Paar Da freut sich das entmenschte P. = die Gegner freuen sich über die Niederlage des Spielmachers. Fußt auf Schiller, »Der Gang zum Eisenhammer« (1797): »Deß freut sich das entmenschte Paar / mit roher Henkerslust: / Denn fühllos wie das Eisen war / Das Herz in ihrer Brust«. - (kü)

Paar (2) ANFÄNGLICH , als sie sich begegneten, liebten sie sich, weil beide auf verschiedenen Wegen ein extremes und einsames Unglück erfahren hatten. Das Leben der Frau war ein zutiefst bitteres gewesen, das Leben des Mannes von vorzeitigem Mißgeschick verfolgt. Sie vereinigten ihre Bitterkeit und ihr Mißgeschick und versuchten, sich in liebevoller Weise zu helfen und halfen sich, ohne dabei einen Rückgang der Bitterkeit oder eine Wandlung des Mißgeschicks zu erleben. Gestärkt durch die Einzigartigkeit ihrer Verbindung, durch jenes negative Vorzeichen, unter dem sie stand, entfalteten sie rings um ihre Traurigkeit eine beständige, treue und aufmerksame Liebe. Sie trösteten sich — im sicheren Bewußtsein, daß kein Trost möglich sei. Jeder der beiden blieb weiterhin das, was er im vorhergehenden Leben gewesen war, aber gemeinsam lebten sie eine Beziehung, die den Schmerz nicht leugnete, sondern ihn irgendwie verband.

Aber die Liebe hat ihre Tücken. Eine Zeitlang ging ihre Liebe — wechselseitig zur Bitterkeit und zum Mißgeschick — noch durch denjenigen hindurch, der in dem jeweiligen Zustand lebte; da dieser Zustand aber die Grundlage, die Garantie und den Sinn ihrer Liebe bildete, begannen sie bald, Bitterkeit bzw. Mißgeschick des anderen unmittelbar zu lieben; sie warfen sich zu gegenseitigen Wächtern auf und begannen achtzugeben, daß der andere sich nicht zu weit von seiner Bedrängnis entfernte. Jeder war eifersüchtig auf den Schmerz des anderen, und in Kürze betrachteten sie bereits den Versuch, sich von dem Schmerz zu entfernen, als Zeichen der Untreue. Da sie beständige Charaktere waren, lernten sie ein jeder den eigenen Schmerz als Pfand der Liebe des anderen zu lieben, und jeder behütete seinen eigenen Schmerz und wachte über den Schmerz des anderen.

Auf diese Weise erlangte ihr verliebter Zustand ein vollkommenes Gleichgewicht, wo jeder zum Zentrum des anderen vordrang, indem er die Territorien seiner Angst durchquerte und kontrollierte. Täglich vergewisserte sich jeder von beiden, ob die eigene Angst und des anderen Angst noch intakt seien. ja, sie versuchten sogar, ihr Leiden noch zu steigern und zu vervollkommnen; zuerst, indem jeder sein eigenes Leiden vermehrte, dann, indem jeder sich bemühte, das Leiden des anderen zu vermehren.

Sie lernten einander von Grund auf kennen und durchbohrten sich gegenseitig mit Geduld und Scharfsinn und ließen sich durchbohren. Jeder begleitete den anderen auf dem Weg zu einer unwiderruflichen Herabsetzung. Jetzt bereiten sie — keineswegs ahnungslos — sorgfältig die langsame, gewissenhafte gegenseitige Vernichtung vor. - (pill)

Paar (3) Ein Paar erzählte bei seiner ersten Sitzung von seinen unterschiedlichen Eßgewohnheiten, insbesondere beim warmen Abendessen. Die Frau bevorzugte es gemächlich — einen Aperitif, Vorspeise und dann einen kleinen Hauptgang — und ließ sich viel Zeit dabei. Das störte den Mann: Er wollte das Essen lieber schnell hinter sich bringen und sich sofort den Hauptgang - je größer, desto besser - einverleiben. Im Verlauf des Gesprächs erkannte das Paar Ansätze einer Analogie zu seinen Problemen im Bett. Doch sobald die beiden diese Verbindung bemerkten, wechselte Erickson das Thema und vermied es sorgfältig, das wahre Problem anzusprechen.

