chreiben  Wenn der Mann auf dem Bett liegt und dieses ins Zittern gebracht ist, wird die Egge auf den Körper gesenkt. Sie stellt sich von selbst so ein, daß sie nur knapp mit den Spitzen den Körper berührt; ist die Einstellung vollzogen, strafft sich sofort dieses Stahlseil zu einer Stange. Und nun beginnt das Spiel. Ein Nichteingeweihter merkt äußerlich keinen Unterschied in den Strafen. Die Egge scheint gleichförmig zu arbeiten. Zitternd sticht sie ihre Spitzen in den Körper ein, der überdies vom Bett aus zittert. Um es nun jedem zu ermöglichen, die Ausführung des Urteils zu überprüfen, wurde die Egge aus Glas gemacht. Es hat einige technische Schwierigkeiten verursacht, die Nadeln darin zu befestigen, es ist aber nach vielen Versuchen gelungen. Wir haben eben keine Mühe gescheut. Und nun kann jeder durch das Glas sehen, wie sich die Inschrift im Körper vollzieht. Wollen Sie nicht näher kommen und sich die Nadeln ansehen?«

Der Reisende erhob sich langsam, ging hin und beugte sich über die Egge. »Sie sehen,« sagte der Offizier, »zweierlei Nadeln in vielfacher Anordnung. Jede lange hat eine kurze neben sich. Die lange schreibt nämlich, und die kurze spritzt Wasser aus, um das Blut abzuwaschen und die Schrift immer klar zu erhalten. Das Blutwasser wird dann hier in kleine Rinnen geleitet und fließt endlich in diese Hauptrinne, deren Abflußrohr in die Grube führt.« Der Offizier zeigte mit dem Finger genau den Weg, den das Blutwasser nehmen mußte. - Franz Kafka, In der Strafkolonie. Nach (kaf)

Schreiben (2) Ich sitze auch deswegen nicht an meinem Schreibtisch, daß ich mit absonderlichen Red-Arten die Welt erfüllen sollte, sondern, was ich schreib, schreib ich zur Lust. Denn es juckt mich immerzu eine lustige Caprizzen zwischen den Ohren, daß ich also ohne Unterlaß mit diesen Frettereien zu tun kriege. - Johann Beer (ca. 1680)

Schreiben (3) Ich schreibe nicht für eine auserwählte Minderheit, an der mir nichts gelegen ist, noch für jene umschmeichelte platonische Wesenheit, deren Name »die Massen« lautet. Ich mißtraue beiden dem Demagogen so teuren Abstraktionen.

Ich schreibe für mich selber, für die Freunde und um das Verrinnen der Zeit weniger schmerzhaft zu verspüren. - Jorge Luis Borges, Spiegel und Maske. Erzählungen 1970 bis 1983. Frankfurt am Main 2000.

Schreiben (4) .. . Was ich so von Tag zu Tag mit mir anfange? Ich schreibe, wenn ich kann, und ich schreibe nicht, wenn ich nicht kann; immer am Morgen oder früh am Tag. Abends hat man wohl sehr fidele Einfälle, aber sie halten nicht stand. Das habe ich schon vor langer Zeit festgestellt. Es dürfte Ihnen nicht entgangen sein, daß ich meine Sachen selber tippe. Als wir hierher gezogen sind, habe ich mir ein Diktaphon zugelegt und Filmskripte hineindiktiert, aber für meine Bücher verwende ich es nie. Fast alle Schriftsteller, die diktieren, leiden an Logorrhöe. Wenn man sich dazu aufraffen muß, alle seine Worte selber hinzuschreiben, ist man eher bereit, darauf zu sehen, da sie auch Gewicht haben.

Ich bekomme dauernd Aufsätze zu Gesicht, in denen Schriftsteller sich darüber auslassen, daß sie grundsätzlich nie auf Inspiration warten; sie setzen sich einfach jeden Morgen um acht an ihren kleinen Schreibtisch, ob's regnet oder ob die Sonne scheint, ob sie einen Kater haben oder einen gebrochenen Arm oder was weiß ich sonst, und knallen ihr bißchen Pensum hin. Wie leer ihr Kopf auch sein mag und wie öde alles, was ihnen durch die Gedanken trudelt, mit solchem Quatsch wie Inspiration haben sie nichts im Sinn. Ich entbiete ihnen meine Bewunderung und gehe ihren Büchern sorgfältig aus dem Wege.

Ich hingegen, ich warte auf Inspiration, obwohl ich sie nicht unbedingt bei diesem Namen nenne. Ich glaube, daß alles Schreiben, das auch nur etwas Leben in sich hat, aus dem Solarplexus kommt. Es ist harte Arbeit insofern, als man hinterher todmüde sein kann, sogar total erschöpft. Im Sinne bewußter Bemühung freilich ist es überhaupt keine Arbeit. Wichtig ist dabei vor allem eins: der Berufsschriftsteller sollte einen bestimmten Zeitraum haben, sagen wir mindestens vier Stunden am Tag, wo er nichts anderes tut als schreiben. Er muß nicht unbedingt schreiben, und wenn ihm nicht danach ist, dann sollte er's auch nicht versuchen. Er kann aus dem Fenster schauen oder einen Kopfstand machen oder sich auf dem Fußboden schlängeln, aber er soll nichts vollkommen anderes tun, soll nicht lesen, Briefe schreiben, in Zeitschriften blättern oder Schecks ausfüllen. Entweder schreiben oder gar nichts. Es ist das dieselbe Disziplin wie das Ordnunghalten in der Schule. Wenn man die Schüler so weit bringt, daß sie sich benehmen, werden sie auch was lernen, einfach schon um nicht der Langeweile zu verfallen. Ich finde, das funktioniert. Zwei ganz einfache Regeln: 1) Man muß nicht schreiben. 2) Man kann nichts anderes tun. Der Rest kommt von selbst. - (cha)

