reier, flotter   Der heilige Patrick hat einen schönen Lobgesang auf die Schöpfung Gottes und auf das herrliche Irland im besonderen verfaßt. Er lobt vielerlei, darunter die Lachse in den Flüssen und allerlei verspeisbares und nützliches Getier. Hätte er nähere Kenntnis vom Wesen der Schnecken gehabt, er würde sie in seinen Hymnus eingeschlossen haben, denn sie sind in ihrer Langsamkeit ganz in Gottes Hand. Sie können vor keinem Übel davonlaufen, sie müssen es hinnehmen. So gibt es denn in aller Unschuld Verworfene und Berufene unter ihnen, und ihr Gebet vom Morgen bis zum Abend lautet: »Im Verhältnis zu Gott hat die Schnecke immer unrecht.« Aber es ist doch allerlei schöpferische Liebe auf viele Schneckenarten herabgeregnet. Es gibt deren welche, die auf beinahe allen Schauplätzen leben können, und unter allen Verhältnissen, vom Nordpol herab bis in die Tropen, hoch auf den Bergen, in warmen Quellen, in flachen Teichen und in großen Seen. Kein Vogel frißt sie, und die meisten unter ihnen nähren sich bescheiden von Pflanzen und Abfall, allenfalls von Aas, sind also beinahe schuldlos in ihrer Speise. Darum scheint es als eine gerechte Gnade, daß sie mit vielerlei Fähigkeiten in der Liebe gesegnet sind. Die meisten Arten von Schnecken sind Hermaphroditen, und die Liebesspiele einzelner Gattungen sind berühmt geworden. Es ist sicherlich ein schöner Einfall zwei prächtige Schnecken einander begegnen zu lassen, die Wohlgefallen aneinander finden, nicht weil die eine männlich und die andere weiblich ist, nein, weil sie sich gleichen. Sie lieben sich, weil die Lebenskraft in ihnen ihre Sinne für die Schönheit geöffnet hat. Sie beginnen einen umständlichen langsamen Liebesstreit, Anträge ihrer Seele, Bewunderung füreinander. Endlich gelingt es einem des Paares, einen kleinen Kieselpfeil, der mit heiligen Hormonen gesalbt ist, gegen den anderen abzuschießen und ihn zu verletzen. Der Verwundete zuckt zusammen; da es aber ein Leid ist, das ein Geliebter zufügt, so erträgt er es gern. Schon fühlt er die Verwandlung, die von den Hormonen ausgeht. Der Hermaphrodit, der eben noch gerade so bereit war, zu begatten, die Lust des Samens zu genießen, fühlt nur noch das Verlangen, sich als Empfangende zu öffnen. Und nun begatten sich die fast Gleichen. Selbst die hypothetische Sehnsucht des Hermaphroditen, dem einen Mann, dem andern Weib zu sein, erfüllt sich zuweilen. In den Sommermonaten, an manchen Morgen, kann man in Teichen und Seen inmitten schwimmender Pflanzen die Paarungsketten zumeist dreier Individuen der Lummaea stagnalis sehen. Und das höchste Glück gehört dem Mittleren. - Es gibt Forscher, die behaupten, daß diese Begattungen völlig überflüssig seien, die Schnecken könnten sich auch selbst befruchten.  - Hans Henny Jahnn,  Der gehorsame Kuckuck. In: Lesebuch. Deutsche Literatur zwischen 1945 und 1969. Hg. Klaus Wagenbach. Berlin 1980 (zuerst 1952)

Dreier, flotter (2)

- N.N.

Dreier, flotter (3)  Vor fünfzig Jahren haben dort drei Witwen gewohnt, eine Mutter mit ihren beiden Töchtern. Die Mutter war neunzig Jahre alt und gebrechlich. Die älteste Tochter war siebenundsechzig und die andere gut sechzig. Drei alte wunderliche Weiber, die so geizig waren, daß sie nichts in der Gegend kauften und nur von dem lebten, was ihr Gemüsegarten und ihr Hühnerhof hergaben. Die Läden wurden nie geöffnet. Wochenlang sah man keine von ihnen. Die ältere Tochter hat sich das Bein gebrochen, und man hat es erst erfahren, als sie tot war. Eine drollige Geschichte. Schon lange hörte man nicht mehr das geringste Geräusch aus dem Haus der drei Witwen. Da die Leute zu tuscheln begannen, beschloß der Bürgermeister von Avrainville einmal hinzugehen. Er fand alle drei tot. Sie waren schon vor mindestens zehn Tagen gestorben!  Man hat mir gesagt, die Zeitungen hätten damals viel darüber berichtet. Ein Lehrer aus der Gegend, dem diese mysteriöse Geschichte keine Ruhe ließ, hat sogar eine Broschüre geschrieben, in der er behauptet, die Tochter mit dem gebrochenen Bein habe aus Haß gegen ihre noch muntere Schwester diese vergiftet und zugleich die Mutter. Und sie selber muß dann neben den beiden Leichen gestorben sein, da sie sich nicht bewegen und sich nichts zu essen holen konnte. - Georges Simenon, Maigret und der Mann von Welt. München 1977 (Heyne, Simenon-Kriminalromane 89, zuerst 1931)

