ittern   Mallarmé lebte für einen gewissen Gedanken: er war besessen von der Vorstellung eines absoluten Werkes, das für ihn das höchste Ziel, die Rechtfertigung seines Daseins, den einzigen Zweck und den einzigen Sinn des Weltalls bedeutete. Um diese ihm einzig wesentliche, reine und erhabene Idee, an der er die sämtlichen übrigen Werte maß, unversehrt zu erhalten, sie in immer deutlicherer Gestalt in sich aufzurichten, hatte er sein äußeres Leben, seine Haltung gegenüber den Mitmenschen und Verhältnissen umgewandelt und von Grund aus erneuert. Es steht zu vermuten, daß er Menschen und Werke gemäß ihrem mehr oder minder entschiedenen Verhältnis zu dieser von ihm entdeckten Wahrheit einteilte und würdigte. Mit anderen Worten: daß er innerlich eine Menge Wesen verwerfen, ihnen in Gedanken den Kopf abschlagen lassen mußte —: was ihn bewog, allen mit einer in der Tat erlesenen Anmut, Geduld und Artigkeit zu begegnen, jedermann Zutritt zu gewähren, auf sämtliche ihn erreichenden Briefe in stets ebenso zierlichen wie überraschend neuartigen Wendungen zu antworten ... Er setzte einen immer wieder in Erstaunen mit dieser zauberhart raffinierten Höflichkeit, diesem System allseitiger Rücksichtnahme, daran ich mich bisweilen ehrlich stieß, an dem er selber aber eine undurchdringliche Schutzzone besaß, wo das Wunder seines Stolzes sein unangetastetes Eigentum blieb, die Krypta der einsamsten Zwiesprache dieses Mannes mit seiner eigenen Rätselhaftigkeit.

Zu Degas' unerhörter Unduldsamkeit, seinen schonungslos übertreibenden Urteilen, seinem unüberwindlichen Hang zu summarischen und höhnischen Abfertigungen, seiner ständig fühlbaren Bitterkeit, seinen schrecklichen Stimmungsumschwüngen und Zornausbrüchen läßt sich kein größerer Gegensatz denken als das ausgeglichene, anmutige und feine, köstlich ironische Wesen Mallarmés.

Es ist wohl kaum anders möglich, als daß Mallarmé vor diesem seinem eigenen so unähnlichen Charakter heimlich gezittert hat.    - (deg)

Zittern (2)  Ich zitterte so stark, daß es sich dem Nebel um mich herum und dem Boden, auf dem ich zu stehen schien, mitteilte. Es war ein übler Anblick. Nirgends gab es etwas, um sich daran zu lehnen. Keinen Baum, keine Mauer. Alles Bekannte hatte sich schon aufgelöst. Die Welt war ein lehmiges Meer. Manchmal sah ich nur meinen Kopf, wenn ich in ein Wellental gestolpert war, und manchmal nur meine Beine, wenn ich auf einen Hügel geriet und mein Oberkörper im Dunst verschwand. Dabei hörte ich mich vor Anstrengung keuchen, und wenn ich meine Füße aus dem Lehm zog, gab es jedesmal ein schmatzendes Geräusch. - Hans Erich Nossack, Nekyia. Bericht eines Überlebenden. Frankfurt am Main 1961 (BS 72, zuerst 1947)

Zittern (3)  In der Kammer näherte ich mich Rosemund und streichelte sehr friedlich ihre filmreifen Brüste und die herzaufrichtenden kallipygischen Rundungen. Ich fragte: Würdest du es anstößig finden, wenn ich dich küßte? Sie lachte. Ich küßte sie und streichelte weiter. Sie seufzte ägyptisch und fing an zu zittern, fing wirklich an, sehr verheißungsvoll zu zittern (ich schreib's nicht bloß hin aus Schmutzfinkenmystizismus), und ich fragte: Zitterst du immer so, dann?

Wieso?

Naja, sagte ich, jeder hat seine Eigenarten, so gezittert hat vorher nie eine. .. Liebling, frierst du?

Sie zitterte ganz unglaublich.

Nein, sagte sie, ich frier' nicht im mindesten.

Ich war ziemlich irritiert. Früher in Frankfurt hatte nie eine in diesem Maße gezittert. Die Provinz ist eben doch ursprünglicher, dachte ich, die städtischen Liebesfrauen sind kläglich dagegen, kläglich abgebrüht.

