oman  Um einen Roman zu schreiben, bin ich noch zu unreif. Dazu gehört vor allem Reife des Steißes: ein Sitzleder. Und dann müssen gewaltige Freßfeste aller Sinne veranstaltet werden, die Augen, die Finger, die Nase müssen gespeist werden. Hauptstützpunkte sind die einfachen Schilderungen von Vorgängen und Zuständen, die das Innerste davon auskramt, die Freude am Gegenständlichen (nicht am Problematischen!). Das ist nichts für ungeduldige Leckermäuler und Handlungsreisende!  - (bre)

Roman (2) Man könnte viel sorgfältiger bestimmen. - Mit Bezug auf den Begriff Lüge hat man einmal gesagt: Sie wäre eine Unwahrheit gegen den, der das Recht auf Wahrheit hätte. Sollte man meinen, ein Roman wäre erst aus einer Kette von Fehlschlägen zu bilden bei einem Menschen, der das Recht gehabt hat, ein Großer, ein Angesehener zu sein? - Es ist schon eine Frage, die wir unentschieden lassen müssen, aber man sollte nicht meinen, daß jedes Leben ein Roman und eine Tragödie sei, weil der Mensch nun einmal sterben muß. Man sollte sich auch nicht damit begnügen, eine Tragödie zu sehen, wenn ein junger Mensch das Große in seiner Phantasie ins Auge faßt und dann klein bleibt, weil der Abstand zwischen Wirklichkeit und Vorstellung so ungeheuer groß ist, daß ihn nur wenige Menschen ganz überbrücken. Ich möchte einmal vorschlagen, den Roman erst dort beginnen zu lassen, wo kein Mensch mehr verstehen kann, daß ein geplantes Leben und sein Ergebnis so ungeheuer auseinanderbleiben, daß man an Verwirklichungen einfach nirgends mehr glauben möchte, - aber das ist ein Thema, das man nicht fortsetzen kann.   - Ernst Fuhrmann, Der Geächtete. Berlin 1983 (zuerst 1930)