Dreier, flotter (4)  »Er hatte mir versprochen, sich gleich nach der Rückkehr pensionieren zu lassen und mich zu heiraten. Das war ein hübsches Leben für mich auf dem Schiff! Den ganzen Tag war ich in einer Kajüte eingesperrt, in der es nach Fisch stank. Sobald jemand hereinkam, mußte ich mich unter dem Bett verstecken. Wir waren kaum auf offener See, da bereute Fallut schon, mich mitgenommen zu haben. Ich habe noch nie einen Mann gesehen, der solche Angstzustände hatte wie er. Zehnmal am Tage vergewisserte er sich, ob die Tür fest verschlossen war. Wenn ich etwas sagte, befahl er mir, zu schweigen, aus Angst, daß man mich hörte. Er war mürrisch und verkrampft. Manchmal blickte er mich minutenlang an, als wollte er sich meiner entledigen, indem er mich über Bord warf.«

Sie sprach mit einer schrillen Stimme, gestikulierte dabei heftig. »Und außerdem wurde er immer eifersüchtiger. Er fragte mich nach meiner Vergangenheit. Er versuchte, herauszubekommen ... Drei Tage lang sagte er kein Wort zu mir und belauerte mich wie eine Feindin. Dann plötzlich packte ihn wieder die Leidenschaft. Es hat Augenblicke gegeben, da hatte ich Angst vor ihm.«

»Welche Männer der Besatzung haben Sie an Bord gesehen?«

»Es war die vierte Nacht. Ich wollte auf Deck Luft schöpfen. Ich hatte es satt, eingesperrt zu sein. Fallut hat sich vergewissert, daß niemand dort war. Er hat mir nur erlaubt, ein kleines Stück auf und ab zu gehen. Für einen Augenblick mußte er auf die Kommandobrücke, und da ist der Funker gekommen und hat mit mir gesprochen. Er war ganz eingeschüchtert, aber sehr erregt. Am nächsten Tage ist es ihm gelungen, in meine Kajüte einzudringen.« »Hat Fallut ihn gesehen?« »Ich glaube nicht. Er hat mir nichts gesagt.« »Sind Sie Le Clinches Geliebte geworden?« Sie antwortete nicht. Gaston Buzier grinste. »Gib es doch zu«, sagte er mit böser Stimme. »Bin ich denn nicht frei? Du hast dich in der Zeit doch mit vielen Frauen amüsiert. Wie war das zum Beispiel mit der Kleinen in der Villa? Und das Foto. das ich in deiner Tasche gefunden habe!« Maigret verzog keine Miene.

»Ich habe Sie gefragt, ob Sie die Geliebte des Funkers geworden sind.«

»Und ich antworte Ihnen: Na wenn schon.«

Sie reizte ihn mit einem lüsternen Lächeln. Sie wußte, daß sie begehrenswert war.

»Hat der Erste Maschmist Sie auch gesehen?«

»Was hat er Ihnen erzählt?«

»Nichts. Ich fasse zusammen: Der Kapitän hielt Sie in seiner Kajüte versteckt. Abwechselnd suchten Pierre Le Clinche und der Erste Maschinist Sie dort heimlich auf. Hat Fallut etwas davon gemerkt?«

»Nein.«

»Trotzdem hatte er Verdacht geschöpft, denn er strich beständig um Sie herum und ließ Sie nur allein, wenn das unbedingt notwendig war.«

»Woher wissen Sie das?«

»Sprach er immer noch davon, Sie zu heiraten?«

»Ich weiß es nicht...«

Und Maigret sah wieder den Fischdampfer vor sich, die im Kesselraum eingesperrten Heizer, die im Vorderdeck zusammengepferchten Männer, die Kajüte des Funkers und die des Kapitäns im Heck, mit dem auf Holzklötzen stehenden Bett.

