lück  Das Massel, die Tauben haben, der Torkel. - (pu)

Glück (2) In diesem hehren Augenblick, da der Mensch, wie Sisyphos, der zu seinem Stein zurückkehrt, sich wieder seinem Leben zuwendet, betrachtet er jene Folge zusammenhangloser Handlungen, die zu seinem Schicksal wird, das, von ihm selber geschaffen, in seiner Erinnerung zusammenschießt und alsbald durch seinen Tod besiegelt wird. Überzeugt, daß alles Menschliche nur menschlichen Ursprungs ist, bleibt er, ein Blinder, der sehen möchte und weiß, daß die Nacht kein Ende hat, immer unterwegs.

Wieder rollt der Stein. Ich verlasse Sisyphos am Fuß des Berges. Seine Last findet man immer wieder. Doch Sisyphos lehrt die höhere Treue, die die Götter leugnet und die Steine bewegt. Auch er glaubt, daß alles gut ist. Dieses Universum, von nun an ohne Herren, erscheint ihm weder unfruchtbar noch nichtig. Jedes Gran dieses Gesteins, jeder Mineralsplitter dieses Berges voller Nacht ist eine Welt für sich. Der Kampf um die Gipfel allein kann ein Menschenherz ausfüllen. Man muß sich Sisyphos glücklich denken. - Albert Camus, Der Mythos von Sisyphos

Glück (3)  Ich habe mir nie die Mühe genommen, das Glück zu suchen; dafür hat es sich oft, sehr oft die Mühe genommen, mich muthwillig zu necken, und dadurch bin ich endlich vollends gleichgiltig dagegen geworden.

Seit langer Zeit ist es mir ziemlich einerlei, ob ich Minister oder Bettelvogt bin, ob ich einen Demantstern am Sammetrocke oder einen Flecken an der Theerjacke trage.

Ich bin zuweilen ausgegangen, einen Bekannten zu besuchen, und habe fünfe nach der Reihe nicht angetroffen; dafür nahm mir's der sechste übel, daß ich nicht gekommen war, ohne sich je um meine Klause bekümmert zu haben.

Einst wollte ich einige Worte mit dem alten Weiße sprechen und erfahre in seiner Wohnung, er sei aufs Land gefahren. Ich gehe aufs Land und höre, er sei eben zurückgefahren, weil er etwas vergessen habe. Ich gehe in die Stadt und vernehme, er hat das Buch eingesteckt und sich wieder in den Wagen gesetzt. Meine Botschaft war mir wichtig, ich gehe also wieder hinaus auf sein Gut. Weiße war spazieren gegangen, und nach langem Suchen fand ich ihn endlich hinter dem Garten unter seiner alten Linde schlummern. Nun waren alle Neckereien des Glücks vergessen; ich setzte mich neben ihn, zog meinen Tacitus aus der Tasche und las, bis er erwachte. - (seume)

Glück (4) Das Glück, sagte Herr ***, ist eine schwierige Sache. In uns finden wir es nur schwer und außer uns gar nicht. - (Chamfort)

Glück (5) Die Vielfalt der Chancen ist unendlich, die einen kommen früh, die anderen spät; manchmal wirken sie langsam und nacheinander, manchmal ist ihre Wirkung plötzlich und von direkten Folgen für das Schicksal. Vielleicht gibt es kein merkwürdigeres Beispiel für den reinen Einfluß des Zufalls als die folgende historische Begeben heit, die wir als typisch für diese genannte Art des Zufalls festgehalten haben:

In der Zeit der Régence lebte ein finsterer Intrigant namens Chavigny. Er hatte zahlreich fruchtlose Versuche  unternommen, sich bei Hof einzuschleichen. Als ihm keinerlei Gunst zuteil geworden war, wurde er des Kämpfens müde, löste seine Wohnung auf und begab sich in familiären Angelegenheiten nach Holland.

