osmogonie  Die Chasaren glauben, daß in der tiefsten Finsternis des Kaspischen Meeres ein augenloser Fisch gleich einer Uhr die einzig genaue Zeit des Alls anschlägt. Im Anfang schwamm nach chasarischer Überlieferung alles Erschaffene, Vergangenheit und Zukunft, jedwedes Ereignis und Ding, aufgelöst im Flammenfluß der Zeit; die Geschöpfe des Gewesenen und des Künftigen vermischt wie Seife mit Wasser. Zu jener Zeit vermochte jedes lebendige Geschöpf zum Schrecken der übrigen jedes andere zu zeugen, und erst der chasarische Gott des Salzes begrenzte die Willkür und gebot den Geschöpfen, nur sich selbst ähnliche zu gebären. Er schied die Vergangenheit von der Zukunft, stellte seinen Thron in die Gegenwart, wandert durch die Zukunft und überfliegt, sie überschauend, die Vergangenheit. Er schafft aus sich selbst heraus die vielfältige Welt, aber er verschlingt sie auch und überlebt alles, was alt ist, um die Welt, verjüngt, wieder auszuspeien. Die Schicksale aller menschlichen Geschlechter, das Buch der Völker, ist im All eingeschrieben, wo jeder Stern eine Quelle darstellt und das bereits geformte Leben einer Sprache oder eines Volkes. So ist das Universum die sichtbare und zusammengefaßte Ewigkeit, in der die Schicksale der menschlichen Art wie Sterne flimmern.  - (pav)

Kosmogonie (2) In der Kosmogonie der Stoiker »ernährt sich Zeus von der Welt«; die Welt wird in zyklischen Abständen vom Feuer verzehrt, das sie erzeugte, und sie ersteht wieder aus der Vernichtung, um eine identische Geschichte zu wiederholen. Von neuem schließen sich die samentragenden Teilchen zusammen, von neuem geben sie Steinen, Menschen, Bäumen Gestalt — aber auch Tugenden und Tagen, insofern ein substantivischer Name ohne entsprechende Verleiblichung für den Griechen undenkbar war. Von neuem jedes einzelne Schwert und jeder einzelne Held, von neuem jede minutiöse schlaflose Nacht. - (bo2)

Kosmogonie (3)  Physis (das ist Natur) gebar in ihrem ersten Kindbett Schönheit und Harmonie, ohn fleischliche Beiwohnung; wie sie von selbst gar fruchtbar und ergiebig ist. Antiphysis, von ewigen Zeiten die Widersacherin der Natur, ward auf so schöne, würdige Kinder flugs neidisch und gebar dagegen den Amoduns und die Verkehrtheit durch Beiwohnung des Tellumon. Ihre Köpf waren kugelförmig und ganz rund wie ein Ball, nicht sanft zu beiden Seiten eingedruckt, wie bei den Menschen: die Ohren lang und hochgereckt wie Eselsohren. Die Augen stunden ihnen weit vorm Kopf, auf Knochen gleich Fersenbeinen; ohn Augenbrauen, und so hart wie bei den Krebsen. Die Füß knäulrund; die Arm und Hand zurückgebogen nach den Schultern. Und gingen alles auf den Köpfen, schlugen Räder in einem fort, Steiß über Kopf, die Bein zu Berg.

Und, wie ihr wißt, daß den Äffinnen ihre Äfflein schöner dünken denn alles auf der ganzen Welt, also lobt' auch Antiphysis ihrer Kinder Wohlgestalt und bestrebt' sich darzutun, daß sie weit schöner und reizender wären als der Physis Kinder: denn so runde Köpf und Fuß, meint' sie, und ein so zirkelförmiger Rad-Gang war eben die allerschicklichste Form und die vollkommenste Bewegung, worin ein Teil der Gottheit selbst sich widerspiegelt', die die Himmel und alle unerschaffne Ding also im Kreis umdreht'. Die Füß in Lüften, den Kopf zuunterst haben, hieß nach des Schöpfers Gleichnis tun, hinsichts die Haar am Menschen gleichsam wie Wurzeln wären, die Bein wie Äst. Denn füglicher steckt' man die Bäum mit ihren Wurzeln in die Erd, als mit den Ästen. Hieraus folgernd, daß ihre Kinder weit richtiger und besser als gerade Bäum, denn die der Physis erwachsen wären, die umgekehrten Bäumen glichen. Auch was die Arm und Hand betraf, bewies sie, daß sie weit ziemlicher nach den Schultern gebogen wären, weil dieser Teil des Leibes nicht ohn Schutz dürft bleiben, in Betracht die vordre Hälft schon durch die Zahn sattsam verwahrt war, die der Mensch nicht nur, ohn Hülf der Hand, zum Käuen, sondern auch zur Verteidigung vor schädlichen Dingen gebrauchen möchte. Also brachte sie, unter Beifall und Zustimmung der blöden Tier', bald alle Narren und Verrückten auf ihre Seit und ward bewundert von allen hirnverbrannten, tollen, gesunden Urteils und Menschenverstandes ermangelnden Leuten. Nachmals heckt' sie die Meerkatz-Mucker, Schleicher, Päpler, die hirnschelligen Pistolenzer, die Teufelsbesessenen Johann Calvins voll Genferischen Leutbetrugs, die tobenden Putherbei, die Kuttner, Nollenbrüder, Esaustätzer, Kannibalen und mehr andre mißgeschaffne Ungeheuer und Fratzen, der Natur zum Trutz.  - (rab)

