inhorn   Im Jahre 1678 gab es erstmals eine naturwissenschaftliche Rekonstruktion aufgrund prähistorischer Funde, die man 1663 bei Quedlinburg gemacht hatte. Der Magdeburger Bürgermeister Otto von Guericke sandte dem Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz eine Zeichnung, die uns noch heute äußerst merkwürdig anmutet. Sollte das Tier etwa nur zwei Beine haben?!

Einhornskelett
Das Einhornskelett von Quedlinburg , nach (buch)

Ein eiszeitlicher Fund bildete auch die Grundlage für die waghalsige Konstruktion des Magdeburger Bürgermeisters. Otto von Guericke entwarf aus den wenigen Knochen das Bild eines Einhorns mit nur zwei Vorderbeinen - das Hinterteil hatte man nicht gefunden.  - (nat)

Einhorn (2) Und wird erhöhet werden, sagt der Psalmist, mein Horn wie das des Einhorns.
Der Physiologus sprach vom Einhorn, daß es eine solche Eigenart habe: Ist ein kleines Tier, ähnelt einem Zicklein, hat aber einen gar scharfen Mut. Nicht vermag der Jäger ihm zu nahen darum daß es große Kraft hat.

Ein einzig Horn hat es, mitten auf dem Haupte. Wie aber wird es gefangen? Man legt ihm eine reine Jungfrau, schön ausstaffiert, in den Weg. Und da springt das Tier in den Schoß derJungfrau, und sie hat Macht über es, und es folget ihr, und sie bringt es ins Schloß zum König.

Dies nun wird übertragen auf das Bildnis unseres Heilands. Denn es wurde auferweckt aus dem Hause David das Horn unseres Vaters, und wurde uns zum Horn des Heils. Nicht vermochten die Engelsgewalten ihn zu bewältigen, sondern er ging ein in den Leib der wahrhaftig und immerdar jungfräulichen Maria, und das Wort ward Fleisch, und wohnete unter uns.

Ist ein einhörniges Tier, und so wird‘s auch geheißen. Aber in jenen Gegenden ist ein großer See, und da sammeln sich die wilden Tiere, um zu trinken.

Ehe jedoch die Tiere versammelt sind, kriecht die Schlange heran und speit ihr Gift in das Wasser. Die Tiere nun spüren das Gift und wagen nicht zu trinken; und da warten sie auf das Einhorn, und das kommt, und stracks geht es in das Wasser und schlägt mit dem Horn ein Kreuz, und damit macht es die Kraft des Giftes zunichte, und da es von dem Wasser trinkt, trinken auch all jene anderen Tiere. - (phys)

Einhorn (3) MIT äußerstem Erstaunen bemerkte er an der Bushaltestelle ein schneeweißes Einhorn. Die Sache erstaunte ihn sehr, zumal im Traktat über die DINGE, DIE NICHT EXISTIEREN ein ganzes Kapitel vom Einhorn gehandelt hatte; er war damals ziemlich kompetent gewesen bezüglich der DINGE, DIE NICHT EXISTIEREN, und hatte ausgezeichnete Zeugnisse erhalten, ja sein Professor hatte ihn sogar ermuntert, ein Spezialist für DINGE, DIE NICHT EXISTIEREN zu werden. Es versteht sich von selbst, daß man beim Studium der DINGE, DIE NICHT EXISTIEREN auch die Gründe klarlegt, warum sie nicht existieren können, sowie die Modi, in welchen sie nicht existieren: zumal die DINGE unmöglich, widersprüchlich, unvereinbar, außerraumzeitlich, antihistorisch, rezessiv und implosiv sein und noch in vielen anderen Modi nicht existieren können. Das Einhorn war absolut antihistorisch, und doch stand da eins an der Bushaltestelle, und die Leute schienen sich nicht darüber zu wundern, aber des Außerordentlichen war noch kein Ende: das Einhorn tuschelte nämlich — man kann es nicht anders nennen — mit etwas, das er nicht sehen konnte; dann kam ein Bus und das Einhorn grüßte den Jemand, den er nicht sehen konnte und stieg ein, wobei es einen Ausweis wie man sagt »vorwies«; und da entpuppte der jemand sich als ein Basilisk mittlerer Größe, mit sehr dicken schwarzen Augengläsern. Der Basilisk war ein kompliziertes Tier und seine lnexistenz gründete auf »Übermaß«;~ außerdem war er ein Tier, das als gefährlich beschrieben wurde — seine Augen besaßen »unmögliche« Kräfte — und ihm kommt der Gedanke, daß der Basilisk deswegen die Augengläser trug. Der Basilisk hatte eine Mappe unterm Arm, und als ein Bus näherkam, öffnete er sie und zog etwas heraus — war es nicht ein Medusenhaupt? — etwas, das sich die Busnummer ansah und sie ihm dann mitteilte, denn eins war klar: mit jenen Augengläsern konnte er nichts sehen. Der Spezialist in den DINGEN, DIE NICHT EXISTIEREN war ziemlich verwirrt; war er womöglich verrückt? Es schien ihm nicht so. Er begann, ziellos umherzuirren und begegnete einem Waldbock, einem Phoenix und einer Doppelschleiche auf dem Fahrrad; ein Satyr fragte ihn nach der Macedonio-Melloni-Straße und ein Herr mit dem Kopf mitten auf der Brust fragte ihn nach der Zeit und bedankte sich höflich. Als er dann anfing Feen, Elfen und Schutzengel zu sehen, hatte er den Eindruck, seit jeher in einer von den Menschen verlassenen oder mit Komparsen bevölkerten Stadt gelebt zu haben; und jetzt fragt er sich, ob nicht auch die WELT — ja gerade die WELT — ein DING sei, DAS NICHT EXISTIERT. - (pill)

