Mittelpunkt  SEIT dem Augenblick, da er gemerkt hat, daß es unmöglich ist, nicht im Zentrum der Welt zu sein, und daß dies gleichermaßen für ihn wie für jedes andere menschliche Wesen gilt, oder für jedes Tier, oder auch jeden Stein, jede Alge, jede Bakterie, mußte er akzeptieren, daß zur Umschreibung des in dieser Lage einzunehmenden Verhaltens nur zwei Lösungen gegeben sind.

Entweder ist das Zentrum der Welt aktiv - und dann ist auch die Welt, die mit unendlich vielen Zentren ausgestattet und bereichert ist, unendlich aktiv - oder es wird von der Gesamtheit der Welt angegriffen, oder besser gesagt es gerät zur Zielscheibe der Welt.

Gegenwärtig erprobt er die zweite Grundbedingung, er weiß, daß er psychologisch kugelförmig ist, und daß er sich im Zentrum einer großen Zahl von Strahlen befindet, die seltsamerweise alle auf ihm zusammentreffen und ihn mit ihren Lichtspitzen durchbohren. In den leeren Ausbuchtungen des Raums sieht er einen Bogen aus undenkbar hartem Material sich handlos spannen und einen Pfeil lossehnellen, der ihn anläßlich seines sechzigsten Geburtstags treffen wird. Er versucht wegzurücken, zu fluktuieren, aber er weiß, daß jede Bewegung seines kugelförmigen Körpers ihn zur Zielscheibe für andere Konstellationen macht ? hinter Sternen versteckte Sterne, Wolken und Tiere. Doch mehr als jeder Stern oder Nebel erschreckt es ihn, daß das Nichts und die Stille unablässig nach ihm zielen. Er weiß nicht, wo das Nichts ist und argwöhnt, daß es sich in ihm versteckt habe, in diesem Fall wäre er die Beute einer inneren Durchbohrung, einer so tiefen Durchbohrung, daß seine Kugel ihr nicht standhalten könnte, obwohl er nicht weiß, was dieser Schuß bedeutet, was die Stille angeht, so ist sie ? das hat er sehr wohl verstanden ? gegeben durch die Unterdrückung aller Stimmen, der Gesamtheit der Stimmen die sich in endgültiger Weise an ihn wenden könnten, um ihn - und das ist grauenvoll - ohne jegliche Waffe zu durchbohren. Überall da, wo Stille herrscht, ist eine Stimme versteckt, und diese Stimme denkt an ihn, prüft ihn, erforscht ihn. Wenn das Nichts und die Stille sich verbünden, Informationen austauschen, die er nicht begreift? was wird dann aus ihm? Oh, er fürchtet den Speer nicht, den der Zentaur am Tage seiner Geburt nach ihm geworfen hat und der ihn jetzt erreicht, er wehrt sich nicht gegen die müde Lanze, welche die Welt durchmißt, mit der Absicht ihn zu verwunden; aber eines beunruhigt ihn: daß er nicht mehr unterscheiden kann zwischen sich selbst als Schmerz, Auflösung, Tod und sich selbst als Zentrum der Welt. - (pill)

Mittelpunkt (2) Deus est sphaera cuius centrum ubique, circumferentia nusquam - Buch der 24 Philosophen (ca. 1200 )

Mittelpunkt (3) Man bat jemanden (erzählt Müller in seiner ersten Anmerkung zu Kopernikus' Revolution) eine Definition Gottes zu geben: Gott ist, sagte er, eine Kugel, deren Mittelpunkt überall und deren Umfang nirgends ist. - (licht)

Mittelpunkt (4) Das Universum ist eine Kugel, deren Mittelpunkt überall und deren Umfang nirgends ist - E. A. Poe (der Pascal zitiert)

Mittelpunkt (5) Mir geht in der Welt nichts über mich / Denn Gott ist Gott, und ich bin ich. - Goethe, Satyros oder Der vergötterte Waldteufel (1773)

Mittelpunkt (6) Lebt Feuerbach in einer anderen als in seiner Welt? Lebt er etwa in Hess', in Szeligas, in Stirners Welt? Ist die Welt nicht dadurch, dass Feuerbach in ihr lebt, die ihn umgebende, die von ihm d.h. feuerbachisch empfundene, angeschaute, gedachte Welt? Er lebt nicht bloss mitten in ihr, sondern ist ihre Mitte selbst, ist der Mittelpunkt seiner Welt. Und wie Feuerbach, so lebt niemand in einer anderen als in seiner Welt, wie Feuerbach, so ist jeder das Zentrum seiner Welt. Welt ist ja nur das, was er nicht selber ist, was aber zu ihm gehört, mit ihm in Beziehung steht, für ihn ist. - Max Stirner

