ängeleben  Die Mitglieder der letzten Familie der Xenarthra, die Faultiere (Bradypodidae), machen als sehr stumpfe und träge Geschöpfe einen wahrhaft kläglichen Eindruck. Damit dürfen wir sie aber nicht abtun, sondern müssen sie als weitgehende Anpassungen an eine ganz bestimmte, einseitige und eintönige, aber sehr bequeme Lebensmöglichkeit zu verstehen suchen: als hängende Kletterer, denen ihre Nahrung, Baumblätter, sozusagen in den Mund wächst. Wie es für solche Lebensweise und Bewegung das Richtige ist, sind bei ihnen die vorderen Gliedmaßen bedeutend länger als die hinteren, die Füße mit gewaltigen Sichelkrallen bewehrt, die, wie der ganze Fußbau, ebenfalls Beziehungen zu dem eigenartigen Hängeleben haben. Durch die Stärke und Krümmung der Krallen und vollständige Verwachsung aller Zehen, die unter gemeinsamer Haut liegen, hängen die Faultiere ohne jede Muskelanstrengung im Baume, zumal auch noch die schmalen, mit lederiger Haut bedeckten, etwas hohl und seitlich nach innen gestellten Sohlen dickeren Ästen sich innig anschmiegen. Auch der Knochenbau zeigt sich zugunsten größerer Beweglichkeit von Hals und Gliedmaßen beeinflußt. Die Zahl der Halswirbel sinkt zwar sonderbarerweise bei einer Art der einen Gattung unter die gewöhnliche Zahl bis auf sechs steigt aber bei der andern Gattung bis auf neun, und diese kann in der Tat den Kopf fast ganz um seine Achse drehen, wie eine Eule, so daß das Gesicht beim hängenden Klettern nach vorn schaut.

Unter den Wunderdingen der Neuen Welt war das Faultier natürlich eins der wunderlichsten. Die erste, wenn auch fabelhafte, doch im ganzen ziemlich zutreffende Beschreibung findet sich, nach Lichterfeld, in dem 24. Kapitel der »Historia general y natural de las Indias« (1535, neu herausgegeben Madrid 1851) von Gonzalo Fernandez de Oviedo y Valdes. Der Perico-ligero, d.h. das »behende Peterchen«, wie die Spanier das Faultier spottweise nannten, ist hiernach eins der seltsamsten Tiere wegen seines Mißverhältnisses mit allen anderen. Nach der Erfahrung Ovideos, der es zu Hause gehabt hat, muß es »von der Luft leben, und dieser Meinung sind noch viele andere auf diesem Festlande; denn niemand hat es irgend etwas fressen sehen. Es wendet auch meistens den Kopf und das Maul nach der Gegend, woher der Wind weht, woraus folgt, daß ihm die Luft sehr angenehm sein muß«. Bis zur Stunde erklärt Oviedo, kein so dummes und unnützes Tier gesehen zu haben wie das »behende Peterchen«. - Aus Brehms Tierleben 1912, in (str)

Hängeleben (2)

Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber ich selbst,
Am Ast des Baums, dem man nicht ansehn kann,
Aus welcher Wurzel er wächst.

Sie boten mir nicht Brot noch Horn;
Da neigt‘ ich mich nieder,
Nahm die Runen auf, nahm sie schreiend auf,
Fiel nieder zur Erde.

Hauptsprüche neun lernt‘ ich von dem weisen Sohn
Bölthorns, Bestlas Vaters,
Und trank einen Trunk des teuern Mets
Aus Odrörir geschöpft.

Zu gedeihen begann ich und begann zu denken,
Wuchs und fühlte mich wohl.
Wort aus dem Wort verlieh mir das Wort,
Werk aus dem Werk verlieh mir das Werk.

Runen wirst du finden und ratbare Stäbe,
Sehr starke Stäbe,
Sehr mächtige Stäbe,
Die Fimbulthul färbte
Und die großen Götter schufen
Und der hehrste der Herrscher ritzte.

Odin den Asen, den Alfen Dâin,
Dwalin den Zwergen,
Alswidr den Riesen; einige schnitt ich selbst.

