deine Frau von mir gezähmt ist; die drei Ruten, die bereit waren, hab ich alle an ihr zerschlagen. Fortan lebt in Frieden, liebt einander und vergeßt meiner nicht.«   - Russische Volksmärchen. Hg. Reinhold Olesch. München 1959 (Diederichs, Märchen der Weltliteratur)
 

Körperteile, tierische

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