Mittelpunkt (7) Jeder ist Mittelpunkt der Welt. - Ernst Jünger, Eumeswil, Stuttgart 1977

Mittelpunkt (8) Für jetzt mag es genügen, wenn ich den klassischen Spruch zitiere: Die Bibliothek ist eine Sphäre, deren eigentlicher Mittelpunkt jedes beliebige Sechseck, und dessen Umfang unzugänglich ist. - J. L. Borges, Die Bibliothek von Babel, In: J.L.B., Blaue Tiger und andere Geschichten. München 1988 (zuerst 1941)

Mittelpunkt (9) Jeder sitzt im Mittelpunkt der Welt.   - Arno Schmidt, Abend mit Goldrand

Mittelpunkt (10) Nach Philolaus befindet sich in der Mitte des Weltgebäudes ein großer Weltheerd: die Sonne ist ein Spiegel, welcher die Strahlen des Centralfeuers auf die Erde reflectirt. Die Ecclipsen werden durch eine Gegenerde (Antichthon) bewirkt, welche man später mit Amerika verwechselt hat.  - Alexander von Humboldt, Über das Universum. Die Kosmosvorträge 1827/28 in der Berliner Singakademie. Frankfurt am Main 1993 (it 1540)

Mittelpunkt (11)  Jenes Gefühl: »ich bin der Mittelpunkt der Welt!« tritt sehr stark auf, wenn man plötzlich von der Schande überfallen wird; man steht dann da wie betäubt inmitten einer Brandung und fühlt sich geblendet wie von einem großen Auge, das von allen Seiten auf uns und durch uns blickt. - (mo)

Mittelpunkt (12) Daß die Erde in der Mitte der Welt liegt, ergibt sich  aus mehreren unbezweifelten Gründen, am deutlichsten aber aus der Gleichheit der Stunden im Aquinoktium. Denn daß, wäre sie nicht in der Mitte, auch keine gleichen Tage und Nächte stattfinden könnten, beweisen schon die Dioptern*, nach welchen zur Äquinoktialzeit Aufgang und Untergang in ein und derselben Linie, sowie der Solstitialaufgang und Brumaluntergang in einer Linie liegen.

Alles dies könnte auf keine Weise stattfinden, wenn die Erde nicht in der Mitte läge. - (pli)

*Wörtlich: Durchsichten, auch Sonnenquartanten genannt, ein Instrument, an welchem die Sonne [sic!] durch eine Öffnung auf eine Fläche fällt und die Zeit angibt

Mittelpunkt (13) In einem Roman müßte es sich gut ausnehmen, des Helden Begriffe z. B, von der Erde in einer kleinen Karte vorzustellen. Die Welt würde rund vorgestellt, in der Mitte liegt das Dorf wo er lebt, sehr groß mit allen Mühlen pp vorgestellt, und dann umher die andern Städte, Paris London sehr klein, überhaupt wird alles sehr viel kleiner, wie es weiter wegkömmt. - (licht)

Mittelpunkt (14)

Mittelpunkt

 - N.N.

 Mittelpunkt (15) In der Mitte ist eine schwarze Sonne oder der Mond zu Zeiten, wo er am Himmel nicht zu sehen ist, beziehungsweise: die Mitte ist Sonne respektive Mond, wenn man den hypertrophierten schwarzen Punkt als Symbol für Sonne oder Mond nimmt. Insbesondere das letzte wird nahegelegt durch die Ähnlichkeit dieses Punktes mit dem Kalendersymbol, das den Erdtrabanten im Zustand der Abwesenheit signalisieren soll, quasi den Nicht-Mond. Die Mitte ist zu verstehen als Zentrum eines Planquadrats, beziehungsweise: ein Rahmenquadrat umschließt siebzehn Quadrate, deren jeweiliger Flächeninhalt begrenzt wird durch Friese von Buchstaben, Zahlen, Interpunktionszeichen sowie juristischen, musikalischen und Kursbuch-Ideogrammen.