Das Paar dachte, Erickson wolle es erst einmal kennenlernen und würde dann bei der nächsten Sitzung direkt auf das Problem eingehen. Doch am Ende der ersten Sitzung empfahl er den beiden, an einem der nächsten Abende ein Essen zu veranstalten, das den Wünschen beider entspräche: Die Frau sollte ihr langsames Essen inklusive Zeit für Gemeinsamkeiten bekommen, der Mann dagegen seine bevorzugte große Portion. Ohne zu merken, daß es unter sanftem Druck des Therapeuten agierte, stellte sich das Paar einer Spiegelung des eigentlichen Problems und konnte seine Probleme mit Hilfe des Spiegels selbst lösen. Der Abend endete so, wie Erickson gehofft hatte — das Paar übertrug den verbesserten Essensrhythmus aufs Bett. - (macht)

Paar (4) Stellen wir uns doch mal ein Liebespaar in einer Telefonzelle vor. Ihre Hände berühren sich, ihre Münder treffen aufeinander, und zufällig schieben ihre Körper den Hörer von der Gabel. Jetzt, ohne daß das Paar es ahnt, kann das Telefonfräulein ihre intime Unterhaltung verfolgen. Das Drama ist um einen Schritt weitergekommen. Für das Publikum, daß diese Bilder sieht, ist es wie der erste Abschnitt eines Romans oder als ob es einer Exposition auf dem Theater lauschte. So läßt eine Szene in einer Telefonzelle dem Filmregisseur dieselbe Freiheit wie das weiße Blatt dem Romancier. - Alfred Hitchcock, in: François Truffaut, Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? München 1973 (zuerst 1966)

Paar (5) SELENISSA. Ich bitte / mein werthester Bräutigam geruhe / als ein Zeichen meines standhafftigen Gemüths und reinen Hertzens / diesen Demant von mir anzunehmen!

DARADIRIDATUMTARIDES. Den wil ich nicht verlieren / als mit dieser Faust. Ich glaube / daß Amor selbst seine Pfeile hierauff geschärffet habe. Wer ist auff der gantzen Welt glückseliger / als ich? Don Cacciadiavolo, Don Diego, herfür! wünschet eurem großmächtigsten Capitain Glück. J'ay gaigne mon proces! Die Festung / die ich bißher so lange belagert / hat parlamentiret, der Accord ist geschlossen / und soll von uns beyden auff künfftig unterzeichnet / auch bald darauff die Citadel in posses genommen werden. Vive l'amour & ma Deesse!

CACCIADIAVOLO und DIEGO. Vive l'amour & sa Deesse!

CACCIADIAVOLO. Es ist kein Bluts-Tropffen in meinem gantzen Leibe / der sich nicht in lauter kleine Feur Granaten verkehre / und mir durch alle Sinnen und Geister schwerme. Ich wündsche diesem neuen Marti und der andern Veneri unvergleichliches Glück!

DON DIEGO. Pallas und Bellona lasse diß treffliche Paar glücklich zusammen kommen / frölich beysammen leben / und langsam von einander geschieden werden.

DARADIRIDATUMTARIDES. Aus uns werden Kinder geboren werden / welche die Welt bezwingen / die Hölle stürmen / und den Jupiter aus dem Himmel jagen werden / nicht anders / als wie die Riesen / welche Berge auff Berge gesetzet / durch die Woicken gedrungen / und biß an die neundte Sphser Sturm gelauffen sind. Ich kenne mein Geschlecht / und weiß gar wohl / aus was für einer Art wir kommen. Alsbald ich auf diese Welt gebohren bin / hab ich auff der Erden herum gesprungen / ich habe meines Vätern Degen von der Maur herunter gezogen und damit so ritterlich herum geschwermet / daß ich der Hebammen den Köpft / und der Kinder-Magd den Leib entzwey gehauen.

DON DIEGO. Es brennet bey zeiten / was eine Nessel werden soll.

DARADIRIDATUMTARIDES. Muth komt vor den Jahren bey wackeren Gemütern. Einen Chevalieur muß man aus dem Bart nicht sestimiren. Cet assetz! Last uns herein / Don Diego, daß man die Trompeten bestelle / Don Cacciadiavolo, daß man unsre Hochzeit mit einem Salve verehren lasse! - Andreas Gryphius, Horribilicribifax (1650 / 1663)

Paar (6)

Wahrhaftig, wir Beide bilden
Ein kurioses Paar,
Die Liebste ist schwach auf den Beinen,
Der Liebhaber lahm sogar.