Schreiben (5) Welchem Leser ist noch nicht die eigenartige Poesie aufgefallen, die ihm in seinen Träumen begegnet? Wer hat im Schlaf nicht schon ein- oder mehrmals ein fieberhaftes, bewegtes Leben kennengelernt, das viel wirklicher und fesselnder war als das erbärmliche Alltagsleben? Und haben Sie sich vor dem Einschlafen und Träumen, wenn Sie in eine Art Dämmerzustand versunken waren, nicht manchmal über die Vorstellungen, die Bilder, die Sätze gewundert, die Ihnen da in den Sinn kamen und die Sie mit Gedankengängen bekannt machten, von denen Sie im wachen Zustand nie erfähren hatten, daß sie in Ihnen schlummern? Ferner haben Sie feststellen können, daß das gleiche Phänomen auftritt, sobald Sie Ihren Geist sozusagen ins Blaue hinein umherschweifen lassen. Das geschieht, weil hier das Bewußtsein außer Kraft gesetzt ist - oder doch beinahe. Die Vernunft hat sich in ihre Hundehütte zurückgezogen und nagt an ihrem ewigen Knochen.

Man braucht also nur diese Hündin Vernunft zu verscheuchen und loszuschreiben, in einem fort zu schreiben, ohne sich um das Durcheinander der Vorstellungen zu kümmern. Überflüssig zu wissen, was ein Alexandriner oder eine Litotes ist. Nehmen Sie eine Hand, Papier, Tinte und einen Federhalter mit einer neuen Feder und setzen Sie sich bequem an Ihren Tisch. Dann vergessen Sie alles, was Sie gewöhnlich in Atem hält, vergessen Sie, daß Sie verheiratet sind, daß Ihr Kind den Keuchhusten hat, vergessen Sie, daß Sie Katholik sind, daß Sie Geschäftsmann sind und unmittelbar vor dem Bankrott stehen, vergessen Sie, daß Sie Senatsabgeordneter, daß Sie ein Anhänger Auguste Comtes oder Schopenhauers sind, vergessen Sie die Antike, die Literatur aller Länder und Zeiten. Sie wollen nicht mehr wissen, was logisch ist und was nicht, wollen nichts anderes mehr wissen, als was Ihnen da eingeflüstert wird. Schreiben Sie so schnell wie möglich, damit Sie keine von den intimen Mitteilungen verpassen, die Ihnen hier über Sie selber gemacht werden, und vor allem: Lesen Sie das Geschriebene nicht durch. Sie werden bald feststellen, daß Ihnen die Sätze, je länger Sie schreiben, immer schneller, immer kraftvoller, immer lebendiger in die Feder fließen. Und wenn Sie durch irgendeinen Zufall plötzlich ins Stocken geraten, dann zögern Sie nicht, brechen Sie die Tür zum Unbewußten gewaltsam auf und schreiben Sie - beispielsweise - den ersten Buchstaben des Alphabets. Das A ist so gut wie jeder andere Buchstabe. Der Ariadnefaden wird sich ganz von selbst wieder einfinden. So, und jetzt fange ich an:

Ein Bund Spargel, das nicht ganz sieben Meilen lang ist, sägt bis zur Erschöpfung aus einer Schuhcremedose einen Regenbogen aus. Der Regenbogen rennt auf der Suche nach einer Schaumpfeife den Strand entlang. Er hört in seiner hohlen Hand das Meer rauschen und wird nach jahrelanger Ausbildung auf einer Treibsandinsel Kapitän zur See. Da schenkt ihm der König irgendeines Landes eine Suppenterrine. In die legt er einige Schildkröteneier, und beim Mondwechsel fliegt die Schüssel davon wie der letzte Seufzer eines Schwindsüchtigen. Dabei war es eine sehr schöne Nacht, und die Sterne waren, nachdem sie beim Bakkarat viel Geld verloren hatten, losgezogen, um im Lichte von Autoscheinwerfern Forellen zu fangen. Das alles wäre auch gutgegangen, wenn die Großherzogin Anastasia an diesem Tag nicht einen großen Bogen Sandpapier gegessen hätte. Im Nu verlor sie, nachdem sie die Bank genommen hatte, den Kopf. Der übrige Körper folgte rasch nach, und bald waren nur noch die Zehennägel übrig, die wegliefen ... - Benjamin Péret, Das automatische Schreiben. Nach (per)

Schreiben (6) Zunächst, und daran glaube ich fest, geht alles wirksame Schreiben vom Körper aus, oder es bleibt bloße Literatur, das sogenannte »Thematische Schreiben« über dieses und jenes. Wirksames Schreiben ist dagegen das Schreiben aus einer Grundspannung heraus, in der alle physiologischen Eigenschaften enthalten sind. Insofern muß jede Kritik, wenn sie nicht platte vergleichende Willkür bleiben will, sich bis zu den anthropologischen facts durchkämpfen, um überhaupt etwas Sinnvolles auszusagen. Stimme, Körperbau, Wahrnehmungsweisen, alles was nicht nur mit den Inhalten oder Erlebnissen selbst, sondern mit den Organen und ihrer Synästhesie zu tun hat, gehört hierher, weil es längst vorher da war. In Abwandlung einer bekannten These könnte man sagen: Es ist nichts im wirksamen Schreiben, was nicht vorher in den Sinnen war. - (gr)

