orrespondenzen I. Bücher und Dirnen kann man ins Bett nehmen.
II. Bücher und Dirnen verschränken die Zeit. Sie beherrschen die Nacht wie den Tag und den Tag wie die Nacht.
III. Büchern und Dirnen sieht es keiner an, daß die Minuten ihnen kostbar sind. Laßt man sich aber näher mit ihnen ein, so merkt man erst, wie eilig sie es haben. Sie zählen mit, indem wir uns in sie vertiefen.
IV. Bücher und Dirnen haben seit jeher eine unglückliche Liebe zueinander.
V. Bücher und Dirnen — sie haben jedes ihre Sorte Männer, die von ihnen leben und sie drangsalieren. Bücher die Kritiker.
VI. Bücher und Dirnen in öffentlichen Häusern — für Studenten.
VII. Bücher und Dirnen — selten sieht einer ihr Ende, der sie besaß. Sie pflegen zu verschwinden, bevor sie vergehen.
VIII. Bücher und Dirnen erzählen so gern und so verlogen, wie sie es geworden sind. In Wahrheit merken sie‘s oft selber nicht. Da geht man jahrelang "aus Liebe" allem nach, und eines Tages steht als wohlbeleibtes Korpus auf dem Strich, was "studienhalber“ immer nur darüber schwebte.
IX. Bücher und Dirnen lieben es, den Rücken zu wenden, wenn sie sich ausstellen.
X. Bücher und Dirnen machen viel junge.
XI. Bücher und Dirnen—"Alte Betschwester — junge Hure“. Wie viele Bücher waren nicht verrufen, aus denen heut die Jugend lernen soll!
XII. Bücher und Dirnen tragen ihren Zank vor die Leute.
XIII. Bücher und Dirnen — Fußnoten sind bei den einen, was bei den anderen Geldscheine im Strumpf. - (ben)
 
Correspondances (2)

 

Entsprechungen
La Nature est un temple où de vivants piliers
Laissent parfais sortir de confuses paroles;
L‘homme y passe à travers des forêts de symboles
Qui l‘observent avec des regards familiers.
Die Natur ist ein Tempel, wo aus lebendigen Pfeilern zuweilen wirre Worte dringen; der Mensch geht dort durch Wälder von Symbolen, die ihn betrachten mit vertrauten Blicken.
Comme de longs échos qui de loin se confondent
Dans une ténébreuse et pro fonde unité,
Vaste comme la nuit et comme la clarté
Les parfums, les couleurs et les sons se répondent.
Wie langer Hall und Widerhall, die fern vernommen m eine finstere und tiefe Einheit schmelzen, weit wie die Nacht und wie die Helle, antworten die Düfte, Farben und Töne einander.
Il est des parfums frais comme des chairs d‘enfants,
Doux comme les hautbois, verts comme les prairies,
— Et d‘autres, corrompus, riches et triomphants.
Düfte gibt es, frisch wie das Fleisch von Kindern, süß wie Hoboen, grün wie Wiesen, — und andere, zersetzt, üppig und triumphierend,
Ayant l‘expansion des choses infinies,
Comme l‘ambre, le musc, le benjoin et l‘encens,
Qui chantent les transports de l‘esprit et des sens.
Ausdehnend sich Unendlichkeiten gleich, so Ambra, Moschus, Benzoe und Weihrauch, die die Verzückungen des Geistes und der Sinne singen.
    
- Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen (zuerst 1857). Übs. Friedhelm Kemp Frankfurt am Main 1966 (Fischer Tb. 737)

Korrespondenzen (3)  Das große Problem der Beziehungen zwischen der empirischen Welt und der mathematischen Welt, nämlich der enge Zusammenhang zwischen experimentellen Phänomenen und mathematischen Strukturen, scheint auf höchst unerwartete Weise durch die neueren Entdeckungen der modernen Physik voll bestätigt zu werden. Wir kennen jedoch überhaupt nicht die Gründe, die dieser Tatsache zugrunde liegen (falls man diesen Worten überhaupt einen Sinn zuschreiben kann) ...

Andererseits jedoch hat die Quantenphysik gezeigt, daß die makroskopische Erfahrung der Wirklichkeit («aus unmittelbaren Raumanschauungen») mikroskopische Phänomene einer völlig anderen Art verbarg, die mit dem Bereich der Mathematik verknüpft sind, die sicherlich nicht wegen ihrer Anwendungen auf die experimentellen Wissenschaften in Betracht gezogen worden waren. Die axiomatische Methode andererseits hat gezeigt, daß die «Wahrheiten», aus denen man hoffte, Mathematik zu entwickeln, nur Spezialfälle allgemeiner Begriffe darstellten, deren Signifikanz nicht auf diese Bereiche begrenzt ist. Deshalb stellte es sich heraus... daß dieser enge Zusammenhang, deren harmonische innere Notwendigkeit, von der man einmal erwartete, daß wir sie bewundern, lediglich ein glücklicher zufälliger Kontakt zwischen zwei Bereichen war, deren wirkliche Zusammenhänge viel tiefer liegen, als man apriori angenommen hätte. - "Bourbaki", nach (bar)

