ohn  Auf Heras Befehl ergriffen die Titanen Zeus‘ neugeborenen Sohn Dionysos, ein Kind mit Hörnern und einer Schlangenkrone, und rissen ihn in Stücke. Die Reste kochten sie in einem Kessel. Ein Granatapfelbaum entsprang dem Boden an der Stelle, wohin sein Blut getropft war. Aber seine Großmutter Rhea sammelte alle Teile und fügte sie wieder zusammen. Dionysos lebte wieder und wurde Persephone anvertraut. Diese brachte ihn zu König Athamas von Orchomenos. Sie überredete dessen Frau Ino, das Kind als Mädchen verkleidet in den Frauengemächern aufzuziehen. Aber Hera ließ sich nicht täuschen. Sie strafte das königliche Paar mit Wahnsinn, so daß Athamas seinen Sohn Learchos, den er für einen Bock hielt, tötete.

Dann verwandelte Hermes, auf Befehl des Zeus, Dionysos zeitweilig in ein Zicklein oder einen Widder und vertraute ihn den Nymphen Makris, Nysa, Erato, Bromie und Bakche auf dem helikonischen Berg Nysa an. Sie pflegten Dionysos in einer Höhle, verzogen ihn und fütterten ihn mit Honig. Dafür setzte Zeus ihr Abbild unter die Sterne und nannte es die Hyaden. Auf dem Berge Nysa entdeckte Dionysos den Wein, eine Tat, für die er noch heute gefeiert wird. - (myth)

Sohn (2) Dies also ist die Story: »Eine Witwe, von Beruf Werbezeichnerin, drangsaliert und plagt ihren zehnjährigen Sohn, läßt ihn die Kleidung viel jüngerer Kinder tragen, verlangt, daß er ihre Kunstwerke lobt und bewundert und macht aus dem Kind einen wahren Neurotiker.« Gut, das war eine ganz interessante Story. Meine Mutter war Werbezeichnerin (sie ist aber nicht so wie diese Mutter), und ich behielt die Story etwa ein Jahr lang im Kopf, hatte aber nie den Drang, sie zu schreiben. Dann blätterte ich eines Abends bei Freunden in einem Kochbuch und fand ein gräßliches Rezept für Schildkröten-Ragout. Das Rezept für Schildkrötensuppe war kaum weniger scheußlich, nur mußte man hier wenigstens warten, bis die Schildkröte den Kopf vorstreckte, den man dann mit einem scharfen Messer abtrennte. Leser, die der Meinung sind, daß Thriller allmählich öde werden, könnten vielleicht mal in einem Kochbuch die Seiten durchsehen, die sich mit unseren gefiederten Freunden und Schalentieren befassen. Eine Hausfrau muß schon ein Herz aus Stein haben, wenn sie die Rezepte lesen und womöglich noch ausführen will. Hier wurde die Schildkröte, die man töten wollte, bei lebendigem Leibe gekocht. Das Wort »töten« wurde nicht genannt, und das war auch nicht nötig, denn wer oder was konnte kochendes Wasser überleben?

Sobald ich das gelesen hatte, kam mir die Geschichte mit dem drangsalierten kleinen Jungen wieder in den Sinn. Ich wollte eine Schildkröte als Angelpunkt der Story nehmen; die Mutter hat eine Schildkröte zum Kochen mitgebracht — eine Schildkröte, von der der Junge zunächst glaubt, sie sei für ihn zum Spielen bestimmt. Der Junge erzählt einem Schulfreund von der Schildkröte; er versucht damit sein Prestige zu heben und verspricht, sie ihm zu zeigen. Dann muß der Junge erleben, wie die Schildkröte in kochendem Wasser umgebracht wird, und die ganze aufgestaute Bitterkeit, der schwelende Haß auf die Mutter kommen zum Ausbruch. Mitten in der Nacht tötet er die Mutter mit dem Küchenmesser, das sie zum Tranchieren der Schildkröte benutzt hatte. - Patricia Highsmith, Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt. Zürich 1990 (zuerst 1966)

