atz    »Ich habe keine Phantasie«, wiederholte Babel eigensinnig. »Ich sage das in vollem Ernst. Ich kann nichts erfinden. Ich muß alles wissen, bis in die letzte Verästelung hinein, sonst kann ich nicht schreiben. Auf meinem. Schild ist die Devise ›Echtheit‹ eingegraben! Deshalb schreibe ich auch so langsam und so wenig. Ich habe es sehr schwer. Jede Erzählung läßt mich um Jahre altern. Was, zum Teufel, soll mir mozartsches Wesen, Heiterkeit und unbeschwerter Flug der Phantasie! Ich habe irgendwo geschrieben daß sich das Asthma, dieses unerklärliche Gebrechen, das meinen schwachen Körper schon seit der Kindheit quält, rasch altern läßt. Das alles ist Schwindel! Wenn ich schreibe, dann mühe ich mich noch über der kleinsten Erzählung wie ein Erdarbeiter ab, wie einer, der den Mount Everest abträgt — bis auf den Grund. Wenn ich mit einer Arbeit beginne, glaube ich immer, daß sie über meine Kräfte geht. Es kommt vor, daß ich vor Müdigkeit weine. Mir schmerzen bei dieser Arbeit sämtliche Blutgefäße. Mein Herz krampft sich zusammen, wenn irgendein Satz nicht gelingen will. Und wie oft gelingen sie nicht, diese verdammten Sätze!«   - Konstantin Paustowskij, Die Zeit der großen Erwartungen, nach (babel)

Satz (2)   Die Klarheit und Kraft der Sprache besteht gar nicht darin, daß man zu einem Satz nichts mehr hinzufügen kann, sondern darin, daß man aus ihm nichts wegstreichen kann. - Isaak Babel, nach: Konstantin Paustowskij, Die Zeit der großen Erwartungen, nach (babel)

Satz (3)

der satz verliert sich
in unzehlige setze
er ist unersettlich
das ist entsätzlich
es wehre vergäblich
ihn stoppen zu wollen
er ist unverlätzlich
hesslich bin ich sälbst

   - Ernst Jandl, Idyllen. Darmstadt 1989

Satz (4)   An einem Abend, an dem er länger als angebracht seinen Aperitif im Schwan ausdehnt, bekommt er die Bekenntnisse eines Betrunkenen zu hören der ihm zwischen zwei Rülpsern sagt ohne den Arsch fehlt dem Leben das Salz. Monsieur Traum ist sehr prüde und antwortet nichts. Doch als er wieder in seinem Zimmer ist schreibt er die Worte des Betrunkenen auf. Und er sagt dieser Spruch verschließt mir den Mund. Er ist trotz seiner groben Worte mit dem des alten La Fontaine verwandt, mehr Liebe mithin mehr Freude. Aber ist er nicht freimütiger?

Und dann fügt er hinzu immerhin, in meinem Alter bin ich es mir schuldig anders zu denken. Da ist die Zärtlichkeit, die Güte... Und es gibt andere Blickwinkel, höhere. Die Pflicht, die Hoffnung...

Er denkt weiter nach und fügt hinzu ich sehe darin zwar Gründe zu leben, aber kein Salz. Und dann unterbricht er beschämt seine Überlegung. - (rp)

Satz (5)  Nachdem er dreißig Jahre lang auf einen einzigen wahren Satz gestarrt hatte, entdeckte er, daß dessen Gegenteil ebenso wahr war. Wochenlang lachte er in den Klauen eines gegen sich gewendeten grimmigen Hohns. Der Lüge, an die er seine Trosse gebunden hatte, verlustig gegangen, rollte er trunken über das ihn umgebende Feld, bis die neue Richtung seinem verdrehten Geist ein Licht aufzusetzen begann. Was für ein Idiot er gewesen war, sich je zur Ernsthaftigkeit verführen zu lassen.    - (kore)

Satz (6)   Nachstehend gebe ich neun Auszüge, sorgfältig ausgelesen aus vielen Seiten Output aus einer späteren Version meines Computer-Programms. Dazwischen stehen drei (ernstgemeinte) von Menschen verfaßte Sätze. Welche?

1) Ausplaudern kann als die reziproke Substitution von semiotischem Material (Benennung) für ein semiotisch-dialogisches Ergebnis in einer dynamischen Reflexion betrachtet werden.

2) Denke vielmehr an den Weg einer "Sequenz" gedankenexperimentaler Dummköpfe, wo Verwandtschaftsbeziehungen ein evidenter Fall einer paradiachronischen Transitivität sind.

3) Denke an das als eine Möglichkeit der Stärke einer Kette von etwas, das schließlich als Ergebnis herauskommt (epistemische Bedingungen?), und das Ergebnis ist nicht ein frankfurtermäßiges Alles-Zusammenpacken.

