Leichenzug    Hinter dem letzten Schergen des alten Regimes strömte nun gleich die schlichte Nachwelt hinterdrein, quoll jene herrenlose Gesellschaft durch das Portal, welche vom bittersten Erbe des Frevlers belastet, nämlich die unsere war, die ungefüge, die mutlose und unverschämte, die reiche und ausgezehrte, offene und heimtückische, verrückte und biedere, tatenlose und überbeschäftigte, freie und durch und durch befangene Gesellschaft. Eine unüberschaubare Menschenmenge drängte wohl noch auf der Westseite zum Palast vor und schien weit über die vordere Auffahrt hinaus die umliegenden Felder und Wiesen zu bedecken. Nach den Wappen und Standeszeichen kamen nun gleich die Transparente und Plakate, wurden die Mahnbänder und Schimpfbanner hochgehalten, und die schnell sich wandelnde Gesellschaft ersetzte die Treue durch den Protest. Wo aber vorn die Rangfolge und das starre Etikett die Geleitordnung beinah von selber schufen, da galt unter den Nachfolgenden scheinbar alles gleich und hielt sich bunt nebeneinander. Doch in Wahrheit fand sich auch unter ihnen eine regelmäßige Anbindung der Kräfte, denn es herrschte hier ein weitgestaffeltes Aufeinander-fixiert-Sein und durchformte ihre Reihen, eine halb unbewußte Abhängigkeit war an die Stelle der offenen Stufung, der erklärten Achtung oder Feindschaft getreten. Da klebte förmlich am Rücken des allerletzten Offiziellen des alten Reichs eben der erste aus dem neuen Lager der modernen Gewissensmacher, der kritischen Aufräumer und Durchleuchter. Diese nämlich bildeten den unmittelbaren Anhang zu der feierlichen Prozession und sie zeigten auch noch eine verhältnismäßig strenge Ausrichtung und Formation. Jetzt aber machten sie ernste und bittere Gesichter. Denn der dahingeschwundene Geist beraubte so manchen von ihnen nicht nur der Moral und der Kritik, sondern oft auch der schieren Erwerbsgrundlage. Sie erkannten wohl nun ihre verzweifelt abhängige Lage und spürten das ganze Unglück einer verdrehten Flörigkeit des Widerstands vom Gegenstand, die sie stets daran gehindert hatte, einen einzigen kühnen Gedanken zu fassen. Unablässig nur mit dem Ungeist beschäftigt, hatten sie selbst schon eine recht geisttötende Intelligenz um sich verbreitet und waren eigentlich nur noch in der Lage, Andersdenkende zu bezichtigen, aufzuspüren und zu umzingeln. Auf diese Musterdemokraten und Berufsantifaschisten waren zwei Gruppen zumeist jüngerer Menschen fixiert, die ihnen denn auch gleich auf dem Fuße folgten. Die einen waren die entschieden Gleichgültigen, die freiweg erklärten, sie ließen sich ihr Leben keinesfalls ans Kreuz von 1933 nageln, und sie trotteten leichtgewichtig und gelangweilt hinter den kritischen Vätern einher, die für sie weder als Vorbild noch als Schreckbild recht zu gebrauchen waren. Die anderen hingegen, weitaus säuberlicher fixiert und anhaftend, hatten im Anti-Gewinde noch eine weitere Drehung vollzogen. Ihnen gefiel es, ihre Vorgänger, die sie für hohle Gesinnungstöner hielten, mit neubarbarischen Provokationen aufzuscheuchen und in flatterhafte Aufregung zu versetzen, was ihnen meist auch ohne viel Witz und Mühe gelang. Derart war also der schlimmste Deutsche durch eine lange Kette von Unfreiheiten verbunden den Nachgeborenen bis ins dritte und vierte Glied. Und diesem Verhängnis entsprach es, daß nun in den weitläufigen Zeit-Raum des zögernden Morgens mehrere Geschlechter und mehrere Generationen einzogen und dem Herrscher, willens oder unbewußt, das letzte Geleit entboten.

Einige gingen dabei nüchtern und unverkleidet, andere taten's vermummt und zeigten sich in alltäglichen Allegorien. Und alles durcheinander floß wie ein breiter trübseliger Karneval dahin. Die hoheitliche Trauer troff, fädenziehend, zu traurigen deutschen Fest- und Feiertagen ab.