Kaum war er in Den Haag eingetroffen, wurde er krank und mußte in einer Herberge Zuflucht suchen. Wer einmal dieses Land bereist hat, weiß, daß man hier von Kammermädchen bedient wird, die alles andere als spröde sind. In jenem Gasthaus, in das ihn der Zufall geführt hatte, wurde Chavigny nun mit der allergrößten Hingabe von einem Zimmermädchen gepflegt, und nach seiner Genesung schickte er sich an, ... nun, sich ihr als dankbar zu erweisen ... Man ahnt bereits, daß dieses Abenteuer nicht von der gewöhnlichen Sorte ist; aber wie fand er nun sein Glück? Eines Tages hielt er sich mit dem Fräulein in einem Zimmer des Gasthauses auf, als er hörte, wie die Herrin des Hauses auf dieses Zimmer zuging und nach ihrer Bediensteten rief. Dieser blieb gerade noch die Zeit, um hinauszugehen und die Tür zu schließen. Die Herrin ordnete an, nun ausgerechnet dieses Zimmer für zwei ausländische Minister herzurichten, die eben eingetroffen waren und ungestört speisen wollten. Ghavigny noch schnell hinauszuschmuggeln war unmöglich. Da kam sie auf den Einfall, ihn in einem Schrank zu verstecken, und schloß ihn dort ein.

Es war höchste Zeit. Kaum hatte sie den Schlüssel abgezogen, kamen bereits die beiden Reisenden herein. Da sie sich allein wähnten, verständigten sie sich ohne Umschweife über eine politische Intrige, die das Ziel ihres Treffens war. Die Sache war nicht unbedeutend, es handelte sich um ein Komplott, dem kein geringerer als der Herzog von Orléans zum Opfer fallen sollte, den man aus der Regentschaft verdrängen wollte. Einer der beiden Reisenden war ein vom Kardinal Alberoni gedungener Abenteurer, der ursprünglich den Regenten in den Bois de Boulogne locken sollte. Da sein Plan gescheitert war, floh er nach Den Haag, um hier ein neues Komplott zu schmieden, als sie sich trennten, vereinbarten die beiden eine weiteres Treffen am selben Ort.

Chavigny spürte sofort, daß seine Entdeckung für ihn von großem Nutzen sein konnte. Es fiel ihm nicht schwer, das Zimmermädchen dazu zu bewegen, ihn am angegebenen Tag im selben Zimmer zu verstecken. Die Begegnung fand statt, und das Gespräch fiel noch deutlicher aus.

Chavigny war nun im Besitz ihres Geheimnisses und schrieb dem Regenten, er habe ihm eine Eröffnung von allergrößter Wichtigkeit zu machen, kehrte dann nach Paris zurück und erhielt eine Audienz beim Herzog von Orléans.

Allerdings hütete sich Chavigny, die Umstände zu erläutern, unter denen er seinen glücklichen Fund gemacht hatte. Seine Erkenntnisse erklärte er mit Beziehungen auf höherer Ebene. Der Fürst beschimpfte ihn als Phantasten und wollte ihn des Raumes verweisen. Aber Chavigny ließ sich nicht verunsichern und blieb bei dem, was er gesagt hatte. Dem Regenten machte er den Vorschlag, ihn in die Bastille werfen zu lassen, wenn das Angekündigte nicht eintreffen sollte. Damit war der Fürst einverstanden, alles geschah, wie Chavigny gesagt hatte, und von diesem Tag an war sein Glück gemacht. - (joli)

Glück (6)  

Snoopy tanzt

- Charles. M. Schulz, Good Ol' Snoopy. London 1971 (Coronet Books)

Glück (7) Epikur aus Gargettos pflegte lautstark zu verkünden: "Wer nicht mit wenigem zufrieden ist, ist mit nichts zufrieden!" Er sagte auch, er sei bereit, sich selbst mit Zeus zu streiten, wer glücklicher sei, wenn er nur Brot und Wasser habe. Was Epikur meinte, wenn er bei solchen Ansichten die Lust pries, werden wir an anderer Stelle erfahren. - (ael)

Glück (8)

