al   Scheinbar sind Männer, die einen Großteil ihrer Zeit in der Umgebung von toten oder lebenden Fischen verbringen, stark, unfreundlich und tatkräftig. Jedenfalls gehörten die Männer, die sich in die Schlacht mit den Olympiern stürzten, zu diesem Typ. Sie tauchten aus allen Ecken auf, und Hunter Hawk, der immer gern etwas Neues versuchte, legte einen langen Aal um den Hals des Anführers. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Aale im Kampfgeschehen noch nicht aufgetaucht, doch nun sollten sie eine bedeutende Rolle spielen. Selbst ein Mann, der tagtäglich mit Fischen zu tun hat, schätzt einen Aal um den Hals nicht besonders. Geht man von der Annahme aus, daß jemand Aale mag, muß er einen sehr perversen Geschmack haben, um einen Aal an dieser Stelle zu schätzen. Dieser Mann tat es jedenfalls nicht. Er zerrte sich den Fisch vom Hals, wirbelte ihn mit der Geschicklichkeit, wenn auch nicht mit dem Charme eines Will Rogers über seinen Kopf und überließ ihn seinem Schicksal. Der Aal flog über das Schlachtfeld, und als habe er Venus, die schwer atmend die Nachhut bildete, auserwählt, suchte er Zuflucht in ihrem Ausschnitt. Diese betörende Frau führte nun auf einem Gehweg in New York vor den Augen der kämpfenden Menge einen Tanz auf, den man nicht anders als lasziv bezeichnen kann. Ein Aal auf dem Bauch ist noch unangenehmer als ein Aal um den Hals. Und einer Dame in dieser mißlichen Lage wird man vergeben, wenn sie in einer solchen Lage alles tanzt, was ihr in den Sinn kommt. Ihre Zuckungen waren so eindrucksvoll, daß die beiden Parteien ihre Anstrengungen unterbrachen, den Gegner mit Fischen zu schlagen, bis der Aal sein intimes Versteck gezwungenermaßen verlassen hatte.  - (goetter)

 Aal (2)

ERSTES LIEBESLIED EINES MÄDCHENS

Was im Netze? Schau einmal!
Aber ich bin bange;
Greif ich einen süßen Aal?
Greif ich eine Schlange?

Lieb ist blinde
Fischerin;
Sagt dem Kinde,
Wo greift's hin?

Schon schnellt mir's in Händen!
Ach Jammer! o Lust!
Mit Schmiegen und Wenden
Mir schlüpft's an die Brust.

Es beißt sich, o Wunder!
Mir keck durch die Haut,
Schießt 's Herze hinunter!
O Liebe, mir graut!

Was tun, was beginnen?
Das schaurige Ding,
Es schnalzet da drinnen,
Es legt sich im Ring.

Gift muß ich haben!
Hier schleicht es herum,
Tut wonniglich graben
Und bringt mich noch um!

- Eduard Mörike

Aal (3)  In der Antike ebenso wie im Mittelalter hieß es, der Aal würde aus dem Schlamm, aus Pferdehaaren oder aus Gras geboren und sei ein Zwitter. In bestimmten Nächten suche er Erbsen- und Bohnenfelder auf, um das junge Gemüse oder die Blüten zu essen. - (aber)

Aal (4) Wer Aale sieht, ißt oder überhaupt berührt, dem droht große Aufregung. - (byz)

Aal (5)  Die Schlange sonder Gifft / der langen Schlangen Freund / die kein Mann halten kann / er habe dann in der Hand schroffen Sand.
Der Aal ist schlüpferig / glischend / glatt / flüchtig / windet und zwinget sich durch den dichten Sand. Einen Aal über den Knien zerbrechen / wird gesagt von den Großsprechern die unthunliche Sachen leisten wollen.
Der Aal bedeutet eine schlüpferige Listigkeit / die sich nicht leicht ertappen lässet; wie auch Feindschaft / weil der Aal sich nicht zu andern Fischen hält. -  (hrs)

