auberer  Ich teilte meine Hütte mit einem Zauberer. Diese bari bilden eine besondere Kategorie von menschlichen Wesen, die weder dem physischen Universum noch der sozialen Welt eindeutig zugehören und deren Rolle darin besteht, zwischen beiden Reichen eine Vermittlung herzustellen. Es ist möglich, aber nicht sicher, daß alle bari aus der Tugaré-Hälfte stammen; dies traf zumindest für den meinen zu, da unsere Hütte Cera war und er, wie es sich gehört, bei seiner Frau wohnte. Bari wird man aus Berufung und häufig nach einer Offenbarung, deren Hauptthema ein Pakt ist, den der bari mit bestimmten Mitgliedern einer äußerst komplizierten Gemeinschaft bösartiger oder nur gefürchterer Geister geschlossen hat, Geister, die zum Teil himmlischer Natur sind (und dann die astronomischen und meteorologischen Erscheinungen kontrollieren), zum Teil der tierischen oder unterirdischen Welt angehören. Diese Wesen, deren Zahl regelmäßig mit den Seelen der verstorbenen Zauberer anwächst, sind verantwortlich für den Lauf der Gestirne, für Wind, Regen, Krankheit und Tod. Man beschreibt sie in ganz verschiedener, aber stets furchterregender'Gestalt: über und über behaart und mit durchlöchertem Schädel, dem Tabakqualm entweicht, wenn sie rauchen; fliegende Ungeheuer, aus deren Augen oder unmäßig langen Haaren und Fingernägeln der Regen tropft, einbeinige Wesen mit einem dicken Bauch und dem pelzigen Körper von Fledermäusen.

Der bari ist asozial. Die persönliche Beziehung, die ihn mit einem oder mehreren Geistern verbindet, verleiht ihm Privilegien: übernatürliche Hilfe, wenn er allein auf die Jagd geht; die Fähigkeit, sich in ein Tier zu verwandeln, sowie die Kenntnis der Krankheiten und prophetische Gaben. Das auf der Jagd getötete Wild sowie die ersten Gartenfrüchte sind ungenießbar, so lange er seinen Anteil nicht erhalten hat. Dieser Anteil stellt den mori dar, den die Lebenden den Geistern der Toten schulden; in diesem System spielt er also die umgekehrt symmetrische Rolle wie die oben erwähnte Totenjagd.

Aber der bari wird auch von seinem oder seinen Schutzgeistern beherrscht. Diese benutzen ihn, um sich in ihm zu verkörpern; dann verfällt der bari, ein Gefäß des Geistes, in Trance und Zuckungen. Als Gegenleistung für seinen Schutz übt der Geist über den bari eine ständige Kontrolle aus; er ist der wahre Eigentümer nicht nur der Güter, sondern auch des Körpers des Zauberers. Dieser ist dem Geist gegenüber verantwortlich für seine zerbrochenen Pfeile, sein in Scherben gegangenes Geschirr, für seine abgenagten Fingernägel und seine abgeschnittenen Haare. Nichts davon darf zerstört oder weggeworfen werden, und so schleppt der bari den Abfall seines vergangenen Lebens mit sich herum. Der alte juristische Spruch, daß das Tote nach dem Lebendigen greift, erhält hier einen schrecklichen und unvorhergesehenen Sinn. Zwischen dem Zauberer und dem Geist herrscht ein so eifersüchtiges Verhältnis, daß man nie weiß, wer von den beiden Vertragspartnern letztlich der Herr und wer der Diener ist. - (str2)