Das gemeinsame Zentrum aller Quadrate ist der oben beschriebene schwarze Punkt, der auch ein Brunnenloch von Geburt und Tod, das Auge Gottes, eine Stadt, ein Verkehrsschild oder das Schwarze einer Zielscheibe sein kann, nur daß den Mittelpunkt einer Zielscheibe konzentrische Kreise umgeben. - Hans Jürgen Fröhlich, Vorwort zu: Giorgio Manganelli, Omegabet. Frankfurt am Main 1988 (zuerst 1969)

 Mittelpunkt (16)  Wir könnten die Umschlagzeichnung als eine stillstehende Explosion verstehen; doch sie unterscheidet sich davon beträchtlich durch die quadratische Form. Sofern wir aber das Innere dieser quadratischen Explosion betrachten, enthüllen sich die Splitter als Zeichen, Zahlen, Ideogramme, Buchstaben. Haben wir es also mit einer alphabetischen Explosion zu tun? Mit der nominalistischen Besitzergreifung des Raums? Jedenfalls kann man dem Planquadrat, ob unbewegt oder bewegt, nicht eine zentrumsstrebige Neigung absprechen. Die Zeichen könnten in diesem Fall statt als Explosion oder Ausbruch beschrieben werden als Implosion oder Einbruch — als ein Zusammenrinnen, betrachtender oder leidenschaftlicher Art, auf das Zentrum zu. Dieses glatte, undifferenzierte zentrale Vakuum kann verschiedentlich beschrieben werden: als Brunnenloch von Geburt und Tod; als Mond, ertappt auf dem widersprüchlichen Zustand des Nicht-Mondes; als schwarze Sonne, von ebenso schöpferischer Dringlichkeit wie majestätischer Finsternis. Kurzum, es scheint jedenfalls klar, daß die Zeichen zu ihrem Ende oder Anfang oder Dasein irgendeiner fortdauernden, nächtlichen Katastrophe bedürfen, und daß sie sogar von dieser Katastrophe beordert und beschlossen sind. - Giorgio Manganelli, Omegabet. Frankfurt am Main 1988 (zuerst 1969)

 Mittelpunkt (17) Robert South schrieb den berühmten Satz. »Ein Aristoteles war nicht mehr als Adams Schlacke, und Athen die Überreste des Paradieses.« In diesem verzagten Jahrhundert wurde der absolute Raum, der die Hexameter des Lukrez inspiriert hatte, der absolute Raum, der für Bruno eine Befreiung gewesen war, ein Labyrinth und ein Abgrund für Pascal. Dieser verabscheute das Universum und hätte gern Gott angebetet, aber Gott war für ihn weniger wirklich als das verabscheute Universum. Er bejammerte das Schweigen des Firmaments, er verglich unser Leben mit dem von Schiffbrüchigen auf einer öden Insel. Er empfand die unaufhörliche Last der physischen Welt, er empfand Schwindel, Furcht und Einsamkeit und drückte sie mit anderen Worten aus.

 »Die Natur ist eine unendliche Sphare, deren Mittelpunkt überall und deren Umkreis nirgendwo ist.« So publiziert Brunschvicg den Text, dagegen läßt die kritische Ausgabe von Tourneur (Paris, 1941), die die Tilgungen und Schwankungen des Manuskripts verzeichnet, erkennen, daß Pascal zuerst »effroyable« geschrieben hatte: »... eine furchtbare Sphäre, deren Mittelpunkt überall und deren Umkreis nirgendwo ist.«

Vielleicht ist die Universalgeschichte die Geschichte der unterschiedlichen Betonung einiger weniger Metaphern. - (bo2)

 Mittelpunkt (18) Judas. Da ist er, in der Mitte der Hölle, dem Punkt, der zugleich die Basis der ganzen Stätte ist. Über dem Raum, der ihn birgt, erhebt sich das geheimnisvolle Haus, ein ungeheuer weiter und anscheinend chaotischer Bau, von dem niemand weiß, wo er anfängt, noch bis wohin er sich erstreckt; aber einige seiner Gemächer betreten wir, an einigen seiner Mauern schreiten wir, die nicht Gestorbenen, auf dieser Erde entlang, ohne es zu wissen; vielleicht spüren wir es, denn hier ist es, wo das Reich beginnt, das wir uns mit einer Gebärde öffnen können: Man erkennt sie — diese Zimmer, jene Mauern — trotz ihres natürlichen, menschlichen Ansehens, an einem eigenartigen, trockenen, fiebrigen Pochen, das wir mit bestürzender Deutlichkeit wahrnehmen würden, legten wir eine Hand auf ihre Flächen; man sagt, es seien die Herzschläge des Verdammten, der in der Mitte ist, und sie seien stärker am äußeren Rande des Gebäudes zu spüren als auf der Brust dessen, aus dem sie pochen, der doch schlaff und tot dazuliegen scheine; aber nur einer hat diese Brust berührt.  - H. A. Murena, Die Mitte der Hölle (1957) nach (boc)