Roman (4)  Hie der gütige weise Magier Eleagabal Kuperus, der in einem geheimnisvollen Altstadthaus hinter dem Dom wohnt, dort der größenwahnsinnige Spekulant Thomas Bezug, dessen Ziel es ist, die Weltherrschaft zu erreichen. Bezugs Berater Hecht, der auf die Tochter Bezugs, Elisabeth, aus ist, suggeriert dem Bösewicht, mittels biologischer Manipulationen sei es möglich, sich das Monopol über den Sauerstoff in der Atemluft zu sichern, um so die Menschheit beliebig erpressen zu können. Bezug greift diese Idee begeistert auf und verspricht Hecht seine Tochter. Indessen wirbt Bezugs engster Vertrauter Rudolf Hainx als eine Art ›Hofdichter‹ den jungen Adalbert Semilasso an, Sohn eines einsiedlerischen Waldmenschen, dem bald eine Schlüsselrolle im Roman zukommen wird. So wie Hainx und Hecht Bezug zugeordnet sind, ist Kuperus der Glöckner und Türmer des Domes Palingenius beigegeben, der in seiner Turmstube als kunstfertiger Mechanikus an einer Flugmaschine bastelt und über seine zarte und schöne Tochter Regina wacht. Adalbert versucht aus dem Dunstkreis Bezugs zu entfliehen, verliebt sich in Regina Palingenius und lernt Kuperus kennen. Dieser sieht in ihm einen Erwecker der Menschheit, die nahezu völlig in Bezugs Macht zu geraten scheint. Das Fest der Verlobung zwischen Elisabeth Bezug und Hecht wird zu einer gigantischen Demonstration von Bezugs Reichtum an Geld, Macht und Einfällen, gestört nur durch den unvorhergesehenen Auftritt einer erschreckenden Kreatur, hinter der sich Bezugs geistesgestörter Sohn Arnold verbirgt. Adalbert, auf den Elisabeth inzwischen ein Auge geworfen hat, schlägt Bezug vor, seinen Sohn durch Kuperus, dem übernatürliche Kräfte nachgesagt werden, heilen zu lassen. Beide gehen darauf ein und die mühselig aufgebaute Konfrontation scheint auf halber Wegstrecke abgebaut zu werden. Bei einer Reise nach Antothrake, einer griechischen Insel, die ihrem Vater gehört, gelingt es Elisabeth, die mit den Mitteln einer Kalypso arbeitet, Adalbert in ihren Bann zu ziehen. Auf Kuperus' Anweisung fährt Bezug mit seinem Sohn ebenfalls nach Antothrake und nimmt als weiteres Heilmittel seine Geliebte, die Zirkusartistin Bianca Semonski mit, hinter der sich Adalberts Schwester Nella verbirgt. Die Heilung mißlingt, Arnold und Bianca sterben. Bezug kündigt darauf Kuperus Kampf bis zum äußersten an. Nachdem sich Hechts Plan der Sauerstoffmonopolisierung als Trick erwiesen hat, sucht Bezug nach neuen Möglichkeiten, die Weltherrschaft zu erringen. Da kommt ihm die Beobachtung eines in seinen Diensten stehenden Astronomen gelegen, daß der Planet »Terror« Abweichungen von seiner Bahn zeigt und eine Kollision mit der Erde unvermeidlich scheint. Bezug entschließt sich, den drohenden Weltuntergang dazu zu benutzen, um die Menschheit ›winseln‹ zu sehen. Seine diesbezügliche Propaganda zeigt schnell Wirkung. Eine Massenhysterie macht sich breit. Anarchismus und Terrorismus blühen auf, rivalisierende Sekten entstehen. In der Stadt herrschen Mord und Totschlag, Regina Palingenius wird tot aufgefunden, ermordet von der eifersüchtigen Elisabeth. Bezug scheint sein Ziel fast erreicht zu haben - nun kann nur noch Kuperus helfen. Er hat die Macht, Tote wiederzuerwecken und übt sie unter Opferung seines eigenen Lebens an Regina. Vorher hat er dafür gesorgt, unterstützt von Adalbert, daß die Rechnung Bezugs nicht aufgeht. Die Nachricht von der ausbleibenden Planetenkollision verbreitet sich und setzt dem Spuk ein Ende. Adalbert und die wiederauferstandene Regina schauen zu den Sternen auf, während sich Rudolf Hainx anschickt, die Nachfolge Bezugs, der auf der Flucht getötet wurde, anzutreten. - Karl Hans Strobl, Eleagabal Kuperus. Nacherzählt von Jens Malte Fischer. In: Phaïcon 3, Almanach der phantastischen Literatur. Frankfurt am Main 1978 (st 443)

Roman (5) Die Sonne ist dunkel, / der Mond ohne Licht. / Denn ich liebte ihn, / er mich leider nicht. -  DOROTHY PARKER, ROMAN IN 2 BÄNDEN, nach (enc)

Roman (6)  Ein Roman ist weder Geschichtsschreibung noch Lehrgedicht noch Fabel; er ist die Erzählung von zum bloßen Vergnügen erfundenen Abenteuern und Ereignissen, die die heftigsten Leidenschaften in Szene setzen, um die der Leser in Wallung zu bringen und zu reizen.

Diese Hervorbringungen sind aller menschlichen Wahrheit bar. Während im menschlichen Leben alles den Stempel der Unvollkommenheit trägt, wird in dieser Welt der Chimären alles im verführerischsten Licht gezeigt.

Der Roman führt uns nur außerordentliche, exzentrische Frauen vor Augen, die der wirklichen Frau in nichts ähneln.

Was man gute Romane nennt, hat seit fünfundzwanzig Jahren mehr Schaden angerichtet als alle die schamlosen Produkte der Regence und alle die gottlosen oder unanständigen Werke des 18. Jahrhunderts. - Abbé Balmne-Frézol, Praktische Überlegungen und Ratschläge zur Erziehung, als Leitfaden für Mütter und Erzieherinnen [1858],  nach (sot)

Roman (7) Noch schädlicher ist die Romanlektüre für Frauen überdies, weil sie ihnen den Mann in übertriebener Form und mit verzerrten Zügen darstellt und sie dadurch auf unausweichliche Enttäuschungen und eine Leere vorbereitet, die sie schwerlich zu füllen hoffen dürfen. - N. N., Wörterbuch der medizinischen Wissenschaften [1812-22], nach (sot)