Zauberer (2) Es trat ein Zauberer auf und machte ein paar Kartenkunststücke. Auf die Entfernung konnte man die Kunststücke nicht erkennen. Nach einigem Beifall steckte er die Karten wieder ein und bat eine junge Dame aus dem Parkett zu sich aufs Podium. Die Dame trug merkwürdigerweise einen Reitzylinder zum Abendkleid. Der Zauberer zauberte zunächst ihr Abendkleid hinweg, dann die Unterröcke - sie trug drei -, dann die Schuhe, wodurch die Dame zu einem netten Hupfer gezwungen wurde, und dann die Strümpfe. Endlich ging es an die Unterwäsche, Stück für Stück, bis die Dame, die Arme überm Busen notdürftig gekreuzt, den Zylinder auf dem Kopf, in einem schwarzen Höschen auf der Bühne stand. Jetzt hexte der Zauberer auch das Höschen beiseite; blitzschnell riß die Dame den Reitzylinder vom Kopf und hielt ihn - unter Preisgabe des Busens - vor ihren Schoß. Der Zauberer holte zu einer großen Geste aus, das Mädchen schaute ängstlich um sich, die Musik ließ ein leises Bässegrollen hören, alles hielt den Atem an - Tusch der Musik: der Zauberer hatte das Mädchen weggezaubert, nur der Hut hing an alter Stelle bewegungslos in der Luft. In einem goldenen Schlafrock kam das Mädchen hinter dem Vorhang hervor, setzte den Zylinder wieder auf und verbeugte sich mit dem Zauberer.

»Na«, sagte Carola, »immer noch grantig?«

»Es muß höllisch peinlich gewesen sein, sofern das Spiel nicht abgekartet ist, so unvorbereitet auf offener Bühne entkleidet zu werden. Ich begrüße es, daß Sie in der Loge sitzen und nicht zu derartigen Vorstellungen vom Zauberer geholt werden können.«

»Ach wissen Sie, - unter so engen Kleidern - ich hätte schon nach dem ersten Zauber zum Zylinder greifen müssen und hätte, wie Sie sehen, gar keinen bei mir gehabt . . .«

Der Beifall war orkanartig gewesen. Der Zauberer mußte sich bereit erklären, die Szene zu wiederholen. Er bat eine sehr alte Dame aus dem Publikum zu sich. Das Publikum zischte und pfiff. Der Zauberer wollte die Dame daraufhin zurückschicken, aber die Dame bestand auf ihrem Auftritt. Seufzend zauberte der Zauberer sie sofort weg.

Dann holte er wieder ein junges Mädchen aufs Podium. Das Mädchen trug ein rotes Kleid, der Zauberer aber war offenbar durch das Vorkommnis mit der alten Dame zerstreut, und statt dem Mädchen das rote Kleid, zauberte er sich selber die Hosen weg. Er lief in die Kulissen, holte die Hose und zog sie unter Entschuldigungen wieder an. Darauf zauberte er ordnungsmäßig die Hüllen des Mädchens weg. Als er beim schwarz-weißen Spitzenmieder angelangt war, stürzte ein Herr auf die Bühne, der behauptete, der Bräutigam des Mädchens zu sein, drohte und tobte. Der Zauberer schaute eine Weile zu, machte dann eine Zauberbewegung, und der Mann war eine Zimmerlinde geworden. Lächelnd reduzierte er dann mit Souveränität und ohne weitere Störungen die Garderobe des Mädchens bis auf ein - diesmal linden-grünes - Höschen. Da das Mädchen keinen Hut trug, drehte es sich geistesgegenwärtig um. Der Zauberer zauberte dann dem rücksichtslos tobenden Publikum den Popo des Mädchens frei, verbeugte sich und wollte gehen. Das Mädchen schrie auf. Der Zauberer stutzte, griff sich, seine Zerstörtheit lächelnd bedauernd, an den Kopf, machte ein Zauberzeichen, und statt des Mädchens huschte eine Maus über die Bühne und in den Souffleurkasten. Mit einem entsetzlichen Schrei kam die Souffleuse aus dem Kasten gesprungen. Auch die Souffleuse war ein junges Mädchen.

Der Zauberer, einmal im Fahrwasser seiner Kunst, zauberte auch ihr das Kleid weg. Die Souffleuse kreischte und sprang hin und her, wollte von der Bühne herunter, wurde aber unter Anfeuerung des Publikums gnadenlos Hülle um Hülle frei gezaubert. Verzweifelt hielt sie ihr heringsblaues Höschen fest - es half nichts, wie von einem Sog gepackt, wurde es weggefegt. Splitternackt kletterte die Souffleuse den Vorhang hinauf, in dessen Falten sie sich verbarg. Der Zauberer zauberte noch einmal. Es krachte und blitzte, der Vorhang wurde zugezogen, und auf dem Vorhang zeigte sich das Bild der nackten Souffleuse in Perl-Stickerei.

