rinsen   Unablässig klang die Hacke. Fortwährend schlug sie an Eisen mit klirrendem Ton, der an zerborstene Kirchenglocken gemahnte.

Stunden mochten verflossen sein, ehe Dr. Sze, der jede neue Entblößung des Meteoriten mit aufmerksamsten Augen verfolgte, die Hand hob und ihn anzuhalten bat. »Es ist soweit«, sagte er. »Wir dürfen es nicht allzusehr beschleunigen, du mußt dich für den Anblick stärken.« Harald blickte für einen Augenblick verblüfft auf. Das »Du« klang eigentümlich in dieser Stille, überraschend für einen, der ihn gefangen hielt und ihn bis jetzt mit eisiger Korrektheit behandelte.

Aber seine Verwunderung darüber dauerte nicht an. Es hatte zu natürlich geklungen, und es war ihm auch inzwischen das Bewußtsein in Fleisch und Blut übergegangen, daß er und dieser seltsame Asiate von irgendeinem Zwang zusammengeschmiedet seien, der sich nicht lockern ließ, und an dessen Fessel alle Phrasen wirkungslos zerschellten. »Komm jetzt herab«, sagte Dr. Sze.

Harald folgte ihm bis hinunter. Und was er dort unten erblickte, machte ihm den Atem stocken. Er wäre fast nach hinten gesunken, wenn nicht des Doktors Hand sich eng um seinen Arm gepreßt und er nicht ein leichtes Eindringen der spitzen Nägel auf der Haut gespürt hätte, einen leichten Schmerz, der ihn bei vollem Bewußtsein erhielt.

Zunächst sah er freilich nur eine Masse von zackigem Nickeleisen, von Löchern durchbohrt wie ein Schwamm und mit geborstenen Spitzen bekränzt. Dann auf einmal ward ihm klar, daß dies ein ungeheurer Kopf schien, den er ausgegraben. Es war ein Antlitz, was dort herabstarrte; es war formlos; doch alles, was zu einem Antlitz gehört, war deutlich erkennbar. Zwei Löcher, in denen schwarze Dunkelheit saß, glotzten blind hernieder; eine gebogene Nase mit scharfem Rücken, besetzt von widerlich silbrigen Protuberanzen, wuchs zwischen ihnen herab. Lehm klebte noch an ihrer Spitze, aber was unter diesen Nüstern quer durch das zerfetzte Metall wuchs, war ein Maul, ein schnappendes Maul von so unerhörter Brutalität, von solchem Ausmaß, daß jede lauernde Maske, in Alpträumen erdacht, zu nichtssagender Puppenunschuld schrumpfte.

Es war ein klaffender Schlund, mit zerfressenen Zähnen besetzt, die gleich unregelmäßigen Hauern wie ein Gestrüpp von metallenen Zacken am Rand emporgezerrter Lippen kranzartig durcheinanderwucherten ... Was das Widerlichste war: dieses Maul, dieses alles schlingende, schien zu lächeln; - ja, die Spitzen dieser gierigen Höhle schienen emporgezerrt zu satanischem, stillem, unersättlichem Grinsen.   - Willy Seidel, Das älteste Ding der Welt. Aus: In Laurins Blick. Das Buch deutscher Phantasten. Hg. Kalju Kirde. Frankfurt am Main u.a. 1985 (zuerst 1982)

Grinsen (2) Ein vergnüglicher und erregter, mit Zuneigung assoziierter Seelenzustand wird von manchen Hunden in einer sehr eigentümlichen Weise ausgedrückt, nämlich durch Grinsen.

