rneuerung  Lord Bacon vermutet, daß es gleich schmerzlich sein kann, geboren zu werden oder zu sterben. Das scheint glaubhaft zu sein, und während der ganzen Zeit, da ich die Opiumdosis verminderte, war ich den Qualen eines Menschen ausgesetzt, der von einem Existenzzustand in den anderen übergeht und den vereinten oder sich abwechselnden Schmerzen der Geburt und des Todes unterworfen ist. Das Ergebnis war nicht Tod, sondern eine Art physischer Erneuerung; und seitdem, das darf ich hinzufügen, spüre ich von Zeit zu Zeit immer wieder, wie in mir mehr als jugendliche Gefühle wach werden. - Thomas de Quincey, Bekenntnisse eines englischen Opiumessers. Leipzig 1981 (Gustav Kiepenheuer Bücherei 32, zuerst 1822)

Erneuerung (2)  Wenn ich ein Thier, sei es ein Hund, ein Vogel, ein Frosch, ja sei es auch nur ein Insekt, tödte; so ist es eigentlich doch undenkbar, daß dieses Wesen, oder vielmehr die Urkraft, vermöge welcher eine so bewunderungswürdige Erscheinung, noch den Augenblick vorher, sich in ihrer vollen Energie und Lebenslust darstellte, durch meinen boshaften, oder leichtsinnigen Akt zu Nichts geworden seyn sollte. — Und wieder andererseits, die Millionen Thiere jeglicher Art, welche Jeden Augenblick, in unendlicher Mannigfaltigkeit, voll Kraft und Strebsamkeit ins Daseyn treten, können nimmermehr vor dem Akt ihrer Zeugung gar nichts gewesen und von nichts zu einem absoluten Anfang gelangt seyn. - Sehe ich nun auf diese Weise Eines sich meinem Blicke entziehn, ohne daß ich je erfahre, wohin es gehe; und ein Anderes hervortreten, ohne daß ich je erfahre, woher es komme; haben dazu noch Beide die selbe Gestalt, das selbe Wesen, den selben Charakter, nur allein nicht die selbe Materie, welche jedoch sie auch während ihres Daseyns fortwährend abwerfen und erneuern; — so liegt doch wahrlich die Annahme, daß Das, was verschwindet, und Das, was an seine Stelle tritt. Eines und das selbe Wesen sei, welches nur eine kleine Veränderung, eine Erneuerung der Form seines Daseyns, erfahren hat, und daß mithin was der Schlaf für das Individuum ist, der Tod für die Gattung sei.  - (wv) 

Erneuerung (3)   Ich warf ein, daß Ignosi durch ein Meer von Blut zur Macht geschwommen sei. Der alte Feldherr zuckte die Achseln.

»Ja«, erwiderte er, »aber das Volk der Kukuana kann nur im Zaum gehalten werden, wenn es zuweilen zur Ader gelassen wird. Gewiß wurden viele getötet, aber die Frauen sind ja übrig geblieben, und andere müssen bald heranwachsen, die den Platz der Gefallenen einnehmen. So wird das Land für eine Weile Ruhe haben.« - Henry Rider Haggard, König Salomons Schatzkammer. Zürich 1982  (zuerst 1885)

Erneuerung (4)   In der Tür zum inneren Büro blieb Ed abrupt stehen. Er erstarrte. Das innere Büro - es war verändert.

Seine Nackenhaare sträubten sich. Kalte Angst packte ihn und preßte ihm die Luftröhre zusammen. Das innere Büro war anders. Langsam wandte er den Kopf und betrachtete alles von oben bis unten: die Schreibtische, Stühle, Lampen, Aktenschränke und Bilder.

Veränderungen. Kleine Veränderungen. Fast unmerklich. Ed schloß die Augen und öffnete sie langsam wieder. Er war auf der Hut, sein Atem ging schnell, sein Puls raste. Es war verändert, richtig. Daran bestand kein Zweifel.

»Was ist los, Ed?« fragte Tom. Die Kollegen beobachteten ihn neugierig und hielten in ihrer Arbeit inne.

Ed sagte nichts. Langsam ging er weiter ins innere Büro. Das Büro war überholt worden. Das spürte er. Dinge waren erneuert worden. Neu geordnet. Nichts Offensichtliches - nichts, worauf er mit dem Finger deuten konnte. Aber er spürte es.

Joe Kent begrüßte ihn voller Unbehagen. »Was ist los, Ed? Du siehst aus wie ein begossener Pudel. Ist irgendwas -?«

Ed musterte Joe. Er war anders. Nicht derselbe. Was war das bloß?

Joes Gesicht. Es war ein wenig voller. Sein Hemd war blau gestreift. Joe hatte nie blaue Streifen getragen. Prüfend betrachtete Ed Joes Schreibtisch. Er sah Papiere und Rechnungen. Der Schreibtisch - er stand zu weit rechts. Und er war größer. Es war nicht derselbe Schreibtisch.

Das Bild an der Wand. Es war nicht dasselbe. Es war ein anderes Bild. Und die Sachen oben auf dem Aktenschrank - manche waren neu, andere verschwunden.

Er blickte durch die Tür zurück. Jetzt, wo er darüber nachdachte, war Miss Evans' Haar anders, anders frisiert. Und heller.