Weißt du zu ritzen? weißt zu erraten?
Weißt du zu finden? weißt zu erforschen?
Weißt du zu bitten? weißt Opfer zu bieten?
Weißt du zu senden, weißt du zu schlachten?

Besser nicht gebetet als zu viel geboten:
Die Gabe will stets Vergeltung.
Besser nichts gesendet als zu viel geschlachtet. —
So ritzt‘ es Odin im Anfang der Welt,
Dort stand er auf, als er zum andernmal kam .

- Edda

Hängeleben (3)

Percy Stuart

Bald lag die Erde wohl tausend Meter tief unter Percy Stuart,
und schon begann die Kraft in seinen Händen zu schwinden.

- Die großen Detektive, Das Geheimnis der Lüfte (Herbert Wulfner) Bd. 2. Hg. Werner Berthel, Frankfurt am Main 1980,it 368)

Hängeleben (4) Nehmet ein etwas stumpfes und ziemlich langes Eßmesser, fasset der Katzen die Haut auf dem Rücken mit der einen Hand, wickelt solche fein gehebe ein paarmal um die Schneide und Rücken des Messers herum, stecket das Messer also in die Wand, so wird die Katze daran hängenbleiben und die Sache ein wunderliches Aussehen bekommen. - (zauber)

Hängeleben (5)

VIERZEILER, DEN VILLON NACH DER VERKÜNDUNG SEINES TODESURTEILS SCHRIEB

Ich bin Franzose, was mir gar nicht paßt,
geboren zu Paris, das jetzt tief unten liegt;
ich hänge nämlich meterlang an einem Ulmenast
und spür am Hals, wie schwer mein Arsch hier wiegt.

- Aus: Die lasterhaften Balladen des François Villon. Nachdichtung von Paul Zech. München 1962 (dtv 43, zuerst ca. 1460)

Hängeleben (6) Zeus wandte sich mit seiner Rache gegen Prometheus. Er übergab den Verbrecher dem Hephaistos und seinen Dienern, dem Kratos und der Bia, dem Zwang und der Gewalt. Diese mußten ihn in die skythischen Einöden schleppen und hier, über einem schauderhaften Abgrund, an eine Felswand des Berges Kaukasus mit unauflöslichen Ketten schmieden; ungerne vollzog Hephaistos den Auftrag seines Vaters, er liebte in dem Titanensohn den verwandten Abkömmling seines Urgroßvaters Uranos, den ebenbürtigen Göttersprößling. Unter mitleidsvollen Worten und von den roheren Knechten gescholten, ließ er diese das grausame Werk vollbringen.

So mußte nun Prometheus an der freudlosen Klippe hängen, aufrecht, schlaflos, niemals imstande, das müde Knie zu beugen. «Viele vergebliche Klagen und Seufzer wirst du versenden», sagte Hephaistos zu ihm, « denn Zeus' Sinn ist unerbittlich, und alle, die erst seit kurzem die Herrschergewalt an sich gerissen, sind hartherzig.» - (sage)

Hängeleben (7)

- Helmut Newton

Hängeleben (8)

- (lor)

Hängeleben (10)

Alfred Hitchcock: "North by Northwest"

- Alfred Hitchcock, North by Northwest. Nach: François Truffaut, Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? München 1973

Hängeleben (11)

Hängeleben (12) Das Schiff unter mir konnte ich gerade noch wie eine lange schmale Planke im Wasser unterscheiden, und es war so, als gehöre es überhaupt nicht zu der Rahe, über der ich hing. Um den Flaggenknopf nur ein paar Ellen von meinem Gesicht entfernt kreiste eine Möwe oder sonst ein Seevogel, und ich fürchtete mich fast vor dem Geräusch. In einer solchen einsamen Höhe kam er mir vor wie ein Geist.

Obgleich die See ziemlich glatt war und nur eine leichte Brise ging, war in dieser außerordentlichen Höhe die Bewegung des Schiffes doch sehr stark, so daß ich, wenn es nach der einen Seite rollte, ein Gefühl hatte wie eine Fliege, die an der Stubendecke entlangspaziert, und wenn es sich zur anderen Seite neigte, glaubte ich an einer schwankenden Fichte zu hängen.