Sir Walter Scotts berühmter schottischer Windhund Maida hatte diese Gewohnheit, und sie ist den Pinschern gemeinsam. Ich habe sie auch bei einem Spitze und bei einem Schäferhunde gesehen. Mr. Riviere, welcher dieser Ausdrucksweise besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat, teilt mir mit, daß sie selten in einer vollständigen Weise entfaltet wird, aber in einem geringeren Grade ganz gewöhnlich ist. Während des Aktes des Grinsens wird die Oberlippe wie beim Knurren zurückgezogen, so daß die Eckzähne sichtbar werden, und auch die Ohren werden zurückgezogen. Aber die allgemeine Erscheinung des Tieres zeigt deutlich, daß kein Zorn gefühlt wird. Sir Ch. Bell bemerkt, »Hunde bieten bei ihrer Ausdrucksweise der Zuneigung ein geringes Aufwerfen der Lippen dar und grinsen und schnüffeln beim Herumspringen in einer lachenerregenden Weise.« Manche Personen sprechen vom Grinsen, als wäre es ein Lachen. Wenn es aber wirklich ein Lachen wäre, so würden wir eine ähnliche, wenn auch ausgeprägtere Bewegung der Lippen und Ohren sehen, wenn Hunde ihr Freudengebell ertönen lassen; dies ist aber nicht der Fall, obschon ein Freudengebell oft auf ein Grinsen folgt. Auf der andern Seite tun Hunde, wenn sie mit ihren Kameraden oder Herrn spielen, beinahe immer so, als wenn sie einander bissen, und dann ziehen sie, wenn auch nicht energisch, ihre Lippen und Ohren zurück. Ich vermute daher, daß bei manchen Hunden eine Neigung vorhanden ist, sooft sie ein lebendiges mit Zuneigung verbundenes Vergnügen empfinden, durch Gewohnheit und Assoziation auf dieselben Muskeln einzuwirken, als wenn sie im Spiele einander oder die Hände ihrer Herren bissen. - (dar)

Grinsen (3) Da Sie anfangen, mein Gewissen zu werden, lesen Sie doch bitte, wenn es Ihre Zeit erlaubt, im Juniheft der „Preussischen Jahrbücher" den langen Aufsatz über mich von Werner Milch. Er scheint mir sehr interessant. Allmählich wird man tatsächlich historisch, "eingestuft", Lach- u. Kuriositätenkabinett. Castan's Panoptikum der Deutschen Geistesringer, wie lächerlich das alles ist! Eigentlich doch alles nur liebe Kerle, Leibniz u. Schubert, vor sich hinbrummelnd, bischen meschugge, bischen "qualvoll", aber alle liebe gute romantische europäische Welt. Gemütlich alles! Natürlich: „Abgründe", sowieso, aber doch auch ganz gut gelebt, gesoffen, Schnupftabak hochgezogen. Weibergeschichten, dazwischen Geisteswerke, Philosophieen, "Winterreisen" - mit einem Wort: Panoptikum, lächerlich eigentlich das Ganze! Nirgends sieht man eigentlich das wirklich tiefe kalte Grinsen über die Sache.   - Gottfried Benn an F.W. Oelze, 17.7.1935

Grinsen (4)  Ein vergnüglicher und erregter, mit Zuneigung assoziierter Seelenzustand wird von manchen Hunden in einer sehr eigentümlichen Weise ausgedrückt, nämlich durch Grinsen.

Somerville hat dies schon vor längerer Zeit bemerkt, wenn er sagt:

Und mit hoflichem Grinsen grüßt dich der schwänzelnde Hund
Kauernd, seine sich weit öffnende Nase
Wirft er auf, und seine großen kohlschwarzen Augen
Schmelzen in sanften Liebkosungen und demütiger Freude.

DIE JAGD, Buch 1.