Das Glück

 
Selig, welchen die Götter, die gnädigen, vor der Geburt schon
  Liebten, welchen als Kind Venus im Arme gewiegt,
Welchem Phöbus die Augen, die Lippen Hermes gelöset,
  Und das Siegel der Macht Zeus auf die Stirne gedrückt!
Ein erhabenes Los, ein göttliches, ist ihm gefallen,
  Schon vor des Kampfes Beginn sind ihm die Schläfe bekränzt.
Ihm ist, eh er es lebte, das volle Leben gerechnet,
  Eh er die Mühe bestand, hat er die Charis erlangt.
Groß zwar nenn ich den Mann, der, sein eigner Bildner und Schöpfer,
  Durch der Tugend Gewalt selber die Parze bezwingt,
Aber nicht erzwingt er das Glück, und was ihm die Charis
  Neidisch geweigert, erringt nimmer der strebende Mut.
Vor Unwürdigem kann dich der Wille, der ernste, bewahren,
  Alles Höchste, es kommt frei von den Göttern herab.
Wie die Geliebte dich liebt, so kommen die himmlischen Gaben,
  Oben in Jupiters Reich herrscht wie in Amors die Gunst.
Neigungen haben die Götter, sie lieben der grünenden Jugend
  Lockigte Scheitel, es zieht Freude die Fröhlichen an.
Nicht der Sehende wird von ihrer Erscheinung beseligt,
  Ihrer Herrlichkeit Glanz hat nur der Blinde geschaut;
Gern erwählen sie sich der Einfalt kindliche Seele,
  In das bescheidne Gefäß schließen sie Göttliches ein.
Ungehofft sind sie da und täuschen die stolze Erwartung,
  Keines Bannes Gewalt zwinget die Freien herab.
Wem er geneigt, dem sendet der Vater der Menschen und Götter
  Seinen Adler herab, trägt ihn zu himmlischen Höhn,
Unter die Menge greift er mit Eigenwillen, und welches
  Haupt ihm gefället, um das flicht er mit liebender Hand
Jetzt den Lorbeer und jetzt die herrschaftgebende Binde;
  Krönte doch selber den Gott nur das gewogene Glück.
Vor dem Glücklichen her tritt Phöbus, der pythische Sieger,
  Und der die Herzen bezwingt, Amor, der lächelnde Gott.
Vor ihm ebnet Poseidon das Meer, sanft gleitet des Schiffes
  Kiel, das den Cäsar führt und sein allmächtiges Glück!
Ihm zu Füßen legt sich der Leu, das brausende Delphin
  Steigt aus den Tiefen, und fromm beut es den Rücken ihm an.  
Zürne dem Glücklichen nicht, daß den leichten Sieg ihm die Götter  
  Schenken, daß aus der Schlacht Venus den Liebling entrückt,
Ihn, den die lächelnde rettet, den Göttergeliebten beneid ich,
  Jenen nicht, dem sie mit Nacht deckt den verdunkelten Blick.
War er weniger herrlich, Achilles, weil ihm Hephästos
  Selbst geschmiedet den Schild und das verderbliche Schwert,
Weil um den sterblichen Mann der große Olymp sich beweget?
  Das verherrlichet ihn, daß ihn die Götter geliebt,
Daß sie sein Zürnen geehrt und, Ruhm dem Liebling zu geben,
  Hellas‘ bestes Geschlecht stürzten zum Orkus hinab.
Zürne der Schönheit nicht, daß sie schön ist, daß sie verdienstlos
  Wie der Lilie Kelch prangt durch der Venus Geschenk,
Laß sie die Glückliche sein, du schaust sie, du bist der Beglückte,
  Wie sie ohne Verdienst glänzt, so entzücket sie dich.
Freue dich, daß die Gabe des Lieds vom Himmel herabkommt,
  Daß der Sänger dir singt, was ihn die Muse gelehrt,
Weil der Gott ihn beseelt, so wird er dem Hörer zum Gotte,
  Weil er der Glückliche ist, kannst du der Selige sein.
Äuf dem geschäftigen Markt, da führe Themis die Wage,
  Und es messe der Lohn streng an der Mühe sich ab,
Aber die Freude ruft nur ein Gott auf sterbliche Wangen,
  Wo kein Wunder geschieht, ist kein Beglückter zu sehn.
Alles Menschliche muß erst werden und wachsen und reifen,
  Und von Gestalt zu Gestalt führt es die bildende Zeit,
Aber das Glückliche siehest du nicht, das Schöne nicht werden,
  Fertig von Ewigkeit her steht es vollendet vor dir.
Jede irdische Venus ersteht wie die erste des Himmels,
  Eine dunkle Geburt aus dem unendlichen Meer,
Wie die erste Minerva, so tritt mit der Ägis gerüstet
  Aus des Donnerers Haupt jeder Gedanke des Lichts.