Sohn (3) Mein sohn ist incapable, mehr, als zwey oder 3 tag, diet zu halten. Viel zu drinken, ist freylich schlimm vor die augen, und zu allem unglück saufen die damen hier mehr, als die mannsleute, und mein sohn (unter uns geredt) hat eine verfluchte maitresse, die säuft wie ein bürstenbinder, ist ihm auch gar nicht treu. Aber da fragt er kein haar nach, ist gar nicht jaloux; das macht mich als bang, daß er noch etwas schlimmes von diesem commers ertappen wird; gott bewahre ihn davor! Diese verteufelte compagnie, wo er bey alle nacht zu nacht ißt und sein an tafel bis 3 oder 4 uhr morgens, das muß gewiß ungesund sein; aber das ärgste ist, daß, weilen er nicht jaloux, kann er kein abscheu vor seiner bösen compagnie leben nehmen. Gott wolle uns beystehen und nicht strafen! Ich bitte Euch, last fleißig vor seine bekehrung! Er hat keine andere fehler, als diese, aber sie seind groß. - (lis)

Sohn (4) Ein Witwer hatte einen einzigen, schon fast erwachsenen Sohn. Eines Tages ruft er ihn und erklärt ihm, daß es höchste Zeit sei, zu heiraten. »Was muß ich tun, um zu heiraten?« fragt der Sohn. »Das ist ganz einfach«, sagt sein Vater, »du brauchst nur die Nachbarn zu besuchen und der Tochter zu gefallen.« - »Aber ich weiß nicht, wie man einem Mädchen gefällt!« - »Spiel Gitarre, sei fröhlich, lache und singe!« Der Sohn tut, wie ihm geheißen, und trifft in genau dem Augenblick bei den Nachbarn ein, da der Vater des Mädchens im Sterben liegt; sein Benehmen wird als sehr unpassend empfunden, und man jagt ihn mit Steinen davon. Er kehrt zu seinem Vater zurück und beklagt sich; der Vater erklärt ihm, wie er sich in seinem solchen Fall zu verhalten habe. Abermals begibt sich der Sohn zu den Nachbarn, die gerade ein Schwein schlachten. Doch seiner letzten Erfahrung eingedenk, schluchzt er: »Wie traurig! Es war so gut; wir liebten es so sehr! Nie wieder werden wir ein besseres finden!« Wütend jagen ihn die Nachbarn davon; er erzählt seinem Vater dieses neuerliche Mißgeschick und erhält weitere Ratschläge für das angemessene Verhalten. Bei seinem dritten Besuch sind die Nachbarn damit beschäftigt, den Garten von Raupen zu säubern. Und der junge Mann, der stets eine Lektion hinterherhinkt, ruft: »Welch herrlicher Überfluß! Ich wünsche euch, daß sich diese Tiere auf eurem Land vermehren! Möge es euch niemals an ihnen fehlen!« Man jagt ihn abermals davon.

Nach diesem dritten Mißerfolg befiehlt der Vater seinem Sohn, eine Hütte zu bauen. Dieser geht in den Wald, um das nötige Holz zu schlagen. In der Nacht kommt der Werwolf vorbei, und da der Ort ihm gefällt, um sich hier eine Bleibe zu bauen, macht er sich an die Arbeit. Am nächsten Morgen geht der Knabe zur Baustelle zurück und findet das Werk schon weit fortgeschritten. »Gott hilft mir!«, denkt er zufrieden. So bauen sie zusammen, der junge Mann am Tag, der Werwolf in der Nacht. Dann ist die Hütte fertig.

Um sie einzuweihen, will der Knabe einen Hirsch, der Werwolf einen Toten essen. Der eine bringt den Hirsch am Tag, der andere die Leiche in der Nacht. Und als der Vater am nächsten Tag kommt, um an dem Festmahl teilzunehmen, sieht er auf dem Tisch einen Toten als Braten. »Wirklich, mein Sohn, du wirst nie zu etwas taugen . . .« - Emydios Geschichte, nach (str2)

Sohn (5) Kaum war Geppetto wieder in seiner Behausung, nahm er gleich das Werkzeug zur Hand und begann, seine Holzpuppe zu schnitzen.