Mittelpunkt (19)

Hierbei, o Memmius, mußt du dem Glauben von Grund aus entsagen,
Daß nach der Mitte der Welt (so redet man) alles sich dränge;
Und so könne die Welt auch ohne die Stöße von außen
Feststehn, ohne sich irgendwohin auseinander zu lösen.
Alles, was oben und unten, sei stets auf die Mitte gerichtet.
Danach glaubst du an etwas, das auf sich selber sich hinstellt,
Glaubst, daß gewaltige Massen, die unter der Erde sich finden,
Aufwärtsfliehn und verkehrt auf der Erde sich lagern und ruhen,
Wie wir im Wasser verkehrt jetzt Spiegelbilder erblicken.
Und auf ähnliche Weise (behauptet man) gingen dort aufrecht
Alle Geschöpfe. Sie könnten auch nicht von der Erde gen Himmel
Fallen dort unten, so wenig wie unsere Körper vermöchten
Selbst und mit eigener Kraft zu den Räumen des Himmels zu fliegen.
Jene bekämen die Sonne zu sehen, wenn wir die Gestirne
Sehen der Nacht, und sie teilten mit uns die Zeiten des Himmels Wechselsweis: es entspräche ihr Tag so unserer Nachtzeit.
Doch dies alles ist Wahn, der den Irrtum zeugt bei den Toren,
Weil sie von Anfang an sich in falsche Methoden verstrickten.
Denn da alles sich dehnt ins Unendliche, fehlt ihm die Mitte.

Doch selbst gäb' es die Mitte, warum denn sollte man glauben,
Daß nun grad' in die Mitte sich irgendein Körperchen drängte
Eher, als weiter zu schweifen auf andrem beliebigen Wege.
Denn ein jeglicher Ort und Raum, den Leeres wir nennen,
Muß vor gewichtigen Massen in gleichem Verhältnisse weichen,
Ob zu mitten, ob nicht, wohin sie sich grade bewegen.
Auch ist nirgend ein Punkt, wo die Körper, sobald er erreicht war,
Könnten im Leeren sich halten, als ob sie die Schwere verloren.
Auch darf nichts, was leer ist, für irgendwas Grundstein werden,
Sondern es muß stets weichen, wie seine Natur es erfordert.

- (luk)

Mittelpunkt (20) Schon an anderer Stelle habe ich einmal ausgefühlt, wie es kommt, daß der Genitalapparat beim modernen Literaten so sehr in den Mittelpunkt rückt. Der Grund - ein Grund, der so einfach ist, daß er schwer erkannt wird - lautet einfach, daß der Literat zuwenig zu tun hat und zuwenig vom Leben kennt, als daß ihm nicht gerade das Menschlichste und Selbstverständlichste zum Problem werden sollte. Es ist der Mangel an Problemen und an Arbeit in der äußeren Welt, der das Sexuelle beim Literaten zum Problem erhebt. Im Sexuellen findet er den Stoff, der nicht bloß abstrakt und der doch ohne Sondererfahrung des Lebens und Berufes, an der es ihm mangelt, zu behandeln und dabei der allgemeinen Teilnahme sicher ist. - Carl Christian Bry, Verkappte Religionen. Kritik des kollektiven Wahns. Nördlingen 1988 (Greno 10/20 85, zuerst 1924)

Mittelpunkt (21)   Alle Bauten des Panopticon-Prinzips zeichnen sich dadurch aus, dass von einem zentralen Ort aus alle Fabrikarbeiter oder Gefängnisinsassen beaufsichtigt werden können. Im Mittelpunkt steht ein Beobachtungsturm, von welchem aus Zelltrakte abgehen (in sog. Strahlenbauweise). So kann der Wärter in der Mitte in die Zellen einsehen, ohne dass die Insassen wiederum den Wärter sehen können. Das liegt daran, dass die Gefangenen aus der Sicht des Wärters im Gegenlicht gut sichtbar sind, der Wärter selbst jedoch im Dunkel seines Standortes nicht ausgemacht werden kann. Mithin wissen diese nicht, ob sie gerade überwacht werden.