Die Fahrt hatte drei Monate gedauert!

Und drei Männer waren während dieser Zeit um die Kajüte herumgestrichen, in der diese Frau eingesperrt war.

»Eine schöne Dummheit habe ich gemacht«, sagte sie. »Ich schwöre Ihnen, wenn ich mich noch einmal ... Man sollte schüchternen Männern mißtrauen, die vom Heiraten reden.« - Georges Simenon, Maigret und das Verbrechen an Bord. München 1967 (Heyne, Simenon-Kriminalromane 96, zuerst 1936)

Dreier, flotter (5)  Was G ... betrifft, so frage ich mich, ob es für ihn nicht eine Erleichterung bedeutet, wenn ich weggehe. Er weiß vom ersten Tage unserer Ehe an, daß es nichts Gemeinsames zwischen uns gibt. Ich habe mich nie an seine Haut, an seinen Geruch gewöhnen können. Verstehst Du jetzt, warum wir kein gemeinsames Schlafzimmer gehabt haben, was Dich anfangs so sehr wunderte?

Nach zweieinhalb Jahren ist es noch genauso, als ob ich ihn gerade auf der Straße oder in der Metro kennengelernt hätte, und mich durchfährt jedesmal derselbe Schreck, wenn er es sich einfallen läßt, zu mir zu kommen. Glücklicherweise geschieht das nur selten. Unter uns gesagt, glaube ich sogar, daß er nur kommt, um mir eine Freude zu machen, oder weil er meint, es sei seine Pflicht.

Vielleicht sagt seine Mutter es ihm. Das könnte sein. Lach nicht. Ich weiß nicht, wie das bei Deinem Mann ist, aber bei G ... ist es so, daß er das verlegene Gesicht eines Schuljungen macht, dem man fünf Seiten zum Abschreiben gibt. Verstehst Du mich? Ich habe mich oft gefragt, ob er mit seiner ersten Frau genauso gewesen ist. Das könnte sein. Sicherlich wäre er mit jeder Beliebigen nicht anders. Diese Leute, siehst Du, ich spreche von Mutter und Sohn, bilden eine Welt für sich allein und brauchen niemand anders. - Georges Simenon, Maigret und die Bohnenstange. München 1975 (Heyne Simenon-Kriminalromane 15, zuerst 1951)

Dreier, flotter (6)  Das Mädchen heißt Lenore. Der Neger nennt sich "Der Prophet".  Lenore ist eine Kreatur, die - bevor sie in das alte Haus einzog -   von Couch zu Couch wanderte und in den Bars und Cafés an den Strandvierteln von San Francisco lebte. Sie badet nie und trägt schlechtsitzende, altmodische, schmuddlige Kleider, die sie auf der Straße aufgelesen hat. Sie lebt in sich zurückgezogen, hat keine Freunde, neigt dazu, blicklos vor sich hinzustarren und geht vornübergebeugt, den Kopf auf die Seite. Alle kennen sie, die Zuhälter und Huren, die Penner und Krüppel und alten Damen. Hin und wieder bezahlen sie ihr ein Essen oder schenken ihr etwas, das sie selbst nicht mehr wollen. Und jeder akzeptiert sie, ohne sie zu werten, denn sie ist nicht zu werten, sie ist aller Kind — ohne Habsucht, ohne Scham, ohne Zielstrebigkeit — Symbol der Unschuld. Der Neger, "Der Prophet", ist voll Haß und Wahnvorstellungen, bösartig und aufbrausend, ein Zuhälter weißer Huren. Früher lebte er mit einer von ihnen zusammen, aber sie verließ ihn, und jetzt treibt er sich unter den Abgewrackten, Heruntergekommenen und Zerrütteten in den Bars, Tavernen und Kaffeehäusem herum und nimmt mit, was kommt. Er tragt ein Handtuch um den Kopf gewunden — er ist "Der Prophet", aber das weiß niemand. Er ist ein Riese, zwei Meter groß, lärmend, gewaltig, eine unbändige Mißgeburt, die Gewalttätigkeit ausstrahlt, er ist größenwahnsinnig und von dem Gedanken besessen, daß alle weißen Frauen sich danach sehnen, mit einem Schwarzen ins Bett zu gehen.