»Wie soll sie denn heißen«, fragte er sich. »Ich will sie Pinocchio nennen. Dieser Name wird ihr Glück bringen. Ich kannte eine ganze Familie, die Pinocchi hieß: Vater Pinocchio, Mutter Pinocchia und die Kinder Pinocchi. Und alle kamen gut durchs Leben. Der Reichste von ihnen bettelte um Almosen.«

Als er den Namen für seine Puppe gefunden hatte, legte er tüchtig los; er machte zuerst die Haare, die Stirn und dann die Augen. Stellt euch sein Erstaunen vor, als er die Augen fertig hatte, und bemerkte, daß sie ihn unentwegt anstarrten.

Und als Geppetto sich von diesen beiden Holzaugen so angestarrt sah, wurde er fast böse und sagte in gereiztem Ton:

»Ihr Glotzaugen, was schaut ihr mich so an?«

Keiner antwortete.

Nach den Augen schnitzte er ihr die Nase; kaum war die Nase fertig, begann sie zu wachsen und wuchs und wuchs und wuchs und wurde in wenigen Minuten eine Nase, die kein Ende mehr nehmen wollte.

Der arme Geppetto mühte sich ab, sie kürzer zu machen; aber je mehr er sie kürzte und zurechtstutzte, desto länger wurde diese freche Nase.

Nach der Nase machte er den Mund.

Der Mund war noch nicht fertig, da fing er schon zu lachen und zu singen an.

»Hör auf zu lachen!« sagte Geppetto ärgerlich; aber es war, als hätte er gegen eine Wand geredet. »Ich sage es noch einmal, hör auf zu lachen!« schrie er mit bedrohlicher Stimme.

Da hörte der Mund zu lachen auf, streckte dafür aber die Zunge ganz heraus. Geppetto, der sein Werk nicht aufs Spiel setzen wollte, tat so, als bemerke er nichts und arbeitete weiter. Nach dem Mund machte er das Kinn, dann den Hals, dann die Schultern, die Brust, Arme und Hände.

Kaum hatte er die Hände fertig, spürte Geppetto, wie ihm die Perücke vom Kopf gezogen wurde. Er drehte sich um, und was mußte er sehen? Er sah seine gelbe Perücke in der Hand der hölzernen Puppe. »Pinocchio! gib mir sofort meine Perücke zurück!«

Statt ihm aber die Perücke zurückzugeben, setzte Pinocchio sie sich selbst auf den Kopf, so daß ihm fast die Luft ausging. Über dieses freche und dreiste Gebaren wurde Geppetto ganz traurig und melancholisch, wie er es in seinem ganzen Leben noch nicht gewesen war. Er drehte sich zu Pinocchio um und sagte:

»Du Lausejunge von einem Sohn, du bist noch gar nicht fertig und fängst schon damit an, es deinem Vater gegenüber an Respekt fehlen zu lassen. Schlimm, mein Junge, schlimm!«

Und er wischte sich eine Träne aus den Augen. Noch mußten die Beine und Füße gemacht werden. Als Geppetto mit den Füßen fertig war, spürte er auch schon einen Fußtritt gegen seine Nasenspitze. »Ich habe nichts anderes verdient!« sagte er zu sich selbst. »Ich hätte vorher daran denken müssen, jetzt ist es zu spät.«

Dann faßte er die Holzpuppe unter den Armen, stellte sie auf die Erde hinunter, auf den Zimmerboden, um ihr das Gehen beizubringen.