Kosmogonie (4)  Laut Hieronymos und Hellanikos (wenn die beiden nicht ein und derselbe sind) lehrt die orphische Doktrin, daß es am Anfang Wasser und Schlamm gegeben habe, aus denen die Erde geformt wurde. Dieses waren für ihn die ersten Uranfänge: Wasser und Erde. Aus ihnen entsprang ein dritter, ein geflügelter Drache, der vorn den Kopf eines Stieres trug, hinten den eines Löwen und in der Mitte das Gesicht eines Gottes; man nannte ihn ›Kronos, der nicht Alternde‹ und auch ›Herakles‹. Mit ihm wurde Die Notwendigkeit geboren, die auch Das Unvermeidliche heißt, und die sich über das Universum ausdehnte und seine Grenzen berührte... Kronos, der Drache, brachte einen dreifachen Samen hervor: den feuchten Äther, das unbegrenzte Chaos und den nebligen Erebos. Unter diese legte er ein Ei, aus dem die Welt hervorkommen sollte. Der letzte Uranfang war ein Gott, welcher Mann und Frau war, mit goldenen Flügeln auf dem Rücken, Stierköpfen an den Flanken und einem riesenhaften Drachen, der allen möglichen Bestien glich, auf dem Kopf. - Damaskios, nach (bo)

Kosmogonie (5)
 

Doch nun will ich erklären der Reihe nach, wie die Materie
Durch ihr Zusammengeraten den Himmel, die Erde begründet,
Weiter die Tiefen des Meers und die Bahnen des Monds und der Sonne.
Denn ganz sicherlich haben nicht alle die Urelemente
Planvoll spürsamen Sinns an den passenden Ort sich begeben
Oder sich untereinander vereinbart ihre Bewegung.
Nein, seit undenklicher Zeit schon haben die vielen Atome
Auf gar mancherlei Weise, getrieben durch äußere Stöße
Und durch ihr eigen Gewicht, durcheinander zu schwirren begonnen,
Um sich auf allerlei Art zu vereinigen, alles versuchend,
Was sie nur immer vermöchten, durch ihre Verbindung zu schaffen.

So kommt's, daß sie sich weit in den langen Äonen verbreitend
Jede nur mögliche Art der Bewegung und Bindung versuchen
Und so endlich die plötzlich geeinigten Teilchen verschmelzen,
Was dann oftmals wurde zum Anfang großer Gebilde,
Wie von der Erde, dem Meere, dem Himmel, den lebenden Wesen.

Damals sah man noch nicht der Sonne leuchtenden Radkranz
Hoch in den Lüften sich drehn noch die Sterne im weiteren Weltraum,
Weder das Meer noch der Himmel noch Erde und Luft war zu schauen
Noch was irgend entfernt nur unsern Erscheinungen gleiche,
Sondern es hob sich empor ein neuer und massiger Ansturm
Jeglicher Art aus der Welt der Atome. Ihr haderndes Streiten,
Das aus der bunten Gestalt und der Formverschiedenheit folgte,
Wirrte in ständigem Kampf durcheinander der Stoffe Verflechtung,
Ihre Bewegung und Stoß, ihr Gewicht und Prall und die Lücken,
Weil nicht alles vermochte in seiner Verbindung zu bleiben
Noch auch sich untereinander in passender Art zu bewegen.
Drauf nun begann die Zerstreuung der einzelnen Teile. Es schloß sich
Gleiches an Gleiches jetzt an und es schied sich die Welt voneinander.