 

 

Von diesem Konstruktionsprinzip erhoffte sich Bentham, dass sich alle Insassen zu jeder Zeit unter Überwachungsdruck regelkonform verhalten (also abweichendes Verhalten vermeiden), da sie jederzeit davon ausgehen müssten, beobachtet zu werden. Dies führe vor allem durch die Reduktion des Personals zu einer massiven Kostensenkung im Gefängnis- und Fabrikwesen, denn das Verhältnis zwischen erzeugter Angst, beobachtet zu werden, und tatsächlich geleisteter Überwachungsarbeit ist sehr hoch.

Der Informationstheoretiker Branden Hookway führte 2000 das Konzept des Panspectrons ein, eine Weiterentwicklung des Panopticons dahingehend, dass es kein Objekt der Überwachung mehr definiert, sondern alle und alles überwacht wird. Das Objekt wird erst im Zusammenhang mit einer konkreten Fragestellung definiert - wikipedia

Mittelpunkt (22)  Irgendwann in einem August, den ich an einem Strand der Bretagne verbrachte, ist mir bei einem Spaziergang - bestimmt um die Mittagsstunde -, als ich mich vom Meeresufer entfernte und die Küstenlandschaft, deren Weite mich in ihren Bann gezogen hatte, aus den Augen verlor, das traditionelle Sonnenzeichen erschienen - ein Punkt in einem Kreis -, aber nicht als herkömmliches Sigel, sondern als ein Bild, das mir konkrete Wahrheiten greifbar nahe rücken ließ. Ein Bild, das um so mehr mit Leben erfüllt wirkte, als erst kurz zuvor die Tropenreise zu Ende gegangen war, auf der ich schon beinahe die Vorstellung entwickelt hatte, ich stünde mit der Sonne im Bunde, deren sengende Glut in jenen Breiten offenbar schon ausreicht, böse Fieber und Abenteurermut zu wecken.

So wie ich dastehe mit meinem Schatten, der in dem Maße, wie der Tag verstreicht, um mich wandert wie die Schattennadel um eine Sonnenuhr, befinde ich mich da nicht im Mittelpunkt einer Außenwelt, einer kreisförmigen Kulisse, die - für meine Augen - der Horizont umschließt, jene trügerische Gerade, die sich - wie ich doch genau weiß - krümmt, bis sie sich schließlich in den eigenen Schwanz beißt?

Krone und Zepter, Vulva und Penis, der Kreis und der Punkt. Mit dem Kopf voran, als ein neugeborener König tritt der Mensch hervor aus jenem Mutterschoß, den der Horizont umschließt. Wie ein Kiesel, der in das Urwasser geschleudert wird, zeichnet der Punkt einen Kreis, dann eine Folge konzentrischer Kreise in dieses Wasser, das der Aufprall kräuselt. So wie ein Kieselstein hineingeschleudert in die Welt, kann ich mich mit ihr auf mannigfache Art zusammenschließen wie ich mag, nichts werde ich hervorbringen, was ihr Neues hinzufügen könnte, und für die ganze Dauer meines Daseins bin ich nur der Schöpfer meines eigenen Gefängnisses: des Horizonts (jener scheinbaren Grenze der Natur), der sich bei meinem Sturz um mich geschlossen hat. - (leiris2)

Mittelpunkt (23)