Pinocchio hatte aber ganz steife Beine und konnte sich nicht bewegen. Geppetto führte ihn an der Hand, um ihm zu zeigen, wie man einen Fuß vor den anderen setzt. Als Pinocchio seine Beine bewegen konnte, begann er, von alleine zu gehen und durch das Zimmer zu laufen; schließlich schlüpfte er durch die Haustüre, sprang auf die Straße und brannte durch. - Carlo Collodi, Pinocchios Abenteuer. Die Geschichte einer Holzpuppe. Stuttgart 1986 (Reclam 8336, zuerst 1881 ff.)

Sohn (6) Langsam, in aller Ruhe, legte ich meinen Vater in die Schublade zurück.

»Du läßt mich abends nie draußen«, beklagte er sich in seiner unwirschen und unflätigen Art, die mich einen Augenblick lang in Versuchung führte, ihn ganz sacht in meiner Hand zu zerquetschen und mir sein Fledermausblut durch die Hände rinnen zu lassen. Ich antwortete ihm ruhig (als kleiner Junge war ich bei den Barmherzigen Brüdern in die Schule gegangen):

»Du weißt doch, daß es dir nicht bekommt.« Ich schwieg eine Weile. »Du bist alt«, fügte ich dann herzlich hinzu, »bald bist du sowieso tot. Dann hängen wir dich zum Verwesen hinauf in die Bäume - mitten zwischen die schönen Blätter der Roßkastanie.«

»Du mit deiner Roßkastanie«, sagte mein Vater mit seiner ekelhaften und feigen Mailänder Stimme. »Die hast du mir schon letztes Mal versprochen - und dann hast du sie mir doch in den Arsch gesteckt, deine Roßkastanie.«

Ich erschauerte. Als wir etwa im gleichen Alter waren — ich war aber immer stärker und unvorsichtiger als er, weil ich weniger häufig gestorben war - geschah es mir oft, daß ich stundenlang wie wild auf meinen Vater einschlug, mit Riemen, Stöcken, großen Nägeln und Glasscherben, besonders auf sein Zahnfleisch und seine Genitalien, die bei ihm riesengroß sind und die er sich gerne in exhibitionistischer Weise anmalt. Ich schlug ihn, weil er fluchte und dadurch meine Mutter quälte und weil, kurzum, seine ganze Rede nichts weiter war, als ein widerwärtiges Zotenreißen - dermaßen, daß es zu einem beklemmenden Unternehmen geriet, aus diesem gräßlichen Geschwafel einen Sinn herauszulesen. Fäkalien, Sperma, Gott, Urin und Vorstadtfrevel umkreisten alle seine Sätze, auch die dürftigsten und trivialsten, und in jedem Augenblick war er durch Barrieren labyrinthischer Kloaken von seinesgleichen getrennt.

»Erinnere dich«, begann ich wieder zärtlich, »daß damals auch unsere Kusine Aurelia starb.«

»Diese Kuh«, sagte mein Vater, nicht ohne Zärtlichkeit, denn er hatte oft mit meiner Kusine geschlafen, ja, er hatte sie bei der Suche nach einem besonders kulinarischen und arabeskenreichen Orgasmus sogar getötet. - Giorgio Manganelli, Unschluß. Berlin 1978 (Wagenbach Quarthefte 82, zuerst 1976)

Sohn (8) »Also das letzte Ding. Das ist schon hart: Ich war nach Haus gekommen ... und da blieb ich, sie konnten nichts machen, weil sie Angst vor mir hatten ... Angst vor mir ... Ha! hätten mir nicht dumm kommen sollen, mir ... ich bin zu allem fähig, wenn man mir dumm kommt... Sie müssen wissen ... sie lebten zusammen und nicht zusammen. Er hatte zwei Wohnungen, eine Senatorenwohnung und eine Liebeswohnung. Aber er war öfter bei Mama als bei sich, er konnte nicht mehr ohne sie sein. Ah! ... die war schlau ... Mama ... und nicht ohne ... die konnte einen Mann halten! Die hat den mit Leib und Seele genommen und hat ihn gehalten - bis zum Schluß. Männer sind doch so blöde! Also, ich war zurück und hatte sie in der Hand, durch die Angst. Ich bin gerissen, wenn's sein muß, und Tricks und Fäuste hab ich auch, ich fürchte keinen. Also, Mama wird krank, und er bringt sie auf ein schönes Grundstück bei Meulan, mitten in einem Park, so groß wie ein Wald. Das dauert ungefähr anderthalb Jahre ... wie ich schon sagte. Dann merken wir, daß es zu Ende geht. Er kam alle Tage von Paris, es hat ihn mitgenommen, aber echt.