Man war außer sich vor Beifall.

Der Zauberer kam vor den Vorhang, verbeugte sich, machte eine kleine Bewegung, und vier Damen aus dem Publikum flohen kreischend und nackt in die Garderobe . . . - (ruin)

Zauberer (3) Der nächste Hauslehrer war ein Ukrainer, ein übermütiger Mathematiker mit einem dunklen Schnurrbart und einem blitzenden Lächeln. Er verbrachte einen Teil des Winters 1907/08 bei uns. Auch er verstand sich auf manches, und besonders fesselnd war sein Kunststück, eine Münze verschwinden zu lassen. Ein Geldstück, das auf einem Blatt Papier liegt, wird mit einem Trinkglas bedeckt und verschwindet auf der Stelle. Man nehme ein gewöhnliches Wasserglas. Ein rundes Stück Papier wird sauber über die Öffnung geklebt. Das Papier ist am besten liniiert (oder anders gemustert) - das erhöht die Illusion. Auf ein ähnlich liniiertes Blatt wird eine kleine Münze gelegt (ein silbernes Zwanzig-Kopeken-Stück reicht für den Zweck). Das Glas wird schnell über die Münze gestülpt, wobei darauf zu achten ist, daß die beiden Muster übereinstimmen. Die Übereinstimmung von Mustern ist eins der Wunder der Natur. Die Wunder der Natur begannen mir in jenen jungen Jahren Eindruck zu machen. An einem seiner freien Sonntage brach der arme Zauberkünstler auf der Straße zusammen und wurde von der Polizei mit einem Dutzend Betrunkener zusammen in eine kalte Zelle gesperrt. Dabei hatte er ein Herzleiden, an dem er einige Jahre später starb.   - (nab)

Zauberer (4) Also hört: wenn der Khan sich in seinem Palast aufhielt und es regnete, oder es war bewölkt, oder es war düster, dann brachten es die kundigen Zauberer fertig, mit ihrem Hokuspokus Wolken und Schlechtwetter über seinem Palast zu vertreiben, so daß das Unwetter sich woandershin verzog. Diese Magier heißen Tebet und Quesmur, und das sind zwei Heidenstämme. Teufelskünste und Zauberei beherrschen sie besser als andere Völker. Alles ist Teufelswerk, was diese Scharlatane betreiben; sie lassen aber die Leute im Glauben, ihre Taten seien heilig und göttlich. Überdies haben sie noch eine höchst eigenartige Gewohnheit. Sooft ein Mensch zum Tode verurteilt und im Auftrag der Obrigkeit hingerichtet worden ist, holen sie seinen Leichnam, kochen und essen ihn. Wenn jemand eines natürlichen Todes stirbt, verspeisen sie ihn keinesfalls.  - (polo)

Zauberer (5)  neuerdings behauptet griseldis nicht ein kasperl zu sein sondern ein zauberer persönlich versage ich als zauberer zu sechzig prozent aber immerhin vierzig ist auch eine stolze ziffer ich habe auch ein ganzes leben lang frierend und hungernd geübt wie ein schamane in seiner sibirischen waldheimat jawoll bei nullgraden und ein zwei harten pfirsichen pro tag und die nächte waren mir ausgefüllt vom schein kümmerlicher petroleumlampen und einer lektüre die kein mensch auf dieser erde mit mir teilte wem hätte ich mich da seelisch anvertrauen sollen wem meine ängste schildern wem meine euphorien an den brustlatz knallen oui messjödam ich habe eine jugend und ein mannesalter hindurch geschuftet um zwischen den grünverschimmelten bäumen dieses terrestren zauberforstes etwas darzustellen doch manchmal ist man ein wenig konfus und nach nestroy heißt ein konfuser zauberer rampsamperl und wenn man rampsamperl heißt steigt man halt hin und wieder auf die seife aber man fällt schließlich nur deshalb hin um desto strahlender wieder aufstehen zu können   - H. C. Artmann, Nachrichten aus Nord und Süd. München 1981 (dtv 6317, zuerst 1978)

