Prozession  

 
 

"Triumph des Phallus"

- Nach Francesco Salviati

Prozession (2) Schließlich konnte kein Zweifel mehr daran bestehen, daß das Rufen aufgehört hatte und daß die Menge jetzt sang. Das Lied hatte Gerald nie zuvor gehört, aber etwas in der Weise, wie es gesungen wurde, überzeugte ihn davon, daß es ein nach einem altertümlichen Volkslied gesetzter Hymnus oder Psalm war. Wieder näherte sich die Menschenmenge; diesmal stetig, doch mit seltsam unendlicher Langsamkeit.

»Was zur Hölle treiben sie jetzt?« fragte Gerald aus der Schwärze, seine Nerven waren so angespannt, daß er die dumme Frage stellen mußte.

Offensichtlich hatte die Masse ihren Pilgerzug zu Ende geführt und kam auf der Hauptstraße vom Meer zurück. Die Sänger schienen zu keuchen und schwanken als seien sie von fröhlichen Spielen erschöpft, wie Kinder auf einem Fest. Man vernahm ein ständiges gedämpftes Scharren und Schlurfen. Zeit verging und noch einmal mehr Zeit. Phrynne sprach. »Ich glaube, sie tanzen.« Sie bewegte sich etwas, als wolle sie gehen und nachschauen. »Nein, nein«, sagte Gerald und umklammerte sie wild. Unten im Erdgeschoß erfolgte eine ungeheure Erschütterung. Die Haustür war gewaltsam aufgesprengt worden. Sie konnten hören, wie sich das Hotel mit dem stampfenden, singenden Mob füllte.

Überall krachten Türen, und Möbel wurden umgestürzt, als die glückselige Rotte durch die einhüllende Finsternis des alten Gebäudes wogte und stolperte. Gläser gingen zu Bruch und Porzellan und Messingwärmflaschen aus Birmingham. Im Nu hörte Gerald die japanische Rüstung zu Boden krachen. Phrynne kreischte. Dann rammte eine mächtige, in Meeresstürmen stark gewordene Schulter die Täfelung und ihre Zimmertür zerbarst.

Die Lebenden und Toten tanzen in die Runde.
Es ist so weit. An diesem Ort. Zu dieser Stunde

Zuletzt verstand Gerald die Worte.

Häufige Wiederholungen hämmerten die Betonungen des Liedes ein.

Hand in Hand polterten und strauchelten die Tänzer durch die trübe graue Türlücke, sie sangen rasend aber gebrochen; ekstatisch aber erschöpft. Sie wankten und torkelten durch die schwüle Finsternis, immer mehr von ihnen, bis das Zimmer gedrängt voll war.

Phrynne kreischte wieder. »Der Gestank, oh, der Gestank!«

Es war der Gestank, dem sie am Strand begegnet waren; in dem überfüllten Zimmer wirkte er nicht nur unangenehm, sondern widerlich, unaussprechlich.

Phrynne wurde hysterisch. Sie hatte alle Selbstbeherrschung verloren, biß, kratzte und schrie in einem fort. Gerald versuchte sie festzuhalten, aber einer der Tänzer in der Dunkelheit schlug ihn so hart, daß sie aus seinen Armen geschleudert wurde. Gleich darauf schien es, als sei sie überhaupt nicht mehr da.

Überall drängten sich die Tänzer, ihre Gliedmaßen wirbelten, die Lungen schwollen im Rhythmus des Gesanges. Schon nach ihr zu rufen fiel Gerald schwer. Er versuchte, sich zu Phrynne durchzukämpfen, aber gleich warf ihn ein kräftiger Ellenbogenstoß zu Boden, in einen Abgrund unsichtbarer, trampelnder Füße.

Doch bald verschwanden die Tänzer wieder; nicht nur aus dem Zimmer, auch aus dem Gebäude wie es den Anschein hatte. Zerschunden und schmerzgepeinigt, wie er sich fühlte, konnte Gerald dennoch hören, wie auf der Straße das Lied wieder angestimmt wurde, als die verschiedenen tobenden Gruppen losmarschierten und sich erneut zusammenschlössen. Bald herrschte drinnen nur noch das Chaos, die Finsternis und der faulige Gestank. - Robert Aickman, Wechselgeläut. In: Das unsichtbare Auge. Eine Sammlung von Phantomen und anderen unheimlichen Erscheinungen. Hg. Kalju Kirde. Frankfurt am Main 1979 (st 477, zuerst 1862)

Prozession (3, japanische)

 - N.N.