Glieder sondern sich ab und es bilden sich Hauptelemente;
Nämlich es trennt in der Höhe der Himmel sich ab von der Erde,
Hiervon trennt sich das Meer und breitet gesondert sein Naß aus,
Ebenso leuchten gesondert die lauteren Feuer des Äthers.

Klärlich verbanden zuerst sich die erdigen Einzelatome,
Weil sie verflechtbar waren und schwer. Sie strebten zur Mitte
Und so nahmen sie sämtlich die unterste Stelle der Welt ein.
Aber je fester verfilzt sie sich einigten, desto entschiedner
Preßten die Stoffe sie aus, die Meer, Mond, Sonne und Sterne
Bildeten und an dem Rande die Mauern des mächtigen Weltalls.
Denn dies alles bilden Atome, die glätter und runder
Sind und an Größe beträchtlich geringer als Erdelemente.
Deshalb hob auch zuerst aus vereinzelten Löchern der Erde
Hier und da sich der Äther empor als der Bringer des Feuers,
Der, weil er leicht ist, zugleich viel feurigen Stoff mit hinaufriß.

Dies vollzog sich nicht anders als wir es noch öfter erleben,
Wenn sich im Frührot golden im perlenbetaueten Grase
Widerspiegelt der Strahl der rötlich erglommenen Sonne,
Nebel den Seen entsteigt und den ständig strömenden Flüssen
Und wie die Erde sogar uns manchmal scheinet zu rauchen.
Wenn sich nun alle die Dünste zur Höhe gewandt und gesammelt,
Ballen sie dicht sich zusammen und säumen als Wolken den Himmel.
So hat sich einst umgeben der leichte, zerfließende Äther
Mit der von überallher zusammengeballten Materie
Und dann überallhin von da sich ins Weite ergießend
Alles übrige brünstig in seine Arme geschlossen. 

- (luk)

Kosmogonie (5)  Im anbeginn war die welt mit kalter milch bedeckt, auf ihr schwamm ein kanu aus rindenbrot, das heißt: brot, das zur hälfte aus mehl, zur hälfte aus gemahlener baumrinde gemacht wird. Nun waren um diese zeit wind und windstille schwanger, das kanu trieb auf der oberfläche der milch, es gab niemanden, der es gesteuert hätte. Bald darauf gebaren wind und windstille kinder. Der wind warf sieben söhne, die windstille unzählige töchter und ein männliches Zwillingspaar, das man später frühstück und abendessen nannte. - (ei)

Kosmogonie (6)  Am Anfang der Kosmogonie des Hakim steht ein geisterhafter Gott. Diese Gottheit ist auf majestätische Art ursprungslos und gleicherweise ohne Namen noch Antlitz. Es ist ein unwandelbarer Gott, dessen Bild jedoch neun Schatten warf, die, indem sie sich zum Handeln hinabließen, einen ersten Himmel ausstatteten und verwalteten. Aus dieser ersten demiurgischen Corona ging eine zweite hervor, auch sie mit Kugeln, Mächten und Thronen ausgestattet, und diese gründeten einen anderen, tieferstehenden Himmel, der das symmetrische Doppel des ursprünglichen war. Dieses zweite Konklave sah sich reproduziert in einem dritten und dieses wieder in einem noch tieferstehenden, und so fort bis 999. Der Herr des untersten Himmels ist der, welcher uns regiert - als Schatten eines Schattens anderer Schatten -, und der Bruchteil seiner Göttlichkeit grenzt an Null.   - Jorge Luis Borges, Universalgeschichte der Niedertracht, nach (bo3)

Kosmogonie (7)

Kosmogonie (8)

Kosmogonie (9)

Am Anfang war das Nichts
Te Kore - das absolute Nichts
Te-Kore-te-whinwhia — das Nichts, in dem nichts bestand
Te Kore-te-rawea — das Nichts, in dem nichts geschah.

Und dann war die Dunkelheit
Te Po — die unendliche Dunkelheit
Te Po-nui - die große, unendlich weite Nacht
Te Po-roa - die unendlich lange Nacht
Te Po-te-kitea — die Nacht, in der nichts wahrnehmbar war
Te Po-uriuri — die tiefschwarze Nacht
Es herrschte Dunkelheit von der ersten bis zur zehnten Nacht
von Te Po-tuatahi bis Te Po-tuangahuru.