- Friedrich Schiller

Glück (9) Über dem Eingang zu seinem Landhaus hatte der berühmte Quantenphysiker Nils Bohr ein Hufeisen als Glücksbringer angebracht. "Glauben Sie etwa daran?", fragte ihn ein strenger wissenschaftlicher Besucher einmal verwundert. "Nein", antwortete Bohr, "aber es funktioniert auch, wenn man nicht daran glaubt." - (Quelle)

Glück (10) Ich schließe dieses Buch mit dem Gefühl, daß ich etwas ausgelassen habe, etwas sehr Wichtiges, und das habe ich. Es ist Individualität, es ist das Glück des Schreibens, das sich eigentlich gar nicht schildern läßt, das man nicht in Worte fassen und an einen anderen weitergeben kann, damit er es mit einem teile oder es benutze. Es ist die seltsame Macht der Arbeit, die für den Schriftsteller, der dort gearbeitet, geschwitzt, geflucht und vielleicht ein paar Minuten Triumph und Befriedigung erlebt hat, einen Raum — jeden Raum — in etwas ganz Besonderes verwandeln kann. In meiner Erinnerung leben viele solche Räume: ein ganz kleines Zimmer in Ambach bei München, wo die Decke so niedrig war, daß ich an dem einen Ende nicht aufrecht stehen konnte; das frühere Mädchenzimmer in einem Gasthaus; ein eiskaltes, feuchtes Zimmer in einer englischen Küstenstadt, wo ich verzweifelt immer die Risse ausstopfte, als wäre ich auf einem sinkenden Schiff; ein Zimmer in Florenz mit einem Holzofen, in dem absolut nichts brennen wollte; ein Zimmer in Rom, dessen Einrichtung, wenn ich daran denke, in mir die Erinnerung an eine merkwürdige Kombination von harter Arbeit und Tollhaus wachruft. Es liegt an der Einsamkeit des Schreibens, daß man diese starken Erinnerungen und Gefühle mit niemandem teilen kann.

Auf der erfreulichen Seite steht das Bewußtsein, daß man während des Schreibens vollständig und glücklich in das Buch vertieft ist, egal ob das Schreiben sechs Wochen, sechs Monate oder noch viel länger dauert. Man muß das Buch auch beschützen, während man es schreibt; es ist zum Beispiel ein großer Fehler, einen Teil des Buches jemandem zu zeigen, bei dem man mit einer scharfen Kritik rechnen muß, wodurch möglicherweise das eigene Selbstvertrauen Schaden erleidet. Auf seine Weise wird aber andererseits das Schreiben des Buches den Schreibenden vor mancherlei vernichtenden emotionalen Schlägen schützen, die ihn sonst verletzen und vom Schreiben ablenken würden.

Das unsichere und isolierte Leben eines Schriftstellers zeigt seine Kehrseite, wenn der Glückspegel ein wenig ansteigt: der Schreiber kann dann in der Nachsaison nach Mallorca fliegen und ein paar Wochen in der Sonne baden, wenn alle Bekannten in der Großstadt festsitzen. Oder er kann sich einem Freund anschließen, der in einem wackligen Segelboot von Acapulco nach Tahiti segelt, und braucht sich keine Sorgen zu machen über die Länge der Reise, bei der vielleicht auch noch ein Buch für ihn herauskommt. Ein Schriftsteller hat ein ungebundenes und freies Leben; gibt es Härten, so ist es ein Trost zu wissen, daß man damit nicht allein ist und niemals allein sein wird, solange es Menschen gibt. Die Finanzen sind gewöhnlich ein Problem, das Schriftsteller immerwährend belastet, aber das gehört bei diesem Spiel dazu. Und das Spiel hat eigene Regeln. Die meisten Schriftsteller und Künstler müssen in der Jugend zwei Jobs auf sich nehmen: einen Job zum Geldverdienen und einen für die eigene Arbeit. In Wirklichkeit ist es noch etwas schlimmer. Der Autorenverband hat festgestellt, daß in Amerika fünfundneunzig Prozent aller Schriftsteller ihr Leben lang einen Brotjob behalten müssen, um über die Runden zu kommen. Wenn die Natur einem die Extrakraft dazu nicht gibt, dann wird die Liebe zum Schreiben und der Drang zum Schreiben sie geben. Man wird vielleicht ab dreißig beginnen abzuschlaffen, also nicht mehr mit vier Stunden Schlaf auskommen; dann fängt man an, über Steuern zu schimpfen, und behauptet, im Grunde sei doch der Regierung nur daran gelegen, alle Künstler in den Ruin zu treiben. Dann sollte man sich daran erinnern, daß Künstler — genau wie Schnecken und Coelacanthen (Hohlwirbelfische) und andere bleibende Formen organischen Lebens — schon gelebt und sich durchgeschlagen haben, als man von Regierungen noch gar nicht träumte. - Patricia Highsmith, Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt. Zürich 1990 (zuerst 1966)