Prozession (4) Da kamen sie, zwischen Pistolen und Hunden, Scheinwerferlicht im Gesicht; die einen wurden erst zusammengetrieben, andere waren schon auf dem Weg zur Piazza Nicosia, wo das Polizeipräsidium lag. Und immer noch kamen Frauen, aus allen Ecken und Enden, verstört, wie Verurteilte, die zur Hinrichtung schreiten.

Schakals Großmutter latschte neben all den bewaffneten Männern her; sie wirkte noch kleiner als sonst, wie ein Äffchen, eine Ameise; ihre Hände schienen zum Gebet gefaltet, sie ließ verschämt die Augen schweifen, als bäte ein kleines Mädchen um Verzeihung. Sie schlurfte mit ihren Holzschuhen durch den Dreck, trug ein grünes Jäckchen, und all die schlohweißen Haare standen ihr wie grelle Flammen um den dunklen Kopf; sie schien zu lächeln, aus zahnlosem Mund, als ginge sie in einer Prozession mit. - Pier Paolo Pasoloni, Vita Violenta. München 1983 (zuerst 1959)

Prozession (5)   Beim Klange des Meßglöckleins zog, geführt von einem Kreuzträger mit Akoluthen, Rauchfaßschwingern, Schiffchenträgern, Vorlesern, Türhütern, Diakonen und Subdiakonen, die gesegnete Schar der mitrengeschmückten Äbte, Prioren, Bistumsverweser, Mönche und geistlichen Brüder heran: die Mönche Benedikts von Spoleto, Kartäuser und Kamaldulenser, Zisterzienser und Olivetaner, Oratorianer und Vallombrosaner, und die Mönche Augustins, Brigittiner, Prämonstratenser, Serviten, Trinitarier, und die Kinder Peters von Nola: und mit ihnen vom Berge Karmel die Kinder des Propheten Elias, geführt von Bischof Albert und von Therese von Avila, beschuht und auch nicht: und braune und graue Mönche, Söhne des armen Franziskus, Kapuziner, Kordelier, Minimen und Obser-vanten und die Töchter Claras: und die Söhne Dominiks, die Predigermönche, und die Söhne Vinzents: und die Mönche von St. Wolstan: und Ignatius mit seinen Kindern: und die Kongregation der Christian Brothers, geführt von Hochwürden Edmund Ignatius Rice. Und nach ihnen kamen alle Heiligen und Märtyrer, Jungfrauen und Bekenner: St. Cyr und St. Isidor Arator und St. Jakob der Jüngere und St. Phokas von Sinope und St. Julian Hospitator und St. Felix von Cantalice und St. Simon Stylites und St. Stephan Protomartyr und St. Johann von Gott und St. Ferreol und St. Leugarde und St. Theodot und St. Vulmar und St. Richard und St. Vincent de Paul und St. Martin von Todi und St. Martin von Tours und St. Alfred und St. Joseph und St. Denis und St. Cornelius und St. Leopold und St. Bernhard und St. Terenz und St. Edward und St. Owen Caniculus und St. Anonymus und St. Eponymus und St. Pseudonymus und St. Homonymus und St. Paronymus und St. Synonymus und St. Laurence O'Toole und St. Jakob von Dingle und Compostella und St. Columcille und St. Coluniba und St. Coelestin und St. Colman und St. Kevin und St. Brendan und St. Frigidian und St. Senan und St. Fachtna und St. Columbanus und St. Gallus und St. Fursey und St. Fintan und St. Fiacre und St. Johann Nepomuk und St. Thomas von Aquin und St. Ives von der Bretagne und St. Michan und St. Hermann-Joseph und die drei Patrone der heiligen Jugend St. Aloysius Gonzaga und St. Stanislaus Kostka und St. John Berchmans und die Heiligen Gervasius, Servasiüs und Bonifazius und St. Bride und St. Kieran und St. Canisius von Kilkenny und St. Jarlath von Tuam und St. Finbarr und St. Pappin von Ballymun und Bruder Aloysius Pacificus und Bruder Louis Bellicosus und die heiligen Rosas von Lima und von Viterbo und St. Martha von Bethanien und St. Maria von Ägypten und St. Luda und St. Brigitta und St. Attracta und St. Dympna und St. Ita und St. Marion Calpensis und die Selige Schwester Teresa vom Kinde Jesus und St. Barbara und St. Scholastica und St. Ursula mit elftausend Jungfrauen. Und alle kamen sie mit Nimben und Aureolen und Glorien und trugen Palmenzweige und Harfen und Schwerter und Kronen aus Ölzweigen und waren in Gewänder gekleidet, darein gewoben waren die gesegneten Symbole ihrer Wirkenskraft, Tintenfässer, Pfeile, Brotlaibe, irdene Töpfe, Fesseln, Beile, Baume, Brücken, Kinder in einem Badezuber, Muscheln, Geldsäckel, Scheren, Schlüssel, Drachen, Lilien, Rehposten, Bärte, Schweine, Lampen, Blasbälge, Bienenkörbe, Suppenkellen, Sterne, Schlangen, Ambosse, Vaselinedosen, Glocken, Krücken, Zangen, Hirschgeweihe, wasserdichte Stiefel, Falken, Mühlsteine, Augen auf einer Schüssel, Wachslichte, Weihwedel, Einhörner.  - (joy)