Eines Morgens hatten sie fast eine Stunde miteinander gequatscht, und ich fragte mich, worüber können sie so lange quasseln, da werd ich gerufen. Und Mama sagt mir: ›Ich sterbe bald, und es gibt etwas, das ich dir enthüllen will, obwohl der Graf dagegen ist.‹ Sie nannte ihn immer ›der Graf‹ wenn sie von ihm redete. ›Es ist der Name deines Vaters, er lebt noch.‹

Ich hatte sie über hundertmal danach gefragt... über hundertmal ... daß sie mir den Namen meines Vaters sagt ... über hundertmal ... und immer hat sie sich geweigert ... Ich glaube, ich hab ihr sogar mal eine geknallt, damit sie's ausspuckt, aber es hat nichts gebracht. Und dann, um mich loszuwerden, hat sie gesagt, Sie wären ohne einen Sou gestorben, Sie wären ein Habenichts gewesen, ein Jugendirrtum von ihr, eine Jungmädchenliebe oder so was. Sie hat mir das so erzählt, daß ich drauf reingefallen bin, aber voll, nämlich daß Sie tot wären.

Also, da rückt sie raus: ›Es ist der Name deines Vaters.‹ Der andere saß im Lehnstuhl und sagt, wie ich jetzt, dreimal: ›Sie haben unrecht, Sie haben unrecht, Sie haben unrecht, Rosette.‹

Mama setzt sich im Bett auf. Ich seh sie noch mit ihren roten Backen und glänzenden Augen - denn sie liebte mich ja trotzdem -, und sie sagt: ›Dann tun Sie etwas für ihn, Philippe!‹ Wenn sie ihn anredete, nannte sie ihn ›Philippe‹ und mich ›Auguste‹. Er schrie los wie ein Besessener: ›Für diesen Strolch da niemals, für diesen Taugenichts, diesen Zuchthäusler, diesen ... diesen ... diesen .. .‹

Und er fand für mich Namen, als ob er sein ganzes Leben nach nichts anderem gesucht hätte.

Ich wurde wütend, Mama verbot mir den Mund und sagte zu ihm: ›Wollen Sie denn, daß er verhungert? Denn ich habe nichts.‹

Und er, ohne sich aufzuregen: ›Rosette, ich habe Ihnen fünfunddreißigtausend Francs pro Jahr gegeben, seit dreißig Jahren, das macht über eine Million. Sie konnten durch mich als reiche Frau leben, als geliebte Frau, ich wage zu sagen: als glückliche Frau. Diesem Galgenstrick, der uns unsere letzten Jahre verdorben hat, schulde ich nichts, er wird von mir nichts bekommen. Es ist unnütz zu insistieren. Nennen Sie ihm den anderen, wenn Sie wollen. Ich bedauere es, aber ich wasche meine Hände in Unschuld.‹

Da dreht sich Mama zu mir um. Ich sagte mir: Gut... also erfahr ich jetzt, wer mein richtiger Vater ist... wenn er Kohle hat, bin ich gerettet...

Sie sagt: ›Dein Vater, der Baron de Vilbois, ist heute der Abbe Vilbois, Pfarrer in Garandou bei Toulon. Er war mein Liebhaber, als ich ihn wegen dieses Mannes verließ.‹

Und auf einmal erzählt sie mir alles, außer daß sie Sie auch noch hinsichtlich ihrer Schwangerschaft übers Ohr gehauen hat. Aber Frauen, wissen Sie, die sagen doch nie die Wahrheit.«

Er lachte auf, unbewußt, ließ allen Schlamm frei heraus. Er trank wieder und fuhr mit lachendem Gesicht fort: »Mama starb zwei Tage später ... zwei Tage später. Wir hinter ihrem Sarg zum Friedhof, er und ich ... komisch, was? Er und ich ... und drei Bediente ... das war alles ... Er flennte wie eine Kuh ... wir gingen Seite an Seite ... man hätte gedacht, Papa und Sohn.