Da alles sich dehnt ins Unendliche, fehlt ihm die Mitte.
Doch selbst gäb' es die Mitte, warum denn sollte man glauben,
Daß nun grad' in die Mitte sich irgendein Körperchen drängte
Eher, als weiter zu schweifen auf andrem beliebigen Wege.
Denn ein jeglicher Ort und Raum, den Leeres wir nennen,
Muß vor gewichtigen Massen in gleichem Verhältnisse weichen,
Ob zu mitten, ob nicht, wohin sie sich grade bewegen.
Auch ist nirgend ein Punkt, wo die Körper, sobald er erreicht war,
Könnten im Leeren sich halten, als ob sie die Schwere verloren.
Auch darf nichts, was leer ist, für irgendwas Grundstein werden,
Sondern es muß stets weichen, wie seine Natur es erfordert.
Also können die Dinge nicht etwa, dem Drang nach der Mitte
Folgend, nach diesem Gesetze den Zwang zur Vereinigung fühlen.
Übrigens leihn sie ja doch durchaus nicht sämtlichen Körpern
Jenen Drang nach der Mitte, vielmehr nur dem Naß und der Erde,
Also den Wogen des Meers und den mächtigen Wassern der Berge
Und was etwa im All erdartigen Körper besitze;
Aber hingegen die Dünne der Luft und die Hitze des Feuers
Strebe (so fahren sie fort) von der Mitte weg stetig nach oben;
Darum flimmre der Äther ringsum vom Sternengefunkel
Und auf der Weide des Himmels ergehe sich flammend die Sonne,
Weil dort sämtliche Glut aus der Mitte entweichend sich sammle;
Auch vermöge das Laub in den Kronen der Bäume durchaus nicht
Zu ergrünen, sofern nicht die Erde die Nahrung für jeden
Mählich spendete, da sich der Saft von hier aus verbreite:;
Nun, dies Dogma der Gegner ist ganz unhaltbar und irrig,
Wie ich an späterem Orte ausführlich werde beweisen.
So will jetzt ich nur dies, damit du nicht irrest, erwidern:
Wenn nicht besondere Kräfte die Körper in andere Richtung
Treiben, muß alles nach unten der Schwerkraft folgend sich stürzen.
So ist zu fürchten, daß einst, wenn die Fugen der Welt nicht mehr halten,
Ihre Atome zerflatternd hinab in das Endlose fallen,
Daß wie fliegende Flammen die Mauern des Firmamentes
Plötzlich sich lösen und rasch im unendlichen Leeren zerstieben,
Und auch die übrige Welt dem gegebenen Beispiel folge,
Daß aus der Höhe herab lautdonnernd die Himmelsgewölbe
Stürzen und plötzlich die Erde zu unseren Füßen sich senke
Und in der Abgrundtiefe des Leeren sich gänzlich verliere,
Während das All mit dem Himmel zerkracht in gemeinsamem Einsturz,
Der die Körper zerstreut, um im Nu nichts übrig zu lassen
Als den verwaisten Raum und die unsichtbaren Atome.

- (luk)

Mittelpunkt (24)   Jedes Individuum ist der Mittelpunkt des Universums. Ein einzelner Gedanke ist nichts als die Darstellung, die Nachbildung eines Individuums. Jeder einzelne Gedanke kann also der Mittelpunkt aller anderen sein. - (hds)

Mittelpunkt (25)  Allen Bauten des Panopticon-Prinzips ist gemeinsam, dass von einem zentralen Ort aus alle Fabrikarbeiter oder Gefängnisinsassen beaufsichtigt werden können. Im Mittelpunkt steht ein Beobachtungsturm, von welchem aus Zelltrakte abgehen (in sog. Strahlenbauweise). So kann der Wärter in der Mitte in die Zellen einsehen, ohne dass die Insassen wiederum den Wärter sehen können. Das liegt daran, dass die Gefangenen aus der Sicht des Wärters im Gegenlicht gut sichtbar sind, der Wärter selbst jedoch im Dunkel seines Standortes nicht ausgemacht werden kann. Mithin wissen diese nicht, ob sie gerade überwacht werden. Im Ergebnis kann also mit geringem personellem Aufwand eine große Zahl von Menschen permanent und total überwacht werden.

Von diesem Konstruktionsprinzip erhoffte sich Jeremy Bentham, dass sich zu jeder Zeit alle Insassen regelkonform verhalten, da sie jederzeit davon ausgehen müssten, beobachtet zu werden. Dies führe zu einer massiven Kostensenkung im Gefängnis- und Fabrikwesen, denn das Verhältnis zwischen effektiv geleisteter Überwachungsarbeit und erzeugter Angst, beobachtet zu werden, ist sehr hoch.

1811 wurde das erste Projekt zum Bau eines Gefängnisses nach dem Panopticon-Prinzip abgebrochen, Bentham wurde für seinen Planungsaufwand zwei Jahre später mit £ 23.000 entschädigt. - Wikipedia

Mittelpunkt (26)

Mittelpunkt (27)

Mittelpunkt (28)  Das Geschlechtsverhältniß spielt in der Menschenwelt  die wichtigste Rolle, als wo es eigentlich der unsichtbare Mittelpunkt alles Thuns und Treibens ist und trotz allen ihm übergeworfenen Schleiern überall hervorguckt. Es ist die Ursache des Krieges und der Zweck des Friedens, die Grundlage des Ernstes und das Ziel des Scherzes, die unerschöpfliche Quelle des Witzes, der Schlüssel zu allen Anspielungen und der Sinn aller geheimen Winke, aller unausgesprochenen Anträge und aller verstohlenen Blicke, das tägliche Dichten und Trachten der Jungen und oft auch der Alten, der stündliche Gedanke des Unkeuschen und die gegen seinen Willen stets wiederkehrende Träumerei des Keuschen, der allezeit bereite Stoff zum Scherz, eben nur weil ihm der tiefste Ernst zum Grunde liegt. Das aber ist das Pikante und der Spaaß der Welt, daß die Hauptangelegenheit aller Menschen heimlich betrieben und ostensibel möglichst ignorirt wird. In der That aber sieht man dieselbe jeden Augenblick sich als den eigentlichen und erblichen Herrn der Welt, aus eigener Machtvollkommenheit, auf den angestammten Thron setzen und von dort herab mit höhnenden Blicken der Anstalten lachen, die man getroffen hat, sie zu bändigen, einzukerkern, wenigstens einzuschränken und wo möglich ganz verdeckt zu halten, oder doch so zu bemeistern, daß sie nur als eine ganz untergeordnete Nebenangelegenheit des Lebens zum Vorschein komme.  - (wv)