Roman (8)  Die meisten Romanschriftsteller waren verabschiedete Beamte, die zu ihrem eigenen Vergnügen schrieben und dabei vorzogen, unbekannt zu bleiben, weil in China früher alle Romane als minderwertige Literatur angesehen wurden. Das chinesische Wort für «Roman» ist siau-schuo, «kleiner Schwatz», und Romane dürfen niemals in einem Atemzug mit Werken der Geschichte, Philosophie, Dichtkunst und solchen belehrenden Inhalts genannt werden.  - Robert van Gulik, Anm. zu R.v.G. (Hg.), Merkwürdige Kriminalfälle des Richter Di. Zürich 1998

Roman (9)  Existentiell - das neue Wort, das seit einigen Jahren da ist und entschieden der bemerkenswerteste Ausdruck einer inneren Verwandlung ist. Er zieht das Schwergewicht des Ichs vom Psychologisch-Kasuistischen ins Arthafte, Dunkle, Geschlossene, in den Stamm. Er verringert das Individuum um sein Peripheres und gewinnt ihm Gewicht, Schwere, Eindringlichkeit hinzu. Existentiell - das ist der Todesstoß für den Roman. Warum Gedanken in jemanden hineinkneten, in eine Figur, in Gestalten, wenn es Gestalten nicht mehr gibt? Personen, Namen, Beziehungen erfinden, wenn sie gerade unerheblich werden? Existentiell -: das zielt rückwärts, verschleiert das Individuum nach rückwärts, bindet es, bringt Forderungen vor, denen die vergangenen Jahrhunderte und die deszendenten Generationen nachzukommen nicht ausgestattet waren. Handschriften, Kranzschleifen, Fotografien - alles das ist schon zu viel. - Gottfried Benn, Roman des Phänotyp. Landsberger Fragment 1944. In: G. B., Prosa und Szenen. Ges. Werke Bd. 2. Wiesbaden 1962

Roman (10)  „Sie sind schon dermaßen verblödet, Professor Y, daß man Ihnen alles erklären muß!... ich will Ihnen also das Tüpfelchen aufs i setzen! hören Sie gut zu, was ich Ihnen sage: die Schriftsteller von heute wissen noch nicht mal, daß es das Kino gibt! ... und daß durch das Kino ihre Art zu schreiben lächerlich und unnütz geworden ist ... geschwätzig und inhaltslos!..." „Wie bitte? Wie?"

„Weil ihre Romane, alle ihre Romane, viel gewinnen würden, alles gewinnen würden, wenn ein Filmer sie bearbeiten würde... ihre Romane sind nur noch Drehbücher, mehr oder weniger kommerziell, die auf einen Filmer warten!... das Kino hat alles für sich, was ihren Romanen fehlt: die Bewegung, die Landschaften, das Pittoreske, die schönen Puppen, nackt, rasiert, die Tarzane, die Ephe-ben, die Löwen, die Zirkusspiele, alles täuschend echt! Bettspiele, daß man sich dem Teufel verschreiben würde! Psychologie!... Verbrechen, wie man sie sich nur wünschen kann! ... Unmengen von Reiseaufnahmen! als sei man selbst dabei! alles, was so ein armer Schlucker von Schriftsteller nur andeuten kann!... wenn er sich mit seinen Strafarbeiten abstrampelt! so daß er sich bei seinen Kunden unbeliebt macht! ... er kommt da einfach nicht ran! auch bei all dem Kitsch, den er von sich gibt! in den er sich verbeißt! er wird tausend!... tausendfach überflügelt!" „Was bleibt dem Romanautor denn dann noch übrig, Ihrer Meinung nach?"

„Die ganze Masse von geistig Debilen ... die amorphe Masse ... die noch nicht mal die Zeitung liest... die kaum ins Kino geht..."

„Die lesen den ganzen Romankitsch? ..."