Schreiben (7) Eine sonderbare Sache, das Schreiben. Ich begann es nie eher, bis die Einfälle einen bestimmten Reifegrad erreicht hatten, und das war dann der Fall, wenn sie im Gewande der Sprache erschienen. Hatte ich dieses Bild, so wagte ich mich mit ihm, mit meinem Pilotenboot, aus dem Hafen heraus, und da bemerkte ich draußen bald ein Schiff, einen großen Ozeandampfer, und ihn betrat ich und fuhr aus und war in meinem Element, reiste und machte Entdeckungen, und erst nach Monaten kehrte ich von solcher großen Fahrt heim, gesättigt, und konnte wieder das Land betreten. Meine Fahrten bei geschlossener Tür fühlten mich nach China, Indien, Grönland, in andere Epochen, auch aus der Zeit heraus.Was für ein Leben.» Im Epilog von 1948 zu einer Auswahl aus seinen Werken vergleicht er die Entstehung dieser Bücher mit einer Steinbildung, die sich aus seiner Substanz gelöst habe und die er nachher nur mit leichtem Ekel habe ansehen können. Eigentümlich war die Befangenheit, die »Aura« in solcher Periode. Sie verlieh mir ein eigentümliches Wissen, eine Hellsichtigkeit. Was wußte ich von China oder vom 30-jährigen Krieg? Ich lebte in dieser Atmosphäre nur während der kurzen Spanne des Schreibens. Aufdringlich, prall stellten sich dann plastische Szenen vor mich hin. Ich griff sie auf, schrieb sie auf und schüttelte sie von mir ab. Da standen sie dann schwarz auf weiß. Ich war froh, nichts mehr mit ihnen zu tun zu haben. - Alfred Döblin

Schreiben (8)   »Öffne dein Herz dem Schreiben. So kannst du dich vor jeder Art von Arbeit schützen« - Ägyptischer Schriftgelehrter zu seinem Sohn, um 2400 vor Christus, nach: Bruce Chatwin, Der Traum des Ruhelosen. Frankfurt am Main 1998 (Fischer-Tb. 13729, zuerst 1996)

Schreiben (9)  Genau betrachtet, ist  es nicht wahr, daß jeder schreiben kann; im Gegenteil, niemand kann es, jeder schreibt bloß mit und ab. Es ist unmöglich, daß ein Gedicht von Goethe heute auf die Welt käme; und schriebe es durch ein Wunder Goethe selbst, so wäre es ein anachronistisches und vielfach zweifelhaftes neues Gedicht, obgleich es doch auch das herrliche alte wäre! Gibt es eine andere Erklärung für dieses Mysterium, als daß dieses Gedicht von keinem zeitgenössischen Gedicht abgeschrieben erschiene, es sei denn von solchen, die von ihm selbst abgeschrieben sind? Gleichzeitigkeit bedeutet immer Abschreiben. Unsere Ahnen schrieben Prosa in langen, schönen wie Locken gedrehten Sätzen; wir — obgleich auch wir es noch in der Schule so gelernt haben — tun es in kürzeren, die Sache rascher zu Boden setzenden; und niemand in aller Welt kann seine Gedanken von der Art befrein, in der seine Zeit das Sprachkleid trägt. Kein Mensch weiß darum, wieviel er von dem, was er schreibt, auch genauso meint, und beim Schreiben verdrehn die Menschen bei weitem nicht so die Worte wie die Worte den Menschen.  - (nach)

Schreiben (10)   Durch allzugroße Hast das Material verdorben zu haben, aus dem (so scheint uns) ein Diamant gebrannt werden konnte, oder aber nichts verdorben zu haben, weil auch nichts auf dem Spiel stand, das irgendeine Vorsicht verdiente, aber dennoch in eine billige Virtuosität verfallen zu sein, indem ich aus diesem Nichts einen Funken zu schlagen gedachte, oder aber - eine noch schlimmere Verirrung - sich mit aller Macht in ein nichtiges Hirngespinst geworfen zu haben und gewissermaßen daran verblödet zu sein, ein Übel, das man um so schwerer wieder los wird, als es leicht zu bekommen war - kurz: Pfuscherei, Geziere, Tölpelei, die nicht nur, wie vieles andere, Formen des Versagens sind, sondern viel eher als Vergehen empfunden werden denn als Versehen, sogar dann, wenn man sich bei weitem nicht mit dem Privileg einer Mission höchsten Ranges betraut sieht, sondern vielmehr der Ansicht ist, daß die literarische Tätigkeit wirklich nur ein Spiel darstellt, dessen einziger Anführer man selbst ist. Denn es wäre bei diesem Spiel wie bei so manchem anderen, das nicht nur deshalb eine moralische Dimension hat, weil das Mogeln daraus verbannt ist: zu verlieren, weil man als zu leicht oder zu stumpf befunden wurde, bedeutet vielmehr, große Schande auf sich zu laden, sich in die Lage des Angeklagten zu begeben, selbst wenn man auf der Stelle das Belastungsmaterial unterdrückt, und sich den Gewissensbissen auszusetzen genau wie der Sportler, dem - wegen ungenügenden Trainings, verfehlter Taktik oder einfach weil seine Nerven nicht durchhielten - seine Übung mißglückt ist.  - (leiris2)

Schreiben (11)  Ich habe nur gelebt, um zu schreiben. Dinge, Gefühle, Menschen habe ich nur gespürt, gesehen, gehört, um zu schreiben. Das ist mir lieber gewesen als äußeres Glück, als wohlfeile Ehrungen. Oft sogar habe ich das Vergnügen der Stunde, habe ich meine geheimsten Glücksempfindungen und Zuneigungen, ja selbst das Glück einiger Menschen, denen Kummer zu bereiten mich nicht abgeschreckt hat, geopfert, um zu schreiben, was mir Vergnügen machte. All das hinterläßt in mir ein tiefes Glücksgefühl. - (leau)