Diese drei Gestalten benutzt Leslie Garrett, um die Geschichte The Beasts zu erzählen, eine Geschichte, die so furchtbar ist, daß sich ihre Wirklichkeit, ihr Grauen im stetigen Fluß der gutgeschriebenen Erzählung zu verflüchtigen scheint. Aber bleiben wir zunächst bei den Hauptfiguren. Die Persönlichkeitsstruktur von Farley Grimm, Lenore und dem "Propheten", sowie die Natur ihrer Beziehungen zueinander, lassen sich vielleicht durch eine schematische Darstellung verdeutlichen.

Alle drei sind geistesgestört, jeder ist auf seine Weise verrucht. Lenore ist noch nicht einmal zwanzig, und schon hat das Leben für sie keinen Sinn mehr. Sie ist statisch, ohne Gefühl ffir die Zeit, für Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Sie war mit mehreren alten Männern, einer Lesbierin und einem sadistischen Dichter zusammen, hatte daneben ein paar flüchtige Liebschaften und ist von dem riesigen Neger vergewaltigt worden. Ein junger Alkoholiker, der manches mit ihr gemeinsam hatte, liebte sie zärtlich, aber als er im Bett mit ihr versagte, verschwand er, vielleicht von einem seiner Verehrer mitgenommen. Lenores unvermeidliche Reaktion auf alles, sei es gut oder schlecht, ist ein Achselzucken. Sie hat die Stimmen und Eigenarten aller Menschen, die sie jemals kannte, im Gedächtnis behalten und kann sie genau imitieren. Nachts redet sie mit all diesen Stimmen zu sich selbst, mit der Stimme der Lesbierin, des Jungen, der kahlköpfigen alten Männer und natürlich auch des Propheten. Sie hat auf Liebe verzichtet, sie weiß nicht einmal mehr, was Liebe ist, falls sie es jemals wußte, und ihr fehlt jedes sexuelle Empfinden, jedes Gefühl für Weiblichkeit. Dieses Mädchen wählt Farley. - Calvin C. Hernton, Anatomie der "Tiere". In: Acid. Neue amerikanische Szene. Hg. Rolf Dieter Brinkmann, Ralf-Rainer Rygulla. Frankfurt am Main 1969

Dreier, flotter (7)  

Dreier, flotter

- Paul Cézanne

Dreier, flotter (8) Ich haue damals eine Zeitlang drei Wohnungen. In einer lebte ich selbst, möbliert, mit Beköstigung und Bedienung, wo sich damals auch Marie Lebädkina befand, heute meine legitime Frau. Die anderen Wohnungen mietete ich damals monatlich für meine Abenteuer: in einer empfing ich eine in mich verliebte Dame, in der anderen ihre Zofe. Ich war eine Zeitlang sehr mit dem Plan beschäftigt, die beiden so anzuführen, daß sich Herrin und Zofe bei mir treffen sollten. Ich kannte sie beide und versprach mir von dieser Überraschung viel Spaß. - Fjodor M. Dostojewski, Die Dämonen. Darmstadt 1979 (zuerst 1871/72)

Dreier, flotter (9)

- (forn)

Dreier, flotter (10)  Matern starrt düster in den vollen Kinderwagen. Inge Sawatzki verkürzt die Zeit üblicher stummer Betrachtung: «Ein hübsches Kind, oder? Du siehst nicht gut aus. Kann sicher bald laufen. Hab keine Angst. Ich will nichts von Dir. Aber Jochen würde sich freuen. Mitgenommen siehst Du aus. Wirklich, wir mögen Dich beide. Außerdem sorgt er rührend für das Kind. War eine leichte Geburt. Wir haben Glück gehabt. Sollte eigentlich im Krebs, ist aber ein Löwemädchen geworden, Aszendent Waage. Die haben es später leicht: meistens hübsch, häuslich, anpassungsfähig, vielseitig, anhänglich und trotzdem willensstark. Wir wohnen jetzt drüben in Mülheim. Wenn Du willst, können wir das Bötchen nehmen: Heidewitzka, Herr Kapitän. Du hast wirklich Ruhe und Pflege nötig. Jochen arbeitet in Leverkusen. Ich hab ihm ja abgeraten, aber er will partout wieder politisieren und schwört auf Reimann. Mein Gott, siehst Du müde aus. Wir können auch die Bahn nehmen, aber ich fahr gern mit dem Bötchen. Na, Jochen muß wissen, was er tut. Er sagt, man muß Farbe bekennen. Du warst ja auch mal bei denen. Kennt Ihr Euch eigentlich von da her oder erst äußern SA-Sturm? Du sagst ja gar nichts. Ich will wirklich nichts von Dir. Wenn Du magst, päppeln wir Dich paar Wochen. Du mußt Ruhe haben. So etwas wie ein Zuhause. Wir haben zweieinhalb Zimmer. Du kriegst die Kammer unterm Dach ganz für Dich. Ich laß Dich in Frieden, bestimmt. Ich liebe Dich. Aber auf 'ne ganz ruhige Art. Eben hat Dich Walli angelacht. Haste gesehn? Jetzt wieder. Mag der Hund Kinder? Man sagt ja, Schäferhunde lieben Kinder. Ich liebe Dich und den Hund. Und damals wollt ich ihn verkaufen, so dumm war ich damals. Du mußt was tun gegen Haarausfall- Günter Grass, Hundejahre. Reinbek bei Hamburg 1968 (zuerst 1963)