„Und wie! ... vor allem, hörn Sie, auf dem Klo! ... da haben sie einen besinnlichen Augenblick!... dem sie sich stellen müssen!..."  - Louis-Ferdinand Céline, Gespräche mit Professor Y. Hamburg 1986 (zuerst 1955)

Roman (11)   Lange Romane von heutzutage sind vielleicht etwas unzeitgemäß: Die zeitliche Dimension ist zerbrochen, wir leben und denken nur noch in Fragmenten von Zeit, die jeweils auf einer eigenen Bahn davonfliegen und im Nu entschwinden. Zeitliche Dauer finden wir nur noch in Romanen aus jener Epoche, als die Zeit nicht mehr stillzustehen und noch nicht explodiert zu sein schien, eine Epoche, die alles in allem rund hundert Jahre währte, nicht länger.  - Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht. München 2007 (Zuerst 1979)

Roman (12) »Der Roman, den ich jetzt am liebsten lesen würde«, erläutert sie dir, »müßte als einzige Antriebskraft allein die Lust am Erzählen, am Auftürmen von Geschichten haben, ohne dir eine Weltanschauung aufdrängen zu wollen, einfach nur in der Absicht, dich an seinem Wachsen teilhaben zu lassen -wie ein Baum, ein Wuchern von Zweigen und Blättern ...«  - Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht. München 2007 (Zuerst 1979)

Roman (13)   Zuerst wird der Realismus überhaupt in die Schranken gefordert, weil er <jeglichem Aufschwung und Höhenflug des Geistes und der Seele abhold sei und nur aus Mittelmäßigkeit, Gehässigkeit und plumper Selbstzufriedenheit> bestehe. Sodann werden die literarischen Gattungen, die der Realismus hervorbringt, darunter vor allem die Romanform, verurteilt. Der Roman nehme inzwischen die Vorrangstellung unter den Literaturformen ein, und diese Form fülle jeder hergelaufene Schreiberling auf Hunderten von Seiten mit den nichtssagendsten Schilderungen kleinlicher Dinge und der Darstellung völlig uninteressanter Personen. Es stehe überhaupt nichts auf dem Spiel in diesen Geschichten, oder das, worum es geht, lasse uns kalt. Weder der Mensch noch sein Los werde darin in Frage gestellt. Sollte die Literatur so weit heruntergekommen sein, daß sie uns eine nette Zerstreuung anzubieten wagt, die kaum anspruchsvoller ist als ein Skatabend? Sollte man wirklich echt am Leben von Marionetten anteilnehmen, die irgendein unsichtbarer Drahtzieher mehr oder weniger abgezirkelt tanzen läßt?  - Maurice Nadeau, Geschichte des Surrealismus. Reinbek bei Hamburg 1968 (Rowohlts Enzyklopädie 437)

Roman (14)   Eine lächerliche Folge der Situation der Literatur ist es z. B., daß Romane in Unmassen produziert werden. Jeder kleine Mann traut sich, darin seine faden Klugheiten mitzuteilen ... im Stil biederer Berichterstattung . . . mit Umständlichkeit breitet er seine nebensächlichsten Feststellungen aus . . . ergeht sich in nichtssagenden Beschreibungen. Von der Beständigkeit des Lebens habe ich viel zu unbeständige Auffassungen, als daß ich es wagte, meine glücklichsten Stunden gleich hoch zu werten wie die Stunden, in denen ich niedergeschlagen bin oder mich schwach fühle. Die belanglosen Strecken meines Lebens bausche ich nicht auf ... es ist einfach schändlich, wenn einer jene Zeiten seines Lebens, die ihm so eintönig vorkommen, noch eigens liebevoll herausstellt. Bloß eine Partie Schach, die mir ganz gleichgültig ist ... jedermann, wer er auch sein mag, wäre mir dabei ein Gegner, den ich nicht für voll nehmen könnte. Ich ertrage es einfach nicht, wenn wegen dieses oder jenes Zugs lange geskrupelt und kleinlich gestritten wird, wo doch jeder weiß, daß es im Grund völlig einerlei ist, ob der eine oder andere gewinnt oder verliert . . . - André Breton, nach: Maurice Nadeau, Geschichte des Surrealismus. Reinbek bei Hamburg 1968 (Rowohlts Enzyklopädie 437)
 

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