Aber dann hörte ich von unten eine ferne heisere Stimme, und obgleich ich nichts genau verstand, wußte ich, es war der Maat, der mich zur Eile antrieb. So begann ich in einer nervösen zitternden Verzweiflung, die Beschlagzeisinge, das heißt die Taue, mit denen die Segel hochgebunden sind, loszumachen, und als alles fertig war, sang ich aus, so wie mir aufgetragen war: „Klar zum Heißen!" Und dann hißten sie, und zwar gleichzeitig mich samt Rahe und Segel, denn ich hatte keine Zeit gehabt, davon runterzukommen, so unerwartet eilig hatten sie es damit. Es schien wie ein Zauber: da hing ich und stieg immer höher. Die Rahe hob sich unter mir, als ob sie lebte, und keine Menschenseele war zu sehen. Ohne es im Augenblick zu wissen, war ich in ziemlicher Gefahr, aber es war so dunkel, daß ich nicht genug sehen konnte, um mich zu fürchten. - Herman Melville, Redburn. Seine erste Reise. München 1967 (zuerst 1849)

Hängeleben (13)

- Bizarre Museum

Hängeleben (14)

ich häng an einem ast
die hand ist mir schon steif
der zweite ast, die zweite hand
sind weit.

vielleicht bin ich entzweit
mit mir und meiner zeit

- Ernst Jandl, Idyllen. Darmstadt 1989

Hängeleben (15)

- Franz von Bayros

Hängeleben (16) Ein 17 jähriger Bäckerlehrling hatte sich eine höchst merkwürdige Hängevorrichtung konstruiert und wurde eines Tages in dem Vorratsraum seines Meisters an der Sprosse einer Leiter hängend aufgefunden.

Bäckerlehrling

Um den Leib trug er einen breiten Ledergurt. Von diesem Gurt verlief nach den Oberschenkeln ein Strick, an dem etwa in der Mitte der Oberschenkel ein Lederriemen befestigt war. Beide Oberschenkel waren getrennt umschnürt, der linke durch den Lederriemen, der rechte durch eine Schlaufe des Strickes. Dieser ging dann durch die Gesäßspalte nach rückwärts, wandte sich wieder nach oben und verlief unter dem Leibgurt bis zur Halsgegend. Um den Hals war ein sauber gefaltetes Taschentuch umgelegt und darüber ein zweiter Lederriemen fest umgeschnürt. An ihm war der Fesselungsstrick befestigt, der dann die Leitersprosse umgriff und mit einem Karabinerhaken in einer Oese am Halsriemen eingehakt war. Der Halsriemen war straff gespannt und hatte die Strangulation bewirkt - (erot)

Hängeleben (17) Er sagt alles kann mit einem Schlag zusammenstürzen. Wir hängen nur an ein paar Fädchen, hundertmal geknotet.

Beschwört er den Tod? Nein. Er weiß nicht was. Er will es nicht wissen. Er knotet seine jämmerlich abgenutzten Fädchen. - (rp)

Hängeleben (18) Bei Strafe, in den Abgrund hinabstürzen, hinein in die Hölle der heutigen Welt (Mord, Folter, Lüge, politische Verfolgung, Hunger), muß ich in großer Höhe eine lange Linie, die aus den Buchstaben des Alphabets besteht, von einem Ende zum anderen durchlaufen. Indem ich mich mit beiden Händen anklammere und meine Beine ins Leere baumeln lasse, hangele ich mich von einem Buchstaben zum andern und werde jedes Mal von einem Schwindelgefühl gepackt, wenn ich, um mich weiterzuhangeln, mich nicht ohne Zögern dazu bestimmen lasse, einen weiteren Griff nach vorwärts zu tun. Von A ausgegangen, frage ich mich, ob ich die Kraft habe, bis Z zu gelangen, wo ich -wie ein Drahtseilkünstler, der nach der schwierigen Überquerung auf seiner Plattform angelangt ist - in Sicherheit sein werde. Ich habe große Lust aufzugeben, ebenso sehr wegen des körperlichen Schwindelgefühls wie aufgrund desjenigen, das auf das Bewußtsein von der Absurdität der Situation zurückgeht, aber wie soll ich es anfangen? Wenn ich mich dazu entscheiden würde, dann müßte ich nämlich entweder zu meinem Ausgangspunkt zurückkehren, ein Unterfangen, das genau so gefährlich ist wie das erste, oder aber bis zur Erschöpfung an dem Konsonanten oder dem Vokal hängenbleiben, über den ich auf meiner tastenden Bahn nicht hinausgelangt wäre. - (leiris2)