Prozession (6)  Sie schaut sich die Ansammlung von Prostituierten an, die den Bürgersteig bevölkern, die Autos, die langsam an ihnen vorbeifahren, wie bei einer Prozession, und nichts wäre den Nutten lieber, als daß es wirklich eine Prozession wäre, eine endlose Schlange von Autos, tausende und abertausende, ein Strom von Freiern, die kommen und gehen, kommen und gehen, aber in Wirklichkeit ist es nur ein sporadisches Tröpfeln, jetzt einer, dann eine unendlich lange Pause, dann noch einer, vor allem Spanner, die langsam an ihnen vorbeifahren, unentschlossen, die einen Blick auf die Ware werfen und sie begutachten. Die nicht, die auch nicht, ich werde noch eine Runde drehen, mal sehen. Es wird erzählt, in Deutschland, in Hamburg, gebe es eine Straße, in der die Nutten in Schaufenstern sitzen, in ihrem Neglige, mit ihrem Bett und allem Drum und Dran. Sie würde das gerne ausprobieren. Sie würde gerne alles ausprobieren. Erfahrungen bereichern das Leben. Ihr Leben ist reich an Erfahrungen. Aller Art.

Sie schenkt den Spannern ihr strahlendstes Lächeln, das die beste aller Nummern verspricht, fröhlich und phantasievoll, schaut mich an, wählt mich aus, ich bin vom Zirkus. (In einem anderen Tonfall, bedrohlich:) Ich bin vom Zirkus. Schlangenfrau, Kunstreiterin, Zauberin, ich zaubere dir die Muschi wer-weiß-woher, Clownin, ich erzähle Witze, daß euch Hören und Sehen vergeht. Wenn du willst, höre ich nicht auf zu reden, ich erzähle die größten Schweinereien, die du dir vorstellen kannst, zwei Wörter von mir und du kriegst ihn hoch, du kriegst einen roten Kopf und einen steifen Schwanz. Ich nenne ihn am liebsten Schwanz. Das klingt gut. Hast du gehört? Schwanz klingt gut. Wie nennst du ihn? Schwanz, Schwengel, Fimmel, Pint? Ich habe einmal einen gekannt, der nannte ihn Priapus. Andere nennen ihn Flöte, Pfeife, Rute, Stange, zieh dir diese Lutschstange rein, Herzchen. Büchsenöffner, Hammer, Pfahl, Kolben, Apparat, Nippel, Stöpsel. Ich merke mir alle möglichen Bezeichnungen für ihn. Wie nennst du ihn?