Aal (6), allbekannter Süßwasserfisch von ungemein guter Lebensart, da er sich gerade zu der Zeit im Zenit der Schmackhaftigkeit bewegt, wo nicht bloß die Austern, sondern auch Wildbret und Geflügel uns im Stiche lassen (Juni bis August). Die Ägypter vergötterten ihn deshalb, die Römer errichteten ihm zu Ehren die noch heute gangbaren Fangschleusen am Gardasee, das Mittelalter feierte ihn als regem voluptatis (König des Tafelvergnügens), und auch die Neuzeit schätzt ihn so hoch, daß der Kaufpreis selbst in aalreichen Gegenden nur ausnahmsweise auf 1 Mark für das Kilo herabgeht. Allerdings haben manche seines schlangenhaften Äußern wegen ein für allemal auf das Vergnügen seiner Bekanntschaft Verzicht getan. Bei alledem ist der Gefeierte so bescheiden, daß er - Prachtungeheuer von mehr als 5/4 m Länge ausgenommen - niemals zerstückt auf der Tafel erscheint und sich mit der einfachsten Zubereitung begnügt: eine Abkochung in Salzwasser mit Salbeiblättern, eine Garnitur von Zitronenscheiben und Rosmarin, und der gesottene Aal ist fertig. Mit der Haut gekocht und nochmals mit der rasch erstarrenden eigenen Brühe übergossen, gibt er den delikaten Aal in Gelee, der mit einer Garnitur von rotgesottenen Krebsen, gelben Zitronenscheiben und grüner Petersilie für die Helenam coenarum, die »schöne Helena unter den Gerichten« gelten darf.  -  (ap)

Aal (7) Elektrische Aale stellen den Pferden in Südamerika nach. Diese »Gymnoten« haben 5-6 Fuß Länge. Sie sind mächtig genug, die stärksten Tiere zu töten, wenn sie ihre nervenreichen Organe auf einmal in günstiger Richtung entladen. - - - Dies ist der wunderbare Kampf der Pferde und Fische. Was unsichtbar die lebendige Waffe dieser Wasserbewohner ist; was, durch die Berührung feuchter und ungleichartiger Teile erweckt, in allen Organen der Tiere und Pflanzen umtreibt, was die weite Himmelsdecke donnernd entflammt, was Eisen an Eisen bindet, und den stillen, wiederkehrenden Gang der leitenden Nadel lenkt; alles, wie die Farbe des geteilten Lichtstrahls, fließt aus einer Quelle, alles schmilzt in eine ewige, allverbreitete Kraft zusammen. - Alexander von Humboldt, Ansichten der Natur, nach (heb)

Aal (8)  Die Zählebigkeit dieser Tiere macht nicht bloß den Tieren, sondern auch den Menschen zu schaffen. Jede Fischfrau, jede Köchin weiß, was es sagen will, einen Aal umzubringen.  - (bre)

Aal (9)    Aale zu zeugen und einen Teich damit zu besetzen:  Von einer Haselstauden eine Sprosse geschnitten, so in einem Sommer getrieben seie. Hernach auf einer Wiesen einen länglichen Rasen ausgestochen von der Länge der Sprosse, den Rasen umgekehrt, daß das Gras unten zu liegen komme, die Erde aber obenauf, darein mit einem Finger eine lange Strieme formieret, hierein die Haselsprosse geleget und einen andern Rasen von gleicher Länge mit der erdigen Seite oben darüber. Nach 3 Tagen den obersten Rasen abgenommen, so wird man an der Haselsprosse viel blaulichter Würmergens gewahr werden; sodann den abgenommenen Rasen wieder darübergedeckt, mit Bindfaden zusammengebunden und in einen Teich geworfen, so wird selbiger in Menge mit Aalen besetzet, obschon zuvor deren keiner jemals darinnen gewesen.  - (zauber)

Aal (10)  »Na nu mechten wä ... « und »Beßchen kieken . . . « ständig wiederholend hievte der Stauer das Seil weiterhin, doch nun mit mehr Anstrengung, kletterte dem Seil entgegen die Steine hinunter und griff - Mama drehte sich nicht rechtzeitig genug weg - breitarmig griff er in die aufblubbernde Bucht zwischem dem Granit, suchte, faßte etwas, faßte nach, zog und schleuderte, laut Platz fordernd, etwas triefend Schweres, einen sprühend lebendigen Brocken zwischen uns: einen Pferdekopf, einen frischen, wie echten Pferdekopf, den Kopf eines schwarzen Pferdes, einen schwarzmähnigen Rappenkopf also, der gestern noch, vorgestern noch gewiehert haben mochte; denn faul war der Kopf nicht, stank nicht, höchstens nach Mottlauwasser; aber danach roch alles auf der Mole.