Zauberer (6)  Vernehmt noch folgendes: die Christen auf Scotra sind die besten Zauberer der Welt. Selbstverständlich ist der Erzbischof gegen die Zauberei, und er schilt und züchtigt die Leute deswegen. Doch vergeblich, denn sie sagen, ihre Vorfahren hätten sich vorzeiten schon in den geheimen Künsten ausgekannt, und darum wollten auch sie nicht davon ablassen. Der Erzbischof vermag nichts gegen ihren Willen; er leidet sehr darunter, daß er ihren Sinn nicht ändern kann. Die Christen der Insel fahren fort mit ihren Zauberkünsten, so wie sie es für richtig halten.

Ich erzähle euch ein wenig davon. Wahrhaftig, die Zauberer bringen allerlei fertig, es mißlingt ihnen selten etwas. Wenn die Besatzung eines Korsaren den Insulanern übel mitgespielt hat, dann sorgen die Magier dafür, daß das Schiff nicht eher vom Stapel laufen kann, bevor der Schaden wiedergutgemacht ist. Wohl setzt die Mannschaft das Segel, und bei gutem Winde mag das Schiff eine Weile hinausfahren, die Zauberer werden einen Gegenwind herbeirufen, und das Schiff muß kehrtmachen. Die Magier sind Herr über die Winde. Nach ihrem Willen beruhigt sich das Meer, nach ihrem Willen stürmt es und tobt es. Sie vollbringen die unwahrscheinlichsten Wundertaten, die ich in unserem Buche lieber nicht beschreibe; denn es geschehen da derart seltsame Dinge, die von gar niemandem begriffen würden. Wir wenden uns darum von diesen Zaubergeschichten ab und reden nicht mehr davon. - (polo)

Zauberer (7) So stand er vor mir der Dieb, denn ein solcher war er sicher! Seine Spießgesellen waren glücklich entwischt — mit was — sollte erst noch festgestellt werden. Auf alle meine Fragen hatte er ein freches Grinsen und höhnische verächtliche Bewegungen. — Ich trat dicht vor ihn hin, die Nilpferdpeitsche in der rechten wiegend — und in diesem Augenblick trat er einen Schritt zurück und sagte etwas, was mir meine Leute übersetzen mußten, nämlich daß er der große Zauberer des Stammes sei und ich nicht wagen sollte ihn anzurühren — Krankheit und Tod würden die Folge davon sein!

Er dachte wohl, daß er mir dadurch imponieren könne, wie er es meinen Schwarzen tat. Ich jedoch sah ihm kühl und starr ins Gesicht, machte ihm, so gut ich dies in seiner Sprache vermochte, klar, daß ich ihm verboten habe mein Lager zu betreten, und daß man ihn trotzdem in so später Nachtstunde darin erwischt und jedenfalls am Stehlen gehindert hätte und ehe er noch ein Wort erwidern konnte sauste ihm meine Peitsche über Schultern und Rücken.