Schreiben (12)   Valéry  hat mir  von den verschiedenen Arbeiten erzählt: «Sie sehen, was ich für einen angenehmen Zeitvertreib habe. Dabei habe ich vorm Schreiben einen solchen Horror. Sie kennen mich ja. Sich Notizen über Themen zu machen, schön. Aber schreiben? Es sind eben alles Auftragsarbeiten...» Als ich ihn ansah, wiederholte er: «Alles, was ich mache, ist Auftragsarbeit...» Dann kam er auf seinen Horror vorm Schreiben zurück und sagte: «Zum Glück gibt es die Maschine.» Darauf ich: «Wie denn, Sie schreiben mit der Maschine?» Er bejaht und legt sich zurück wie jemand, der auf dem Klavier klimpert; dabei sagt er: «Ich tue es auch des Magens wegen. Vorgebeugt dazusitzen strengt meinen Magen an... Während ich so...» (Und er nimmt wieder dieselbe Haltung ein.) - (leau)

Schreiben (13)   Meine gekrümmte Haltung vor der Maschine ich sitze vor meiner Maschine so tief daß die Knie beinahe den Boden berühren, ja ich knie vor meiner Maschine, der platonische Text vielleicht das einzige was ich anbete. Meine Schreibarbeit kommt durch mich zustande : meine Schreibarbeit kommt durch mich, aber nicht von mir - ich knie vor meiner Maschine ich knie vor meiner Schreibarbeit es ist so ein Tränenstrom, der mich davon schwemmt - Reißzwecken und Wäscheklammern halten mein Leben mein Schreiben zusammen, wer kann das verstehen. - Friederike Mayröcker, Magische Blätter IV. Frankfurt am Main 1995 (es 1954)

Schreiben (14)  Ich arbeite wie ein Pferd am Saint Antoine. Die Hitze regt mich an, und ich bin lange Zeit nicht mehr so munter gewesen. Meine Nachmittage verbringe ich bei geschlossenen Fensterläden, zugezogenen Vorhängen, ohne Hemd, im Zimmermannskostüm. Ich brülle! ich schwitze! es ist großartig. Es gibt Augenblicke, in denen es ganz entschieden noch mehr als Delirium ist! - (flb)

Schreiben (15)  Ich mach mir jetzt ein Wurstbrot; die dicke Wurst erinnert mich an das männliche Glied. Ich trinke ein Glas Schnaps: mich schüttelts wie nach dem Orgasmus. Ich seh das Glas an und das ist blau wie der Ozean, blau wie die Erde von weit weg gesehen. Das ist Handschrift. Vielleicht macht mich diese Beschäftigung des Totmachens krank? Wer ins Schreiben kommt ist ausranschiert, ist auf dem toten Gleis gelandet. Endgültig aufgegeben, abgeschrieben und für hoffnungslos erklärt, gehört er jetzt zum Bodensatz der Gesellschaft. An die Schreibmaschine kommt keine Besichtigungsgruppe, denn hier gibt es nichts vorzuzeigen. Ein Besucher wirkt hier wie ein verirrtes Wesen aus einer anderen Welt, schon deshalb, weil von den Schreibern kaum noch einer draußen Angehörige hat, die sich um ihn Summern. In den chronisch Schreibenden, die, sich selbst überlassen, ihre Tage absitzen, glimmt nur noch ein schwacher Lebensfunke; der Drang nach draußen ist längst abgestorben. Werde ich bald entlassen, ist keine ernstgemeinte Frage mehr, dahinter steht kein spürbarer Impuls, eher die jäh aufsteigende Erinnerung an eine Zeit, als diese Frage noch Hoffnung bedeutete. Eine bloße Formel, die dann und wann aus der Stummheit hervorbricht. Worte wie Zukunft, bald, in 2 Monaten, sind mir leer und fremd, sie gehören einer Welt an, die sich weiterentwickelt, die Pläne macht und mit dem Morgen rechnen muß. Das Leben des Schreibers heißt Zeitlosigkeit, Stillstand, Wiederkehr des Immergleichen. An die Stelle von Erwartungen und Hoffnungen sind Ergebenheit und dumpfes Nicken getreten; Nicken zu allem, was der Verleger sagt. Die Bedürfnisse reduzieren sich auf Essen, Trinken und Schlafen. Wenn der Fernseher auch noch wegfiele, würde ich nicht danach fragen. Wer in diese Gesellschaft kommt, steht in der Spannung zu der lebensfremden ja lebensfeindlichen Ordnung, wird sich aufbäumen gegen die zudiktierten Normen und mit letzter Energie beharrlich immer wieder versuchen, seine Persönlichkeit zu behaupten. Doch das kann auf die Dauer niemand aushalten. - (acht)

Schreiben (16) Wie unser Onkel zu sagen pflegte, sein Leben damit verbringen, Papier zu bekritzeln, Blut und Wasser schwitzen um seine Gedanken zu sammeln, Seiten numerieren, wiederlesen, neu schreiben, verbessern, wegstreichen und schließlich über das Ergebnis deprimiert sein ist keine Freude, der arme Mann hat das sein ganzes Leben lang getan und fragte sich am Ende was ihn auf die verrückte Idee gebracht hätte, man spricht von der edlen Muse, besser sollte es heißen das Elend der Muse. - (apok)