Und Rangi-nui, der Himmel, und Papa-tu-a-nuku, die Erde
lagen eng umschlungen
und zwischen ihnen lagen die Kinder
die sie gezeugt hatten
und alle lagen in tiefster Finsternis.

Und aus der Finsternis kamen
Te Rapunga - das Suchende, Strebende
Te Kukune - das Wachsende, Werdende
Te Pupuke - das Schwellende, sich Weitende
Te Hihiri - das Kraftvolle, Energische
Te Mahara - das Denken und Sinnen
Te Hinengaro - die Seele
Te Manako - das Sehnen

- Märchen aus Neuseeland. Überlieferungen der Maori. Hg. und Übs. Erika Jakubassa. Köln 1985 (Diederichs, Die Märchen der Weltliteratur)

Kosmogonie (10) Die finnische Mythologie besagt, dass die Welt aus den sieben Eiern eines Entenvogels entstanden ist, die auf dem Knie der Göttin der Lüfte, Ilmatar, abgelegt wurden, dann heruntergefallen sind und im Urmeer zerbrachen. Die Eierschalen bildeten die Himmelskuppeln und das Land, das Eigelb die Sonne und den Sonnengott Päivätär, das silberne Eiweiß den Mond und den Mondgott Kuu. Aus weiteren kleinen Eierschalenstücken bildeten sich die Sterne.

Der Himmel stützt sich auf eine Säule, die auf dem Nordpol steht. Die Bewegung der Sterne wurde damit erklärt, dass sich am Nordpol ein riesiger Strudel, Kinahmi genannt, befindet, der die Säule und das darauf befestigte Himmelszelt dreht. Durch diesen Strudel sollen auch die Seelen der Menschen in das Totenreich Tuonela gelangen. - Wikipedia

Kosmogonie (11)

Kosmogonie (afrikanische, 12)  Vordem gab es keine Erde. Es gab nur Okun das Meer, ein Wasser, das unten überall ausgebreitet war. Oben war Olorun. Olorun und Olokun waren gleich alt. Sie besaßen alles. Olorun hatte zwei Söhne. Der ältere hieß Orischala, der jüngere Odudua. Olorun rief Orischala. Er gab ihm Sand. Er gab ihm ein Huhn mit fünf Fingern. Er sagte zu ihm: »Steig hinab und mach auf dem Okun die Erde.« Orischala ging. Unterwegs fand er Palmwein. Orischala begann davon zu trinken und betrank sich. Dann schlief er ein. Olorun sah das. Da rief er Odudua und sagte zu ihm: »Dein älterer Bruder hat sich auf dem Wege nach dort unten betrunken. Geh du jetzt, nimm den Sand und das Huhn mit den fünf Fingern und mach die Erde auf dem Okun.« Odudua ging. Er nahm den Sand. Er ging hinab und legte ihn auf das Meer. Er setzte das Huhn mit den fünf Fingern darauf. Das Huhn begann zu scharren und dehnte den Sand aus und drängte das Wasser beiseite. Die Stelle, wo das geschah, war Ilife, um das zuerst noch das Meer floß. Odudua herrschte als erster König über dem Land Ilife. Das Olokunmeer wurde kleiner und kleiner und rann durch ein kleines Loch von dannen, durch ein Loch, aus dem man noch heute das Gotteswasser nehmen kann, sehr viel, ohne daß es versiegt. Man nennt es Oscha. Orischala aber war wütend darüber, daß er die Erde nicht gemacht hatte, er begann einen Krieg gegen Odudua. Sie kämpften lange miteinander, danach aber schlossen sie Frieden. Sie gingen später beide in die Erde, und man sah sie nicht wieder. - Leo Frobenius, Schwarze Sonne Afrika. München 1996

Kosmogonie (universale, 13)   Die meisten Kulturen haben versucht, die Entstehung der Welt In einer Geschichte darzustellen, die objektive Elemente und Beobachtungstatsachen (die strahlende Sonne, den Wechsel von Tag und Nacht, die Sonnen- und Mondfinsternisse) mit mythischen Elementen (Göttern, Dämonen) oder vorwissenschaftlichen Fragen verbindet (so fragten die Chinesen sich nach dem Reisebericht des Li Chih ebenso wie die Gallier, ob der Himmel zusammenstürzen könne).  - (thes)

Kosmogonie (mesopotamische, 14)   Die Emma Elisch („Als droben...") ist eine babylonische Schöpfungslegende, die ihren Ursprung in einer Sumerischen Erzählung von etwa 3000 v. Chr. hat. Sie beginnt so:

Als droben der Himmel noch nicht genannt,
Drunten der Grund noch nicht benamt war.
Als der uranfängliche Apsu, ihr Erzeuger,
Und Mummu-Tiamat, die sie alle gebiert,
Noch ihre Wasser zusammenfließen ließen.
Ried nicht entsprossen, Rohrwuchs nicht erschienen.
Von den Göttern keiner erstanden,
Sie noch unbenannt und die Geschicke nicht bestimmt waren,
Da wurden in ihrer Mitte die Götter erschaffen."