Hängeleben (19)

Am Hängetau

Das Hängetau ist lang und steil.
Jedoch die Übung an dem Seil
Ist heilsam und veredelt.
Dieweil du kletterst, wächst das Tau
Dir hintenraus und wedelt
Ala Wauwau.

Marie, die unten nach dir blickt,
Kommt mit der Quaste in Konflikt.

Ich wette um ein Faß Gelee:
Drei Meter über der Erde
Erfaßt dich plötzlich die Idee,
Du möchtest Seemann werden.

Der Kletterschluß mißlingt dir freilich.
Er klingt auch häßlich papageilich.
Schon dieserhalb und um so mehr
Schwankst du verzweifelt hin und her,
Als atemloser Pendel.
Und jäh umgibt dich in der Luft
Ein unartikulierter Duft
Sehr abseits von Lawendel.

Und dann erreichst du ganz verzagt
Den Balken unter Pusten,
Und weil Marie von unten fragt,
Und weil die Stimme dir versagt,
So fängst du an zu husten.

Die Dame frägt, ob schwindelfrei
Und schüttelt die Manilla.
Du mimst voll Angst und Heuchelei
Den schwärmenden Gorilla.
Doch weil allmählich Zeit vergeht
Und nirgends eine Leiter steht,
Entschließt du dich voll Grausen
Und präsentierst dein Hinterteil
Und angelst lange nach dem Seil
Und läßt dich plötzlich sausen.

Du plumpst der Dame auf die Brust
Und tust, als tätst du das bewußt,
Und blähst dich wie ein Segel.
Und nickst ein heiteres Allheil!
Und lachst und fühlst dich doch derweil
Teils Burschenschaft, teils Flegel.

Kein Mädchen, nicht einmal die Braut,
Sieht gerne Hände ohne Haut.

 

- Ringelnatz, Turngedichte

Hängeleben (20)

- (maso)

Hängeleben (21)  Er wartete, bis die Lichter sowohl auf der Straße wie auch im Graben näher kamen, und dann klammerte er sich mit der linken Hand an die Kante, wo ein paar Steine ihm Halt boten, grub die Fußspitzen in den nassen Boden und klebte am Abhang, flach wie eine Schnecke. Sich dort lange zu halten, erforderte ziemliche Kraft, aber die Muskeln seiner Arme und Beine waren wie Peitschenschnüre.

Der Mann, der im Graben suchte, wurde es bald leid; denn es war dort ziemlich naß, und er stieg zu seinen Kameraden auf die Straße hinauf. Die kamen dahergerannt, versuchten, mit ihren Laternen den Graben abzuleuchten und das Gelände zu sondieren.

Dann hörte man Räderrollen und Pferdegetrappel aus der entgegengesetzten Richtung. Michael und die verspätete Wagenkolonne kamen heran, überstürzt und in größter Eile. Eine schreckliche Sekunde lang dachte Pieter, sie fielen in den Graben herunter, wo er sich versteckt hatte. Die Räder kamen so nahe an den Straßenrand heran, daß sie ihm fast die Finger zerquetschten.  - John Buchan, Grünmantel. Zeichnungen von Topor. Zürich 1980 (zuerst 1916)

Hängeleben (22)

 - Jan Luyken, Folter des Geleijn Cornelus Breda 1572. Aus: "Märtyrerspiegel"

Hängeleben (23)

- Jean Cocteau 

Hängeleben (24)