Vatertagsreisende, Veteranen-Rebellen, Ur-Antis in gestreiften Turnertrikots, mit der Kreissäge und am Handgelenk das Ledertäschchen, auf Leiterwägen mit Aluminiumbierfässern und auf dem Rücken halsunter festgeschnallt die Magnumflasche voll Cognac, aus der dann der Nachläufer, der Hintermann zapfte; so torkelte der Haufen ›Väter‹ im Zug. Auf sie fixiert voller Hohn und Abscheu die jungen Kachel-Kühlen, die Radikal-Narzißten, die Paradiesvögel der Hygiene, Walkman-Tänzer, unansprechbar, elektrisch zuckend. Nahebei, doch abgetrennt, die redseligen Selbstverwirklicher, denen ein Außerirdisches leuchtet am Ende des Tunnels: ihr Ich numinos. Sie umspielend, kaum einzudämmen, die Flut der Flauen, in brüderlicher Laschheit wogend, gigsendes Lachen im Cola-Rausch; in ihrer Mitte, allen zuteil, allen zupaß, Deborah, der Kinderstar; Nymphe mit Knautschgliedern, selig schwimmend in der eigenen Gestalt, übergelenkig und anfaßsüchtig, lachendschleckend und dabei so biegsam, daß sie aus jeder Umarmung herausrutschte. Verdrossen kämpften sich da zwei alternde Kitafrauen durch das Gewühl der Netten und Adretten, zwei autonome Matronen in T-Shirt und knöchellangem Gipsyrock, und hinter ihnen auf ihrem Revolutionskarren voller Winzlinge mußte dauernd einer Pipi machen und sie wurden's nicht müde und gruben den Knaben >deinen Penis< aus dem Höschen.

Um wieviel getragener ging es aber zu, als nun die Großen Gesinnungen erschienen; als die Allegorien, die Genien der menschheitsbeglückenden Politiken auf ihrem hohen düsteren Festwagen heranfuhren, groß aufgemacht, in kostbaren schwarzen Pomp getaucht. Jedes mächtige Ideal hatte sich bei seiner übermächtigen Schattenseite untergehakt, jede lausige Praxis hielt sich an ihre güldne Theorie. So kam der Kapitalismus am Arm der erbarmungslosen Zerstörungswut, der Marxismus am Arm der finsteren Knechtschaft; in ihrer Mitte aber, ein höhnisches Gerippe, gab Meister Fortschritt den Takt vor, dem beide — unter dem Wahlspruch: der eine tut, der andere weiß das Falsche — sich willig anbequemten. Des weiteren traten in den milden Abschiedsreigen: der Reformeifer, der gutsinnige, mit der frechen Vergeßlichkeit als Partnerin; der Konservativprophet mit seiner Herrin Verächtlichkeit; der Nationalstolz mit seiner haßsüchtigen Schwester gleichen Namens; und schließlich der hochaufgeschossene Friedensengel, der keinen Partner fand und sich beständig um sich selber drehte.

Nach diesen ausgewählten Abstraktionen, den erhöhten Figuren auf rollendem Podest, nun wieder zu Fuß die breite Menge, Volk durcheinander, ohne Maske und Stil. Herausgestellt nur, wenn auch nicht wirklich verehrt, die allseits Beliebten, die Öffentlichen, die Idole daheim, die freilich nie in den Rang von Hausgöttern aufstiegen, bloß zu besseren Bekannten wurden als es die Nachbarn waren. Dennoch besaßen sie Strahlkraft und Legende genug, um eine Unzahl von namenlosen Unglückswürmern in ihrem Gefolge zu haben. Unter ihnen aber auch solche, die wahrlich nicht dorthin gehörten. Die Kranken, die Beladenen und Bedrängten, die geistig Strauchelnden und die armen Schöpferischen auch, denen plötzlich Lichthüte am Kopf standen und dann wieder matt in sich zusammenfielen, doch für kurz unseren düsteren Morgen erhellten. Die Leser, die Trinker, die Weinenden und die Stotterer, die in der Prüfung Durchgefallenen, die mit Eigelb bekleckerten Kleine-Mädchen-Anbeter, die immerwährenden Verlierer beim Canasta - ach, ihr einsamen, unglücklichen Städter, die ihr nicht mehr zu enttäuschen seid: ihr taugt nicht, vereinigt zu werden! Entzieht euch dem flächendeckenden Netz der Demoskopen und Prognostiker, die euch hier auf den Fersen sind, die euer Dasein auf unsinnsbereinigte Daten verkürzen wollen!