„Sie" bezieht sich auf Apsu und Mummu. Apsu war der Urvater, eine Verkörperung des frischen Wassers, Tiamat, die Urmutter, verkörperte das Salzwasser der Meere. Mummu wird für die göttliche Form des Nebels gehalten.12 Aus der Vermischung von Süß- und Salzwasser entstanden neue Formen, Schlammgötter, und nach der richtigen Paarung mehr und mehr andere Götter.

Bei so vielen Göttern konnte, wie bei zu vielen Rechtsanwälten, nichts Gescheites herauskommen. Die Verheerung hatte erst ein Ende, als Marduk, König von Babylon, Tiamat tötete, sie in zwei spaltete und aus den beiden Hälften Himmel und Erde machte. Dann entwarf er einen Kalender, wie es Pflicht babylonischer Könige (und chinesischer Kaiser) ist.  - (zeit)

Kosmogonie (indische, 14)  

Damals war nicht das Nichtsein, noch das Sein,
Kein Luftraum war, kein Himmel drüber her. -
Wer hielt in Hut die Welt, wer schloß sie ein?
Wo war der tiefe Abgrund, wo das Meer?

Nicht Tod war damals noch Unsterblichkeit,
Nicht war die Nacht, der Tod nicht offenbar. -
Es hauchte windlos die Ursprünglichkeit
Das Eine, außer dem kein andres war.

Vom Dunkel war die ganze Welt bedeckt,
Aus diesem ging hervor zuerst entstanden
Als der Erkenntnis Samenkeim, die Liebe;
Keimträger waren, Kräfte, die sich regten,

Doch, wem ist auszuforschen es gelungen,
Wer hat, woher Schöpfung stammt, vernommen?
Die Götter sind diesseits von ihr entsprungen!
Wer sagt es also, wo sie hergekommen?

- Aus dem Rigveda, nach (zeit)