Einhorn (4) Allgemein wird eingeräumt, daß das Einhorn ein übernatürliches Wesen und von guter Vorbedeutung sei; so versichern die Oden, die Annalen, die Biographien berühmter Männer und andere Texte, deren Autorität unbestritten ist. Sogar die ganz kleinen Kinder und die Frauen aus dem Volk wissen, daß das Einhorn ein günstiges Vorzeichen darstellt. Aber dieses Tier gehört nicht zu den Haustieren, ist nicht immer leicht anzutreffen und läßt sich nicht einordnen. Es ist nicht wie der Hengst oder der Stier, der Wolf oder der Hirsch. Da dies so ist, könnten wir einem Einhorn gegenüberstehen und wüßten nicht mit Bestimmtheit zu sagen, daß es eines ist. Wir wissen, daß jenes Tier mit Mähne ein Pferd ist und jenes andere mit Hörnern ein Stier. Wir wissen aber nicht, wie das Einhorn aussieht. - Han Yu. 9. Jh., nach bo2

Einhorn (5)

 

:: deutsche ansprache für das einhorn

einhorn dir mond
rose aus Zartheit
kern deiner kurv

ohne ende anfang
in wurzel hand ein
so bei stein bei weg
bei blut bei neun

weiß deins gebein
myrthe blau beere
himmel ein sein

alle male dich ein
alle male ein du
alle male dich

dein schuh aus korn
wo lauscht man so
die frohen vögel

da dir haut haar
da dir haar haut
o ohr ein das du
des tieres sinne
offner amsel rief

dir schräg wie hals
dir primel blume dich
o scheue wort und zahl
die schnell entwich

juni mcmlv

- (artm)

Einhorn (6) Als das Einhorn kam, war alles anders denn erwartet. Zuerst einmal war es ein derart edles Tier, daß alle von seiner Schönheit gebannt waren, die, seiner ansichtig wurden.

Das Einhorn war weiß; es hatte silberne Hufe und ein anmutig geschwungenes perlfarbenes Horn. Es bewegte sich leichtfüßig über die Heide und schien das Kraut kaum niederzudrücken: so schwerelos kam es daher. Das herrlichste waren seine Augen. Zu beiden Seiten der Nüstern zog sich eine blaßblaue Vertiefung bis zu den Augenhöhlen hinauf und umgab sie mit einem schwermütigen Schatten. Eingefaßt von diesem traurigen und schönen Dunkel, wirkten die Augen so betrübt, einsam, gütig und tragischedel, daß sie jedwedes Gefühl ersterben ließen, außer der Liebe.

Das Einhorn schritt zu Meg, der Küchenmagd, und neigte vor ihr sein Haupt. Hierbei bog es formvollendet den Hals; das Perlhorn wies auf die Erde zu ihren Füßen, und ein Silberhuf scharrte zur Begrüßung im Heidekraut. Meg hatte ihre Tränen vergessen. Sie machte eine königliche Geste des Dankes und hielt dem Tier ihre Hand hin.