Er zuckte zusammen, ein wildes Feuer ungebändigten Hasses loderte in seinen Augen auf — aber er ließ, entgegen anderen Schwarzen keinen Laut des Schmerzes hören. Doch plötzlich — ich holte gerade zum zweiten Schlage aus — hob er seine Hände hoch und verdrehte die Augen so, daß man nur noch das Weiße sah, und wie vom Blitz getroffen stürzte er zu Boden. — Hier blieb der Körper regungslos liegen, aber dem Munde entquollen dumpfe gurgelnde Worte und Sätze — die ich nicht verstand, die meine Schwarzen aber mit Entsetzen zu erfüllen schienen. Ebenso schnell wie der Anfall — den ich für eine plumpe Täuschung hielt — kam, war er auch vorüber, und ich hatte keine Lust, mir durch diese Komödie imponieren zu lassen und ihm die wohlverdiente Strafe zu schenken. Als er wieder auf den Beinen stand — ebenso herausfordernd frech wie vorher, holte ich in aller Ruhe zum zweiten Schlage aus aber in diesem Augenblick traf der Stich eines großen Insektes meine Hand welche die Peitsche führte so, daß mir vor Schmerz auf einen Augenblick der Arm wie gelähmt niedersank. — Die Situation blitzschnell erfassend, war der Zauberer mit einem einzigen Sprung, höhnisch lachend, aus dem Bereich meiner Peitsche und mit einem zweiten in dem Dunkel, welches das Lager umgab, verschwunden. - Leopold Günther-Schwerin, Der Pfeil. In: Jenseits der Träume. Seltsame Geschichten vom Anfang des Jahrhunderts. Hg. Robert N. Bloch. Fankfurt am Main 1990 (st 1595, zuerst 1910)

Zauberer (8) «Womit kann ich dienen?» sagte er, seine langen Zauberfinger auf der Glasplatte ausspreizend. Worauf wir zusammenfuhren. Wir merkten erst jetzt, daß er da war.

«Ich möchte», sagte ich, «ein paar einfache Tricks für meinen Kleinen.»

«Handgeschicklichkeit?» fragte er. «Oder Mechanik? Für den Salon?»

«Irgendwas Lustiges», sagte ich. «Hm!» bemerkte der Verkäufer und kratzte sich den Kopf, als überlegte er. Dann zog er — ganz deutlich sichtbar - eine gläserne Kugel aus seinem Kopf. «Etwas von der Art?» sagte er und hielt sie uns hin.

Es kam mir ganz unerwartet. Ich hatte ja das Kunststück oft genug bei Vorstellungen ausführen sehen — es gehört einmal zum allgemeinen Programm der Zauberkünstler. — Aber hier war ich nicht darauf gefaßt gewesen.

«Bravo!» sagte ich lachend.

«Nicht?» sagte der Ladenmensch. Gip streckte seine freie Hand aus, um den Gegenstand an sich zu nehmen, fand aber nichts als eine leere Handfläche.

«Es ist in deiner Tasche!» sagte der Mann. Wo es auch wirklich war!» «Wieviel kostet das?» fragte ich. «Glaskugeln berechnen wir nicht», sagte der Mann höflich. «Wir beziehen sie» — er zog sich, während er sprach, eine aus dem Ellbogen — «gratis.» Darauf förderte er eine dritte aus seinem Nacken zutage und legte sie neben ihre Vorgängerin auf den Ladentisch. Gip besah sich seine Glaskugel aufmerksam, warf dann einen fragenden Blick auf die beiden anderen auf dem Ladentisch und richtete hierauf seine rundäugige Aufmerksamkeit auf den Mann, der lächelte. «Du darfst die da auch nehmen», sagte er, «und wenn du magst, noch eine dazu aus meinem Mund. Da!» - Herbert George Wells, Der Zauberladen. In: H.G.W., Die Tür in der Mauer. Stuttgart 1983. Die Bibliothek von Babel Bd. 29, Hg. Jorge Luis Borges

Zauberer (9)  Er war von der gleichen Wesensart wie sein Vater, betrügerisch und treulos und in allen Lastern erfahren, die ein Menschenherz nur kennen kann. In der Gegend gab es ein Mädchen von großer Schönheit, sie hieß Viviane oder Eviène. Merlin entbrannte in Liebe zu ihr und versuchte ihr überall, wo sie war, am Tage und bei Nacht, nahe zu sein. Viviane, die sittsam und höflich war, blieb lange Zeit abweisend, und eines Tages bat sie ihn inständig, ihr zu sagen, wer er sei, und er sagte ihr die Wahrheit. Sie versprach ihm, alles zu tun, was er wünsche, wenn er sie zuvor einen Teil seiner Weisheit und Künste lehre. Und da er sie mehr liebte, als eines Sterblichen Herz zu lieben vermag, versprach er, sie alles zu lehren, was sie verlangte. »Ich will, daß Ihr mir zeigt, wie, auf welche Weise und mit welchen Zauberworten ich einen Raum verschließen und eine Person einsperren kann, ohne daß irgend jemand diesen Raum zu betreten oder zu verlassen vermag. Und ich will auch, daß Ihr mir zeigt, wie ich eine beliebige Person einschläfern kann.«