Dann wir zurück nach Haus. Nur wir beide waren da. Ich sagte mir: Jetzt heißt es abhauen, ohne einen Sou.‹ Ich hatte genau noch fünfzig Francs. Was sollte ich machen, um mich zu rächen?

Er berührt mich am Arm und sagt: ›Ich habe mit Ihnen zu sprechen.‹

Ich ihm nach in sein Kabinett. Er setzt sich an seinen Tisch, und dann erzählt er mir, in seinen Tränen watend, daß er nicht so böse zu mir sein will, wie er's Mama gesagt hat, und daß er mich bittet, Sie nicht zu belästigen. Das ... das betrifft uns jetzt beide, Sie und mich ... Er bietet mir einen Schein an: tausend ... tausend ... Was sollt ich mit tausend Francs ... ich ... ein Mann wie ich ... Da seh ich, er hat noch mehr davon in seinem Schubfach, einen ganzen Haufen. Vor dem Papier da kriegte ich Lust, das Messer zu ziehen. Ich streck die Hand nach dem Schein aus, aber anstatt sein Almosen zu nehmen, spring ich ihm an den Kragen, werf ihn zu Boden und drück ihm die Gurgel zu, bis er die Augen verdreht; dann, als ich merke, er kratzt gleich ab, knebele ich ihn, fessele ihn, zieh ihn aus, dreh ihn um, und dann ... haha! ... dann hab ich Sie fabelhaft gerächt! ...«

Philippe-Auguste verschluckte sich vor Vergnügen, hustete, und wieder fand Abbé Vilbois in der grausamen Lachfalte seiner aufgeworfenen Lippen das Lächeln der Frau, deretwegen er einmal den Kopf verloren hatte. »Und dann?« fragte er.

»Dann ... haha! ... Im Kamin brannte starkes Feuer... es war Dezember ... sie ist an der Kälte ... an der Kälte gestorben ... Mama ... starkes Kohlenfeuer... Ich nehm den Schürhaken ... mach ihn glühend ... und dann ... mal ich ihm Kreuze auf den Rücken, acht, zehn, ich weiß nicht wie viele, dann dreh ich ihn um und mach ihm noch mal so viele auf den Bauch. Komisch, was, Papa? So haben sie früher die Zuchthäusler gezeichnet. Er wand sich wie ein Aal ... aber ich hatte ihn gut geknebelt, er konnte nicht schreien. Dann nahm ich die Scheine, zwölf - mit dem meinigen waren's dreizehn ... Das hat mir kein Glück gebracht. Ich bin abgehauen; zu den Bediensteten hab ich gesagt, sie sollen den Herrn Grafen bis zum Abendessen nicht stören, weil er schläft.  - (nov)

Sohn (9)

HERZOGIN

Nein, bei dem heilgen Kreuz! Zur Welt gebracht,
Hast du die Welt zur Hölle mir gemacht.
Eine schwere Bürde war mir die Geburt;
Launisch und eigensinnig deine Kindheit;
Die Schulzeit schreckhaft, heillos, wild und wütig;
Dein Jugendlenz verwegen, dreist und tollkühn;
Dein reifres Alter stolz, fein, schlau und blutig,
Zwar milder, aber schlimmer, sanft im Haß.
Welch eine frohe Stunde kannst du nennen,
Die je in deinem Beisein mich begnadet?

- Shakespeare, König Richard III.

Sohn (10)   Nero geriet auf den Gedanken, ein leicht auseinanderfallendes Schiff erbauen zu lassen. Auf ihm sollte seine Mutter durch Schiffbruch oder Einsturz der Kajüte ums Leben kommen.