Mittelpunkt (29)  Der Egoismus ist, seiner Natur nach, gränzenlos: der Mensch will unbedingt sein Daseyn erhalten, will es von Schmerzen, zu denen auch aller Mangel und Entbehrung gehört, unbedingt frei, will die größtmögliche Summe von Wohlseyn, und will jeden Genuß, zu dem er fähig ist, ja, sucht wo möglich noch neue Fähigkeiten zum Genüsse in sich zu entwickeln. Alles, was sich dem Streben seines Egoismus entgegenstellt, erregt seinen Unwillen, Zorn, Haß: er wird es als seinen Feind zu vernichten suchen. Er will wo möglich Alles genießen, Alles haben; da aber dies unmöglich ist, wenigstens Alles beherrschen: »Alles für mich, und nichts für die Andern«, ist sein Wahlspruch. Der Egoismus ist kolossal: er überragt die Welt. Denn, wenn jedem Einzelnen die Wahl gegeben würde zwischen seiner eigenen und der übrigen Welt Vernichtung; so brauche ich nicht zu sagen, wohin sie, bei den Allermeisten, ausschlagen würde. Demgemäß macht Jeder sich zum Mittelpunkte der Welt, bezieht Alles auf sich und wird was nur vorgeht, z. B. die größten Veränderungen im Schicksale der Völker, zunächst auf sein Interesse dabei beziehn und, sei dieses auch noch so klein und mittelbar, vor Allem daran denken.

Keinen größern Kontrast giebt es, als den zwischen dem hohen und exklusiven Antheil, den Jeder an seinem eigenen Selbst nimmt, und der Gleichgültigkeit, mit der in der Regel alle Andern eben jenes Selbst betrachten; wie er ihres. Es hat sogar seine komische Seite, die zahllosen Individuen zu sehn, deren jedes, wenigstens in praktischer Hinsicht, sich allein für real hält und die andern gewissermaaßen als bloße Phantome betrachtet. Dies beruht zuletzt darauf, daß Jeder sich selber unmittelbar gegeben ist, die Andern aber ihm nur mittelbar, durch die Vorstellung von ihnen in seinem Kopfe: und die Unmittelbarkeit behauptet ihr Recht. Nämlich in Folge der jedem Bewußtseyn wesentlichen Subjektivität, ist Jeder sich selber die ganze Welt: denn alles Objektive existirt nur mittelbar, als bloße Vorstellung des Subjekts; so daß stets Alles am Selbstbewußtseyn hängt. Die einzige Welt, welche Jeder wirklich kennt und von der er weiß, trägt er in sich, als seine Vorstellung, und ist daher das Centrum derselben. Deshalb eben ist Jeder sich Alles in Allem: er findet sich als den Inhaber aller Realität und kann ihm nichts wichtiger seyn, als er selbst. Während nun in seiner subjektiven Ansicht sein Selbst sich in dieser kolossalen Größe darstellt, schrumpft es in der objektiven beinahe zu Nichts ein, nämlich zu ungefähr 1/1 000 000 000 der jetzt lebenden Menschheit. Dabei nun weiß er völlig gewiß, daß eben jenes über Alles wichtige Selbst, dieser Mikrokosmos, als dessen bloße Modifikation oder Accidenz, der Makrokosmos auftritt, also seine ganze Welt, untergehn muß im Tode, der daher für ihn gleichbedeutend ist mit dem Weltuntergange. - Arthur Schopenhauer, Preisschrift Über die Grundlage der Moral (1840)

Mittelpunkt (30)  Das Universum ist zugleich ganz Zentrum und ganz Peripherie.   - Giordano Bruno, Über die Ursache, das Prinzip und das Eine. Stuttgart 1986 (zuerst 1584)