Schreiben (17)  Die Backen waren geschwollen, im Hals staute sich das Blut, Flaubert saß mit geröteter Stirn und spannte seine Muskeln wie ein Athlet, und er schlug sich verzweifelt mit dem Gedanken und mit dem Wort, ergriff sie, jagte sie gewaltsam aneinander und hielt sie unlöslich durch die Macht seines Willens zusammen. Er umklammerte den Gedanken und besiegte ihn, langsam, in übermenschlichen Anläufen und Kraftproben, und sperrte ihn in eine starke und bestimmte Form wie ein Raubtier in seinen Käfig. - Guy de Maupassant, Gustave Flaubert. Nach: G. F., Madame Bovary. Zürich 1967

Schreiben (18)  Während des Schreibens Pißdrang, eingeschlafene linke Hand, die den Kopf stützt, während ich im Bett notiere, liege links, spüre das Pochen meines Herzens. Möchte kein Wort mehr -verlieren wieso eigentlich verlieren ? würde ich denn mein Wort unterwegs verloren haben? oder würde ich es irgendwo liegen gelassen haben wie meine Woh-nungs-Schlüssel? Ich merke, daß für mich alles komplett und in Ordnung ist, abgekürzt: i. O. oder OK, also nichts, worüber man reden müßte, worüber man, siehe oben - 1 Wort verlieren müßte, nur Schweigen. Was für 1 Qual, wenn jemand über etwas das auf der Hand liegt, LANGMÄCHTIG zu sprechen beginnt, ich kann solche Suaden nur abwehren, indem ich ununterbrochen kopfnickend ja-ja-ja-ja rufe, dem Sprechenden also ununterbrochen beipflichte, usw. Die Adern der rechten Hand schwellen während des Schreibens stark an, ich stelle mir vor, wie i englische Handschrift aussieht, anscheinend gibt es keine individuellen Handschriften in England, umso ergötzlicher, als die meisten Engländer und -!NNEN Linkshänder sind (»die linkshändige Frau« usw.). Mein Leintuch mit Kugelschreiberschriften bekritzelt, als sei es 1 große schöne weiße Leinwand zu Füßen. Wenn ich am Morgen die 1. Aufstehversuche mache, bricht mir der Rücken in der Mitte auseinander, und ich taumele heulend durch die Wohnung, erst nach reichhaltiger Bewegung, Hin-und Her-Laufen, Arme hochstemmend, Beine ausschüttelnd, wird der Schmerz erträglich. Auf meiner Tuchent Sterne, 1 ganzer Sternen-Regen, Sternen-Gestöber, darüber die schwarzgelb-rot gewürfelte Wolldecke (Couvert)  - Friederike Mayröcker, Die kommunizierenden Gefäße. Frankfurt am Main 2003 (es 2444)

Schreiben (19)  Der Mond wird in vier Tagen voll, und ein rechteckiger Fleck Mondlicht ist auf der Wand, und er sieht mich an wie ein großes, blindes, milchiges Auge, ein Wandauge. Blöder Witz. Verdammt alberner Vergleich. Schriftsteller. Immer muß alles ›wie‹ sein. Mein Kopf ist so schlapp und weich wie Schlagsahne, aber nicht so süß. Schon wieder Vergleiche. Ich könnte kotzen, wenn ich bloß denke an den ganzen lausigen Schmu. Ich könnte sowieso kotzen. Wahrscheinlich werde ich's auch. Drängt mich nicht. Laßt mir Zeit. Die Würmer in meinem Solarplexus krabbeln und krabbeln und krabbeln. Im Bett wäre ich besser aufgehoben jetzt, aber unten drunter wäre dann wieder das dunkle Tier, und das dunkle Tier würde ebenfalls herumkrabbeln und rascheln und einen Buckel machen und von unten gegen das Bett bumsen, und dann würde ich einen Schrei loslassen, der für niemanden hörbar wäre als für mich allein. Einen Traumschrei, einen Schrei in einem Alptraum. Es ist nichts da, wovor man Angst haben müßte, und ich habe auch keine Angst, weil ja nichts da ist, wovor man Angst haben müßte, aber trotzdem habe ich einmal so dagelegen im Bett, und das dunkle Tier hat es gemacht mit mir, hat immerfort von unten gegen das Bett gebumst, und ich hatte einen Orgasmus. Das hat mich mehr angewidert als all die andern widerlichen Dinge, die ich gemacht habe.

Ich  bin  dreckig.   Ich  muß  mich   dringend  rasieren.   Meine Hände zittern. Ich schwitze. Ein fauliger Geruch umgibt mich, ich rieche es. Das Hemd ist naß unter den Armen und auf Brust und Rücken. Die Ärmel sind naß in den Ellbogenbeugen. Das Glas auf dem Tisch ist leer. Ich würde jetzt beide Hände brauchen, um mir das Zeug einzugießen. Vielleicht könnte ich direkt einen Zug aus der Flasche nehmen, um mich zu stärken.  - Raymond Chandler, Der lange Abschied. Zürich 1975

Schreiben (20)  

- Roland Topor

Schreiben (21)  VON DEN GRÜNDEN ZUM SCHREIBEN  Man überzeuge sich davon: wir brauchten wohl einige unabweis-liche Gründe, um Dichter zu werden oder zu bleiben. Unser erster Beweggrund war zweifellos der Abscheu vor dem, was man uns zu denken und zu sagen verpflichtet, vor dem, woran uns die menschliche Natur teilzunehmen zwingt.

Beschämt über die Ordnung der Dinge, so wie sie ist, beschämt über alle diese groben Lastwagen, die in uns fahren, über diese Fabriken, Werkstätten, Läden, Theater, öffentlichen Denkmäler, die sehr viel mehr als den Dekor unseres Lebens darstellen, beschämt über jene schmutzige Geschäftigkeit nicht nur der Menschen um uns herum, haben wir beobachtet, daß die Natur, die doch viel mächtiger ist als der Mensch, zehnmal weniger Lärm macht und daß die Natur im Menschen, will sagen die Vernunft, überhaupt keinen macht.