Unter dem Vorwand, eine Aussöhnung mit ihr herbeiführen zu wollen, lud er sie in einem sehr liebenswürdigen Brief ein, nach Bajä zu kommen, um dort die Quinquatren mit ihm zusammen zu feiern. Ihren Kapitänen aber erteilte er den Befehl, die liburnische Jacht, auf der sie angekommen war, wie durch Zufall durch eine Havarie seeuntüchtig zu machen. Er verlängerte daher das Festmahl2 bis in die Nacht hinein. Als Agrippina dann nach Bauli zurückzukehren begehrte, bot er ihr statt des schadhaft gewordenen Fahrzeuges jenes künstlich hergerichtete an, gab ihr mit heiterster Miene das Geleit dahin und küßte ihr beim Abschied sogar den Busen. Den Rest der Nacht aber verbrachte er in großer Angst ohne Schlaf, um den Ausgang seines Anschlages abzuwarten. Doch er erfuhr, daß alles anders gekommen sei und daß sich Agrippina durch Schwimmen gerettet habe. Da er sich nicht anders mehr zu helfen wußte, gab er den Befehl, ihren Freigelassenen Lucius Agermus, der ihm voll Freude die Botschaft brachte, seine Mutter sei gesund und unverletzt, als einen gegen ihn ausgesandten Meuchelmörder festzunehmen und zu binden. Er hatte nämlich, ohne daß Agermus es merkte, dicht neben ihm einen Dolch hinfallen lassen. Seine Mutter aber befahl er zu töten und dabei so vorzugehen, daß es nach außen den Anschein erweckte, als habe sie sich durch freiwilligen Tod der Bestrafung für ihr entdecktes Verbrechen entzogen. Namhafte Schriftsteller fügen noch grauenvollere Einzelheiten hinzu: Nero sei herbeigeeilt, die Leiche der Ermordeten zu beschauen, habe ihre Glieder betastet, einige getadelt, andere gelobt und, als er Durst bekam, in aller Gemütsruhe getrunken.   - (sue)

Sohn (11)  Nichts gleicht der Frechheit, mit der dieser vom Teufel Besessene auf alle Ärsche losschlägt; Bruder, Mutter, Schwester, keiner wird von seinem kräftigen Arme verschont. Indessen sind die im Innern des Kreises sitzenden Wüstlinge, sowie die Lustknaben, mit denen sie sich vergnügen, ganz von Blut bedeckt; desgleichen John und Constant, deren Glied sie reiben. Es war noch nie in solcher Fülle geflossen. In diesem Moment wankt Cécile und fällt trotz aller Bemühungen derjenigen, die neben ihr stehen, sie zu halten. „Ah!" sagte Verneuil, dessen Glied sich durch diesen Anblick gewaltig steifte. „Sapperlot! Ich wette, daß meine Tochter verloren ist. Das kleine Närrchen wird sie unrichtig geöffnet haben. So ist er ein Schwestermörder geworden. Ein ganz hübsches Probestück."

„Das ist ziemlich gewiß," meinte Gernande.

„Ah! Sakrament!" sagte der Jüngling, indem er das Gesicht seiner sterbenden Schwester mit seinem Sperma begoß. „Herrgott, nie habe ich solchen Genuß verspürt." Jetzt wurden alle Arme eilig verbunden. Frau de Verneuil wirft sich vernichtet über den Körper ihrer Tochter und bedeckt ihn mit Tränen und Küssen. Man machte einige Belebungsversuche, doch bewiesen sie sich als vollständig unnütz, daher man sie auch bald aufgab. Verneuil, der über diesen Verlust ganz getröstet war, da niemand weniger als er sich um einen Gegenstand kümmerte, namentlich wenn er davon schon übersättigt war, fragte seinen Sohn, ob er es absichtlich getan habe. „O nein," sagte der Erzschuft, „seien Sie, lieber Vater, überzeugt, hätte ich ein Opfer aussuchen können, so wäre es Ihre Frau Gattin gewesen."  - (just)

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