»Komm, Einhorn«, sagte sie. »Leg deinen Kopf in meinen Schoß, wenn du möchtest.«

Das Einhorn wieherte und scharrte neuerlich mit dem Huf. Dann ließ es sich, sehr behutsam, zuerst auf ein Knie nieder und dann auf das andere, bis es in regelrechter Verbeugung vor ihr verharrte. Aus dieser Haltung blickte es mit seinen rührenden Augen zu ihr auf und legte schließlich seinen Kopf auf ihr Knie. Es rieb seine flache weiße Wange an ihrem glatten Kleid und sah sie flehentlich an. Das Weiße in seinen Augen funkelte. Schüchtern ließ es sich auf seine Kruppe nieder und lag still, den Blick auf die Maid gerichtet. Seine Augen waren voller Zutrauen. Es hob den linken Vorderlauf zu einer scharrenden Geste. Es war nur eine Bewegung in der Luft, die besagen wollte: »Kümmer dich um mich. Schenk mir ein wenig Liebe. Streichle meine Mähne, bitte, ja?«

Ein halbersticktes Geräusch aus Agravaines Kehle drang aus dem Hinterhalt, und plötzlich preschte er, die scharfe Saufeder in der Hand, auf das Einhorn los. Die anderen Jungen kauerten sich auf die Hacken und sahen zu.

Agravaine erreichte das Einhorn und stieß ihm seinen Speer in die Flanken, in den schlanken Rumpf, zwischen die Rippen. Er schrie schrill auf, während er zustach, und das Einhorn blickte Meg schmerzvoll an. Plötzlich regte es sich, ruckte und bockte und sah sie immer noch vorwurfsvoll an, und Meg nahm sein Hörn in die Hand. Sie schien hingerissen, verzückt, unfähig zu helfen. Das Einhorn war offenbar nicht in der Lage, sich aus dem sanften Griff ihrer Hand, die das Hörn umspannte, zu lösen. Das Blut ergoß sich über sein Fell, über die blau-weiße Decke.

Gareth lief. Gawaine folgte ihm. Gaheris kam als letzter, unbeholfen und ratlos.

»Nicht doch!« rief Gareth. »Laß es in Ruh. Nicht doch! Nicht!«

Gawaine erreichte die Szene in dem Augenblick, da Agravaines Speer hinter der fünften Rippe in den Leib des Tieres fuhr. Das Einhorn erschauerte. Es zitterte am ganzen Körper und streckte seine Hinterläufe lang aus. Es schien, als wolle es zu seinem gewaltigsten Sprung ansetzen — und dann erbebte es im Todeskampf. Die ganze Zeit waren seine Augen auf Megs Augen gerichtet, und sie sah die seinen immer noch unverwandt an.

»Was tust du denn da?« schrie Gawaine. »Laß es in Ruh. Tu ihm nichts.«

»Ach, Einhorn«, flüsterte Meg.  - T.H. White, Der König auf Camelot. Stuttgart 1978 (zuerst 1976)

Einhorn (7) Auf Klein-Java leben viele wilde Elefanten und Einhörner, die kaum kleiner als Elefanten sind. Ihr Fell gleicht jenem der Büffel, und Füße haben sie wie Elefanten. Mitten aus der Stirn wächst das dicke schwarze Horn. Mit dem Horn verletzen sie niemanden, hingegen mit der Zunge, denn diese ist voll langer Stacheln. Wenn sie jemanden angreifen, dann versetzen sie ihm Stöße mit den Knien, bis er hinfällt, danach verwunden sie ihn mit der Zunge. Das Einhorn hat einen Kopf wie ein wilder Eber und neigt ihn unverwandt bodenwärts. Mit Vorliebe hält es sich im Morast und im Schlamm auf. Zum Ansehen ist es ausgesprochen häßlich.  - (polo)

Einhorn (8)  Der Magister hält es für aufschlußreich, das Wappentier zu ergründen, das einem neuen Bekannten entspricht, und er teilte Celsus ein sehr seltenes, nämlich das Einhorn, zu. Das Einhorn ist ein Fabelwesen neptunischen Ursprunges, das die Gabe zauberischer Heilkraft besitzt. Beides trifft für Celsus zu - aus einer alten Kapitänsfamilie stammend, ist er Arzt und Seemann mit gleicher Leidenschaft. Darüber hinaus ist das Einhorn wohl für den metaphysischen Menschen überhaupt kennzeichnend, vor allem in bezug auf das Lautlose und Überraschende der Begegnungen.