Dreier, flotter (11)

Flotter Dreier

Zwischen Tante Hanka und Onkel Štepàn hatte sich der junge Hejsek geschlichen.
Die Verwandten bedauerten den Onkel und ziehen Tante Hanka zügelloser Lüsternheit.
Die Tante jedoch machte sich nichts aus dem Gerede. Warf ihr jemand das Dreiecksverhältnis direkt vor,
lachte Tante Hanka nur und sagte, sie sei eigentlich ein Fünfecksverhältnis gewöhnt.

- (step)

Dreier, flotter (12)  Von der Art und Weise, wie sie sich vermehren, kann ich nur wenig berichten, das Wenige aber ist bezeichnend. Ihre Fortpflanzung vollzieht sich viermal im Jahr, jeweils kurz vor der Tag- und Nachtgleiche sowie vor der Sonnenwende, und nur in sehr klaren Nächten. Die Xipehuz vereinigen sich in Gruppen zu dritt, und diese Gruppen bilden nach und nach eine Einheit, ein seltsames Amalgam von sehr länglicher Ellipsenform. So verharren sie die ganze Nacht und den ganzen Morgen hindurch, bis die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat. Wenn sie sich trennen, sieht man undeutliche, dampfartige, riesige Formen aufsteigen. - J. H. Rosny Ainé, Die Xipehuz. In: Polaris 4, Hg. Franz Rottensteiner. Frankfurt am Main 1978

Dreier, flotter (13)  Mit ihrer Liebe zu mir versklavten sie mich, ebenso wie mit ihrer Liebe zueinander und mit ihrer Eifersucht. Eben noch küßten sie sich und weinten hingebungsvoll, und plötzlich droschen sie aufeinander ein, rissen sich die Haare aus und fluchten mit Worten, die Sie nicht einmal in der Unterwelt hören würden. Nie in meinem Leben hatte ich solche Hysterie erlebt und solches Geschrei gehört. Alle paar Tage versuchte eine der Schwestern, oder beide, sich das Leben zu nehmen. Einen Augenblick lang war es ruhig. Da saßen wir zu dritt beim Essen oder sprachen über ein Buch oder ein Bild - ganz plötzlich ertönt ein entsetzlicher Schrei und beide Schwestern wälzen sich auf dem Boden und reißen sich in Stücke. Ich lief hinzu und versuchte, sie zu trennen, und dann erwischte ich einen Schlag ins Gesicht oder einen Biß und ich begann zu bluten. Warum sie sich schlugen, habe ich nie erfahren. Glücklicherweise wohnten wir im obersten Stock, in einer Dachwohnung, und auf unserem Flur hatten wir keine Nachbarn. Es kam vor, daß eine der Schwestern ans Fenster lief und versuchte, sich hinunterzustürzen, während die andere ein Messer ergriff, um sich den Hals durchzuschneiden. Eine packte ich am Bein und der anderen nahm ich das Messer fort.  -  Isaac Bashevis Singer, Die Geschichte zweier Schwestern. In: I.B.S., Leidenschaften. Geschichten aus der neuen und der alten Welt. München 1993. (zuerst 1975)

Dreier, flotter (14)  

