oten-Tanz
Sie brauchen kein Tanz-Orchester;
sie hören in sich ein Geheule,
als wären sie Eulennester.
Ihr Ängsten näßt wie eine Beule,
und der Vorgeruch ihrer Fäule
ist noch ihr bester Geruch.
Sie fassen den Tänzer fester,
den rippenbetreßten Tänzer,
den Galan, den ächten Ergänzer
zu einem ganzen Paar.
Und er lockert der Ordensschwester
über dem Haar das Tuch;
sie tanzen ja unter Gleichen.
Und er zieht der Wachslichtbleichen
leise die Lesezeichen
aus ihrem Stunden-Buch.
Bald wird ihnen allen zu heiß,
sie sind zu reich gekleidet;
beißender Schweiß verleidet
ihnen Stirne und Steiß
und Schauben und Hauben und Steine;
sie wünschen, sie wären nackt
wie ein Kind, ein Verrückter und Eine:
die tanzen noch immer im Takt.

- Rainer Maria Rilke

Toten-Tanz  (2) Don Quijote wollte Sancho Pansa eine Antwort geben; aber ihn hinderte daran der Umstand, daß ein Wagen quer über die Straße einbog, der mit den mannigfaltigsten und seltsamsten Personen und Gestalten beladen war, die man sich vorstellen kann. Der Mann, der die Maultiere führte und das Amt des Kutschers versah, war ein mißgestalteter Teufel. Der Wagen war offen, so daß der Himmel hineinschien, ohne ein Zelt oder ein Korbgeflecht zum Dache. Die erste Gestalt, die sich Don Quijotes Blicken darbot, war die des Todes in eigner Person, jedoch mit einem Menschengesicht; neben ihm zeigte sich ein Engel mit großen buntbemalten Flügeln; zur Seite befand sich ein Kaiser mit seiner dem Anscheine nach goldenen Krone auf dem Kopfe; dem Tod saß zu Füßen der Gott, den man Kupido nennt, ohne Binde vor den Augen, jedoch mit Bogen, Köcher und Pfeilen. Auch war ein Ritter dabei, von Kopf zu Füßen bewehrt, nur daß er nicht Sturmhaube noch Helm aufhatte, sondern einen rings mit Federn in allen Farben geschmückten Hut. Hinter diesen Personen zeigten sich noch andre, an Tracht und Aussehen verschieden.

Alles dies, das ihrem Blick so unversehens erschien, machte Don Quijote einigermaßen stutzig und erfüllte Sanchos Herz mit Furcht; aber alsbald erheiterte sich Don Quijotes Gemüt, da er glaubte, es biete sich ihm ein neues, ein gefahrvolles Abenteuer, und in diesem Gedanken und mit willigem Mut, jeder Fährlichkeit entgegenzugehen, sprach er: "Karrenführer, Kutscher oder Teufel, oder was du bist! Sage mir unverzüglich, wer du bist, wohin du ziehest und wer die Leute sind, die du in deinem Karren fährst, denn selbiger sieht eher nach Charons Nachen aus als nach einem jener Wagen, wie sie üblich sind."

Darauf antwortete mit freundlichem Tone der Teufel, indem er den Wagen anhielt: "Senor, wir sind Schauspieler von der Gesellschaft Angúlos des Bösen; wir haben in einer Ortschaft hinter diesem Hügel heute morgen, da die Oktave des Fronleichnams ist, das geistliche Spiel vom Reichstag des Todes aufgeführt und sollen es heut nachmittag in jener Ortschaft aufführen, die man von hier aus sieht; und weil sie so nahe ist und weil wir die Mühe sparen wollten, uns auszukleiden und wieder anzuziehen, reisen wir in dem Kostüm, in dem wir spielen. Der junge Mann hier spielt den Tod, der andre einen Engel, hier die Frau, welche die des Direktors ist, die Königin; der andre einen Soldaten, jener den Kaiser und ich den Teufel, und ich bin eine der Hauptpersonen in dem geistlichen Spiel, da ich bei dieser Gesellschaft die ersten Rollen spiele. Wünscht Euer Gnaden noch was andres über uns zu erfahren, so fragt mich, und ich werde Euch aufs genauste antworten, denn da ich ein Teufel bin, so ist mir nichts verborgen." - (don)

Toten-Tanz  (3)

So sterben wir, so sterben wir.
Wir sterben alle Tage,
Weil es so gemütlich sich sterben läßt.
Morgens noch in Schlaf und Traum
Mittags schon dahin.
Abends scho zuunterst im Grabe drin.

