oethe

 

Goethe


Ein männliches Profil mit offenen Haaren. W. G.

Steinern nach Stein gearbeitet; aber äußerst charakteristisch für den Physiognomiker. Immer Larve eines großen Mannes, der das Creditif seiner Vollmacht auf die Menschheit zu würken auf seinem Gesichte hat; — sogar auf der harten Larve seines Gesichtes. Auch ohne das blitzende Auge; auch ohne die geistlebendige Lippe, auch ohne die blaßgelblichte Farbe — auch ohne den Anblick der leichten, bestimmten, und alltreffenden, allanziehenden, und sanftwegdrängenden Bewegung — ohn‘ alles das ... welche Einfachheit und Großheit in diesem Gesichte! — In der Stirne bis zur Augenbraune heller, richtiger, schneller Verstand — Sehr zwar wird der Eindruck dieser Stirne wieder verwischt durch den zu gedehnten und gewölbten Vorbug, von der Augenbraune an bis an die Wurzel der Nase.

Das Auge hier hat bloß noch im obern Augenliede Spuren des kraftvollen Genius. Der Augapfel selber ist in aller Betrachtung unerträglich.

Die Nase — voll Ausdruck von Produktifität — Geschmack und Liebe — Das heißt, von Poesie.

Uebergang von Nase zum Munde — besonders die Oberlippe gränzt an Erhabenheit — und abermals kräftiger Ausdruck von Dichtergefühl und Dichterkraft.

Die Unterlippe ist zu rund abgeschliffen, und kontrastirt dadurch sehr mit der viel delikatern Oberlippe.

Das Kinn. trefflich; besonders der Kinnball ... Nur um ein Haar zu kleinlich.

Der mächtige Zug von Aug‘ und Mund herab unwahr; voll Ernst und Stolz.

Im aufwärts gehenden Kinne vom Halse her — Adel und Stolz!

Im Ganzen Festigkeit, und Bewußtseyn seiner eignen unadoptirten — Capitalkraft.

- lav

Goethe (2)


Das Bild, das wir vor uns haben, ist die vierte Copie von Copien ... Beweis — wie Abweichung von Wahrheit und Schönheit — einmal angefangen — von Moment zu Moment furchtbarer wird — Beweis aber auch, daß gewisse Gesichter, auch in der erbärmlichsten Carrikatur, beynah immer noch etwas behalten — das sie von gemeinen Gesichtern unterscheidet ... Warum hat dieß Gesicht so wenig von der Größe und Majestät des vorhergehenden? warum ist verschwunden aller poetische Geist? — Offenbar vornehmlich um zweener Gründe willen — Das Gesicht ist einerseits länglichter, gedehnter — anderseits perpendikularer im Ganzen. Wir reden itzt noch nicht von einzelnen Zügen. Wir reden von der ganzen Form überhaupt. Man drücke in Gedanken dieß Gesicht zusammen — man schiebe die Stirn oben und das Kinn unten ein wenig zurück; man ziehe die Nase um etwas hervor — hervor um etwas den Bogen vornen an der Stirne — und ihr werdet auf jeden Versuch sogleich entscheidenden Effekt, ihr werdet wieder mehr Poesie in diesem Gesicht erblicken! Aber alle diese Versuche werden dem Gesichte die Geistigkeit und Kraft des vorigen noch nicht geben. Denn der Mund vornehmlich — ist völlig Carrikatur — besonders durch die crasse Unterlippe und die Höhlung drunter. Auch was vom Ohre sichtbar ist, der Umriß von der Kinnlade und der craßrunde Hals — hilft den Eindruck von Fläche des Charakters und unpoetischem Sinne zu stärken.

Und dennoch . .. in dieser entsetzlichen Carrikatur noch Spuren des großen Mannes — im Auge wenigstens und in der Oberlippe — und in der Stellung des Kopfes.

- (lav)

Goethe (3)

Goethe
 

 - Der Spiegel, o.J., N.N.

Goethe (4)  Goethe war bekanntlich sowohl ein Prophet, ein Hellseher, als auch ein starker Hypnotiseur. Wenn er sich im Eros mit einem Weib verband, konnte er sie aus der Entfernung durch sein Verlangen zu sich rufen und mit ihrer Körperseele verkehren (Eckermann). Er besaß etwas von Swedenborgs Fähigkeit, aus der Entfernung wahrzunehmen. Einmal klingelte er mitten in der Nacht nach seinem Kammerdiener. (Es war in Weimar, und er hatte sein eisernes Bett ans Fenster geschoben, um den Himmel zu betrachten.) - Hast du nichts am Himmel gesehen? fragte er den Kammerdiener.

Da dieser verneinte, schickte Goethe ihn hinunter zur Hauptwache, um den Posten zu fragen. Der hatte nichts gesehen.

Am nächsten Tag erzählte Goethe seine Beobachtung bei Hofe, woraufhin eine Dame äußerte: "Goethe schwärmt!"

Aber Goethe hatte zuvor schon dieses Wort ausgesprochen:

-Wir sind in einem bedeutenden Moment; entweder wir haben in diesem Augenblick ein Erdbeben oder wir bekommen eins.

Nach einiger Zeit kam die Nachricht, in derselben Nacht sei ein Teil von Messina durch ein Erdbeben zerstört worden.

Sich vorzustellen, daß ein Erdbeben in Messina an den Wolken in Weimar sichtbar gewesen sein könnte, ist absolut unmöglich, denn Erdbeben haben keine Lichtphänomene im Gefolge, wenn sie nicht im Zusammenhang mit vulkanischen Ausbrüchen stehen. Aber der Ätna liegt sieben Meilen von Messina und hatte in jenem Jahr (1787) keinen Ausbruch. - (blau)

Goethe (5)  Nennt Spinoza >theissimus und christianissimus<. 1813, Fr. H. Jacobi gegenüber bekennt er: »Ich für mich kann bei den mannigfachen Richtungen meines Wesens nicht an einer Denkweise genug haben. Als Dicher und Künstler bin ich Polytheist, Pantheist als Naturforscher, und eines so entschieden als das andere.« In Spinoza verehrt er die ›uneigennützige‹ Frömmigkeit, in Giordano Brunos Schriften die Gott-Natur (oder, wenn man's umkehrt, einen Natur-Gott). Gegen das Christentum nährt er einen ›julianischen Haß‹ (und man hat kaum noch eingehend untersucht, wieweit er diesen Haß durch sein Wirken betätigt hat). Mephisto ist der Zusammenschluß der ganzen europäischen Teufelsliteratur, soweit sie lebendig ist, und überboten durch Lebendigkeit. Im »Faust« überwiegen die Dämonismen (Gretchen und Faust-Mephisto: was für ein grausamer Gegensatz. Die beiden Dämonen spielen mit dem armen Ding wie die großen Katzen mit der Maus). - Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit. Zürich 1992

Poeten Skelett

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Synonyme