Auch diesmal leuchtete mir seine Ähnlichkeit mit dem silberfüßigen Huftier ein, als ich ihn im Fieber mit seinen runden, glänzenden Augen und dem langen weißen Bart ins Zimmer treten sah. Er behorchte und beklopfte mich nach den Regeln der Kunst, wobei man freilich wissen muß, daß der Begriff der Scharlatanerie bei ihm eine seltsame Umkehrung erfährt, insofern er fast die gesamte ärztliche Wissenschaft ihr zurechnet. Dann trieben wir einige Atemübungen, bei denen er mich mit Anziehen und Senken der Zehen beginnen ließ. Nachdem er mich einigermaßen gestimmt hatte, forderte er mich auf, nunmehr vom Ofen oder von der Zimmerdecke aus als Dritter unserem Treiben weiter zuzusehen. Der Atem ist sein A und O, insbesondere das Ausatmen, und der Gesang wiederum eine höhere Stufe davon, der Heilkraft innewohnt. Ich fand das alles recht angenehm, und bald war mir schläfrig zumut. Bevor ich einnickte, sah ich noch, wie er das Nachtgeschirr behutsam aus dem Zimmer trug und wieder hereinbrachte. - Ernst Jünger, Myrdun. Briefe aus Norwegen (5. August 1935). München 1980 (dtv bibliothek kubin, zuerst 1943)

Einhorn (9)

Einhorn, gemolkenes

- Tomi Ungerer's Kompromisse. Zürich 1982 (kunst-detebe 26070, zuerst 1970)

Einhorn (10)  Das Einhorn  kam  an ihnen vorbeigeschlendert, die Hände in den Hosentaschen. »Ich war Sieger diesmal!« sagte es zum König und streifte ihn dabei ganz kurz mit einem Blick.

»Ein wenig schon - ein wenig«, erwiderte der König etwas ängstlich. »Aber dein Horn hättest du ihm doch nicht in den Leib rennen sollen, weißt du.«

»Das hat der doch kaum gespürt«, sagte das Einhorn leichthin und wollte weitergehen, als sein Blick auf Alice fiel: da drehte es sich sogleich um und sah Alice mit tiefstem Abscheu an. »Was ist - denn - das?« sagte es schließlich. »Ein Kind!« erwiderte Hasa eifrig und trat dabei vor Alice hin, um sie vorzuführen, wobei er beide Hände in einer germanischen Urstellung gegen sie ausstreckte.

 »Erst heute gefunden! In natürlicher Größe, und zweimal so echt!«

 »Ich dachte immer, das seien Fabelwesen!« sagte das Einhorn. »Lebt es noch ?«

»Es kann noch sprechen«, sagte Hasa ernst. Das Einhorn sah Alice träumerisch an und sagte: »Sprich, Kind!«

Da mußte Alice nun doch unwillkürlich lächeln, und sie sagte: »Also weißt du, ich dachte auch immer, Einhörner seien Fabelwesen! Ich habe noch nie eins lebendig gesehen.«

»Na, jedenfalls haben wir uns jetzt gesehen«, sagte das Einhorn, »und wenn du an mich glaubst, glaub ich auch an dich. Einverstanden

 »Ja, wenn du meinst«, sagte Alice. - Lewis Carroll, Alice hinter den Spiegeln. Frankfurt am Main 1974 (zuerst 1872)

Einhorn (11)  «Das patagonische Einhorn gehört zur ausgestorbenen Megafauna des späten Diluviums. Die letzten Einhörner wurden im fünften oder sechsten Jahrtausend vor Christus von Jägern ausgerottet. In Lago Posadas können Sie zwei Darstellungen von Einhörnern finden. Eines hält sein Hörn aufrecht, wie es in Psalm 92 heißt: ‹Aber mein Hörn wird erhöht werden wie das eines Einhorns.› Das andere durchbohrt einen Jäger und stampft dabei auf dem Pampasboden auf, wie es im Buche Hiobs steht.» (Im Buch Hiob 39/21 ist es das Pferd, das ‹auf den Boden stampft›, während es in den Versen 9 und 10 heißt, das Einhorn sei unfähig, einen Pflug zu ziehen.)