- Ivo Saliger

Dreier, flotter (15)   »Kennen Sie Signora Guglielmino?«

»Nie gesehen.«

»Aufregende Frau, vierunddreißig oder fünfunddreißig Jahre alt, ziemlich klein mit einem gewaltigen Busen, die Haare schwarz und nach hinten gekämmt, trägt Ohrgehänge wie eine Zigeunerin. Die Männer laufen ihr nach, aber sie ist strohdumm ... Vor drei Jahren ist sie dem Anwalt  nach Palermo durchgebrannt. Was für ein Abenteuer! Ein kleiner, aufgeblasener Winkeladvokat wie er kann hier im Ort ganz gut überleben, weil die Leute Wichtigtuerei mit Intelligenz verwechseln. Aber sobald er den Ort verläßt, ist er eine Null. Sie ist, wie gesagt, strohdumm. Wenn man ihr die Familie nimmt, wird sie zur Dreigroschendirne ... Schon am zweiten Tag nach ihrer Flucht kriegten sie es mit der Angst und kehrten zurück.«

»Und ihr Mann?«

»Verzieh ihr ... Er ist freundlich und hilfsbereit, der Ärmste ... Sollte er sie vielleicht erschießen? Rosalia behauptete, sie habe ihre Schwester in Bagheria besucht, und er tat so, als glaubte er ihr.«

Elena dachte staunend: ›Mit drei Sätzen vernichtet er drei Menschen: Der Liebhaber ist ein Hanswurst, die Frau eine arme Hure und ihr Mann ein Feigling.‹  - Giuseppe Fava, Ehrenwerte Leute. Zürich 2003 (zuerst 1975)

Dreier, flotter (16) Ein äußerst skrupulöser Herr hat für den folgenden Tag drei nachmittägliche Verabredungen getroffen: die erste mit einer Frau, die er liebt; die zweite mit einer Frau, die er lieben könnte; die dritte mit einem Freund, dem er, kurz gesagt, sein Leben und vermutlich seinen Verstand verdankt. In Wirklichkeit nähme keine dieser Personen an seinem Leben teil, wenn nicht auch die anderen daran teilhätten; weshalb das nachmittägliche Stelldichein nicht nur auf psychologischen, sondern auch auf schicksalhaften Grundlagen beruht. Dennoch sind die drei Personen, die einander wechselseitig nötig haben, auch wechselseitig unvereinbar. Keine der beiden Frauen hegt Sympathie für den Freund, da keine der beiden Frauen Leben und Verstand des Herrn gerettet hat - im Gegenteil: ihr unduldsames und schrulliges Benehmen machte das Eingreifen eines behutsamen und zerstreut scharfsinnigen Freundes notwendig. Der Freund betrachtet den Herrn als sein Meisterwerk und wünscht nicht, daß er ohne weiteres zugänglich wäre. Die geliebte Frau mißtraut der Frau, die der Herr lieben könnte - nicht so sehr wegen der Liebe, welche sie vermutlich dem Herrn, der sie liebt, entgegenbringt, als wegen der Würde, die der Herr zu wahren wußte, wobei er den Wahnsinn riskierte und von einem Freund gerettet werden mußte, den alle gern kennenlernen möchten und über dessen Eigenschaft eines Retters alle im Bilde sind - wiewohl niemand es wagt, um ein formelles Vnrgestelltwerde zu bitten. Schließlich liebt die Frau, die der Herr lieben könnte, den Herrn nicht wieder, der sie seinerseits nicht wirklich liebt, der aber weiß, daß er Gegenstand einer potentiellen Liebe ist und merkt, daß er diese Möglichkeit, die wahrscheinlich unerfüllt bleiben muß, zu genießen beginnt.  - (pill)

Dreier, flotter (17)  13. Dezember 1916. Wir lagen wieder in Frankreich, in dem traurigen verödeten Gebiet bei Margny-aux-cerises in Bereitschaft. Starker Wind wehte; Granaten wechselten eintönig über uns. Furcht lag auf mir. Mein Leib hatte nahezu völlig sein Gewicht verloren; ich fühlte mich wie eine Flaumfeder leicht und mußte gewärtigen, daß der zunehmende Wind mich alsbald emporheben und zu den Franzosen hinübertragen werde. Da schmiegte sich etwas an meinen Ellenbogen, und siehe, es war Matschka, das graue Kätzchen, das ich in Kezdi-Almäs hatte sterben sehen. Groß und hübsch war es geworden, das weiße Flöckchen im Nacken glänzte wie ein Licht.