Glück (11) Im vormals berühmten, inzwischen wohl eher berüchtigten Fragebogen à  la Marcel Proust wird die Frage individuell und ohne Definitionszwang gestellt: Was wäre für Sie das vollkommene irdische Glück? Die unerschrockenen Frommen haben es am leichtesten zu antworten: Gibt es nicht. Es ist doch aber im Konjunktiv gefragt und das Bekenntnis, man halte es mit einem anderen als irdischem Glück, daher ganz überflüssig. Mich überraschen viel eher die Bescheidenheiten der meisten Antworten; unter diesen am meisten der Irrealis eines Prominenten: Ein Leben ohne Zahnschmerzen. Der Zahnarzt, obwohl kaum jemals Erretter eines Menschen vor dem sicheren Tod oder wesentlicher Verlängerer des Lebens, ist doch unter dem Aspekt des minimalisierten Glücksbegriffs eine solide ›Errungenschaft‹ des Fortschritts, gar nicht zu reden davon, wieviele Heldinnen und Helden, denen wir weniger aufs Maul als in den Mund zu schauen angeleitet werden, uns dieses Vergnügen schuldig bleiben müßten. Die Fortschrittskritiker allerdings, die sich gern jahrelang auf die Couch legen, um ihren Ödipuskomplex — oder was sie dafür halten — zu pflegen, haben nur ein Lächeln, wenn als Stigma des ›Fortschritts‹ die Überwindung des Schmerzes durch Anästhesie im weitesten Sinn angeführt wird. Ich habe das mal vor vielen Jahren gegenüber einem Kongreß reumütiger Ingenieure versucht — ein mäßiger Heiterkeitserfolg im Vergleich zu dem Unheil, das sie sich gerne selber zugeschrieben hätten, um Bußfertigkeit zu exhibitionieren (21. November 1970, Ludwigshafen, VDI). Da war es gerade ein gutes Jahrhundert her, daß akuter Schmerz bekämpft, unter Narkose operiert werden konnte. Man denke und schaudere: Am Auge kann gerade erst seit Kollers Kokainanwendung 1884 ohne schmerzhafteste Gewalt am empfindlichsten aller Organe ärztlich gearbeitet werden. Hat jemals ein Philosoph dem Sieg der Vernunft über den Schmerz eine Zeile gewidmet? Nein, die haben es mit Größerem zu tun, etwa mit den Untergängen der Welt oder nur des Abendlandes.

1781 entdeckte William Herschel den Uranus. Zum erstenmal seit der Antike, ja seit der Astronomie der Babylonier, war die Zahl der sichtbaren Planeten um einen teleskopischen vermehrt worden — eine gegen die kanonische Weltordnung nahezu lästerliche Entdeckung ersten Ranges. Man durfte sich wieder etwas vom Himmel versprechen. Lichtenberg auf seiner Göttinger Sternwarte, kaum so zu nennen, träumte auch ein wenig den neuen Entdeckertraum, Als die Herschel-Nachricht kam, schrieb er dennoch in seiner tapferen Nüchternheit ins Sudelheft: Ein untrügliches Mittel gegen das Zahnweh zu erfinden, wodurch es in einem Augenblick gehoben würde, möchte wohl so viel wert sein und mehr, als noch einen Planeten zu entdecken. - (blum2)

Glück (12)   Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück. - Gottfried Benn

Glück (13)   Ich meine, es sei besser, ungestüm als vorsichtig zu sein, denn das Glück ist ein Weib; wer es bezwingen will, muss es prügeln und stoßen. Die Erfahrung lehrt, dass es sich leichter von denen, die so verfahren, bezwingen lässt, als von jenen, die mit kühlem Kopf vorgehen. Darum ist es, wie ein Weib, stets jungen Leuten gewogen, weil diese unbesonnener, aber desto stürmischer und kühner sind. - Niccolo Machiavelli

