piphanie   An der Ecke wartet ein Mann mit einer Kapuze über dem Kopf; im Halbdunkel kann man sein Gesicht nicht recht sehen. Die Einsamkeit gebiert die Götter. Telso hat zwar eine Taschenlampe, aber er getraut sich nicht, dem Kapuzenmann ins Gesicht zu leuchten; es könnte eine antike Gottheit der Straßen oder der Wälder sein. «Salve», sagt der Mann, «ich sehe, daß Sie eine Herberge suchen.» Telso war von zu Hause in der Absicht aufgebrochen, die ganze Nacht hindurch zu gehen, trotzdem läßt er sich von dem Unbekannten führen.

Bei der Herberge angekommen, einem kleinen, zwischen den Tannen versteckten düsteren Haus, fast eine Hütte, läßt der Mann Telso eintreten und stellt ihm seine Familie vor: die Frau, zwei kleine Kinder und ein Mädchen mit langen, semmelblonden Zöpfen. Sie zeigen ihm ein kleines Bett in einer Ecke; das ist die ganze Herberge. Der Jüngling hat endlich das Gesicht des Mannes gesehen; es ist nicht das Gesicht eines Gottes, allenfalls das eines Bauern. Aufgebracht zieht Telso das Schwert aus der Scheide und bringt nacheinander die Mitglieder dieser nur allzu gewöhnlichen Familie um; zuletzt ist die Reihe an dem Mädchen, das vor dem Reisenden niederkniet und ihn bittet, es zu verschonen. Da öffnet Telso seine Sportjacke und zeigt seine Brust, die auch verwundet und voll Blut ist. Ehrfürchtig leckt ihm das Mädchen das Blut von der Brust, aber Telso ist zu aufgebracht, er wird in die Dunkelheit zurück müssen, die Straße wiederfinden, und die verlorene Zeit läßt sich nie mehr aufholen. Beim dürftigen Schein der Kerze metzelt er auch das Mädchen nieder; an den warmen Zöpfen wischt er das blutverschmierte Schwert ab, dann verläßt er die Hütte.  - J. Rodolfo Wilcock, Das Stereoskop der Einzelgänger. Freiburg  1995 (zuerst 1972)

Epiphanie (2)  Eines Nachts, nach Mitternacht, trat Kamante plötzlich, mit einem Windlicht in der Hand, stumm, als verrichte er eine Pflicht, in mein Schlafzimmer. Es muß kurze Zeit nach seinem Eintritt bei mir gewesen sein, denn er war noch ganz klein und stand neben meinem Bett mit seinen weitgespreizten Ohren wie eine dunkle Fledermaus, die ins Zimmer gehuscht war, oder wie ein afrikanischer Wichtelmann, mit der Laterne in der Hand. Er sprach sehr feierlich. «Msabu», sagte er, «ich glaube, du solltest aufstehen.» Ich setzte mich verdutzt im Bett auf; wenn etwas Ernstliches passiert wäre, dachte ich mir, würde doch Farah kommen, um mich zu holen; aber als ich Kamante sagte, er solle wieder gehen, regte er sich nicht von der Stelle. «Msabu», sagte er wieder, «ich glaube, du solltest aufstehen. Ich glaube, Gott kommt.» Als ich das hörte, stand ich auf und fragte ihn, warum er das glaube. Er führte mich mit gemessenem Ernst ms Eßzimmer, das nach Westen, dem Gebirge zugewandt, lag. Durch die Glastüre erblickte ich ein seltsames Schauspiel. Im Gebirge loderte ein mächtiges Steppenfeuer, das Gras brannte vom Gipfel des Berges bis zur Ebene herab und bildete, vom Hause aus gesehen, eine fast senkrechte Linie. Es sah Wahrhaftig aus, als ob eine gigantische Gestalt sich bewege und auf uns zukomme. Ich blieb eine Weile stehen und schaute hinaus, Kamante stand lauschend neben mir; dann begann ich ihm den Vorgang zu erklären. Ich glaubte, ihn damit zu beschwichtigen, denn ich dachte, er sei entsetzlich erschrocken. Aber meine Erklärung machte gar keinen Eindruck auf ihn; er hielt offenbar seine Aufgabe für erfüllt, er hatte mich gerufen. «Mag sein», sagte er, «daß das so ist. Aber ich dachte, du solltest aufstehen, falls es Gott war, der kam.»   - (blix2)