Sir Walter Scotts berühmter schottischer Windhund Maida hatte diese Gewohnheit, und sie ist den Pinschern gemeinsam. Ich habe sie auch bei einem Spitze und bei einem Schäferhunde gesehen. Mr. Rivière, welcher dieser Ausdruckswelse besondere Aufmerksamkeit geschenkt hat, teilt mir mit, daß sie selten in einer vollständigen Weise entfaltet wird, aber in einem geringeren Grade ganz gewöhnlich ist. Während des Aktes des Grinsens wird die Oberlippe wie beim Knurren zurückgezogen, so daß die Eckzähne sichtbar werden, und auch die Ohren werden zurückgezogen. Aber die allgemeine Erscheinung des Tieres zeigt deutlich, daß kein Zorn gefühlt wird. Sir Ch. Bell bemerkt, »Hunde bieten bei ihrer Ausdrucksweise der Zuneigung ein geringes Aufwerfen der Lippen dar und grinsen und schnüffeln beim Herumspringen in einer lachenerregenden Weise.« Manche Personen sprechen vom Grinsen, als wäre es ein Lachen. Wenn es aber wirklich ein Lachen wäre, so würden wir eine ähnliche, wenn auch ausgeprägtere Bewegung der Lippen und Ohren sehen, wenn Hunde ihr Freudengebell ertönen lassen; dies ist aber nicht der Fall, obschon ein Freudengebell oft auf ein Grinsen folgt. Auf der andern Seite tun Hunde, wenn sie mit ihren Kameraden oder Herrn spielen, beinahe immer so, als wenn sie einander bissen, und dann ziehen sie, wenn auch nicht energisch, ihre Lippen und Ohren zurück. Ich vermute daher, daß bei manchen Hunden eine Neigung vorhanden ist, sooft sie ein lebendiges mit Zuneigung verbundenes Vergnügen empfinden, durch Gewohnheit und Assoziation auf dieselben Muskeln einzuwirken, als wenn sie im Spiele einander oder die Hände ihrer Herren bissen. - N.N.

Grinsen (5)

Grinsen, schiefes

  - Unbekannter Meister (1560), nach: Dirk H. Veldhuis, Träumen mit offenen Augen. Phantastische Bilderwelten. Nördlingen 1986 (delphi 1046)

Grinsen (6)  An das zum fixierten Grinsen unablässig entblößte Gebiß im Mund des Mannes wird sogleich eine Metallschere angesetzt, um diese an Weißblech erinnernden, im natur=organischen Verbund also unnatürlich erscheinenden Zahnreihen, gleich unter- bzw. oberhalb des Zahnfleischansatzes, herauszuschneiden. Darauf die beiden im spitzen Winkel aufwärts strebenden, Selbst =fixierten Lippen mit dem bereits mehrfach verwendeten Skalpell zu den Ohren hin und darüber hinaus weiterschneiden, bis schließlich das Gesicht des Mannes in zwei Teile — Oben u: Unten — aufklaffend zerfällt.

Die von der-Natur zur weiteren Bearbeitung als Körnungen angelegten Pupillen in diesen starr blickenden Augen mit der Farbe von Eisengrau sind jeweils mit l, in geeignete Handbohrmaschine eingespannten Spiralbohrer vom Durchmesser 20 mm für zwei zusätzliche Schädelöffnungen (bei 500 U/min) aufzubohren.   - (jir)

Grinsen (7)

Grinsen (8)  Die Indianer führten kurz vor Sonnenuntergang einen Ochsen auf den Dorfplatz von Norogachic, und nachdem sie ihm die Beine gefesselt hatten, fingen sie an, ihm die Brust aufzuschlitzen. Das frische Blut wurde in großen Krügen aufgefangen. Ich werde das schmerzliche Grinsen des Ochsen, als ihm das Messer eines Indianers die Eingeweide zerfetzte, nicht so bald vergessen. Die matachines*-Tänzer versammelten sich vor dem Stier, und als er ganz tot war, begannen sie mit ihren Blumentänzen.

Die Indianer tanzen: nämlich zu diesem Gemetzel Blumentänze, Libellentänze, Vogeltänze und Tänze vieler anderer Dinge, und es war wirklich ein seltsamer Anblick, als zwei Indianer auf den toten Stier stiegen, das Blut heraussprudeln ließen und ihn mit Axthieben in Stücke hackten während die anderen Indianer, als Könige verkleidet und mit einer Spiegelkrone auf dem Kopf, ihre Libellentänze Vogeltänze, Windtänze, Tänze der Dinge und Blumentänze aufführten.  - Antonin Artaud, Die Tarahumaras. In: A. A., Mexiko. München 1992 (zuerst 1937)

*matachines = Tänzer

Grinsen (9)  

- Rosaleen Miriam Norton

Grinsen (10)  

 

- Pablo Picasso

  Lachen
Oberbegriffe
zurück 

.. im Thesaurus ...

weiter im Text 
Unterbegriffe
Verwandte Begriffe
Synonyme