Glück (14)   Hätte ihn nicht der Tod überrascht und hätte nicht Thrasyllus - mit Absicht, wie es heißt - ihn überredet, manche Hinrichtungen in der Hoffnung auf ein längeres Leben aufzuschieben, so hätte Tiberius, wie man glaubt, noch weit mehr Menschen getötet, ja selbst seine noch übrigen Enkel nicht verschont; denn auf Gajus war bereits sein Verdacht gefallen und Tiberius verachtete er, da er in ihm einen einem ehebrecherischen Verhältnis entsprossenen Bastard sah. Diese Behauptung ist nicht so unwahrscheinlich, denn häufig pflegte er sich zu äußern: "Wie glücklich ist doch Priamus gewesen, der alle die Seinen überlebt hat!" - (sue)

Glück (wahres)   Wir sehen die Großen dieser Erde im Besitze der Güter dieser Welt. Sie leben in Herrlichkeit und Überfluß, die Schätze der Kunst und der Natur scheinen sich um sie und für sie zu versammeln, und darum nennt man sie Günstlinge des Glücks. Aber der Unmut trübt ihre Blicke, der Schmerz bleicht ihre Wangen, der Kummer spricht aus allen ihren Zügen.

Dagegen sehen wir einen armen Tagelöhner, der im Schweiße seines Angesichts sein Brot erwirbt; Mangel und Armut umgeben ihn, sein ganzes Leben scheint ein ewiges Sorgen und Schaffen und Darben. Aber die Zufriedenheit blickt aus seinen Augen, die Freude lächelt auf seinem Antlitz, Frohsinn und Vergessenheit umschweben die ganze Gestalt. - Heinrich von Kleist

Glück (16)   Es gibt keine zwei glückbringenderen Eigenschaften, als etwas vom Narren und nicht zuviel vom Ehrenmann an sich zu haben.  - Francis Bacon, nach (ej2)

Glück (17)  In der Erzählung La Dea cieca e veggente (Die blinde, sehende Göttin) schreibt ein Dichter, der aufs Geratewohl seine Wörter aus einer Lostrommel zieht, schließlich das Wort L'infinito (Das Unendliche) und fragt am Ende (ähnlich wie jene Figur bei Borges, die sich für den Autor des Quijote hält), ob dies Werk nicht vielmehr von ihm, statt von Leopardi sei. Angesichts seines Glücks, in eine so ganz und gar unwahrscheinliche Erbfolge geraten zu sein, will er sein Glück auch im Roulett versuchen; eine Katastrophe; am Ende verliert er alles. - Italo Calvino, Vorwort zu (land)

Glück (18)  Ein junges Frauenzimmer habe ich sagen hören: »Glücklich ist man nur, wenn man schläft oder wenn man tanzt.« - (gon)

Glück (19) tagelang hatte goldenberg sich mit dem lautgebilde „knaulpferch" herumgeschlagen, endlich verliess es ihn so plötzlich wie es ihn befallen hatte und goldenberg konnte es anfangs garnicht glauben.

oft gröhlte goldenberg anscheinend sinnlos vor sich hin. dann konnte ihn niemand leiden und man mied ihn so gut es ging, trotzdem suchte goldenberg oft oder gerade in diesem zustand die gesellschaft von menschlichen wesen um zu gröhlen.

„la la la", sang goldenberg. „bla bla bla", antwortete braunschweiger. hierauf waren beide, braunschweiger und goldenberg, minutenlang glücklich. - Konrad Bayer, der sechste sinn. Roman. Reinbek bei Hamburg 1969

Glück (20) Das Glück liegt 16,5 Millimeter vom oberen Teil des Harnröhrenausgangs entfernt. Es liegt in einer sackähnlichen Struktur, deren Wände erektilem Gewebe ähneln und deren Oberfläche bläuliche Unregelmäßigkeiten zeigt, die aus dem Inneren durchscheinen. Es hat die Form einer Traube und ist rund acht Millimeter lang, bis zu knapp vier Millimeter breit und nur 0,4 Millimeter hoch. Drei Teile lassen sich deutlich unterscheiden: eine Art Kopf von 3,4 mal 3,6 Millimetern, ein 3,1 mal 3,3 Millimeter großer Mittelteil und ein Schwanz, der 3,3 mal 3,0 Millimeter groß ist. Von seinem Ende erstreckt sich ein seilartiges Blutgefäß, das im umgebenden Gewebe verschwindet. - Matthias Gräbner, Telepolis vom  25.04.2012