Schon stand der mit der Stauermütze - die saß ihm jetzt im Nacken - breitbeinig über dem Stück Gaul, aus dem sich wütend hellgrün kleine Aale schleuderten. Der Mann hatte Mühe, sie zu fangen; denn Aale bewegen sich auf glatten, dazu noch feuchten Steinen schnell und geschickt. Auch waren sofort Möwen und Möwengeschrei über uns. Die stießen zu, schafften spielend zu dritt oder viert einen kleinen bis mittleren Aal, ließen sich auch nicht vertreiben; denn denen gehörte die Mole.
Trotzdem gelang es dem Stauer, der zwischen die Möwen schlug und zugriff, vielleicht zwei Dutzend kleinere Aale in den Sack zu stopfen, den Matzerath hilfsbereit, wie er sich gerne gab, hielt. So konnte er auch nicht sehen, daß Mama käsig im Gesicht wurde, zuerst die Hand und gleich darauf den Kopf auf Jans Schulter und Sammetkragen legte. Aber als die kleinen und mittleren Aale im Sack waren und der Stauer, dem bei seinem Geschäft die Mütze vom Kopf gefallen war, anfing, dickere, dunkle Aale aus dem Kadaver zu würgen, da mußte Mama sich setzen, und Jan wollte ihr den Kopf weg drehen, aber das ließ sie nicht zu, starrte unentwegt mit dicken Kuhaugen mitten hinein in das Würmerziehen des Stauers.

»Beßchen kieken!« stöhnte der zwischendurch. »Na nu mechten wä!« Riß, mit dem Wasserstiefel nachhelfend, dem Gaul das Maul auf, zwängte einen Knüppel zwischen die Kiefer, so daß der Eindruck entstand: das vollständige gelbe Pferdegebiß lacht. Und als der Stauer - jetzt sah man erst, daß der oben kahl und eiförmig aussah - mit beiden Händen hineingriff in den Rachen des Gaules und gleich zwei auf einmal herausholte, die mindestens armdick waren und armlang, da riß es auch meiner Mama das Gebiß auseinander: das ganze Frühstuck warf sie, klumpiges Eiweiß und Fäden ziehendes Eigelb zwischen Weißbrotklumpen im Milchkaffeeguß über die Molensteine und würgte immer noch, aber es kam nichts mehr; denn soviel hatte sie nicht zum Frühstück gegessen, weil sie Übergewicht hatte und unbedingt abnehmen wollte ...

Nichts außer grünlichem Schleim kam - und die Möwen kamen. Kamen schon, als sie anfing zu spucken, kreisten tiefer, ließen sich fett und glatt fallen, schlugen sich um das Frühstück meiner Mama, hatten keine Angst vorm Dickwerden, waren durch nichts zu vertreiben durch wen auch? - wenn Jan Bronski sich vor den Möwen fürchtete und die Hände vor die schönen blauen Augen hielt. Aber auch auf Oskarnello hörten sie nicht, der seine Trommel gegen die Möwen einsetzte und mit Knüppeln auf weißem Lack gegen dieses Weiß wirbelte.

Doch das half nichts, das machte die Möwen höchstens noch weißer. Matzerath aber kümmerte sich überhaupt nicht um Mama. Der lachte und äffte den Stauer nach, machte auf starke Nerven, und als der Stauer fast fertig war und zum Abschluß dem Gaul einen mächtigen Aal aus dem Ohr zog, mit dem Aal die ganze weiße Grütze aus dem Hirn des Gaules sabbern ließ, da stand zwar gleichfalls dem Matzerath der Käse im Gesicht, aber die Angeberei gab er dennoch nicht auf, kaufte dem Stauer für ein Spottgeld zwei mittlere und zwei starke Aale ab und wollte den Preis noch nachträglich runterhandeln.