Inmitten der Unglückswürmer befanden sich aber die Überinformierten und intellektuellen Tölpel, die alles fallen ließen oder miteinander verwechselten, die Überausaufgeklärten, denen die Nackenstütze des TV-Sessels am Kopf festsaß. Viele erschreckte, an die Oberfläche gepreßte Gesichter. Hierherum herrschte viel Unruhe. Jedem von ihnen schien etwas entlaufen zu sein: das Kind, der Hund, der Schuldner, der Gott, das Aktmodell. Und so hatten denn die Prozessionshostessen alle Hände voll zu tun, den Verwirrten behilflich zu sein; in ihren hochgeschlitzten Rocken und roten Strumpfhosen liefen sie immerzu am Zug vor oder zurück auf der Suche nach irgendeinem vermißten Wesen. Manche von ihnen hatten zwei Sichtkarten über den Brüsten angeklammert. Sie waren dann nicht nur Ordnungskräfte, sondern dazu noch zur Volksbefragung eingesetzt, und viele Menschen, denen sie gerade beigestanden hatten, wurden im Handumdrehen zu Daten verarbeitet.

Und siehe: der Durchschnitt erschien; die Haushalte, gut befestigte Rückzugsgebiete, dichtgefüllte Warenkörbe mit Verwandten, Heim und Hobby, mit Urlaub und Wochenenden, mit Sparbuch und Schulden und Plänen, Plänen. Sogar der knorrige Arbeiter-Spruch wurde noch einmal laut: >Mein Kind soll es einmal besser haben als ich< — da hatte sich jemand ein Herz bewahrt für die gute alte Zukunft, wie man sie einst zum Träumen und Hoffen so gut gebrauchen konnte, bevor sie der gnadenlosen Prognostik zum Opfer fiel.

Daneben aber gleich der EDV-getippte Telebürger, so leiblos wie Computerschrift, geisterhaft wie Bildschirmtext, der Auswurf eines Scheins, der innig rückkontrollierte Partner seines Rechners, Störanzeige bei Verliebtsein, übermäßigem Tablettenkonsum und Anflügen von Frömmigkeit.

Dahinter nun die Bessergestellten. Die Händler mit ihren >Und übermorgen bekommen wir wieder Aufwind<-Gesichtern. Die Pharma-Vertreter, die nichts merkten von ihrer Zeit und mit viel analer Zuwendung einen Witz auf den anderen setzten, lachend abschwebten in die nächsten dreißig Jahre Aufstieg. Mitten unter ihnen dann der Magus der Bonität, immer zahlungskräftig, doch weitschauend, aufs monetäre Ende hin. Der Mann mit dem Polarbart, ein Prospero, der's wenden will? Die Herrennaturen, die mitleidlosen Casino-Gestalten, selbstgerecht und rücksichtslos, schmalmütig und gewalttätig, verdorben für den Mitmenschen wie für Gott.

Die Dominanten wurden immer dominanter; die Subalternen immer subalterner, wie Raupen, die nie zu Schmetterlingen werden, und wenn sie sich bewegten, durchwanderte sie ein Buckel vom Nacken bis zum After.

Es folgten die Außenseiter, die pathetischen Sonderlinge, selbst schon eine blühende Branche. Die sich gegenseitig den Selbstmord androhenden und dann doch drüber-weg schnupfenden Tölen und Tunten, ebenfalls gutplaziert, längst tonangebend in allen Zweigen der Verzweiflungs- und Vergnügungsindustrie. Die fraubewußten Frauen, die vergittert-vergatterten Geschöpfe, die Verunglückten aus geliehenem Gefühl, der männlichsten Denkart verfallen; und aus jeder sah oben heraus, trotzig-träg, der >Körper einer Frau<, durch Selbsterfahrung ausdruckslos. Und hin und wieder ein verirrtes Löwenhäuptlein, niedlich und müd, im Kuß gestrandete Nymphe, mit ihren Leih-mich-Lieb mich-Laß mich-Blicken.

Und neben dem Zug, entlang aller Bereiche, verteilten sich die unzähligen Betreuer, Psychagogen, Animateure, die Sozialpfleger, der pädagogische Versorgungsdienst und andere wahre Stützen der Gesellschaft. Unzählig auch und allgegenwärtig: die Kaltschnauzen, das Mediengeschmeiß, die Epochen-Löcher, durch die die Zeit abfließt, blubbernd wie im Gully. - Botho Strauß, Der junge Mann. München 1984

Prozession Begräbnis

Oberbegriffe
zurück 

.. im Thesaurus ...

weiter im Text 

Unterbegriffe

 

VB

 

Synonyme