Die Schlacht ist unser Freudenhaus.
Von Blut ist unsere Sonne.
Tod ist unser Zeichen und Losungswort.
Weib und Kind verlassen wir -
Was gehen sie uns an?
Wenn man sich auf uns nur
Verlassen kann.

So morden wir, so morden wir.
Wir morden alle Tage
Unsre Kameraden im Totentanz.
Bruder, reck dich auf vor mir,
Bruder, deine Brust
Bruder, der du fallen und sterben mußt.

Wir murren nicht, wir knurren nicht,
Wir schweigen alle Tage,
Bis sich vom Gelenke das Hüftbein dreht.
Hart ist unsere Lagerstatt
Trocken unser Brot.
Blutig und besudelt der liebe Gott.

Wir danken dir, wir danken dir,
Herr Kaiser, für die Gnade,
Daß du uns zum Sterben erkoren hast.
Schlafe nur, schlaf sanft und still,
Bis dich auferweckt,
Unser armer Leib, den der Rasen deckt.

- Hugo Ball 1916

Toten-Tanz  (4)   Gerade sehe ich eine Mausleiche auf den roten Fliesen:

ausgelöschtes Leben, das weiche Fell, über das rauschhaft-verzückt eine schwarzweiße Katze wirre, wahnsinnige Tänze macht (wie die Worttänzereien der Intellektuellen über einen erledigten Gegner, vor allem, wenn er nicht in ihr Konzept paßt) - die Katze prustet - einige feuchte Flecken auf den roten Fliesen von der toten Maus - die Katze streicht zuerst mit dem Kopf um die Beine und dann mit ihrem Geschlechtsteil (:ist das eine eingelagerte Wertscala? Ich weiß es nicht!) - Sprünge hinter dem Sessel, eine Art Totentanz!  - (rom)

Toten-Tanz  (5) Hätte Strzybisz harte X-Strahlen benutzt, so wären auf seinen Aufnahmen nur die Knochen zu sehen gewesen, als scharfumrissene Streifen, als Stäbe, die durch die Dunkelheit der Gelenkspalten wie durch Schnitte segmentiert sind. Eine solche osteologische Abstraktion wäre jedoch zu rein und klar, zu präpariert ausgefallen. Er indes verfährt nie so und die von weichen Strahlen durchleuchteten menschlichen Körper erscheinen auf seinen Aufnahmen als Anspielungen, als Andeutungen - durch die milchigen Wolken des schimmernden Scheins. So kommt es zu dem eigentlichen Effekt. Schein und Wirklichkeit wechseln einander stellenweise ab. Den mittelalterlichen, Holbeinschen Totentanz, der stillschweigend, unbewegt in uns währt, diese von dem Spektakel der glanzvollen Zivilisation unberührte Verquickung des Todes mit dem Leben, trifft Strzybisz gewissermaßen unbewußt, wie zufällig. Denn wir erkennen die gleiche heitere Beschwingtheit, diese joviale Kraft und frivole Besessenheit, die Holbein seinen Knochengerüsten verliehen hatte, und nur - oder vielmehr gerade - der Akkord der Bedeutungen, den der moderne Künstler anschlägt, ist breiter, da er die modernste Technik auf die älteste Aufgabe der Gattung gerichtet hat; tatsächlich sieht gerade so der Tod mitten im Leben aus, und das ist eben die bis zu den Knochen durchleuchtete Mechanik der sich vermehrenden Art, der die Körper als blasse Spektren assistieren. - Stanislaw Lem, Imaginäre Größe. Frankfurt am Main 1976 (zuerst 1973)

Toten-Tanz  (6) Und jählings fingen meine Zähne zu klappern an und meine Knochen tanzten — tanzten den Totentanz... Ich stand vor meiner offenen Tür und konnte nicht eintreten... Ich hörte die Maske heraufsteigen, die Maske aus der Rue Rachel, ich hörte sie im Halbdunkel gegen die Mauer taumeln. Ein Verwesungsgeruch ging vor ihr her.