Sie ist ein leidendes Kätzchen,
Und er ist krank wie ein Hund,
Ich glaube, im Kopfe sind
Beide Nicht sonderlich gesund.

Sie sei eine Lotosblume,
Bildet die Liebste sich ein;
Doch er, der blasse Geselle,
Vermeint der Mond zu sein.

Die Lotosblume erschließet
Ihr Kelchlein im Mondenlicht,
Doch statt des befruchtenden Lebens
Empfängt sie nur ein Gedicht.

Worte! Worte! keine Taten!
Niemals Fleisch, geliebte Puppe,
Immer Geist und keinen Braten,
Keine Knödel in der Suppe!

Doch vielleicht ist dir zuträglich
Nicht die wilde Lendenkraft,
Welche galoppieret täglich
Auf dem Roß der Leidenschaft.

Ja, ich fürchte fast, es riebe,
Zartes Kind, dich endlich auf
Jene wilde Jagd der Liebe,
Amors Steeple-chase-Wettlauf.

Viel gesünder, glaub ich schier,
Ist für dich ein kranker Mann
Als Liebhaber, der gleich mir
Kaum ein Glied bewegen kann.

Deshalb unsrem Herzensbund,
Liebste, widme deine Triebe;
Solches ist dir sehr gesund,
Eine Art Gesundheitsliebe.

- Heinrich Heine

Paar (7)

Mit Pickeln in der Haut und faulen Zähnen
paart sich das in ein Bett und drängt zusammen
und säet Samen in des Fleisches Furchen
und fühlt sich Gott bei Göttin. Und die Frucht -:
das wird sehr häufig schon verquiemt geboren:
mit Beuteln auf dem Rücken, Rachenspalten,
schieläugig, hodenlos, in breite Brüche
entschlüpft die Därme -; aber selbst was heil
endlich ans Licht quillt, ist nicht eben viel,
und durch die Löcher tropft die Erde:
Spaziergang -: Föten, Gattungspack -:
ergangen wird sich. Hingesetzt.
Finger wird berochen.
Rosine aus dem Zahn geholt.
Die Goldfischchen - !!!-!
Erhebung! Aufstieg! Weserlied!
Das Allgemeine wird gestreift. Gott
als Käseglocke auf die Scham gestülpt -:
der gute Hirte -!! - - Allgemeingefühl! -
Und abends springt der Bock die Zibbe an.


- (benn)

Paar (8)

doppelchor

es mann spielst unser frauen mit nur schilfharfe
gehst ans fingerspitzen und vorbei es.
es frau spielst unser männer mit nur klarinettich
knöpfst an und bläst ein immer lied aus es.
es mann spielst unser frauen mit nur momentharmonika
sperrst um und pfeifst schlüsselrüssel.
es frau spielst unser männer mit nur es violinerin
stellst an diriganten hin und wickelst den orchaster aus.

- Ernst Jandl, nach: Dein Leib ist mein Gedicht. Deutsche erotische Lyrik aus fünf Jahrhunderten. Hg. Heinz Ludwig Arnold, Frankfurt am Main u.a. 1973

Paar (9) Nie sagen: »Ein Paar« (»Ein Liebespaar keucht«, las ich gerade) -: es gibt immer nur den einen und den anderen. - (bleist)

Paar (10) Er stand wie üblich früh auf, »mit den ersten Rabenschreien«. Seine Frau schlief noch, im anderen Teil des Hauses. Sie wohnten zusammen und zugleich seit über einem Jahrzehnt getrennt, ein jeder im eigenen Bereich; beim anderen jeweils anklopfend; selbst in den gemeinsamen Räumen, dem Eingang, dem Keller, dem Garten, gab es unsichtbare und sichtbare Trennwände, und wo das schwer möglich war — wie in der Küche —, hausten sie in Zeitverschiebung, so wie sie überhaupt, seit sie sich voneinander losgesagt hatten und auf ihre Weise auseinandergegangen waren, den Alltag grundsätzlich zeitverschoben lebten — auch wenn die Frau seinerzeit ganz natürlich zugleich mit ihm aufgestanden war und sich jetzt zum Liegenbleiben vielleicht eher zwingen mußte? Und sich zum Im-Haus-Bleiben zwang, so wie er in den Garten ging? Und in den Garten, so wie er im Haus war? Und in den für morgen geplanten Alleinurlaub, weil er, wie seit langem nun jedes Jahr, Haus und Garten den Sommer über für sich haben wollte?