Du frierst vielleicht doch, Liebling, sagte ich.

Ganz und gar nicht, entgegnete Rosemund seufzend und zitterte dahin. - Ernst Herhaus, Die homburgische Hochzeit. München 1967 (zuerst 1970, dtv sr 83)

Zittern (4) Inzwischen begannen auch die Autodächer zu glänzen, die Blätter der Hecken da und dort zu schimmern, der Verkehr war nicht mehr so flüssig, jeden Augenblick standen mehr Leute an der Bushaltestelle und warteten. Da begann Menini das Zittern in der Luft zu spüren, denn die Bewegung des Alltags hatte schon angefangen.

Und da, genau an dieser Stelle des Tages, gelang es ihm an eine Form der Unbewegtheit zu denken, die er im trüben Licht des Morgengrauens gesehen hatte, und dieser Gedanke ließ in ihm die Lust fortdauern, klar umrissene, ruhige Landschaften zu malen.

»Die Unbewegtheit«, so sagte er auf unserem Spaziergang, »sieht man nämlich nie. Man denkt nur nachträglich, man hätte sie gesehen, wenn einem das alltägliche Zittern auf den Leib rückt und alles wieder anfängt sich zu bewegen. Aber kann ich jemanden davon überzeugen, daß ich die Unbewegtheit mit eigenen Augen gesehen habe? Nein. Ich kann nur eine Landschaft malen.«   - Gianni Celati, Der wahre Schein. Berlin o. J. (zuerst 1987)

Zittern (5)  ... die Wehrmachtsberichte waren überhaupt nicht mehr zu verstehen, außer daß sie in Form und Tonfall heroisch-entschlossener waren als je, mit ihren «vorgesehenen Auffangstellungen»...

So beschränkt, so vernagelt wir auch waren, wir konnten doch sozusagen sicher sein, unsere Scharfrichter jeden Augenblick auftauchen zu sehen, aus der Luft oder aus der Ebene, mit wirklich allem Nötigen ausgerüstet, Körben für die Köpfe, Fallbeilen, Dudelsäcken und tausend Trommeln, damit sie uns im Zweitakt tanzen lassen und mit unseren Köpfen Fangball spielen konnten!... davor wurden wir wahrscheinlich durch die Klöppelspitzen der Kondensstreifen über uns gewarnt, diese großen Zeichen von einem Horizont zum andern... eines stand fest: alles zitterte ... das Wasser der Teiche und Tümpel, noch die kleinsten Blätter der Bäume, die Mauern des Herrenhauses, und die Küchentür... und wir selbst auf unseren soliden Stühlen... kam das wohl von weiter her als von Berlin?... Le Vigan war davon überzeugt ... weiter nördlich, meinte er... Norden, das war die englische Armee... Westen, das war Eisenhower.., hatten sie es alle auf Zornhof abgesehen?... Harras hatte den Ort ausgesucht, damit wir uns hier erholen konnten... er hatte auch die wirklich guten, gastlichen Leute dafür ausgesucht... den Rittmeister, seinen verkrüppelten Sohn, den SS-Mann Kracht, die Kretzer mit ihren Litewkas... und den süßen Goldfisch in ihrem Turm... die schweigsamen Bibelforscher ... alle dabei, uns zu belauem, ganz ohne Zweifel, irgendeinen Streich gegen uns auszuhecken...

Ich saß also auf meinem Stuhl an der Küchentür und sah den einarmigen Feldwebel an... er sah mich auch an...

«Aus Paris? aus Paris?»

Woher wir kämen...

«Ja! ja!»

«Schöne Frauen da!»

Ganz gleich, wo man sich befindet... im Konfettiregen, im Bombenhagel, im Keller oder in der Stratosphäre, im Gefängnis oder in einer Botschaft, am Äquator oder in Trondheim, man kann sicher sein, ein unmittelbares Interesse zu erregen, man wird immer nur nach einem gefragt: der berühmten Scheide der Pariserin! Ihr Gesprächspartner sieht sich schon zwischen ihren Schenkeln, mitten im Glücksrausch, im Hochzeitsflug, während er die barisienne mit seinem Entzücken überschwemmt... er sagte mir, der einarmige Feldwebel... ganz traurig...

«Nie mehr wieder!... nie mehr!» - Louis-Ferdinand Céline, Norden. Reinbek bei Hamburg 2007 (zuerst 1964)

Bewegung Angst

 

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Zitteraal
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