Korrespondenzen (4) Wie kann es sein, daß die Mathematik, die schließlich ein von der Existenz unabhängiges Produkt des menschlichen Denkens ist, so bewundernswert an die wirklichen Dinge angepaßt ist? - Albert Einstein, nach (bar)

Korrespondenzen (5) Nicht ohne Zögern will ich nun, wenn auch nur partiell und rudimentär, versuchen, die Lehre von den Korrespondenzen zu skizzieren. Im Mittelalter glaubte man, der HErr habe zwei Bücher geschrieben: das von uns Bibel genannte und das von uns Universum genannte. Sie auszulegen sei unsere Pflicht. Swedenborg, argwöhne ich, begann mit der Exegese des erstgenannten. Er nahm an, daß jedes Wort der Schrift einen geistlichen Sinn habe, und gelangte zur Ausarbeitung eines weitläufigen Systems okkulter Bedeutungen. Die Steine zum Beispiel stellen die natürlichen Wahrheiten dar; die Edelsteine die spirituellen Wahrheiten; die Sterne die göttliche Erkenntnis; das Pferd das richtige Verstehen der Schrift, aber auch ihre Verkehrung durch Sophismen; der Abscheu vor der Leere die Dreifaltigkeit; der Abgrund Gott oder die Hölle, etc. (Wer dieses Studium vertiefen will, kann das Dictionary of Correspondences untersuchen, veröffentlicht 1962, das mehr als fünftausend Wörter der heiligen Texte analysiert.) Von der symbolischen Lektüre der Bibel dürfte Swedenborg zur symbolischen Lektüre des Universums und unser aller übergegangen sein. Die Sonne im Himmel ist ein Reflex der spirituellen Sonne, die ihrerseits ein Bild Gottes ist; kein einziges Wesen auf Erden könnte überdauern ohne das beständige Einfließen der Göttlichkeit. Die geringsten Dinge, sollte De Quincey schreiben, ein Leser von Swedenborgs Werk, sind geheime Spiegel der höchsten. Die Weltgeschichte, sollte Carlyle schreiben, ist ein Text, den wir unausgesetzt lesen und schreiben müssen und in dem auch wir geschrieben sind. Dieser beunruhigende Verdacht, daß wir Ziffern und Symbole einer göttlichen Kryptographie seien, deren wirkliche Bedeutung wir nicht kennen, findet sich überall. - (bo2)

Korrespondenzen (6)  Wir haben mehrfach von Swedenborgs Korrespondenzen gesprochen, von der Einheit im Universum, von den in den verschiedenen Reichen der Natur sich wiederholenden Formen. Nun ist der menschliche Sinn in seiner Trägheit so begrenzt, daß er am liebsten von der einen Vorstellung zur nächsten kriecht. Liegen die Vorstellungen auseinander, so schreckt der Gedanke zurück, den Sprung zu machen, und bleibt verzagt stehen. Als man den strengen Unterschied zwischen Licht und Elektrizität, Magnetismus und Elektrizität, chemischer Verwandtschaft und Schwerkraft aufzuheben suchte, schreckte vor einem halben Jahrhundert mancher geschulte Mann der Wissenschaft zurück. Jetzt hat sich der Gedanke daran gewöhnt; die Einheit der Kräfte wie der Materie ist allgemein anerkannt, und ist in die Lehrbücher eingegangen. Aber die Konsequenzen aus diesen Entdeckungen hat man nicht zu ziehen gewagt, sondern schreckt noch immer zurück, wenn jemand einen Zusammenhang zwischen entfernten Begriffen sehen will. Dabei vergißt man, zuerst festzustellen, was nahe und was fern ist. "Überall Ähnlichkeiten zu sehen" nennt man abwehrend Mystik; findet sich aber Einheit in allem, so werden sich auch Analogien überall finden. Pflanzen und Tiere sind einmal streng geschieden worden. Aber die Pflanzen haben die gleichen Gewebe und Gefäße wie die Tiere; die Pflanze hat glatte Muskeln und gestreifte, mikroskopische Arterien und Venen, Luftröhren, Nerven mit Scheide und Verengung, sowie Annexzellen (Siebröhren); die Blüte hat Gebärmutter und Eierstöcke, und Sperma; der Same ist ein Ei oder das Ei ein Same; Lungensack und Zwerchfell haben Spaltöffnungen wie die Blätter der Pflanze, und so weiter. Nachdem wir nun Pflanze und Tier einander genähert, haben wir das Recht, die Analogien auszudehnen, und ich will darum zwei so verschiedene Gegenstände wie Gehirn und Walnuß vergleichen.  - (blau)

Korrespondenzen (7)

Korrespondenz

Geoffroy Tory:
Blumenfeld, in welchem die Kunst und Wissenschaft
des rechten und wahren Verhältnisses
der Buchstaben zu dem Leib und Antlitz des Menschen enthalten sind.
Paris, 1520.