»Nein«, sagte der Apotheker. »Wir haben keine Probleme miteinander. Unser Leben ist erst so vollkommen friedlich. Diese Ordnung hat sich ohne Zutun ergeben, und wir merken sie auch gar nicht, höchstens als eine uns davor unbekannte Art von Harmonie, aus der heraus wir für Momente, im Vorübergehen, Gemeinsamkeiten erleben, etwas gemeinsam haben können.«

»Ja, im Vorübergehen«, sagte seine Frau. »Zwischen Tür und Angel. Zwischen Fenster und Gartenstuhl. Zwischen Baumkrone und Kellerluke.« - Peter Handke, In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus. Frankfurt am Main 1999 (st 2946, zuerst 1997)

Paar (11) Manche Frau versteht ihren Mann so gründlich zu verdrängen und im eigenen Hause zu begraben, daß draußen in der Welt kein Mensch von ihm spricht: Lebt er noch? Lebt er nicht mehr? Man weiß es nicht. Er dient in seiner Familie nur noch als Beispiel schüchternen Schweigens und völliger Unterwürfigkeit. Zwar hat er weder Witwengut noch Frauenanteil zu beanspruchen; aber sonst, und davon abgesehen, daß er nicht niederkommt, ist er die Frau und sie der Mann. Sie bringen, ohne die geringste Gefahr, sich zu begegnen, ganze Monate im selben Hause zu; eigentlich sind sie bloß Nachbarn. Monsieur bezahlt die Köche, man ist aber immer bei Madame zu Gast. Oft haben solche Leute nichts gemein, weder Bett noch Tisch, selbst nicht den Namen: sie leben nach römischer oder griechischer Weise, jeder hat seinen eigenen, und erst nach geraumer Zeit, wenn man die Geheimsprache einer Stadt versteht, erfährt man schließlich, daß Herr B.. seit zwanzig Jahren der rechtmäßige Gemahl von Frau L.. ist. - (bru)

Paar (12) ein sehr belangloser ruhiger Abend mit belanglosen sehr gewöhnlichen Vorgängen, von denen sie beide zusammen etwas mehr gesehen hatten. Der eine Vorgang, den sie sich länger angesehen hatten, ging sie nichts an, er bliebt für sie ohne Bedeutung. Sie hatten nur zugesehen, wie sich unten etwas abspielte mit vielen Bewegungen, einigem Hin und Her, mit Leuten, die sich unter ihnen auf der Straße angesammelt hatten und dann wieder zerstreuten, mit Wagen, Personenwagen, Taxis, gestaut. Sie hatten auf dem Balkon nebeneinander gestanden und zugeschaut, sie hatten beide »etwas gleichzeitig gesehen. Mehr könnte das gar Aidit für sie bedeuten, nicht mehr sein als eben das, und das war so, nicht anders, geregelt, dadurch wieder etwas mehr zwischen ihnen beiden in Ordnung gebracht, nahm er an, sie beide wie zusammengetan zu einem Bild, das ihnen zeigte, sie kamen aus, ganz gut mit solchen Abenden, so ähnlichen Vorgängen, den kleinen Erlebnissen und dem Reden darüber nachher, um einander sagen zu körinen, da ist etwas passiert, ja, was, sieh mit zu, ja, die Leute, überleg mal, das ging schnell, ja, es ging schnell, wirklich, ja, so ist das eben, und tot, fortgeschafft, dann bist du weg, ja, aus, zu Ende, wirklich, einfach weg, da kann man nichts machen, ja, ich find das gut, ja, es geht so schnell, wenn es schnell geht, ja, ohne Schmerzen, ja, was wirst du dann machen? und um zu denken: wir haben das gesehen, jeder für sich, ja, aber zusammen, ja, die Leute, die Wagen, ja, und es ist einfach nichts, ja, nichts weiter, ja, erstaunlich, wenn man bedenkt, ja, das wirklich, was macht man dann - (brink)

Paar (13) Er hatte zu kurze Beine und einen zu langen Oberkörper und war klein, von gelblicher Gesichtsfarbe und überhaupt häßlich. Das Häßlichste an ihm jedoch war seine Freundin, die ihn um mehr als Haupteslänge überragte, eine behaarte Warze am Kinn trug und darüber eine hexenhaft ausladende Nase. Sie hieß Magdalena, hielt sich für schön und Zedde für ein Genie.