... Es war Salz im Sack, damit die Aale sich in dem Salz totliefen, damit ihnen das Salz den Schleim von der Haut und auch von innen herauszog. Denn wenn Aale im Salz sind, hören sie nicht mehr auf zu laufen, die sind dann so lange unterwegs, bis sie tot sind und ihren Schleim im Salz gelassen haben. Das macht man, wenn man die Aale hinterher räuchern will. Das ist zwar von der Polizei und vom Tierschutzverein verboten, aber die Aale müssen trotzdem laufen. Wie sollte man sonst auch den Schleim ohne Salz von den Aalen herunter und von innen heraus bekommen. Hinterher werden die toten Aale mit trockenem Torf fein säuberlich abgerieben und ins Rauchfaß über Buchenholz zum Räuchern aufgehängt. Matzerath fand das gerecht, daß man Aale im Salz laufen ließ. Die gehen ja auch in den Pferdekopp, sagte er.

Und in menschliche Leichen gehen sie auch, sagte der Stauer. Besonders nach der Seeschlacht am Skagerrak sollen die Aale mächtig fett gewesen sein. Und mir erzählte noch vor einigen Tagen ein Arzt der Heil- und Pflegeanstalt von einer verheirateten Frau, die sich mit einem lebendigen Aal befriedigen wollte. Aber der Aal biß sich fest, und sie mußte eingeliefert werden und soll deswegen später keine Kinder bekommen haben. - Günter Grass, Die Blechtrommel. Frankfurt am Main 1965 (Fischer-Tb. 47314, zuerst 1959)

Aal (11)  Hinter der Milchstrasse haust ein Aal, eine Art Himmels-Schlange. Er nährt sich von den Sonnen, von denen es in der schlammigen Tiefe nur so wimmelt. Sein Auge leuchtet wie das vierblättrige Kleeblatt auf den Wiesen der Unendlichkeit, und an seiner Schwanzspitze läuten eruptierende Welten wie helle Glöckchen die Zeit. Wenn er sich häutet, fällt aus jeder Schuppe ein Komet. Und der Kot dieses Wesens ist das Licht. Gefangen ringelt er sich um den Stamm einer Porifera und nagt an ihrer Wurzel, hinter der er fast unsichtbar ist. Jede einzelne Pore der Porifera atmet mühsam und ächzt, als laste ein Jahrhundert Menschen auf ihr. Es ist die Spongia der Finsternis, der Federtang der Sprachen, die Orgelkoralle des Ursprungs. Der Schwamm schmiegt sich der Urform an wie ein Gehirn in einer Schädelhöhle. Es ist das primitivste und einfachste Exemplar einer Gattung von Lebewesen, die sich zurückentwickeln und die — namenlos und geächtet — an den Antipoden der Einheit leben.  - Blaise Cendrars, Im Hinterland des Himmels. Zu den Antipoden der Einheit.  Basel 1987 (entst. 1917)

Aal (12)

Aal (13)

Der Aal

Der Aal, die Sirene
der kalten Meere, der das Baltlkum verläßt
um in unsere Meere zu gelangen,
zu unseren Buchten, zu den Flüssen,
der aufsteigt im Tiefen, unter dem vollen Druck,
von Flußlauf zu Flußlauf und dann
von Wasserader zu Wasserader, schmäler werdend,
immer mehr drinnen, immer mehr im Herzen
des Gesteins, eindringend
in die Gräben aus Schlamm, bis eines Tages
eine glühende Luft aus den Kastanien
auslöst die Zuckung in den Tümpeln der toten Wasser,
in den Rinnsalen, die von den Hängen
des Apennin in die Romagna fließen;
der Aal, Fackel, Peitsche,
Liebespfeil in der Erde,
den nur unsere Pfützen oder die ausgetrockneten
Bäche der Pyrenäen zurückführen
in die Paradiese der Fruchtbarkeit;
die grüne Seele, die dort
Leben sucht wo nur
Glut und Trostlosigkeit herrschen,
der Funke, der sagt,
alles beginnt, wenn alles scheint
sich zu versteinern, Stumpf verkohlter;
flüchtiger Regenbogen, Zwilling
der Bögen, die deine Wimpern einfassen,
und den du glänzen läßt inmitten der Söhne
des Menschen, vertieft in deinem Schlamm, kannst du
ihm nicht glauben, Schwester?

- Eugenio Montale, nach (mus)

Tierarten
Oberbegriffe
A tergo 

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