Epiphanie (3)   Lulu bewies nicht mehr Gesinnungslosigkeit als König Louis-Philippe, als er erklärte, der König von Frankreich erinnere sich nicht an die Tücken des Herzogs von Orléans. Sie war nun die vollendete Lulu. Der Geist des Angriffs war von ihr gewichen, denn wen oder warum sollte sie angreifen? Sie stand geruhsam da in ihrem göttlichen Recht. Sie kannte mich hinlänglich, um zu wissen, daß ich nicht zum Fürchten sei. Sie schaute mich eine Weile an, ihre tiefblauen opalisierenden Augen waren bar jeden Ausdrucks und zwinkerten nicht; mir fiel ein, daß die Götter und Göttinnen niemals zwinkern, und ich meinte, der kuhäugigen Hera von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Sie knabberte sorglos an einem Grashalm, als sie an mir vorüberging, machte einen anmutigen kleinen Satz und schritt weiter zur Küche, wo Kamante ihr den Mais auf den Boden gestreut hatte. - (blix2)

Epiphanie (4) In Gestalt eines Jünglings in der ersten Blüte erschien der Gott zuerst auf einem Vorsprung der Küste. Prächtig umflossen die dunklen Locken sein Haupt, ein Purpurgewand bedeckte seine breiten Schultern. Eben kamen etruskische Seeräuber auf dem weinfarbigen Meer in ihrem gut beruderten Schiff schnell herangefahren. Ihr Unglück führte sie her. Als die Piraten den Jüngling erblickten, nickten sie einander zu. Schnell sprangen sie ans Ufer, ergriffen ihn sofort und brachten ihn freudig auf das Schiff. Sie glaubten, er sei der Sohn eines Königs, und wollten ihn anbinden mit starken Fesseln. Doch hielten keine Weidenstricke den Jüngling fest; die Banden fielen von seinen Händen und Füßen. Lächelnd, mit dunklen Augen saß er da. Der Steuermann wurde dessen inne und rief den Gefährten zu: »Unglückliche! Was für einen starken Gott habt ihr erbeutet und gefangen genommen? Das gutgebaute Schiff kann ihn nicht tragen! Entweder ist er Zeus, oder Apollon mit dem silbernen Bogen, oder Poseidon. Nicht sterblichen Menschen gleicht er, sondern Göttern, die den Olymp bewohnen. Sofort lasset ihn frei, hier noch, am Festland! Niemand lege Hand an ihn, sonst schickt er uns noch in seinem Zorn schlechte Winde und Sturm!« Doch der Schiffsherr wies ihn streng zurück: »Unglücklicher, du, achte nur auf den Wind und lass' die Segel mit allen Seilen spannen! An das übrige denken wir Männer! Ich hoffe, er gelangt mit uns nach Ägypten oder nach Zypern oder zu den Hyperboreern, oder noch weiter. Zuletzt wird er uns noch seine Familie nennen und seine Reichtümer, da ihn sein Unglück in unsere Hände spielte.«

So sprach er, da er großes Lösegeld für den Jüngling erhoffte. Aufgezogen wurde das Segel, der Wind blies in die Mitte, es spannten sich die Seile. Schon das erschien wie ein Wunder. Wein  begann nun durch das schnelle schwarze Schiff zu rieseln, süß zum Trinken und herrlich duftend, ein göttlicher Wohlgeruch. Staunen ergriff die Mannschaft. An der Spitze des Segels breitete sich plötzlich ein Weinstock aus, und Trauben hingen in großer Zahl herab. Um den Mast wand sich blühend der Efeu und begann schon seine lieblichen Früchte zu treiben. Um alle Ruderpflöcke schlangen sich Kränze. Als die Ruderer dies sahen, riefen sie schon dem Steuermann zu, das Schiff nach dem Festland zu richten. Der Jüngling indessen wurde zu einem Löwen im Schiff, der die Männer von oben, vom Deck, bedrohte, gewaltig brüllend. In ihrer Mitte ließ der Gott einen zottigen Bären erscheinen. Der Bär erhob sich auf die Hinterbeine, der Löwe blickte schrecklich vom Verdeck herunter. Die Männer flohen zum Heck und blieben zitternd neben dem Steuermann stehen, der einzig nüchternen Sinnes war. Der Löwe sprang und ergriff den Schiffsherrn. Die übrigen stürzten sich in Todesangst vom Schiff in das Meer und wurden zu Delphinen verwandelt. Den Steuermann hielt der Gott zurück. Er erbarmte sich seiner und machte ihn glücklich. - (kere)

Epiphanie (5)

Epiphanie (6)  Das Unerhörte, das Unerreichbare, das Allzuschöne, das Erhabene, mir bisher verboten, hat sich ereignet.