Es stieg herauf, an das Geländer geklammert... das war kein Burnus... auch keine Toga... Es schlug das verhüllende Schweißtuch zurück - was ich im Ungewissen Schein des Abends sah — das ist mit Worten nicht auszudrücken. Es war nicht männlich, und es war nicht weiblich, und es war auch nicht betrunken: es war ein Geschöpf aus Morast, das da auf mich zukam... ein dunkles, schlammiges Ungeheuer, das mich anrührte...

Es zog mich in eine starre, klebrig kalte Umarmung, und ein Todesröcheln versuchte zu artikulieren:  »Komm! Komm schnell! Unsere beiden Stunden sind uns schon gekürzt: ich konnte so schwer fort... Ich habe mich verspätet... Komm, mein Geliebter! - Oh, ich erleide ein Martyrium... aber so lieb ich dich, daß ich es fast nicht spüre... Komm!«

Ich ließ alles willenlos über mich ergehen, ich war betäubt, auf den Kopf geschlagen, ich begriff nichts. Und meine weiland Gellebte zog mich in das Zimmer.

Das verstopfte Fenster schuf frühe Nacht. Nacht wurde es auch in meinem Kopfe. Ich schlief vor Betäubung und Entsetzen. Eine gemeine Umarmung erweckte mich jäh. Ich schoß in die Höhe und stieß den verliebten Kadaver so brutal zurück, daß ich ihn mit einem stürzenden Stuhl zu Boden schlagen hörte. Meine Hand suchte von selbst einen vertrauten Gegenstand; ich drehte mechanisch an irgend etwas, und das elektrische Licht flammte auf.

Die Tote hatte sich schon wieder erhoben. Stehend ordnete sie die Falten ihres Leichentuches. - Maurice Renard, Das Stelldichein. In: Das unsichtbare Auge. Eine Sammlung von Phantomen und anderen unheimlichen Erscheinungen. Hg. Kalju Kirde. Frankfurt am Main 1979 (st 477, zuerst 1862)

Toten-Tanz  (7)

- José Chávez Morado

Toten-Tanz  (8)

- Frantisek Kupka

Toten-Tanz  (9)  »Sie haben mich früher schon gesehen, — auf den Stufen vor einer Kirche. Können Sie sich nicht erinnern?«

»Auf den Stufen vor einer Kirche?« echote er schwachsinnig. Sein Kopf rollte zur Seite, und es bereitete ihm einige Schwierigkeit, ihn wieder aufzurichten. »Was hatten Sie denn da verloren?«

»Ich hatte gerade geheiratet. Können Sie sich nun erinnern?«

Er lauschte dem Klang ihrer Worte und leerte, ohne es zu merken, sein Glas. »War ich auf der Hochzeit...?«

»O ja, Sie waren auf der Hochzeit — das kann man wohl sagen!« Sie sprang hastig auf und stellte das Radio an. »Jetzt.ist ein bißchen Musik genau das Richtige.«

Der Klang einer kehligen, aufreizenden Posaune zerriß die Luft. Die Frau wirbelte herum und kam auf Mitchell zu. Sie blieb sekundenlang vor ihm stehen und fing dann an, sich im Rhythmus der Musik zu drehen. Schneller und immer schneller ...

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Ich kann Sie gar nicht mehr so genau sehen — was ist los? Flackert das Licht?«

Ihre Bewegungen wurden rasend. Dieser Solotanz war ein einziger Triumph für sie — es war ein Totentanz. »Das Licht ist so hell wie vorher, es erlischt nicht — es ist Ihr Leben, das erlischt ...«

Das Glas entglitt seinen Händen und fiel scheppernd auf den Boden. Er krümmte sich, fuhr sich mit der Hand an den Hals »Ich krieg' keine Luft — es zerreißt mich — helfen Sie mir — einen Doktor— schnell!«

»Ihnen kann kein Arzt mehr helfen«, sagte sie kalt.

Ihre Worte trafen ihn wie ein Peitschenhieb und ließen sein  Blut erstarren. Sein Blick trübte sich immer mehr. Er sank vom Stuhl  und  wand  sich  auf  dem Teppich vor Schmerzen. Auf seinen Lippen bildete sich Schaum, als er röchelte: »Ich wollte Sie doch nur glücklich machen .. «

Ihr Flüstern schien aus einer unendlichen Ferne zu kommen. »Das haben Sie auch — das haben Sie auch — das haben Sie auch ...«  Dann hüllte ihn gnädiges Schweigen ein.   - Cornell Woolrich, Die Braut trägt schwarz. In: C. W., Phantom Lady / Die Braut trägt schwarz. München 1985

Toten-Tanz  (10)

TOTENTANZ

Für Ernest Christophe

Stolz wie ein Lebender auf ihren edlen Wuchs, mit großem Blumenstrauß, mit Taschentuch und Handschuhn zeigt sie den Gleichmut und das lässige Gehaben einer hageren Koketten, die sich närrisch spreizt.

