ammelfleisch   Ein Bergmann hat neulich irgendwo ein junges Kind geschlachtet, die Muskulatur als Hammelfleisch verkauft, ein Teil davon ist auch nach Berlin gekommen, zum Entsetzen aller Hammel essenden Leser. Ein ähnlicher Vorfall ist im Altertum bekannt geworden und hat hier zu den tollsten Tragödien Anlaß gegeben. Nun kommt viel Hammelfleisch nach Berlin, das keins ist. Die Fleischnot hat eine gewisse Großartigkeit und Weitherzigkeit in zoologischen Dingen im Gefolge gehabt, das Urteil trübt sich, der Hunger wird gestillt.

Worüber schaudert nun aber der Gesättigte wie der Hungrige bei dem Renkontre des Bergmanns mit dem Kind — ich glaube, es war ein Bergmann, will aber mehr oberirdische Berufsklassen damit nicht für zweifelsfrei erklären. Was beleidigt uns bei diesem Kniff, ein menschliches Wesen in eine andere Tierklasse unterzubringen? Degoutiert das Abmurksen oder der Hammelbraten? Das Abmurksen ist gewöhnlich, der Braten ungewöhnlich. Schließlich bemerkt der Vegetarier: Leiche ist Leiche. Was dem Ochsen recht ist, ist dem Menschen billig, wir sind alles Wirbeltiere, zwischen den Kannibalen und dem Durchschnittseuropäer ist kein erkenntlicher Unterschied. Vom kulinarischen Standpunkt wird man sich schwer äußern; vieles spricht dafür, daß Hammelbraten auch auf menschlicher Grundlage sehr zart ist und den Vergleich mit jedem Fleisch des groben Stallgetiers aushält. Übrigens gebietet uns schon das Ethos und der Menschenstolz eine abweichende Ansicht abzulehnen.

Ich weiß dann nicht, ob die unrecht haben, die sagen, das Ganze mit dem menschlichen Hammelbraten sei Hysterie und Voreingenommenheit; man solle doch nicht so tun. Es stecke, meinen diese Skeptiker, dahinter nichts als eine Mißachtung gerade gegen seinen lieben Nächsten, den man nicht für aufessenswert hält und vor dem man sich ekelt. Offenbar liegt nichts weiter vor, als eine Vereinbarung zwischen den Tierklassen, sich nur gegenseitig nach bestimmten Regeln zu fressen; innerhalb der Klasse trollt man nebeneinander und treibt Pazifismus mit Hindernissen. Menschen werden nur von den und den Tieren professionell gefressen. Man ißt sich auf Umwegen. Das ist die irdische Speiseordnung. Es ist Satzung, Etikette. - (poot)

Hammelfleisch (2)  Andrew Carr berichtet von einem Journalisten aus Dahomey. Er hiess Agbojewi, wie der Gründer des DangbweComme inBelmont. Er gehörte derselben Familie an. Dieser Journalist war allergisch gegen Hammelfleisch. Im Dangbwe Comme ist es tabu, Hammelfleisch zu essen. Selbst wenn sie es dort zu sich nehmen, ohne davon zu wissen, in einer Suppe vielleicht, werden sie krank. Der Journalist ist wieder abgereist. Andrew Carr ging dem Problem nicht weiter nach. Es wäre verführerisch, meinen Freunden Hammelfleisch zu schenken und zu beobachten, wie sie sich verhalten, wenn sie es berühren.

Soll man mit Totem und Tabu Schindluder treiben? Aber was für eine Perspektive reisst da auf:

Tabus in magischen Gesellschaften werden zu Allergien in säkularisierteren.  - (xan)

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