»Warum wollt Ihr dies alles wissen?« fragte Merlin. »Weil mein Vater mich auf der Stelle töten würde, wenn er erführe, daß Ihr mit mir geschlafen habt, und weil ich vor ihm sicher wäre, wenn ich ihn einschläfern könnte. Aber hütet Euch, mich bei der Erfüllung meines Wunsches zu täuschen, denn dann würdet Ihr weder meine Liebe noch meine Gesellschaft je erlangen.«

Merlin lehrte sie das Gewünschte, und sie schrieb die Worte auf und bediente sich ihrer, sooft er zu ihr kam. Und er schlief unverzüglich ein. Auf diese Weise führte sie ihn lange Zeit an der Nase herum, und wenn er sie verließ, glaubte er immer, er habe mit ihr geschlafen. Sie täuschte ihn, weil er sterblich war; wenn er ganz und gar ein Teufel gewesen wäre, hätte sie ihn nicht täuschen können, denn ein Teufel kann nicht schlafen. Am Ende hatte sie so viele Zauberkünste von ihm gelernt, daß sie ihn in ein Grab brachte, im tiefen dunklen gefährlichen Wald. Sie, die Merlin so fest einschläferte, war die Dame vom See. Sie lebte im See, tauchte von seinem Grunde auf, wann es ihr gefiel, und kehrte nach Belieben, mit einem Sprung mit geschlossenen Füßen, wieder in ihn zurück. - (apol)

Zauberer (10)  Der grosse illusionist Noureddîn Archenzohr, dessen raimundinszenierung vergangenen sonntag an der komödie durchfiel, hat eine braut, die ihn mit mir betrügt. Wir sind nun beide in mein ärmliches gartenhaus gezogen und schlafen auf einer art umgeworfener hühnerleiter. Schon morgen oder übermorgen wird uns herr Archenzohr entdecken und in kleine spielhündchen verwandeln. Ich wünsche mir von ganzem herzen, wir überlebten diese bittere situation. Vor jedem schlafengehen reisst sich die gefährtin meiner dunklen passionen das haupt vom rumpf, legt es in ein zinnernes waschbecken und drückt mich an das haar ihrer lenden, das schwarz ist und ängstigend wie die fahne des Mahdi . . . - H.C. Artmann, Das im Walde verlorene Totem. Salzburg 1970

Zauberer (11)  In der Nacht kam  Eyvind Quelle auf der Insel an. Er hatte ein voll besetztes Langschiff  mit lauter Zauberern und anderen zauberkundigen Leuten. Eyvind ging mit seiner Gefolgschaft an Land, und dort trieben sie ihre Zauberkünste. Er verbarg sie alle in einer Wolke und in dichtem Nebel, damit der König und seine Leute sie nicht sehen konnten. Aber als sie nahe an den Hof auf Ögvaldsnes herangekommen waren, da wurde es heller Tag, und nun verlief alles ganz anders, als Eyvind es geplant hatte. Die Dunkelheit, die er mit Zauberei hervorgerufen hatte, kam über ihn und sein Gefolge, so daß sie nicht weiter sahen als bis zum Nacken des Vordermannes und kreuz und quer in die Irre gingen.

Die Wachen des Königs sahen sie umherirren und wußten nicht, was für eine Schar das war. Man berichtete dem König davon, und er stand mit seinem Gefolge auf, und sie kleideten sich an. Als der König sah, wie Eyvind und seine Leute da umherirrten, befahl er seinen Männern, sich zu bewaffnen und nachzusehen, was für Männer das seien. Als sie aber Eyvind erkannten, nahmen sie ihn mit seiner ganzen Gefolgschaft gefangen und brachten sie alle vor den König. Da berichtete Eyvind von seiner Reise. Danach ließ der König sie alle auf eine Schäre bringen, die bei Flut unter Wasser stand, und sie dort festbinden.