Zu dieser Auffassung war sie langsam, aber zielbewußt von Zedde bewogen worden, der darin das angenehmste wie auch sicherste Mittel sah, sie zu veranlassen, ihren Monatslohn mit ihm zu teilen. - Walter Serner, Der berühmte Zedde. In: W.S.: Der Pfiff um die Ecke. Zweiundzwanzig Kriminalgeschichten. München 1982 (dtv 1741, zuerst 1925)

Paar (14)

Paar

- Tomi Ungerer's Kompromisse. Zürich 1982 (kunst-detebe 26070, zuerst 1970)

Paar (15) »Können Sie mir wohl sagen, Maigret, warum die Polizeibeamten in Zivil immer zu zweit gehen, wie die Klempner?«

Das war ihm nie zuvor aufgefallen, und er mußte zugeben, daß es stimmte. Er selber befaßte sich nur selten mit einer Untersuchung, ohne daß er einen seiner Inspektoren bei sich hatte.

Er hatte sich am Kopf gekratzt.

»Ich vermute, das stammt noch aus den Zeiten, da die Straßen von Paris unsicher waren und es besser war, zu zweit als allein zu sein, wenn man sich in gewisse Viertel wagte, vor allem nachts.«

In bestimmten Fällen galt das noch immer, bei einer Festnahme beispielsweise, oder bei einer Durchsuchung zweideutiger Örtlichkeiten. Dennoch hatte Maigret weiter darüber nachgedacht.

»Es gibt noch einen zweiten Grund, der auch für die Verhöre am Quai des Orfèvres von Wert ist. Wenn ein Polizist allein eine Aussage entgegennimmt, ist es stets möglich, daß der Verdächtige, der widerwillig ausgesagt hat, später sein Geständnis widerruft. Vor dem Untersuchungsrichter haben zwei Aussagen mehr Gewicht als nur eine.« Das klang einleuchtend, aber er gab sich nicht damit zufrieden.

»Praktisch gesehen ist es beinahe eine Notwendigkeit. Im Verlauf einer polizeilichen Beobachtung oder Verfolgung zum Beispiel muß man vielleicht einmal telefonieren, darf aber die Person, die man überwacht, nicht aus den Augen lassen. Oder der oder die Betreffende kann in einem Haus mit mehreren Ausgängen verschwinden.«

Pardon, der ebenfalls lächelte, hatte eingewandt: »Da mir mehrere Erklärungen vorgelegt werden, neige ich zu der Auffassung, daß keine davon an sich ausreichend ist.«

Worauf Maigret geantwortet hatte:

»In diesem Falle kann ich nur sagen, wie es mir selbst geht. Wenn ich mich fast immer von einem Inspektor begleiten lasse, so geschieht es, weil ich fürchte, mich zu langweilen, wenn ich allein bin.« - Georges Simenon, Maigret und der Kopflose. München 1971 (Heyne Simenon-Kriminalromane 13, zuerst 1955)

Paar (16) »Sie scheint Sophie nicht sehr zu lieben.«

»Sie hat noch nie jemanden geliebt. Kein Wunder, daß ihr Busen so flach ist. Entschuldigen Sie, das ist nicht sehr geistreich. Ich kann sie nicht ausstehen. Ihn auch nicht, trotz seines Lächelns und seines freundlichen Getues. Auf den ersten Blick passen sie schlecht zusammen, er ganz Honig, sie ganz Essig, aber im Grunde sind sie einander wert. Wenn ihnen jemand nützlich sein kann, pressen sie ihn bis zum letzten Tropfen aus, und dann werfen sie ihn weg wie eine Zitronenschale.« - Georges Simenon, Maigret und der Dieb. München 1980 (Heyne Simenon-Kriminalromane 107, zuerst 1967)

Paar (17) Wie es einem heutigen und/oder klassischen Motorradpaar entsprach, war dieses in Leder gekleidet, in schwarzes, und trug dazu Sturzhelme, die einander glichen wie eben nur Sturzhelme. Versteht sich auch, daß der offenbar jungen Frau auf dem Rücksitz die Haare unter dem Helm hervorwehten, und daß die Haare, so oder so, blond waren. Die beiden, Mann und Frau, hatten im Dahinfahren etwas von Geschwistern, gar von Zwillingen. Dem widersprach freilich, wie die Frau den Mann von hinten umschlungen hielt, und daß das Lederzeug sichtlich den völlig nackten Körpern anlag. Die zwei hatten es sich in Eile übergezogen, alle die Knöpfe, die Niet- und Reißverschlüsse standen offen, und was an dem Gewand auseinanderklaffen konnte, kläffte mehr oder weniger auseinander. Blätter, Grashalme, Reste von Schneckenhäusern (samt den Überresten der Schnecken) und Fichtennadeln hafteten auf dem halbentblößten Rücken des Mannes, nur auf seinem. Die Schulterblätter der jungen Frau wirkten fleckenlos weiß. Höchstens sahen wir jetzt momentlang einen bauschigen Pappelsamen an ihnen hängen — und schon wieder weggeflogen. - Peter Handke, Don Juan (erzählt von ihm selbst) Frankfurt am Main 2006 (st 3739, zuerst 2004)