„Wie geht es dir?" sagte ich und wollte es streicheln; da sprang es mit weitem Satz in einen der wassergefüllten Granattrichter, verschwand  und   tauchte  nach   einer   Weile  wieder   auf,   eine schimmernde, mit roten Zeichen bemalte Granate im Maul, die es herantrug und in demütiger Haltung vor mich hinlegte.  Wie froh war ich! „Die Granate ist schwer," sagte ich mir, — „wenn ich sie in der Hand halte, kann mich der stärkste Wind nicht mehr mitnehmen." Als ich sie aber ergriff, war es kein Geschoß mehr, sondern  ein zappelnder,  goldgrauer  Fisch mit  rötlichen Punkten. „Der muß gebraten werden!" rief eine wohlbekannte Stimme hinter mir.  Ich sah mich um, da stand Vally vor einem Herdfeuer,  neben ihr Wilhelm, und auch dieser schrie: „Der muß  gebraten werden!" Sonderbar  lächelnd nahm Vally den Fisch und übergab ihn dem Söhnchen, das ihn zum Herde trug. Dann  legte sie sich zu mir nieder; wir umarmten   uns und drängten uns innig aneinander, wobei mir ein wenig auffiel, daß sie wohl Vally war, zugleich aber auch Regina, dann wieder die Ungarin, die hier in der fremden Stube schlief.  Aber wie liebte ich die drei Frauen in der einen Gestalt!  Wie waren sie wirklich ein Wesen, mächtig seiend eine in der andern!   Freilich, irgendwo in der Tiefe, wo der Traum selber zu träumen schien, war etwas Dunkles, ein stiller Einwand, der uns nicht ganz zur Freude kommen ließ.  - Hans Carossa, nach (je)

Dreier, flotter (18)

"Bellmer, Nora Mitrani et la poupée"

- Hans Bellmer

Dreier, flotter (19)

Dreier, flotter (20)

Dreier, flotter (21)  Marie wartete auf Thomas und träumte von Roland. Sie trug ein schottisches Mieder. Als sie beide kurz vor dem Einschlafen waren, sagte sie zu Thomas: »Du bist noch schön jung, du weißt nicht, was das heißt, Kleiner. Laß mit dir machen und sag mir, was du fühlst.« Thomas schlief, wie immer, mit offenem Mund.    - (lib)

Dreier, flotter (22)

- Georges Pichard

Dreier, flotter (23)  Gelegentlich der dunklen Handelsgeschäfte auf dem Bahnhof trat in das Leben des jungen Grans noch ein zweiter Freund: Ein gleichaltriger, auffallend begabter Bursche, welcher sich ebenfalls auf den Straßenhandel verlegt hatte: Hugo Wittkowski, ein graziöser, schwarzhaariger Junge, schlank, beweglich, mit lebendigen und doch etwas verträumten Augen, sinnlichem Mund und kluger Stirn. Besseres Naturmaterial als so mancher, der „niemals aß von des Schierlings betäubenden Körnern". Dieser Wittkowski, viel gewandter und nachdenklicher als Haarmann, wurde Haarmanns großer Haß. Aus vielerlei Gründen! Zunächst aus Eifersucht, da Wittkowski den Grans dem Haarmann "entfremdete". Sodann, weil Wittkowski mit Grans gemeinsam den Haarmann mehrfach ausnutzte, ihm Geld entlieh und nachher gar nicht oder nur tropfenweise zurückzahlte. Vor allem aber darum, weil mit Wittkowski, der keine Neigung zur gleichgeschlechtlichen Liebe zeigte, eine tolle Weiberwirtschafl in Haarmanns Behausung einzog. Als der Alte und die zwei Jungen zwei Jahre später vor Gericht standen und in Haarmann ein (vom Gericht viel zu spät durchschauter) teuflischer Plan gereift war, die beiden Jungen (den geliebtesten seiner Buhljungen, wie den verhaßtesten) mit sich in den Tod zu reißen, da zischte Haarmann den Wittkowski an: „Du bist ja immer hinter mir her gewesen! Du hast dich mir hundertmal zur Liebe angeboten! Aber ich wollte dich nicht. Du warst zu schlecht für mich." Und der andere erwidert ruhig höhnend: „Ich liebe nur Frauen." - Theodor Lessing, Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs. Berlin 1925

 

 

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