Mittelpunkt (31)  Sie rannten, ihre Fäuste umklammerten Stangen oder Latten, die mit schwarzen Tüchern umwickelt waren: man konnte nicht erkennen, ob es sich um Fahnen oder Waffen handelte, das war Teil des elementar Geheimnisvollen der Stadtguerilla. Im Rennen kam ihre sexvergessene Männlichkeit, die sich in ihrem fraglos monströsen Zivilengagement manifestierte, geradezu schamlos zur Geltung. Die Hosen waren um das Becken herum so straff, daß man fast alles von ihren Geschlechtsteilen erkennen konnte, Glied und Hoden, doch war alles in einer weichen, geheimnisvoll gestalteten Masse zusammengezwängt, die sich auf der linken wie auf der rechten Seite des Reißverschlusses vorwölbte, so als dürfe dieses Geschlechtsteil seine übliche tierische Form nicht annehmen | darstellen |, als wäre es bloß Gewicht, Eigenschaft, Beiwerk, unendlich viel funktionaler als seine Funktion und eigentlich ziemlich bescheiden. Ihnen war das alles nicht bewußt. Sie waren in diesem Augenblick nicht nur weit von einem derartigen Gedanken entfernt; vielleicht hatten sie ihn auch nie gehabt oder würden ihn nie haben. Sie trugen dieses massige Gewicht ihrer Männlichkeit, eingezwängt in ihre engen Hosen, wie eine dunkle Drohung, etwas, das in diesem Augenblick im Überschuß vorhanden war, aber alles bedeutete, etwas, das sich im Mittelpunkt ihres Körpers befand und damit im Mittelpunkt der Welt, zu deren Gebietern sie sich machen wollten.   - Pier Paolo Pasolini, Petrolio. Berlin 1994

Mittelpunkt (32)   Ebenso wie der Mensch für Gott geschaffen ist, damit er nämlich ihm dienen kann, ist der Mensch in den Mittelpunkt des Universums gesetzt, damit er sowohl dienen wie auch bedient werden kann.   - Petrus Lombardus, nach: Bernard Lovell, Das unendliche Weltall. Geschichte der Kosmologien von der Antike bis zur Gegenwart. München 1988

Mittelpunkt (33)  Was kümmert es mich, ob der Himmel als Kugel die Erde in der Mitte der Welt einschließt, oder ob er zu beiden Selten überhängt?  - Augustinus, nach: Bernard Lovell, Das unendliche Weltall. Geschichte der Kosmologien von der Antike bis zur Gegenwart. München 1988

Mittelpunkt (34)  Jedes Individuum ist der Mittelpunkt des Universums. Ein einzelner Gedanke ist nichts als die Darstellung, die Nachbildung eines Individuums. Jeder einzelne Gedanke kann also der Mittelpunkt aller anderen sein.  - (hds)

Mittelpunkt (35)  Endlich sehe ich von weitem ein Schild auf dem steht

ZENTRAL-BAR.

Gut daß ich eine Bar gefunden habe, die Zentral-Bar. Zentral im Hinblick worauf? Das heißt in wessen Zentrum glaubt ihr zu sein? Im Zentrum der Welt? Schaut das Zentrum der Welt ist nicht in dieser Gegend.  - Luigi Malerba, Salto mortale. Frankfurt am Main 1987 (zuerst 1968)

Mittelpunkt (36)  

Mittelpunkt (37)  Gegen Ende des vierten Jahrhunderts fragte sogar der Hl. Augustinus: „Was kümmert es mich, ob der Himmel als Kugel die Erde in der Mitte der Welt einschließt, oder ob er zu beiden Seiten überhängt?" Aber Himmel und Erde bestanden weiter, und im Lauf der Jahrhunderte wurde um die Vorstellung der ruhenden Erde ein ungeheurer Bau geistlicher und weltlicher Gelehrsamkeit errichtet. Im zwölften Jahrhundert veröffentlichte Petrus Lombardus, ein berühmter Theologe an der Universität von Paris, seine Sammlung von Sentenzen, die für einige hundert Jahre als Handbuch der Theologie dienten. Darin schrieb er über die Beziehung des Menschen zum Weltall: „Ebenso wie der Mensch für Gott geschaffen ist, damit er nämlich ihm dienen kann, ist der Mensch in den Mittelpunkt des Universums gesetzt, damit er sowohl dienen wie auch bedient werden kann."  - Bernard Lovell, Das unendliche Weltall. Geschichte der Kosmologie von der Antike bis zur Gegenwart. München 1988

  Kreis Lage Punkt Kugel
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Synonyme
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