Mary hier drinnen, drüben beim Fenster, feilte sich die Nägel — sie war größer, voller. Ihre Geldbörse lag vor ihr auf dem Schreibtisch - eine rote, gestrickte Geldbörse.

»Haben Sie diese Geldbörse . . . schon immer gehabt?« fragte Ed.

Mary blickte auf. »Was?«

»Die Geldbörse. Hatten Sie die schon immer?«

Mary lachte. Sie strich sich den Rock um die wohlgeformten Schenkel glatt, ihre langen Wimpern klimperten sittsam. »Warum, Mr. Fletcher? Was meinen Sie?«

Ed wandte sich ab. Er wußte es. Selbst wenn sie es nicht wußte. Sie war neu gerichtet worden — verändert: ihre Geldbörse, ihre Kleider, ihre Figur, alles an ihr. Keiner von ihnen wußte es — außer ihm. Vor Verwirrung drehte sich ihm der Kopf. Sie waren alle verändert. Sie alle waren anders. Sie waren alle neu geformt, umgearbeitet worden. Kaum merklich - aber dennoch.

Der Papierkorb. Er war kleiner, nicht mehr derselbe. Die Jalousien - weiß, nicht elfenbeinfarben. Die Tapete hatte nicht das gleiche Muster. Die Lampen . . .

Endlose, kaum merkliche Veränderungen.

Ed ging zurück ins innere Büro, hob die Hand und klopfte an Douglas' Tür.

»Herein.«

Ed schob die Tür auf. Nathan Douglas blickte ungeduldig auf. »Mr. Douglas -«, begann Ed. Unsicher betrat er das Zimmer - und blieb stehen.

Douglas war nicht derselbe. Ganz und gar nicht. Sein ganzes Büro war verändert: die Teppiche, die Vorhänge. Der Schreibtisch war aus Eiche, nicht aus Mahagoni. Und Douglas selbst...

Douglas war jünger, dünner. Sein Haar braun. Seine Haut nicht so rot. Sein Gesicht glatter. Keine Falten. Glattrasiertes Kinn. Die Augen grün, nicht schwarz. Er war ein völlig anderer Mann. Zwar immer noch Douglas - aber ein anderer Douglas. Eine andere Version!

»Was ist los?« fragte Douglas ungeduldig. »Oh, Sie sind's, Fletcher. Wo waren Sie heute vormittag?«

Ed wich zurück. Schnell.

Er schlug die Tür zu und eilte durch das innere Büro zurück. Tom und Miss Evans blickten erstaunt auf. Ed lief an ihnen vorbei und riß die Flurtür auf.

»He!« rief Tom. »Was -?«

Ed eilte den Flur hinunter, von Entsetzen gepackt. Er mußte sich beeilen. Er hatte es gesehen. Er hatte nicht viel Zeit. Er erreichte den Fahrstuhl und drückte den Knopf.

Keine Zeit.

Er rannte zur Treppe und lief hinunter. Er erreichte den zweiten Stock. Sein Entsetzen wuchs. Es kam auf jede Sekunde an.

Sekunden!

Das Telefon. Ed stürzte in die Telefonzelle. Er zog die Tür hinter sich zu. Verstört steckte er ein Zehncentstück in ":, den Schlitz und wählte. Er mußte die Polizei anrufen. Mit klopfendem Herzen hielt er den Hörer an sein Ohr.

Sie warnen. Veränderungen. Jemand pfuschte an der  Realität herum. Erneuerte sie. - Philip K. Dick, Menschlich ist ...  Zürich  1996

Erneuerung (5)  Ich habe es nie bereut, daß ich Drogen genommen habe. Ich glaube, daß ich nach all den Jahren, in denen ich - mit gelegentlichen Unterbrechungen - auf Junk war, heute bei besserer Gesundheit bin, als ich es wäre, wenn ich nie süchtig geworden wäre. Wer nicht mehr wächst, der hat schon angefangen zu sterben. Ein Süchtiger hört nie auf, zu wachsen. Die meisten machen von Zeit zu Zeit einen Entzug, was zur Folge hat, daß der Organismus zunächst schrumpft und dann die junk-abhängigen Zellen nach und nach ersetzt. Der Körper eines Süchtigen befindet sich in einem ständigen Prozeß von Zellschrumpfung und Erneuerung, von einem Schuß zum nächsten.  

Die meisten Süchtigen sehen jünger aus, als sie in Wirklichkeit sind. Wissenschaftler haben kürzlich den Schrumpfungsprozeß an einer Spezies von Würmern durchgeführt - durch Nahrungsentzug. Durch periodisches Schrumpfen wurde der Wurm in einem permanenten Zustand der Zellerneuerung gehalten; sein Leben ließ sich dadurch beliebig verlängern. Wenn sich ein Junkie in einem permanenten Zustand des Entzugs halten könnte, würde er vielleicht ein phänomenales Alter erreichen. - William S. Burroughs, Vorwort zu (jun)

Erneuerung (6)  Im Paradies werden uns die Huris bedienen, das sind Jungfrauen mit Augen wie Sterne, von unvergänglicher Jungfräulichkeit, die sich unter den Küssen immer wieder erneuert, und deren Speichel so zart ist, daß, fiele ein Tropfen in den Ozean, alles Wasser davon süß werden würde. - Du Ryère, Le Coran (Amsterdam, 1770), nach (boc)

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