bweichung  Man überliefert mündlich ein Wort von Schuler, in jeder Erkenntnis müsse, so sagte er, ein Quentchen Widersinn enthalten sein, wie die antiken Teppichmuster oder Ornamentfriese von ihrem regelmäßigen Verlauf immer irgendwo eine geringfügige Abweichung erkennen ließen.

Mit andern Worten: Nicht der Fortgang von Erkenntnis zu Erkenntnis ist entscheidend, sondern der Sprung in jeder einzelnen Erkenntnis selbst. Er ist die unscheinbare Echtheitsmarke, die sie von aller Serienware unterscheidet, die nach Schablone angefertigt ist. - Walter Benjamin

Abweichung (2) Lukrez vertrat die Auffassung, dass die Atome endlos im leeren Raum fallen und dass eine winzige Abweichung in den Bahnen einiger von ihnen (clinamen genannt) zur Bildung von Wirbeln führt, auf denen die Organisation der Materie, wie wir sie kennen, basiert.  - (thes)

Abweichung (3)  Es kann sein und ist sogar sicher, daß meine Literatur extremer und toller ist als ich. Ich glaube nicht, daß dies die Folge irgendeines Mangels an Kontrolle ist - es ist das eher ein Hinbringen zu gewissen Bezauberungen, bis zu ihren letzten formalen Konsequenzen, die sich dann, in den Büchern, ins Riesenhafte vergrößern - in mir aber bleiben sie, was sie waren, also nur eine unbedeutende Abweichung des Vorstellungsvermögens, irgendeine leichte »Inklinierung«. Daher - konkreter gesagt - habe ich es nie über mich gewinnen können und werde es auch nie über mich gewinnen, in der Kunst gewöhnliche Liebe, gewöhnlichen Zauber abzumalen, daher ist bei mir diese Liebe, dieser Zauber in unterirdische Verliese hinabgestoßen, erstickt, erdrosselt, daher bin ich in diesen Dingen nicht gewöhnlich, sondern dämonisch (eine groteske Dämonie!). Indem ich drohende Zusammenschlüsse unzensierbarer Bezauberungen aufzeige, kompromittierende Lyrik ans Tageslicht zerre, will ich euch zum Entgleisen bringen - das ist der Stein, den ich auf die Schienen eures Zuges lege. Euch aus der Ordnung bringen, in der ihr euch befindet. - (gom)

Abweichung (4)   Die Mesonen, diese Elementarteilchen, verstoßen manchmal gegen die Verhaltensgesetze, aber sie tun das so unerhört schnell, daß sie fast gar nicht gegen sie verstoßen. Das, was durch die Gesetze der Physik verboten ist, tun sie blitzschnell, als ob gar nichts geschähe, und sogleich ordnen sie sich wieder diesen Gesetzen unter. Auf einem seiner morgendlichen Spaziergänge im Universitätspark stellte sich Rasglas die Frage:

Was wäre, wenn der Kosmos im größten Maßstab das gleiche getan hat? Wenn die Mesonen sich in einem Sekundenbruchteil, der so winzig ist, daß eine ganze Sekunde dagegen wie eine Ewigkeit wirkt, so verhalten können, dann müßte sich der Kosmos - bei seinen Ausmaßen - entsprechend länger auf jene verbotene Weise verhalten. Zum Beispiel fünfzehn Milliarden Jahre...

Er entstand somit, obwohl er im Grunde nicht entstehen konnte, weil er nichts hatte, woraus er hätte entstehen können. Der Kosmos ist demnach eine verbotene Fluktuation. Er verkörpert eine Augenblickslaune, eine momentane Abweichung vom richtigen Verhalten, wobei man berücksichtigen muß, daß dieser Augenblick und dieser Moment monumentale Ausmaße besitzen. Das Weltall ist eine solche Abweichung von den Gesetzen der Physik, wie es im kleinsten Maßstab das Meson ist! Von der Vorahnung gepackt, sich auf der Spur des Geheimnisses zu bewegen, begab sich der Professor sogleich ins Labor und nahm verifizierende Berechnungen vor, die Schritt für Schritt bewiesen, daß er recht hatte. Aber noch bevor er sie beendete, schwante ihm, daß die Lösung des Rätsels der Kosmogonie die größte Gefahr in sich barg, die man sich denken konnte.