Sein Vortrag zerfloß zu einer Traumreise: Indianerstämme von den Marquisen-Inseln landeten mit ihren Kanus an den Stranden der südchilenischen Fjorde, erstiegen die Anden, siedelten sich in der Nähe von Lago Musters an und vermischten sich mit den einheimischen Stämmen. Pater Palacios berichtete von einer Entdeckung, die er selbst in Feuerland gemacht hatte: der Skulptur einer kopflosen Frau in Lebensgröße, die mit rotem Ocker bemalt war.

«Oh Dios! Que conocimientos!» - (pat)

Einhorn (12)  Die Dame mit dem Einhorn von Raffael  Saint-Simon glaubte in diesem Bildnis ein ketzerisches Glaubensbekenntnis zu sehen. Das Einhorn, der Narwal, die obszöne Perle des Medaillons, das sich als Birne ausgibt, und der Blick Maddalena Strozzis starr auf einen Punkt geheftet, wo es Auspeitschungen oder laszive Stellungen geben soll: Raffael Santi log hier seine schrecklichste Wahrheit.

Das heftige Grün des Gesichts der dargestellten Person schrieb man lange Zeit dem Krebsbrand oder der Frühlingssonnenwende zu. Das Einhorn, phallische Kreatur, sollte es verderbt haben: in seinem Leibe schlummern die Sünden der Erde.  - Julio Cortázar,  Unterweisung im Verständnis dreier berühmter Gemälde. Nach (cron)

Einhorn (13)   Ueber die Gestalt dieses Tieres sind die Schriftsteller ebenso uneinig, als es sich, für ein Geschöpf schickt, das mit den einäugigen und einfüßigen Menschen wahrscheinlicher Weise in eine Reihe gehört. Plinius, der so viel gutes und so viel schlimmes geschrieben hat, gibt ihm, ausser einem Hirschkopfe, Elephantenfüssen, einem Schweinsschwanze und einem zwei Ellen langen schwarzen Hörne auf der Stirne, die Gestalt eines Pferdes. Philes lässt ihm den Schweinsschwanz und gibt ihm einen Löwenrachen, Strabo aber, der dem Onesi-krit folgt, macht es dem Pferde beynahe am ganzen Leibe ähnlich. Paulus von Venedig sagt, es seye kleiner als ein Elephant, habe einen Kopf -wie ein wildes Schwein, den es niederhängend trage, eine rauhe Zunge, die dem gefährlich seye, was ihm in Wurf komme, schwarze Augen, und die Gestalt des Rhinoceros.

Varthema will sogar zwey lebende als eine grosse Seltenheit in einem besonderen Behältnisse bey dem Tempel zu Mekka gesehen haben, davon das grössere einem zweyj ährigen Pferde an Wuchs gleich, und von glänzender dunkler Farbe war. Sein Hörn hatte eine Länge von ungefehr drey Ellen, der Kopf glich einem Hirschkopf, der Hals war kurz und an der einen Seite hieng eine Mähne herab. Es hatte schlanke Beine, wie ein Reh, und die Hufen waren den Geissklauen ähnlich. Den Rabbinen schien, nach ihrem ungeheuren Geschmacke, diese Gestalt noch zu ordentlich, sie gaben ihm also die Grosse des Berges Thabor und weil sie es bey einer solchen Grosse nicht wohl in Noas Kasten beherbergen konnten, so Hessen es einige nur die Nase auflegen, und nebenher kommen, andere aber binden es mit dem Hörn hinten an die Arche an und schleppen es nach.

Ueber das Vaterland, welches man diesem Thiere anweisen soll, sind die Schriftsteller sowenig einig, als über seine Gestalt. Einige setzen es in die äussersten Enden von Asien, einige um das Vorgebirge der guten Hoffnung, einige in dem Reiche Bosma und Lambri, und andere in den Wüsten Arabiens an.