Hängeleben (25)

Hängeleben (26)

- Vincent Desiderio

Hängeleben (27)

- Toyen

 Hängeleben (28)

- Illustration zu de Sade: Juliette oder Die Vorteile des Lasters

 Hängeleben (29)   Die Kathedrale wurde repariert, und es waren viele Arbeiter da, die sich überall zu schaffen machten, die Steinmetzen auf dem Platz und die Maurer, die ganz winzig klein waren, weil sie so hoch oben an den Turmspitzen arbeiteten. Eines Tages geschah ein Unglück. Ein Maurer stürzte ins Leere. Zum Glück war unser kleiner Küster da und sah wie gewöhnlich zu. Er streckte die Hand aus, und weil er alle kannte, rief er dem fallenden Mann zu: ›He, Juan, warte einen Augenblick, ich bitte den Herrn Pfarrer um Erlaubnis, ein Wunder tun zu dürfen!‹ Und er lief davon, um den Dekan zu suchen. Indessen hing der Maurer zwischen Himmel und Erde. Schon sammelten sich die Passanten an. Die anderen Arbeiter fluchten, denn sie fürchteten für das Leben ihres Kameraden. Ich zitterte und schloß die Augen. Als ich sie wieder öffnete, kam der Küster gerade zurück und schob und stieß den atemlosen alten Dekan vor sich her, und der Maurer hing immer noch in der Luft, mit dem Kopf nach unten, die Beine gespreizt und die Arme ausgestreckt, als wolle er das Gleichgewicht halten. Da rief ihn der Küster an: ›Heda, Juan, du kannst herunterkommen, der Herr Pfarrer ist einverstanden!‹ Und er hielt die rechte Hand hoch und dirigierte den Fall des Mannes bis zum Boden, wobei er ihm zurief: ›Hab keine Angst, Juan! Sachte, sachte, komm, mein Kleiner, komm! Langsam, ganz langsam, nimm dir Zeit!‹ Und er fing den Maurer mit der rechten Hand auf, denn die Linke taugte zu nichts, und er hatte sie immer in der Tasche.«  - Blaise Cendrars, Wahre Geschichten. Zürich 1979

 Hängeleben (30) 

- Ronald Searle

 Hängeleben (31) 

- A. Paul Weber

Hängeleben (32) Sie hing mit den Händen am Fenstersims, aber ihre Gedanken waren ganz woanders; sie weilten bei der Begegnung in der Bar vor sechs Monaten. Ein kalter Wind strich über ihre Füße.

>Es tut mir nicht leid, daß ich mit ihm geschlafen habe<, dachte sie. Aus ihrem trüben Alltag, aus dieser Hölle ragte diese Begegnung einsam und vollkommen heraus.

Sie preßte sich an die rauhe Betonwand; der Stein drückte gegen ihre Nase, ihre Wangen, ihre kleinen Brüste und den schwellenden Bauch bis hinunter zu ihren Knien. Mit jedem Moment schien ihr Körper stärker an den dürren Armen zu ziehen. Wenn ihre Arme das Gewicht nicht mehr halten konnten, ihre jetzt schon tauben Finger unter der Belastung nachgaben, dann würde sie loslassen und vom siebten Stock in die Tiefe stürzen. Nur noch ein wenig Geduld - zwei Minuten, vielleicht drei. - Masako Togawa, Schwestern der Nacht. München 1990

Hängeleben (33) Der Graf hat die Passion, drei Frauen über Öffnungen aufzuhängen. Die eine wird an die Zunge gehängt und die Öffnung unter ihr ist ein sehr tiefer Brunnen; die zweite wird an die Brüste gehängt und die Öffnung unter ihr ist ein Recken mit glühenden Kohlen; die dritte bekommt einen Schnitt rings um den Kopf, wird an den Haaren aufgehängt und die Öffnung unter ihr ist mit Eisenspitzen besetzt. Wenn Zunge, Brüste und Haare nachgeben und sie stürzen, entgehen sie der einen Qual nur, um in die andere zu fallen. Wenn er kann, nimmt er drei schwangere Frauen, sonst drei, die einer Familie angehören.  - (sad)

Hängeleben (34)

- Bernard Montorgueil

Hängeleben (35)

Hängeleben (36)

Hängeleben (37)

Hängeleben (38)

Hängeleben (39)

- Jerome Abramovitch

Hängeleben (40)

- Alex Varenne

Hängeleben (41)

Hängeleben (42)

- N. N.