Ich habe Tausende von Göttern gesehen. Ich habe das überwältigend wunderbare Geschenk empfangen. Mir, der ich ohne Glauben bin (ohne den Glauben zu kennen, den ich vielleicht haben könnte), mir sind sie erschienen. Sie waren da, in lebendiger  Gegenwart,  lebendiger gegenwärtig als irgend etwas, das ich jemals gesehen habe.  Und es war unmöglich, und ich wußte es, und doch! Und doch waren sie da, zu Hunderten aufgereiht, immer einer neben dem ändern (aber weitere Tausende folgten, kaum wahrnehmbar, und sehr viel mehr als Tausende, eine Unendlichkeit). Da waren sie, diese Gestalten,  still,  vornehm,  in  der Luft schwebend kraft  einer Levitation, die ganz natürlich erschien, mit sehr leichten Bewegungen, wie von innen her beschwingt, ohne sich von der Stelle zu ruhren. Sie, diese göttlichen Personen, und ich, wir allein waren anwesend. In einem Gefühl wie Dankbarkeit war ich ihnen ergeben.

Aber schließlich, wird man mir sagen, was glaubte ich eigentlich? Ich antworte: Was hatte ich mit Glauben zu schaffen, wo sie da waren! Warum hatte ich diskutieren sollen, wo ich ganz erfüllt war? Sie befanden sich nicht in großer Höhe, aber gerade in der Höhe, die nötig ist, um gesehen zu werden und zugleich Distanz zu wahren und von dem Zeugen ihrer Glorie respektiert zu werden, der ihre unvergleichbare Überlegenheit anerkennt. Sie waren ganz natürlich, so natürlich wie die Sonne am Himmel. Ich rührte mich nicht. Ich brauchte mich nicht zu verneigen. Sie standen hoch genug über mir. Das war wirklich, und es war wie zwischen uns vereinbart, kraft eines präexistierenden Einverständnisses. Ich war voll von ihnen. Ich hatte aufgehört halb leer zu sein. Alles war vollkommen. Es gab nichts mehr zu überlegen, zu erwägen, zu kritisieren. Es gab auch nichts mehr zu vergleichen. Meine Horizontale war jetzt eine Vertikale. Ich existiere in der Höhendimension. Ich hatte nicht umsonst gelebt. Und was das fremde Aussehen angeht? War es denn nicht gut, daß sie, um sich mir darzustellen, als Fremde in Erscheinung traten (Symbol ihres unendlichen und unüberbrückbaren Abstands)? Die einzigen Fremden, denen ich auf meinen langen Reisen wirklich zu begegnen gewünscht hätte!

Wenn jemand Einzelheiten will, also: zuerst erschienen sie in einer einzigen unermeßlichen Reihe, im gleichen Augenblick. Danach gab es eine Vielfalt von Reihen, immer eine über die andre erhoben, durch nichts gehalten, obgleich sie ein gewisses Gewicht zu haben schienen. Von unendlich vielen ändern gefolgt: so daß ich diesmal - ohne mich über den vermeintlichen Größenwahnsinn zu ärgern - die Geschichte verstehen konnte, die von der Erscheinung der Millionen von Göttern vor dem (endlich erleuchteten) Sakyamuni handelt, Göttern, die zu ihm kamen und ihn rings umgaben.

Warum gleich Millionen, hatte ich sonst immer gedacht, und meine Begeisterung kühlte sich durch diese übertriebene Zahl ab, die ich für ein sicheres Anzeichen der indischen Überheblichkeit hielt. Und nun ist es geschehen, daß sie zu mir, der ich heute wirklich nicht daran dachte, auf nichts gefaßt war und nichts zu glauben glaubte, daß sie zu mir gekommen sind, ebenso unzählig. (Warum, in der Tat, sollte das erstaunlicher sein, als wären sie nur zu zweien gekommen oder einer allein?)