Nun gut! Wir wollen der Stimme eines Menschen Gehör verschaffen, und wäre es auch nur für uns selbst. In der Stille hören wir sie, gewiß, aber in den Worten suchen wir nach ihr: dies ist nichts mehr. Dies sind Worte. Nicht einmal: Worte sind Worte.

O Menschen! Formlose Mollusken, Menge, die in den Straßen herumläuft, Millionen von Ameisen, die der Fuß der Zeit zertritt! Ihr habt als Bleibe nur den Dunst, der eurem wahren Blut gemeinsam ist: die Worte. Euer Wiederkäuen ekelt euch, euer Atmen läßt euch ersticken. Eure Persönlichkeit und eure Ausdrucksformen fressen einander auf. Solche Worte, solche Sitten, o Gesellschaft! Alles nur Worte.  - (lyr)

Schreiben (22)  Bei allen schweren und kitzligen Untersuchungen (deren, wie der Himmel weiß, nur zu viele in meinem Buch vorkommen), wo ich finde, daß ich keinen Schritt tun kann, ohne Gefahr zu laufen, entweder Ihro Hochwohlgeboren oder Ihro Hochwürden auf den Hals zu bekommen, schreibe ich die eine Hälfte mit vollem Magen und die andere fastend, oder ich schreibe alles mit vollem Magen und korrigiere es fastend, oder ich schreibe es fastend und korrigiere es mit vollem Magen, denn alles das läuft auf eins hinaus. - (shan)

Schreiben (23)  Seltsamerweise erzeugten die Tatsache, daß er die Dinge, die er sah, aufzuschreiben hatte, und das Kopfzerbrechen, der Widerwille fast, die daraus resultierten, in seinem Kopf eine Fähigkeit zu abstrahieren, das Wesentliche zu erkennen und zu beachten, die alles, was schließlich im Netz des Geschriebenen hängenblieb, klar und deutlich machte. So geht es wahrscheinlich allen italienischen Autoren des Südens und besonders den Sizilianern: Trotz Gymnasium, Universität und vieler Lektüre.  - Leonardo Sciascia: Der Ritter und der Tod. Ein einfacher Fall. Zwei Kriminalromane. Berlin 1996

Schreiben (24)  Schreiben wird gern mit Musik verglichen. In der Absicht, so scheint es, Dichtung zu einer reinen Kunst zu machen, wie Musik. Malerei auch. Schreiben würde dann, wie ich es bei gewissen modernen Russen gesehen habe, ungerichtete Laute anstelle hergebrachter Wörter verwenden. Das Gedicht würde dann völlig befreit sein, sobald die Übereinstimmung der Laute mit etwas anderem gegeben ist - etwa der Empfindung.

Ich glaube nicht, daß Schreiben Musik ist. Ich glaube nicht, daß das Schreiben an Qualität oder Kraft gewinnen würde, indem es nach den Merkmalen der Musik trachtete.

Die Merkmale der Musik sind, denke ich, Gegenstände der tätigen Imagination des Schriftstellers wie ein Tisch oder —

Der Schriftsteller der Imagination - um bei meinem Thema zu bleiben - würde den Merkmalen der Musik nicht dann am nächsten kommen, wenn seine Wörter von den natürlichen Gegenständen getrennt und ihrer festen Bedeutung entkleidet würden, sondern wenn sie von der üblichen Art dieser Bedeutung befreit sind durch die Verlagerung in ein anderes Medium, in die Imagination.

Manchmal spreche ich von der Imagination als einer Kraft, einem elektrischen Strom oder einem Medium, einem Ort. Es kommt nicht darauf an, was es ist: denn ob sie die Merkmale eines Ortes hat oder einer dynamischen Verwandlung, die Wirkung ist dieselbe: die Welt der Tatsachen von dem Schwindel der ›Kunst‹ zu befreien  und es dem Menschen freizustellen, seinem Handeln die Richtung zu geben, in die ihn seine Veranlagung führt.

Das Wort ist nicht befreit, darum nicht in der Lage, Erlösung aus der Erstarrung zu vermitteln, die es zerstört, solange es nicht genau auf die Tatsache eingestellt ist, die, indem sie ihm Wirklichkeit verleiht, durch ihre eigene Wirklichkeit die eigene Freiheit von der Notwendigkeit eines Worts herbeiführt und es solcherart zugleich freisetzt und dynamisch verwandelt.  - William Carlos Williams, Frühling und Alles. Nach (wcw)

Schreiben (25)  Schreiben, so überlegte ich, muß ein vom Willen unabhängiger Vorgang sein. Das Wort muß wie eine tiefe Meeresströmung aus eigenem Impuls zur Oberfläche aufsteigen. Ein Kind hat nicht das Bedürfnis zu schreiben, es ist unschuldig. Ein Mann schreibt, um das Gift loszuwerden, das sich bei ihm auf Grund seiner verfehlten Lebensweise angestaut hat. Er versucht seine Unschuld wiederzugewinnen, aber er erreicht (mit seinem Schreiben) nur, daß er die Welt mit dem Virus seiner Desillusion infiziert. Kein Mensch brachte ein Wort zu Papier, wenn er den Mut hatte, seiner Überzeugung entsprechend zu leben. Seine Inspiration wird schon an der Quelle abgelenkt. Wenn er das Verlangen hat, eine wahre, schöne und magische Welt zu schaffen, warum legt er dann Millionen Worte zwischen sich und die Realität einer solchen Weh? Warum zögert er zu handeln - es sei denn, er strebe wie andere Menschen auch nur nach Macht, Ruhm und Erfolg. «Bücher sind tote menschliche Handlungen», sagte Balzac. Doch ob-sqhon er die Wahrheit erkannte, opferte er bewußt den Engel dem Dämon, von dem er besessen war.