Glück (21)  Der Kranke muss feststellen, dass er ein einziges Mal in den letzten Jahren ein Gefühl der Ruhe, Gelassenheit, beinahe des Glücks im Sinne einer Zufriedenheit verspürte, als er in einem Traum mit seinen Eltern in ein abgelegenes Dorf fuhr, um seine Eltern dort in einer Art Hotel oder Krankenhaus zurückzulassen und mit Gernika in einem von ihr gesteuerten Wagen zu einem Schießplatz zu fahren. Seine Eltern waren versorgt, gingen in eine mit bunten Bleiglasfenstern ausgestattete Kapelle, während er auf dem Rücksitz im Auto seiner Freundin nach vielen Jahren zum ersten Mal vorsichtig das Thema Heirat ansprach, worauf sie nicht sofort abweisend reagierte, was für ihn ausreichte, sich von einem seltenen Glücksgefühl durchflutet nach vorn zu beugen und auch von einem Kind zu sprechen, was sie ebenfalls nicht ausschloss. Das Glücksgefühl aber bestand darin, sein Verhalten weder von Angst oder Niedergeschlagenheit noch von Unruhe und sexueller Begierde bestimmt zu wissen, sondern vielmehr in der Lage zu sein, die Umstände so zu akzeptieren, wie sie sich ihm boten, seine Eltern, gealtert, abgeben zu können Und auf dem Rücksitz eines von Gernika gesteuerten Wagens in einer ihm völlig fremden Welt dahinzufahren, bis sie an dem Schießplatz anhielten, wo er in weiter Entfernung eine winzige Zielscheibe mit mehreren Schüssen durchlöcherte und sogar mehrfach ins Schwarze traf, ohne je zuvor in seinem Leben ein Gewehr in der Hand gehabt zu haben und ohne diese Scheibe genau ausmachen zu können. Das Glück aber, um es ein letztes Mal zu beschreiben, war die eigene Unbeteiligtheit an dem, was mit ihm und um ihn herum geschah. Es war das Einverständnis mit dem anderen. Die Akzeptanz und Annahme des Fremden, was immer es auch sei, und die gleichzeitige Bereitschaft, ohne Sehnsucht, Wehmut, Verzweiflung, Heimweh, Reue, Schuld, Panik, Zweifel oder eben sinnlose Begierde in diesem Fremden zu leben. Selbst die Erektion, mit der der Kranke aus diesem Traum erwachte, war angenehm und nicht schmerzhaft wie sonst oft, weshalb er sie vergehen lassen konnte, ohne sie in eine der üblichen Erregungen umzulenken.  - (raf)

Glück (22)  Idi bin ein einziges Mal glücklich gewesen und das im Traum. In der Nähe von Llangollen, in Worlds End, träumte ich vor Jahren allein im feuchten VW-Bus, daß ich mit meiner Geliebten gerade einen Autounfall hinter mir hatte und jetzt gleich im Hospital aufwachen würde. Ich wagte nicht die Augen zu öffnen, denn ich war zwar am Leben aber sie?? Da spürte ich sie links von mir. Behutsam lüftete ich die gemeinsame Zudecke. Ich hatte nur noch ein rechtes Bein und ihr war das linke geblieben. Völlig weiß waren wir beide bis zum Hals verbunden. Da sah ich, daß sich ihre Brust hob und senkte ... und wäre ich nicht aufgewacht, hätte ich vor Glück geweint, so habe ich nie vor Glück geweint, nur aus Unglück und das zweimal: nachdem ich im Film tot auf der Straße gelegen und in den Himmel gestarrt und als ich den Drehort verließ, wo mir die Hauptdarstellerin jeden Abend vom Trinken abriet, um dann mitzutrinken. Wir wählten in der Musikbox immer wieder »Don't Let Me Down«. Auf dem Filmfestival von Sorrent bei Neapel sah ich sie wieder. Glück ist nur einen Atemzug vom Leben entfernt, aber du weißt nie, sollst du als nächstes ein oder ausatmen, damit du es hast.  - Herbert Achternbusch, Die Stunde des Todes. Frankfurt am Main 1975
 

Zustände Zufall Bedürfnisse

 

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VB

Synonyme