Sah man im Ballsaal je eine schmalere Taille? Ihr aufgebauschtes Kleid in seiner königlichen Weite fallt üppig auf einen dürren Fuß, den, hübsch wie eine Blume, ein knapper Schuh zwängt, auf dem ein Pompon sitzt.

Die Rüsche, die am Rand der Schlüsselbeine tändelt, wie ein Bach, der lüstern sich am Felsen reibt, verteidigt schamhaft gegen dumme Spaße die düstren Reize, die sie zu verbergen trachtet.

Ihre tiefen Augen sind ganz aus Leere und aus Finsternissen, und ihr Schädel, mit Blumen kunstvoll überkleidet, schwankt sacht auf seinen zarten Wirbeln. O Zauber eines närrisch aufgeputzten Nichts!

Manche werden dich ein Zerrbild heißen, doch diese in das Fleisch vernarrten Buhler begreifen nicht die namenlose Eleganz des menschlichen Gerüstes. Doch bist du, großes Gerippe, ganz nach meinem Geschmack!

Kommst du mit deiner mächtigen Grimasse und willst das Fest des Lebens stören? oder spornt ein alter Kitzel noch dein lebendes Gebein, daß es leichtgläubig in den Hexentanz der Lust sich stürzt?

Hoffst du beim Sang der Geigen, bei der Kerzen Glanz den Alptraum zu verscheuchen, der dich höhnt, und willst du den Wirbelstrom der Orgien bitten, daß er die Hölle erfrische, die in deinem Herzen flammt?

Unerschöpflicher Born der Dummheit und der Sünden! Uralter Qualen ewige Retorte! Durch das gekrümmte Gitter deiner Rippen sehe ich, wie unersättlich dich die Natter noch durchkriecht.

Ich furchte allerdings, daß deine Koketterie hier keinen Preis erringen wird, der ihre Mühen lohnt; wer denn von diesen sterblichen Herzen versteht sich auf den Spott? Nur die Starken berauschen an den Reizen des Grauens sich!

Der Abgrund deiner Augen, voll gräßlicher Gedanken, haucht Schwindel aus, und die klugen Tänzer wird es bitter würgen, wenn sie das ewige Lächeln deiner zweiunddreißig Zähne schauen.

Und doch: wer hat nicht ein Gerippe an die Brust gedrückt, und wer hat nicht von Grabesdingen sich ernährt? Was liegt am Wohlgeruch, an Kleid und Putz? Wer hier den Heiklen spielt, zeigt, daß er sich selbst für schön hält.

Bajadere ohne Nase, unwiderstehliche Metze, sprich doch zu diesen Tänzern, die sich an dir ärgern: »Ihr aufgeblasenen Galane, trotz der Kunst des Puders und des Rouge, riecht ihr nach Tod! o moschusduftende Skelette,

Welke Zierbengel, Dandies mit glatten Wangen, gefirnißte Kadaver, weißhaarige Gecken, der Reigentanz des Todes reißt euch alle taumelnd hin, an Orte, die keiner kennt!

Von den kalten Kais der Seine bis an des Ganges heiße Ufer hüpft und wälzt sich die Herde der Sterblichen, und keiner sieht in einem Loch der Decke die Trompete des Engels, unheimlich gähnend wie ein schwarzer Büchsenlauf.

In jedem Klima, unter jeder Sonne bewundert, o Menschheit, dich der Tod, wie du in deiner Albernheit dich windest und verrenkst, und oftmals, so wie du mit Myrrhe sich parfümierend, mischt er in deine Narrheit seine Ironie!«


- Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen (zuerst 1857). Übs. Friedhelm Kemp Frankfurt am Main 1966 (Fischer Tb. 737)

Toten-Tanz  (11)
 

Tanzen Tote

 

Oberbegriffe
zurück 

.. im Thesaurus ...

weiter im Text 
Unterbegriffe

 

Verwandte Begriffe
Synonyme