Der Kosmos besteht nämlich auf Kredit. Er ist mit all seinen Sternansammlungen und Galaxien eine ungeheuerliche Verschuldung, gewissermaßen ein Pfandbrief, ein Obligo, das am Ende beglichen werden muß. Das Weltall ist eine illegale Anleihe, eine material-energetische Schuld, sein scheinbares Haben stellt eigentlich das nackte Soll dar. Somit wird der Kosmos, da er nichts als eine gesetzwidrige Laune ist, eines schönen Tages wie eine Seifenblase platzen. Als Anomalie wird er wieder in das gleiche Nichtsein zurückfallen, aus dem er hervorgetaucht ist. Erst dieser Augenblick wird die Wiederherstellung der Ordnung der Dinge sein. - (lem)

Abweichung (5) Wenn man ein Piano stimmt, darf man es nicht in reinen Oktaven stimmen, denn dann werden die Intervalle falsch. Das nennt man Temperatur. Eine Gitarre kann nie rein gestimmt werden, sondern schwebt immer; und das ist der Charme des Instrumentes. Die Verbindungsgewichte der Chemie sind immer mit Dezimalbrüchen behaftet. Es gibt nicht ein Kristall im Mineralreich, das vollkommen ausgebildet ist nach Achsen und Winkeln. Mit einem Wort, alles ist unvollkommen, mangelhaft. Regelmäßige Kunstwerke werden leicht langweilig, wie regelmäßige Schönheiten. Vollkommene Menschen oder fehlerfreie sind oft unerträglich. Ein wenig Sünde kleidet einen Menschen hier in der Welt der Unvollkommenheit. Auch in ihnen sollte Temperatur sein; und man hat die Pflicht, die Schwächen der Menschen zu übersehen. Das Absolute von einem Kind zu verlangen ist absolut unrichtig. Eltern und Lehrer fordern jedoch absoluten Gehorsam, absoluten Fleiß, absolute Kenntnis der Aufgabe. Das ist verrückt.

Anderseits aber hat der, welcher Fehlerfinder heißt und überall Fehler sieht, auch recht; aber er sollte manchmal ein Auge zudrücken. Jeder Gegenstand, den man kauft, hat einen Fehler; und es ist lange Übung nötig, um fürlieb nehmen zu können. Sowohl Käufer wie Verkäufer klagen übereinander; ebenso Gattin, Kinder, Dienstboten und Hausherren.

Nichts stimmt, alles schwebt; aber es soll sich vielleicht schwebend halten, um nicht falsch zu werden.  - (blau)

Abweichung (6) Sorgfältig korkte ich die Flasche zu und überlegte, was zu tun sei. Ich verfiel auf eine alte Gewohnheit, zuerst langsam und gefühlvoll, dann immer schneller und intensiver begann ich zu masturbieren, ich tat es, was eine, wenn auch winzige, Abweichung von der Routine bedeutete, diesmal mit der ganzen Faust, die ich zuerst vorsichtig, dann immer fester geschlossen hielt; da der Flaschenhals auch von außen benetzt schien, kostete es mich keine Mühe, es ging sogar wunderbar leicht, als ich die erste Erwärmung an dem Glas der Flasche bemerkte, hielt ich nur noch zweimal inne, um mir den Schweiß von der Stirn zu wischen. Es ist möglich, so wußte ich, daß schnelle Erwärmung von Champagnerflaschen dieselben zur Ejakulation bringt, bei genügender Aufheizung der Flasche würde mir der kräftige Orgasmus des gärenden Champagners den Korken ins Gesicht fliegen lassen ... trotz größter Anstrengung gelang es mir nicht, die Hand erlahmte mir und resigniert unterbrach ich meine Bewegungen.  - (hilb2)

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