Hängeleben (43)

- Itou Junji [?]

Hängeleben (44) auch die die 400 meter über dem boden mit den zähnen an das seil gehängt sind entgehen nicht den totstürzen. nur batman macht so leicht keiner dumm, und dabei müs sen sie noch gute miene zum bösen spiel machen um sich nicht auslachen zu lassen, affen mensch und fleder mausmensch die beiden toppesgilt binden sich gegen seitig ihre schlackwürste vor die augen bedecken die ohren mit dem eigenen gerinnern kauern sich kriechen einer in den andren fast hinein umschliessen einander fest oh so fest, so als wollten sie sich nicht mehr los lassen. - (loc)

Hängeleben (45)

- N. N.

Hängeleben (46)

 

- N. N.

Hängeleben (47) Als einziger Weg in die Grube erweist sich die Stahltrosse eines Flaschenzugs, der von einer Laufkatze an der Decke baumelt. Ein feister Gefreiter aus dem tiefen Süden lümmelt neben der Schalttafel und nuckelt an einer Flasche Wein. «Na, dann man los, Kamerad, kriegst 'ne Fahrt erster Klasse. Wie man die Dinger bedient, hab ich bei der WPA gelernt.» lan Scuffling zwirbelt seinen Schnurrer in etwas, das er für eine markige Note hält und hangt sich, einen Fuß in der Schlinge, den anderen frei schwingen lassend, ans Seil. Ein Elektromotor beginnt zu jaulen. Slo-throp läßt das Stahlgeländer los und klammert sich mit beiden Händen an das Kabel, während sich unter ihm fünfzehn Meter zwielichtiger Abgrund auftun. Hm ...

Wie er so hinausrollt über Stollen 41, tief unter sich taumelnde Köpfe und Bierschaumfetzen, die wie Fackeln durch die Schatten geistern, stoppt plötzlich der Motor, und er fällt wie ein Stein. O verdammt. «Zu jung!» kreischt er, seine Stimme überschlägt sich in schrillem Diskant, klingt wie ein Teenager im Radio, was ihm normalerweise peinlich wäre, aber da rast schon der Betonboden auf ihn zu, jede Verschalungsrille kann er sehen, jedes dunkle Kristall thüringischen Sandes, über den es ihn hinspritzen wird, und kein einziger Körper in der Nähe, der ihn mit glimpflichen Mehrfachbrüchen davonkommen ließe... Drei Meter vor Null steigt der Südstaatler in die Bremse. Irres Gelächter von oben und hinten. Das Kabel, straff gespannt, singt unter Slothrops Hand, bis er den Griff verliert, fällt und sanft schaukelnd, kopfunter am Fuß hängend, zwischen die um das Faß gescharte Festgemeinde transponiert wird, die sich, an diese Art der Ankunft längst gewöhnt, nicht vom Singen abhalten läßt:

'nen General gab es mal namens Pope,
Der liebte ein Oszilloskop.
Es war die zwinkernde Röhre,
Die ihn derart betörte,
Daß man ihn seiner Ämter enthob.

- Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel. Reinbek bei Hamburg 1981

Hängeleben (48)  

VIERZEILER DEN VILLON MACHTE, ALS ER ZUM TOD VERURTEILT WURDE.

Ich bin Franzose, was mich bitter kränkt,
geboren in Paris, das bei Pontoise liegt,
an einem klafterlangen Strick gehenkt,
und spür am Hals, wie schwer mein Hintern wiegt.

- François Villon, nach: F. V., Lieder und Balladen. Zürich 1987 (Übs. K. L. Ammer, zuerst 1907)

Hängeleben (49)  

- Georges Pichard

Faultier Leben Hängen
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