-  Ivar Ekeland, Zufall, Glück und Chaos. Mathematische Expeditionen.  München 1996 (zuerst 1991)

Zauberer (12)  Hsï stammte ursprünglich aus der Stadt Schan-yin und kehrte jetzt, nachdem er sich das Zauberbuch abgeschrieben hatte, wieder in seine alte Heimat zurück, um seine Künste zu erproben. Einmal etwa griff er sich den Mond und hing ihn in einem dunklen Zimmer auf; ein anderes Mal bannte er den Donner in seine Hand und ließ ihn bei klarem Himmel krachend auffahren. So trieb er mit seinen Künsten Spielerei, begnügte sich mit geringfügiger Entlohnung und ernährte sich, indem er in der Gegend herumzog.

Eines Tages hatte er sehr viel getrunken und war völlig berauscht. Da es gerade ein heißer Sommertag war, saß er halbnackt an der Türe. Es traf sich, daß ein kühler Windstoß aufkam, und Hsï schrieb rasch einen Zauberspruch für die Luft, um den Wind in seinen Ärmel zu bannen. Er gab ihn aber längere Zeit hindurch nicht wieder frei. Das erzürnte den Windgott. In Hsïs Ärmel entstand ein lautes Getöse, der Ärmel zerriß, und von Donner und Blitz gefolgt fuhr der Windstoß heraus. Hsïs Haut und Haare waren völlig versengt, so daß er schließlich daran starb. - Aus: Die Goldene Truhe. Chinesische Novellen aus zwei Jahrtausenden. München 1961

Zauberer (13)   »Der größte Zauberer«, schreibt denkwürdig Novalis, »würde der sein, der sich zugleich so bezaubern könnte, daß ihm seine Zaubereien wie fremde selbstmächtige Erscheinungen vorkämen. Könnte das nicht mit uns der Fall sein?« Ich glaube, daß es sich so verhält. Wir (die ungeteilte Gottheit, die in uns wirkt) haben die Welt geträumt. Wir haben sie resistent geträumt, geheimnisvoll, sichtbar, allgegenwärtig im Raum und fest in der Zeit; aber wir haben in ihrem Bau schmale und ewige Zwischenräume von Sinnlosigkeit offengelassen, damit wir wissen, daß sie falsch ist.  - Jorge Luis Borges, Kabbala und Tango. Essays. Frankfurt am Main 1991

Zauberer (14)  Somba, der Hase, sagte bei sich: »Jetzt verfolgen mich alle großen Tiere, wenn ich ihnen nicht Furcht mache.« Er fand da im Busch eine gefallene Antilope, die war innerlich ganz verfault, wimmelte von Würmern und stank weithin. Somba kroch in diesen stinkenden, ausgefaulten Kadaver, steckte seine Beine in die Antilopenbeine und ging in diesem Zustand dahin, wo Uobogo, der Elefant, war. Uobogo fragte: »Wer bist du denn?« Somba antwortete: »Ach, ich bin die Antilope.« Uobogo sagte: »Wie bist du denn in diesen Zustand gekommen? Du stinkst ja durch den ganzen Busch, und auf dir kriechen Würmer umher.« Somba sagte aus dem Antilopenkadaver: »Ich habe Somba geärgert, ich wußte nicht, daß er so starke Zaubermittel (kavogo) hat. Ich hatte ihn nur eben ein wenig geärgert, da sagte er zu mir: »Kafo«, und ich verlor im selben Augenblick meine Gesundheit und meine Kraft!« Uobogo sagte: »Und nur auf den Ruf Kafo hin bist du in diesen ekelhaften Zustand gekommen?« Somba sagte aus dem Antilopenkadaver: »So ist es. Jetzt stinke ich und bin von Würmern zerfressen.« Uobogo sagte: »Man muß sich also vor Somba hüten?« Somba sagte: »Sein Kavogo ist schrecklich.«  - Leo Frobenius, Schwarze Sonne Afrika. München 1996

Zauber
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Magier