Paar (18) Um halb zehn Uhr abends klingelt es. Wir sind, ganz verstruwwelt und dreckig, bei der Arbeit an unserem Roman über die Literatur. Es ist Scholl. Hinter ihm ein Schatten, eine Frau: Madame Doche. Zum Vorwand, um sie herzubringen, hat er genommen, daß er ihr unsere Kostüme aus dem 18. Jahrhundert zeigen wolle. Aber der tiefste Grund und Zweck ist, er will ihr bloß zeigen, daß er Freunde besitzt, die ein vergoldetes Möbelstück im Salon stehen haben.

Das garstige Paar! Körperlich und geistig. Madame Doche nur noch Augen, ziemlich hübsche freilich, in einem so müden und verlebten Gesicht, daß es schmutzig wirkt. Er erschöpfter und nervöser als je; als er im Salon auf- und abgeht, hält und dreht er seinen Spazierstock mit der Gestik eines anrüchigen Kerls.

Beide haben etwas gesagt, worin ihre ganze Seele sich verrät. Als ich zu ihm von seiner vor acht Tagen gestorbenen Schwester sprach, einer noch ganz frischen Toten, meinte er: »Die Ärzte haben sie umgebracht. Sechstausend Francs für Arzneien! Mein Vater hätte besser daran getan, mir für das Geld ein Mobiliar zu kaufen!« Und die Doche anläßlich eines in der Luft liegenden Duells: »Oh, die Männer sind zur Zeit nicht richtig im Schwung! Vielleicht, weil es zu kalt ist.« - (gon)

Paar (19)   Der Altersunterschied war in den Augen der beiden verschwunden. Beide hatten graues Haar, und das genügte ihnen. Vielleicht war sogar der Unterschied des Geschlechts bei ihnen verlorengegangen, oder er bestand nur noch aus Gründen der Höflichkeit. Senora Olivia hatte ihre Frische bewahrt, denn sie war von zweierlei Schnee bedeckt: der Jungfräulichkeit und dem Alter. Sie konnte noch anmutig lächeln, und um den Charme vollkommen zu machen, entsagte sie der Brille. Ihre Rede war flüssig und ihr Körper schlank. Das Leben erdrückte sie nicht mit der Last voll gelebter Jahre; irn Gegenteil, es ging von ihr, und so wurde sie durchsichtiger und leichter. In Wirklichkeit konnte man gar nicht sagen, sie sei alt: Man bemerkte kaum ihr graues Haar. Emilio hingegen sah alt aus, doch glich er nicht etwa einem Großvater. Er besaß nicht jene ruhige Würde gut portraitierter Greise. Er war ein alter Gentleman, der auch noch urn ein Mädchen werben konnte. Sein graues Haar, sein weißer Bart, sein leicht arrogantes, doch männlich elegantes Aussehen, seine tadellosen Anzüge, seine Handschuhe waren der Inbegriff der Korrektheit. Mit einem Kind an der Hand hätte man geglaubt, er sei erst kürzlich Witwer geworden, als Verlobter einer Fünfundzwanzigjährigen hätte man seine liebenswerte Klugheit loben müssen. Seine Tante und er waren zwei glatt polierte Marmorstatuen. In ihrem Innern waren sie Kinder, die eine verspätete Naivität hinter maßvoll vorgetragenem Stolz verbargen. Die Grazie der alten Dame verdeckte kindliches Erstaunen, die Kälte des Neffen verhüllte das Mißtrauen eines Halbwüchsigen. - Leopoldo Lugones, Großmutter Julia. In: L. L., Die Salzsäule. Stuttgart 1984 (Die Bibliothek von Babel 15, Hg. Jorge Luis Borges)

Zwei Geselligkeit
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