Nach dem Aelian hat es, ausser einer sehr unangenehmen Stimme, noch die sonderbare Gewohnheit, dass es gegen alle anderen Thiere, die sich ihm nähern, freundschaftlicher als gegen seines gleichen ist, sie mögen Männchen oder Weibchen seyn, mit welchen es bis auf den Tod kämpfet. Es ist von ausserordentlicher Stärke und gehet immer einsam, und zwar in den wüstesten Gegenden. Nur, wenn es sich paaren will, weidet es mit dem weiblichen Thiere. So bald dies aber trächtig geworden ist, so nimmt es seine Wildheit und mit ihr seine einsame Lebensart wieder an. Andere Schriftsteller haben ihm noch die Galanterie geschenkt, dass es für Jungfrauen soviel Achtung, dass es in ihrer Gegenwart alle Wildheit vergisst, seinen Kopf in ihren Schoss leget und sich also fangen lässt. Weil es aber selten ist, bey Jungfrauen den gehörigen Muth anzutreffen, ein so wildes und so schröcklich bewaffnetes Thier in den Schooss aufzunehmen, so haben einige für gut befunden, diese Verrichtung parfümierten Jünglingen in Jungfernkleidern zu übertragen, die aber nur in diesem Falle sich parfümieren. Alltagsstutzer sind nicht zu brauchen. -  Naturgeschichte aus den besten Schriftstellern. Heilbronn 1772. Nach: Walter Mehring, Neubestelltes abenteuerliches Tierhaus. Potsdam 1925

Einhorn (14)  

Amduscias, grand-duc aux enfers. Il a la forme d'une licorne;- mais lorsqu'il est évoqué, il se montre sous une figure humaine. Il donne des concerts, si on les lui commande ; on entend alors, sans rien voir, le son des trompettes et des autres instruments de musique. Les arbres s'inclinent à sa voix. Il commande vingt- neuf légions. - Collin de Plancy, Dictionnaire Infernal.  Paris 1863

Einhorn (15)  Das Land der Gangariden  bringt alles hervor, was die Wünsche der Menschen zu befriedigen vermag. Die großen Diamanten, die Euch zu schenken Amazan die Ehre hatte, stammen aus einem Bergwerk, das ihm gehört. Das Einhorn, auf dem er angeritten kam, ist das übliche Reittier der Gangariden. Es ist das schönste, stolzeste, schrecklichste und zugleich sanftmütigste Tier, das die Erde trägt. Hundert Gangariden und hundert Einhörner würden genügen, um zahllose Heere aufzureiben. Vor etwa zwei Jahrhunderten war ein König von Indien so töricht und wollte dieses Volk besiegen: Er erschien an der Spitze von zehntausend Elefanten und einer Million Krieger. Die Einhörner durchbohrten die Elefanten, so wie ich auf Eurem Tisch Lerchen auf goldenen Spießen aufgereiht gesehen habe. Die Krieger fielen unter den Schwertern der Gangariden, so wie die Bewohner des Orients mit ihren Händen die Reishalme abmähen. Der König wurde mit mehr als sechshunderttausend Mann gefangengenommen. Er wurde in den heilkräftigen Wassern des Ganges gebadet und mußte sich der landesüblichen Lebensweise anpassen, die darin besteht, sich nur von Pflanzen zu ernähren, die die Natur hervorbringt, um alles, was da atmet, zu erhalten. Die mit Fleisch genährten und mit starken Getränken animierten Menschen haben alle versauertes, scharfes Blut, das sie auf hundert verschiedene Weisen toll macht. Ihr größter Wahnsinn ist die Sucht, das Blut ihrer Brüder zu vergießen und fruchtbare Landstriche zu verwüsten, um über Leichenfelder zu herrschen. Sechs volle Monate brauchte man, um den König von Indien von seiner Krankheit zu heilen. Als die Ärzte endlich feststellten, daß sein Pulsschlag ruhiger ging und sein Gemüt sich besänftigt hatte, legten sie darüber ein Attest dem Rat der Gangariden vor. Dieser schickte, nachdem er die Meinung der Einhörner eingeholt hatte, humanerweise den König von Indien, seinen einfältigen Hofstaat und seine albernen Krieger in ihr Land zurück. - Voltaire, Die Prinzessin von Babylon. In: V., Mikromegas. Stuttgart 1985 (Die Bibliothek von Babel 28, Hg. Jorge Luis Borges)

Einhorn (16)  

- Franz Sedlacek

Einhorn (17)  

- N. N.

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