Da ich überglücklich war, forschte ich nicht weiter nach.  - Henri Michaux, Turbulenz im Unendlichen. Die Wirkungen des Meskalins. Frankfurt am Main 1971

Epiphanie (7)

Epiphanie (8)


 - N.N.

Epiphanie (10)

Epiphanie (11)  Nur vier- oder fünfmal in seinem Leben hatte er einen solchen Stich in der Brust verspürt. Es gibt Frauen, die einem einen Stich in die Brust versetzen, wenn man die vollkommene Form ihres Fleisches betrachtet, und ein Blick von ihnen genügt, daß ein bleierner Fußtritt das Brustbein trifft und ein wohliger Erstickungsanfall das Vorhandensein der Luft vergessen läßt. Andere brauchen einfach nur dazusein, unvermittelt aufzutauchen, ohne einem Zeit zu lassen, die Gründe herauszufinden. Ihre bloße Existenz, ihr Dasein in der Welt genügt, um Zeit und Raum auszulöschen und eine essentielle Angst zu verbreiten, die Urangst des ersten Mannes, der sich von der ersten Frau angezogen fühlte. Etwas davon oder all das geschah, als Carvalho sie sah, wie sie sein Büro in Besitz nahm, mit aufrechtem Gang, den Kopf in den Nacken gelegt, um den Flug eines verwirrenden Blickes vorzubereiten, und den Körper verschlossen mit Händen, die im Schoß gefaltet waren.  - Manuel Vázquez Montalbán, Verloren im Labyrinth. Reinbek bei Hamburg 1993

Epiphanie (12)  

Epiphanie (13)  Messalina  streckte langsam ihre Hand aus und ließ sie über das Vlies seines Rückens gleiten, und es war ihr, als berühre sie die Kropffedern von Nachtvögeln. Er reckte seine Brust, auf der sein flaumiges Kinn einen rosa Fleck hinterlassen hatte, seinen Bauch und seine Pansbeine; und seine ganze Gestalt erhob sich im Kopfstand, mit geschlossenen Füßen in die Luft, wobei Arme und Haupt noch auf ihrem Blumensockel verweilten. Dann senkten sich seine Füße aufs neue trag hinter seinen Kopf und traten auf, und er ließ zum zweitenmal, doch im Stehen, in natürlicher Haltung, ganz allmählich und zart alle seine Gelenke knacken; und aus seinem wirr in die Stirn hängenden Haar und seinem kurzen Bart regneten Margritenblütenblatter.

Die Kaiserin erkannte im Gesicht des Gottes die Züge des berühmten Pantomimen Mnester wieder, des ehemaligen Vertrauten Caligulas, dem sie im Circus Beifall geklatscht hatte. Und der der Volksmeinung zufolge eher der Geliebte der Poppäa war als der Asiaticus.

Doch sie glaubte weiterhin, sie befinde sich in Gegenwart des Gottes.

Und sie war glücklich, daß der Gott in seinen eigenen Körper mehr verliebt war als in den der Poppäa. Der stehende Gott machte aufs Geratewohl ein paar ungeschickte Schritte, wie ein Mensch wanken würde, der sich zum erstenmal, Mnesters Beispiel folgend, im Kopfstand versuchte, oder wie die Götter bei ihren ersten Schritten auf der Erde gewankt haben mögen; und Messalma streckte die Arme aus, weniger aus Neugier oder Verlangen denn als ob sie einem stürzenden Körper ausweichen wolle. Und wie Priap selbst oder ein jonglierender Akrobat es schließlich satt haben, eine mächtige Stange zu balancieren - fiel das Geschlecht des Gottes in die Hände der Kaiserin.

Es war so brutal und schwer, so entsetzlich des Phales wirkliche Gegenwart, daß Messalina durch die Wiese aus blauen Blütenblättern die Flucht ergriff und sich im Laufen in den Blumen verstrickte, während Mnester, dessen langgestreckter Körper sich, fahler als Elfenbein, wie ein Neunauge wand, dieser Blutegel, der gräßlich genug ist, um schön zu sein, sich im nahen Tempel der frischerblühten Amaranten niederkauerte, bedächtig, als rollte ein Schöpfer eine Welt. - (mes)

Epiphanie (14)  

- Georges Pichard, Kamasutra

 

Erscheinung Augenblick

 

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