Kosmogonie (15)  Es erzählt aber Alexander in den Philosophenfolgen, er habe auch folgende Angaben in den Aufzeichnungen der Pythagoreer gefunden: Der Anfang von allem sei die Einheit (Monade); aus der Einheit aber stamme die unbestimmte Zweiheit, die gleichsam als Materie der Einheit, ihrer Ursache, zugrunde liege. Aus der Einheit ferner und der unbestimmten Zweiheit stammen die Zahlen; aus den Zahlen die Punkte, aus diesen die Linien, aus diesen die Flächengestaltungen, aus den Flächen die stereometrischen (mathematischen) Körper, aus diesen die sinnlich wahrnehmbaren Körper, deren Elemente, vier an der Zahl, folgende sind: Feuer, Wasser, Erde, Luft; sie unterliegen der Veränderung und einer durchgängigen Wandelbarkeit, und es bildet sich aus ihnen eine beseelte Welt, vernunftbegabt, kugelförmig, mit der Erde als ihrem Mittelpunkt, die auch ihrerseits kugelrund und bewohnt ist. Auch Antipoden gibt es, denen unser Unten das Oben ist. In gleichen Massen über die Welt verteilt sind Licht und Finsternis, Wärme und Kälte, Trockenheit und Feuchtigkeit; wenn und wo die Wärme das Übergewicht hat, tritt Sommer ein, wo die Kälte, Winter, wo die Trockenheit, Frühling, und wo die Feuchtigkeit, Herbst. Wenn die Massen sich einander das Gleichgewicht halten, gibt es die schönsten Zeiten des Jahres, dessen sprossender Frühling gesund, dessen welkender Herbst ungesund ist; auch der Tag zeige den nämlichen Unterschied: der frühe Morgen sei sein frisch sprossender Teil, der Abend sein hinwelkender Teil; daher sei er auch ungesunder. Die Luft um die Erde herum sei festgelagert und ungesund, und alles in ihr sei vergänglich, wogegen die oberste Luft in unausgesetzter Bewegung sei und rein und gesund und alles in ihr unvergänglich und darum göttlich. Sonne, Mond und die übrigen Gestirne seien Götter; denn es überwiege in ihnen die Wärme, welche die Erzeugerin des Lebens ist. Der Mond aber erhalte sein Licht von der Sonne. Mit den Menschen seien die Götter verwandt, insofern der Mensch an der Wärme teilhabe; daher die Fürsorge (Vorsehung) Gottes für uns. Das Schicksal sei die Ursache des festgeordneten Ganges des Ganzen wie der einzelnen Teile. Der Sonnenstrahl dringe auch durch den kalten und dichten Äther. Sie nennen nämlich die Luft den kalten Äther, das Meer und das Feuchte den dichten Äther. Dieser Strahl also dringe auch in die Tiefe ein und belebe so alles. Es lebe nämlich alles, was der Wärme teilhaftig werde; daher seien denn auch die Pflanzen belebt. Doch habe nicht alles eine Seele. Es sei aber die Seele ein losgerissenes Stück sowohl des warmen wie des kalten Äthers, da sie auch Anteil am kalten Äther habe. Und es sei ein Unterschied zwischen Seele und Leben; denn die Seele sei unsterblich, da auch das, wovon sie losgerissen ist, unsterblich (unvergänglich) ist. Die lebenden Wesen entstünden durch einander durch Ergießung des Samens, die Entstehung aus der Erde dagegen sei unmöglich. Der Same aber sei ein Tropfen des Gehirns, der einen warmen Hauch in sich enthalte, und wenn dieser sich in die Gebärmutter ergieße, sondere sich vom Gehirn Lymphe, Feuchtigkeit und Blut ab, aus denen sich Fleisch, Sehnen, Knochen, Haare und der ganze Körper bilde, durch den Hauch aber Seele und Wahrnehmung. Ihre Gestalt erhalte die erste Verdichtung in vierzig Tagen; nach den bestimmten harmonischen Verhältnissen würde dann in sieben oder neun oder höchstens zehn Monaten das Kind in fertigem Zustand zur Welt gebracht; es habe aber in sich alle erforderlichen Verhältnismäßigkeiten des Lebens, deren Aufeinanderfolge das feste Band bilde, durch das es nach den bestimmten harmonischen Verhältnissen zusammengehalten werde, indem an bestimmten Zeitpunkten jedes einzelne sich an das Vorige anschließe.  - Pythagoreer, nach (diol)

Kosmogonie (16, matriarchalische)    Am Anfang war Eurynome, die Göttin aller Dinge. Nackt erhob sie sich aus dem Chaos, Aber sie fand nichts Festes, darauf sie ihre Füße setzen konnte. Sie trennte daher das Meer vom Himmel und tanzte einsam auf seinen Wellen. Sie tanzte gen Süden; und der Wind, der sich hinter ihr erhob, schien etwas Neues und Eigenes zu sein, mit dem das Werk der Schöpfung beginnen konnte. Sie wandte sich um und erfaßte diesen Nordwind und rieb ihn zwischen ihren Händen. Und, siehe dal es war Ophion, die große Schlange. Eurynome tanzte, um sich zu erwärmen, wild und immer wilder, bis Ophion, lüstern geworden, sich um ihre göttlichen Glieder schlang und sich mit ihr paarte. So ward Eurynome vom Nordwind, der auch Boreas genannt wird, schwanger. Dies ist der Grund, warum Stuten oft ihr Hinterteil dem Winde entgegenhalten und trächtig werden ohne Hilfe eines Hengstes *.

 Dann nahm Eurynome die Gestalt einer Taube an, ließ sich auf den Wellen nieder und legte zu ihrer Zeit das Weltei. Auf ihr Geheiß wand sich Ophion siebenmal um dieses Ei, bis'es^äüsgebrütet war und aufsprang. Aus ihm fielen all die Dinge, die da sind: Sonne, Mond, Planeten, Sterne, die Erde mit ihren Bergen und Flüssen, ihren Bäumen, Krautern und lebenden Wesen.

Eurynome und Ophion schlugen ihr Heim auf dem Berge Olympos auf. Hier rief er ihren Unwillen hervor, weil er behauptete, der Schöpfer der Welt zu sein. In ihrem Zorn trat sie ihm mit der Ferse auf den Kopf, schlug ihm dabei die Zähne aus und verbannte ihn in die dunklen Höhlen unter der Erde.  - (myth)

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