Ein Schriftsteller buhlt auf ebenso schmähliche Weise wie ein Politiker oder sonst ein Scharlatan um sein Publikum. Er liebt es, genau wie der Arzt die Hand am Puls zu haben, Rezepte zu verschreiben, er möchte eine Position einnehmen, anerkannt werden, den vollen Becher billiger Bewunderung bis zur Neige leeren, selbst wenn er tausend Jahre darauf warten muß. Er will keine neue Welt, die sofort errichtet werden könnte, denn er weiß, daß er sich in ihr nicht wohl fühlen würde. Er will eine unmögliche Welt, in der er ein ungekrönter Marionettenkönig ist, beherrscht von Kräften, die jenseits seiner Kontrolle liegen. Er ist es zufrieden, im verborgenen - in der fiktiven Welt der Symbole - zu herrschen, denn schon der bloße Gedanke einer Berührung mit der schroffen und brutalen Wirklichkeit erschreckt ihn. Wohl erfaßt er die Wirklichkeit besser als andere Menschen, aber er macht keine Anstrengung, der Welt diese höhere Wirklichkeit kraft eigenen Beispiels aufzuzwingen. Er begnügt sich damit zu predigen, sich im Strudel von Desastern und Katastrophen weiterzuschleppen, ein krächzend den Tod verkündender Prophet, stets ohne Ehre, stets gesteinigt, stets gemieden von denen, die - wie ungeeignet sie für ihre Aufgabe auch sein mögen - immer bereit und willens sind, die Verantwortung für die Angelegenheiten der Welt zu übernehmen. Der wahrhaft große Schriftsteller will im Grunde nicht schreiben: Für ihn soll die Welt ein Ort sein, wo er seinen Phantasien leben kann. Das erste bebende Wort, das er zu Papier bringt, ist das Wort des verwundeten Engels: Schmerz. Der Prozeß des Schreibens kommt dem Einnehmen von Rauschgift gleich. Wenn er beobachtet, wie das Werk unter seinen Händen wächst, überfällt ihn der Größenwahn. «Auch ich bin ein Eroberer - vielleicht der größte von allen! Mein Tag wird kommen. Ich werde mir die Welt untertan machen.  - Henry Miller, Sexus. Reinbek bei Hamburg 1980 (zuerst 1947)

Schreiben (26)  Heißt es auf dem Kopf zu stehen, zu glauben, daß die Sonne um die Erde kreist und sich für die Achse einer zu meinem Gebrauch geschaffenen Welt zu halten, wenn es mir wie die Auswirkung einer besonderen Güte der Dinge und der Wörter erscheinen will - die sich einmal willfährig zeigen und bereit, auf das Spiel sich einzulassen -, jene Fähigkeit zu verspüren, die man einen Augenblick lang hat (wo man doch jederzeit darüber verfügen möchte), auf eine solche Weise zu schreiben, daß es uns, momentan zumindest, scheint, wir hätten etwas gesagt, das gesagt zu werden verdiente, und wir hätten es auch so gesagt, wie es gesagt werden mußte? Nichts zu wollen, wenn die Dinge und die Wörter einem so feindlich gesinnt scheinen, daß man sie nicht von der Stelle zu rücken vermag und sie so ver-schlössen bleiben wie Steine. Unmöglich, auch nur einen bündigen Satz zu schreiben, wenn jedes Ding oder jede Idee wie ein stachliger Igel sich sträubt und zusammenrollt und sich nicht streicheln lassen will. Scheinbar geht die Initiative nicht von mir aus, sondern von der Welt, wie sie aus Wahrnehmungen und Empfindungen, in die ich eingetaucht bin, um mich her entsteht: an ihr ist es, eine Aufforderung an mich ergehen zu lassen, und an mir, darauf zu antworten -falls auch die Worte ihre Einwilligung erteilen. Will das Glück es, daß die adäquate Antwort sich artikuliert, so sprechen manche bei solchen Glücksfällen von Inspiration.  - (leiris2)

Schreiben (27)

Schreiben (28) Was das Schreiben selbst betrifft, so beansprucht es so gut wie keine Zeit. Wir schreiben täglich viel zuviel. Das erdrückt uns. Doch wenn wir gelegentlich das Chaos dieses ziellosen oder eigennützigen Gefasels durchschauen, wenn wir zufällig zu irgendeinem bewegenden Detail eines Lebens vordringen, findet sich immer die Zeit, ein paar Seiten herunterzuhämmern. Das Problem ist nicht, die Zeit dafür zu finden - täglich vergeuden wir etliche Stunden mit Nichtstun -, schwierig ist nur, das flüchtige Leben der Sache festzuhalten, die Worte so zu set/en, daß Klischees einer kurzen Einsicht weichen. Da liegt die Schwierigkeit. Wir können uns glücklich preisen, wenn dieser unterirdische Strom sich anzapfen läßt, wenn die geheime Quelle unseres Lebens ihr reines Wasser emporsendet. Das geschieht nur selten. Tausend Banalitäten drängen sich nach vorn, ihnen voran unsere verlogenen Sprach gebrauche und Denkgewohnheiten, die uns sagen, genau das sei es, was »die Leute« hören wollen. Erzähl ihnen was anderes. Du willst doch ein erfolgreicher Schriftsteller sein. Solchem Geschwätz vermag die tägliche Arbeit als Arzt drastisch abzuhelfen.