- Phantastische Alphabete. Wiesbaden 1997

Korrespondenzen (8)  Wir leben in einer Welt, die auf der einen Seite durchaus einer Werkstätte, auf der anderen durchaus einem Museum gleicht. Der Unterschied zwischen den Ansprüchen, die diese beiden Landschaften stellen, ist der, daß niemand gezwungen ist, in einer Werkstätte mehr als eben eine Werkstätte zu sehen, während in der musealen Landschaft eine Erbauungsstimmung herrscht, die groteske Formen angenommen hat. Wir haben eine Art des historischen Fetischismus erreicht, die zum Mangel an Produktionskraft in einem direkten Verhältnis steht. Es ist daher ein tröstlicher Gedanke, daß irgendeiner geheimen Korrespondenz zufolge der Ausbau großartiger Zerstörungsmittel gleichen Schritt mit der Aufspeicherung und Konservierung von sogenannten Kulturgütern hält.  - Ernst Jünger, Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt. Stuttgart 1982 (Cotta's Bibliothek der Moderne 1, zuerst 1932)

Korrespondenzen (9)  In der Rundung des menschlichen Hauptes stellt sich die Rundung des Firmamentes, in dem richtigen, gleichen Maße des Hauptes ebenfalls das des Firmamentes dar, weil auch das Haupt ringsum das richtige Maß hat, so wie auch das Firmament in gleichem Maße erbaut ist,... indem kein Teil den anderen in ungleicher Ausdehnung übertrifft. Gott hat nämlich den Menschen nach dem Bilde des Firmamentes geformt und dessen Kraft mit denen der Elemente gestärkt, sowie deren Kräfte fest in das Innere des Menschen eingefügt, so daß er sie beim Atmen einzieht und ausstößt, wie die Sonne, welche die Erde erleuchtet, Strahlen aussendet und sie wieder an sich zieht. Die Rundung und das Ebenmaß des menschlichen Hauptes bedeutet, daß die Seele nach dem Willen des Fleisches sündigt, dann aber in Seufzern sich wiederum in Gerechtigkeit erneuert. So zeigt sich darin Ebenmaß, weil sie, wie sie sich im Sündigen ergötzt hat, sich im Schmerze darüber abängstigt...   - (bin)

Korrespondenzen (10)

Korrespondenzen (11) Vor zwanzig Jahren las ich die „Botanischen Notizen" von Elias Fries, Linnés letztem Schüler in Schweden. An einer Stelle wird darin von den Vorzügen der Blumen voreinander gesprochen, und der Verfasser gibt aus folgendem Grund der Sonnenblume den Preis. Die Sonne, die Allmächtige, die Quelle des Lebens, des Lichtes, der Kraft, macht ihren direkten Einfluß überall im Pflanzenreich geltend. Die Pflanzen, die Töchter der Sonne, passen sich ihrer Mutter an und streben nach Ähnlichkeit mit ihr. Keiner ist dieses Streben so geglückt wie der Sonnenblume, welche in Scheiben- und Strahlenblüten ihr Bild gibt, die ihren Bewegungen folgt, die ihr Wachstum innerhalb eines Jahres abschließt, der Zeit, in der die Sonne durch die zwölf Häuser des Tierkreises zieht.

Zu dieser Zeit wußte man noch nichts von Swedenborgs „Korrespondenzen"; und die „Harmonien" von Bernardin de Saint-Pierre waren vergessen. Die psychische Fähigkeit, „überall Ähnlichkeiten zu sehen", war nur bei den Dichtern verzeihlich, diesen unschädlichen Bildermachern; unverzeihlich bei anderen - man nannte sie geisteskrank. Fries' Entdeckung wurde deshalb als eine sehr schöne rhetorische Figur beiseite gelegt, und man ging weiter.

Es war vergangenes Jahr, als mir die posthumen Arbeiten von Bernardin de Saint-Pierre die Welt der Harmonien eröffneten, und beim Verfasser von „Paul und Virginie", ansonsten Ingenieur bei der Landesvermessung und Direktor des Jardin des Plantes, fand ich Fries' Gedanken wieder, aber entwickelter und handgreiflicher.

Wenn wir mit seiner Sonnenharmonie beginnen, so werden wir finden, daß die Bäume durch die konzentrischen Kreise der Stämme (Jahresringe) in unmittelbarem Verhältnis zur Sonne stehen. „Diese Ringe sind immer an Anzahl gleich den Umläufen des Tagesgestirns. Der Mond dagegen scheint seinen Einfluß auf die Kräuter zu erstrecken. Ich habe bei den Wurzeln der Kräuter, die in unseren Gärten wachsen, konzentrische Schichten wahrgenommen von der Anzahl der Mondmonate, während der sie gelebt haben. Das kann man vor allem bei der Mohre, der Rübe und den Zwiebeln sehen. Vielleicht weihten infolge dieser Mondverbindung die Ägypter die Zwiebel der Isis, oder dem Mond, den sie unter dem Namen dieser Göttin anbeteten."   - (blau)

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