4) Trotz der Anstrengungen wurde die Antwort, wenn man so will, durch den Orient unterstützt; deshalb wird der Trugschluß suspendiert werden durch die Haltung, die der Botschafter einnimmt.

5) Natürlich hat der Botschafter, bis zum Aufstand, allmählich den Pöbel verwöhnt.

6) Angeblich verursachte verfeinerte Freiheit die Ansichten insofern, als der Friede durch die Konsequenzen destilliert wird, der nicht schließlich durch den Befehl unwiderruflich verursacht wird und damit die Unversöhnlichkeit unendlich erstaunlich macht.

7) Gemäß den Sophisten wurden in anderen Worten die Feldzüge in den Stadtstaaten des Orients listig aufgenommen. Natürlich war der Orient von den Staaten auf besonders heftige Weise getrennt.

Der Orient unterstützt alle Anstrengungen, die von der Menschheit unterstützt worden sind.

8) Zugegeben: Der hierarchische Ursprung des Trugschlusses wird nichtsdestoweniger von seinen Feinden vorausgesagt. Gleichermaßen werden die Individualisten bezeugt haben, daß Unversöhnlichkeit die Feldzüge nicht beendet hat.

9) Natürlich trennen während der Wirren, die Geheimhaltung rechtfertigen, die Antworten den Orient nicht. Selbstverständlich erproben die Länder ipso facto immer die Freiheit.

10) Obgleich ein Nobelpreis von den Humanisten erlangt wurde, wurde er trotzdem zusätzlich durch den Sklaven errungen.

11) Eine Ansicht wird oft von den Sklaven einer vom Hader zerrissenen Nation vertreten.

12) Außerdem werden die Nobelpreise errungen werden. Gleichermaßen werden die Nobelpreise, die errungen werden, trotz der Konsequenzen manchmal von einer Frau errungen. - (hof)

Satz (7)  Der Satz sagt nur insoweit etwas aus, als er ein Bild ist. - Ludwig Wittgenstein

Satz (8)   Der Ausdruck „Satz" hat natürlich im mathematischen Sprachgebrauch eine Bedeutung, die ganz anders ist als die unsrige. Er bedeutet eine Aussage in gewöhnlicher Sprache, die durch rigorose Beweisführung als wahr erkannt worden ist, wie Zenos Satz von der „Unexistenz" der Bewegung oder Euklids Satz von der Unendlichkeit der Primzahlen. In einem formalen System aber braucht man SÄTZE nicht als Aussagen zu betrachten - sie sind lediglich Symbolketten. Und sie werden nicht bewiesen, sondern einfach wie von einer Maschine nach gewissen typographischen Regeln erzeugt. - (hof)

Satz (9)   Das literarische Werk ist ein künstliches Gebilde mit Ungewissem und ironisch fatalem Schicksal: es schließt, ad infinitum, andere künstliche Gebilde in sich; in einem metallisch gehämmerten Satz birgt sich eine schwirrende Metapher; sezieren wir die Metapher, so setzen wir harte, exakte Worte frei, Gehäuse glänzender Phänomene. Im Satzkörper ordnen sich die Worte zu zügelloser Strenge, wie abstrakte Tänzer eines Zeremoniells. Sie versuchen die Hypal-lage, die sie in ein reziprokes Aphelium versetzt. Oder das Chiasma, das ihnen spiegelbildliche Unbeweglichkeit aufzwingt. Sie richten sich in Reih und Glied zur skandierten Prozession der Anaphora; erdreisten sich die Kreiselbewegung des Oxymorons, wagen die sanfte Ungebärdigkeit des Anakoluths. Die Thmesis mimt den schizophrenen Anfall, das Horneotheleuton ist pure Echolalie. -Die Sprachstruktur des Irrsinns findet ihre Entsprechung in der rhetorischen Artikulation. Der paranoische Redeschluß vollendet sich im manisch-depressiven Monolog. Ewig gleichbleibendes Ziel der rhetorischen Erfindung ist das Streben nach einem unbeugsamen Doppelsinn. Es ist dem Schriftsteller auferlegt, mit immer schärferer Bewußtheit an einem Text zu arbeiten, dessen Sinn immer unverständlicher wird. Eisige Exorzismen entfesseln den dynamischen Ungestüm der Spracherfindung.

Den Bildern, Worten, verschiedenen Strukturen des literarischen Gegenstandes werden Bewegungen aufgezwungen, die die Strenge und die Willkür des Zeremoniells besitzen. Und in der Tat, im Zeremoniell erreicht die Literatur den Gipfel der mystifizierenden Offenbarung. Alle Götter und Dämonen gehören ihr, da sie tot sind. Wie könnte es anders sein: sie selbst hat sie getötet.  - Giorgio Manganelli, Literatur als Lüge. Nach (man)

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