„Halt's Maul und komm zur Sache."   - Andreu Martín, Die Stadt, das Messer und der Tod. Bühl-Moos, Baden-Baden  1994

Prozession (7)  wie man sich vom Wald herunter vorsichtig dem Fluß genähert hat, wird ein sonderbares, ununterbrochenes Geräusch hörbar. Es ist ein Reiben, Schurren, Scharren. Manchmal klappert und knackt es. Manchmal gibt es ein schweres dumpfes Krachen. Darauf folgt wieder das allgemeine große Scharren. Man erkennt: es ist nicht im Wasser, es ist am Strand. Am Südufer des Flusses zieht sich ein breiter glatter Strand hin, er läuft in großer Tiefe nach Osten aus, weißer Sand und Schlamm bedeckt ihn. Und im Mondlicht bewegt sich und schiebt sich über ihn eine niedrige dunkle Masse, sie ist viele Meter lang, sie scheint manchmal zu v ruhen, aber sie kommt in steter Langsamkeit von der Stelle. Es ist eine große dunkle Decke, die über den Strand gezogen wird. Man flüstert es sich zu und staunt: es sind Schildkröten. Sie halten ihre Prozession. Es ist ein ganzes Heer. Sie machen sich, bei Tag versteckt, in der Nacht zur Wanderung auf, und jetzt erkennt man am Rand einzelne, die braunschwarzen gefelderten Schilder, wie ein kleines Zeichen, eine Spitze, das dreieckige Köpfchen davor nach oben gerichtet, eingeklemmt. Sie ziehen Schild an Schild, es ist eine große Bewegung der dunklen, vom Mond beleuchteten Riesenschilder der Zehntausende, die marschieren. Sie halten sich dicht beisammen, manchmal werden welche über den Rücken der ändern gedrängt, die oben marschieren weiter, sie ziehen in zwei Stockwerken, bis die Enge sich lüftet und die oberen Tiere heruntcrkrachen. Und da schleichen hinten die großen Wildkatzen, siehe, die dort, die Jaguare, die den Zug einkreisen, wie sie laufen, am Rand der scharrenden Riesenschilder zerren und etwas abzubrechen versuchen. Die Schildkröten arbeiten im Mondlicht, der Zug hält an, verliert sich im Sand und Schlamm, sie graben sich ein, das sind ihre fruchtbaren Tage. - Alfred Döblin, Amazonas-Trilogie. Bd.1, Land ohne Tod. München 1991

Prozession (8)

- Grandville

Prozession (9)

Prozession (10) »Möchtest du sagen, daß es keine andere Hölle gibt außer mir?«

»Ich habe nicht gesagt, daß du die Hölle bist; es scheint mir indes vernünftig anzunehmen, daß der Ort, wo du dich aufhältst, du selbst bist und niemand sonst.«

»Ich kann also nicht hinaus?«

»Du kannst hinein und kannst hinaus.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Komm näher. Geh weiter wie ich gesagt habe.«

Ich nehme meine plurale Prozession wieder auf. Ein Teil von mir klopft mit den Füßen, ein Teil singt in stümperhafter Weise, ein Teil verbeugt sich. Ich sehe nichts außer dem Widerschein der Schatten auf der glänzenden Oberfläche des Dunstes. Hin und wieder stürze ich ab und verschwinde. Vermutlich sterbe ich. Vor mir öffnen sich Abgründe, Schluchten und Klüfte; irgendein erschöpftes Ich legt sich am Straßenrand nieder und die anderen Ichs bedecken es mit Steinen — ein rustikales aber nicht respektloses Begräbnis. Vergängliche Trauerreden geleiten mich auf meinem Weg. Ich schenke mir riesige Chrysanthemen und biete mir flüchtige, oberflächliche und wahrscheinlich unaufrichtige Trostworte an. Plötzlich verschwindet die Prozession und zieht sich wieder völlig in mich zurück. Ich weiß jetzt, daß ich angekommen bin. Der Dunst ist dicht, ich sehe nichts, aber vor mir höre ich deutlich ein tiefes Schnaufen wie von einem riesigen Tier, dessen Nasenlöcher sich über mir befinden. - (hoelle)

Prozession (11)

Prozession (12)  Gilles' Naivität hielt an jenem Tage der Naivität der über ihn erschütterten Richter die Waage. So bat er den Präsidenten des weltlichen Gerichts, beim Bischof von Nantes, der den Vorsitz beim Kirchengericht geführt hatte, für ihn einzutreten. Der »maßlose« Wunsch des Verbrechers war, daß eine Prozession des ganzen Volkes, die der Bischof selbst und die Männer seiner Kirche veranstalten sollten, ihn an die Hinrichtungsstätte begleiten möge, um Gott für ihn und seine Komplizen, die mit ihm sterben würden, zu bitten.

Der Richter versprach ihm sofort, sich um diese Gunst zu bemühen, und sie wurde ihm gewährt.