Das Schreiben kann man vergessen, es ist banal. Aber wenn tagein, tagaus Patienten mit schwerer Zunge mühsam versuchen, einem ihr Innerstes zu offenbaren, oder wenn jemand, der bloß ein Furunkel am Rücken hat, so aus der Fassung gerät, daß er irgendein Geheimnis aus der mitleiderregenden Gedankenwelt einer ganzen Gesellschaftsschicht preisgibt, dann packt einen plötzlich wieder das Verlangen, von dem unterirdischen Strom zu sprechen, der da für einen Augenblick an die Oberfläche gekommen ist. Was da so flüchtig zutage tritt, ist ein bloßer Bruchteil von all dem, was die Tagespresse übersieht oder vorsätzlich unterschlägt, aber es ist so erregend, daß man einfach wieder schreiben muß. Das ständige Tasten nach dem Sinn dieses rohen Materials, das uns am Telephon oder in der Praxis dargeboten wird, bringt uns zu der Erkenntnis, daß es keine bessere Methode gibt, eine Ahnung von dem zu bekommen, was sich in der Welt abspielt. - (wcwa)

Schreiben (29) - Nicht dabei versuchen, auf das nach bestimmten im voraus bestehenden Regeln verwendete Wort Wert zu legen, sondern das niederzuschreiben, was in genau diesem Augenblick geschieht -

Die Fähigkeit vervollkommnen, es in genau dem Augenblick festzuhalten, in dem das Bewußtsein durch sympathische Impulse und jene Einheit des Verstehens erweitert ist, ; welche die Imagination verleiht, sich darin üben, die bewe-\ gende Kraft festzuhalten und sie in ihren Ausmaßen zu erkennen -

Es ist die Gegenwart eines

Dies ist keine >Anwandlung<, sondern eine Vereinigung von Erfahrung

Das heißt, die Imagination ist eine wirkliche Kraft, vergleichbar der Elektrizität oder dein Dampf, kein Spielzeug, sondern eine Macht, die von Anfang an gebraucht wurde, um ein innigeres Verständnis von - dabei ist es nicht nötig, auf mystische Erfahrungen zurückzugreifen. In Wahrheit ist es das, was mir das Wissen, nach dem ich suche, vorenthalten hat —

Die Bedeutung der Imagination besteht für den Schreibenden in der Fähigkeit, Wörter zu machen. Sie hat die -einzigartige Kraft, geschaffenen Formen Realität zu verleihen, wirkliche Existenz

Das scheidet

Schreiben ist nicht ein Herumsuchen im täglichen Le•ben nach passenden Vergleichen und hübschen Gedanken oder Bildern. Das habe ich zu meinem Unglück erfahren müssen. Es ist nicht das bewußte Festhalten der Erlebnisse des Tages - »frisch und mit dem Anschein des Wirklichen-:. Derlei gefährdet ernstlich die Entwicklung der Fähigkeiten eines jeden Menschen, hält ihn nieder und macht aus ihm - Es ist zerstörerisch, macht aus der Natur ein bloßes Beiwerk zu der besonderen Theorie, der er gerade folgt, macht ihn blind für seine Welt -

Der Schriftsteller der Imagination wird davon befreit sein, Dinge mit dem Ziel zu beobachten, sie anschließend niederzuschreiben. Er wird da sein, die weite Welt zu genießen, zu kosten, zu umschlingen - keine Welt, die er wie einen Sack voll Essen ängstlich herumschleppt, damit nur ja nichts zu Boden fällt oder ein anderer mehr kriegt als er,

Eine Welt, befreit von der Notwendigkeit, sie festzuhalten, sich selbst genügend und ihm entzogen (ganz gewiß ist es so), zu der er schmerzliche und köstliche Beziehungen unterhält, ohne abhängig zu sein - seine Schritte lenkend, wohin er will - wie es ihm gerade gefällt, ungebunden -vollkommen

und der einzige Beweis dafür ist das Werk der Imagination, das nicht >wie< irgend etwas ist, sondern durchströmt wird von den Kräften, die auch die Erde durchströmen -oder mindestens einem kleinen Teil davon. - William Carlos Williams, Frühling und Alles, nach (wcw)

Schreiben (30)  Die Zeitschrift Littérature verfiel eines Tages darauf, einige der angeblichen Prominenzen der literarischen Welt zu fragen: Warum schreiben Sie? Und die befriedigendste Antwort entnahm Littérature etwas später dem Notizbuch des Leutnants Glahn, in Pan: »Ich schreibe«, sagte Glahn, »um die Zeit zu verkürzen.« Das ist die einzige Antwort, die ich gelten lassen kann, mit dem Vorbehalt, daß ich auch zu schreiben glaube, um die Zeit zu verlängern. Jedenfalls bin ich bestrebt, auf sie einzuwirken, und zitiere dazu meine Weiterführung des Pascalschen Gedankens: »Jene, die ein Werk nach einer Regel beurteilen, sind wie die, die eine Uhr haben, im Vergleich zu denen, die keine haben.« Ich schreibe weiter: »Der eine sagt, indem er auf die Uhr schaut: Wir sind schon seit zwei Stunden hier. Der andere sagt, indem er auf die Uhr schaut: Es ist erst eine Dreiviertelstunde. Ich habe keine Uhr und sage zum ersten: Sie langweilen sich; und zum zweiten: Die Zeit wird Ihnen nicht lang; denn für mich sind es eineinhalb Stunden; und ich pfeife auf die, die sagen daß mir die Zeit lang werde und ich nach meiner Uhr urteilen solle: sie wissen nicht, daß ich nach meiner Phantasie urteile.«  - André Breton, Verächtliche Beichte. In: Der Pfahl VII. München 1993 (zuerst 1924)
 
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