Zuvor hatte er eine erste Gnade erbeten und erhalten: da er gehängt und gleich nach der Erhängung den Flammen übergeben werden sollte, bat er, daß »bevor sein Körper versehrt wäre und Feuer gefangen hätte«, dieser aus dem Feuer genommen, in einen Sarg gelegt und in die Kirche des Karmeliterklosters in Nantes überführt werde.

So bot sein Tod die Gelegenheit zu theatralischem Gepränge.

Vom Schloß Tour Neuve aus, wo man über den Verurteilten Recht gesprochen hatte, begleitete die Prozession einer ungeheuren betenden und singenden Menschenmenge den Elenden, der die Verachtung des gemeinen Volkes, das ihm nun folgte und für ihn zu Gott flehte, bis zum Äußersten getrieben hatte. Die Prozession kam über eine Wiese jenseits der Loire oberhalb der Stadt.

Bis zum Wahnsinn hatte er diese Kirchengesänge geliebt, die seinem Tod den Glanz gaben, von dem er nie genug haben konnte. Einen Augenblick lang war er in den Flammen zu sehen, umlodert von ihrer beängstigenden Pracht. »Frauen von hoher Geburt« scheinen dafür Sorge getragen zu haben, daß der Tote baldigst am Ende eines Strickes aus dem Feuer gezogen wurde.

Dann legte man ihn in den Sarg, und feierlich wurde seine Leiche zu ihrer letzten Ruhestätte in die Kirche getragen, wo ihn die stille Erhabenheit der Totenmesse erwartete.  - Georges Bataille, Gilles de Rais. Frankfurt/Main, Berlin, Wien 1975 (zuerst 1965)

Prozession (13)  Auf einer steinigen Straße zieht eine Menschenschlange staubbeladen dahin. Sie schleifen ihre Füße über dem Erdboden nach. Sie kommen von weiß der Himmel woher. Vorne hinken Verkrüppelte, die sich an einem Stecken festhalten. Andere schleppen sich auf allen vie­ren dahin und kratzen den Erdboden mit ihren Finger­nägeln auf. Und hinter den Verkrüppelten einige rot ge-wandete Kardinale, mit Gesichtern und Händen aus Wachs, und hinter den Kardinalen eine Gruppe Soldaten, und hinter den Soldaten eine Sänfte aus geflochtenem Schilf, mit weißen Vorhängen und dem kleinen, zusam-mengekauerten Schatten des Papstes im Inneren. Und hinter der Sänfte Menschen, die auf Knien, und andere, die auf Füßen gehen. Zerlumpte Menschen und auch der eine oder andere vereinzelte Fürst mit einer Kerze in der Hand.

Wohin reist der Papst? Wen will er treffen? Niemand weiß es, denn er sagt niemandem kein Sterbenswört­chen. Hin und wieder bleiben die Verkrüppelten stehen, und auch die Sänfte bleibt stehen, um den Trägern eine kleine Verschnaufpause zu gönnen. Indessen tropft unter der Sänfte etwas hervor, das eine Pfütze inmitten des Straßenstaubs bildet, wie wenn ein Pferd vorbeigezo­gen wäre. Doch an seiner Statt ist der Papst vorbeige­zogen.

Dieweil der Zug stillsteht und die drei Mönche auf ihren Knien liegen, nähert sich ihnen ein rotgewandeter Kardinal, um einem weiteren Wunsch des Heiligen Vaters, des Papstes, zu entsprechen. Die drei Mönche, das heißt Millemosche, Pannocchia und Carestia vernehmen voller Entsetzen des Kardinals Stimme.

»Seine Heiligkeit bittet darum, daß einer von euch ihm die Beichte abnehmen möge.«

»Was für eine Heiligkeit?«

»Seine Heiligkeit, der Papst. Diese große Ehre will er dem Demütigsten unter euch dreien erweisen.« Die Angst ist so groß, daß sich im Straßenstaub drei kleine Pfützen bilden, eine unter Millemosche, eine unter Pannocchia und eine unter Carestia, gleich so, als hätten drei Pferde hier gehalten.  - Luigi Malerba, Tonino Guerra: Von Dreien, die auszogen, sich den Bauch zu füllen. Roman aus dem Jahre 1000. Berlin 1996 (zuerst 1969)

 

Schreiten Zeigen Fest

 

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