asenlosigkeit   Mein Kopf mag ja fehlen, aber die Nase nicht. Hier ist sie und geht mir sichtbar voran, wo immer ich mich hinwende. Und meine Antwort darauf war: Wenn diese verschwommene, rötliche und doch zugleich vollständig durchsichtige Wolke, die rechts vor mir hängt, und diese andere ähnliche Wolke, die links vor mir hängt, Nasen sind, dann zähle ich zwei von der Sorte, und nicht eine; und der vollständig undurchsichtige eine Höcker, den ich so deutlich mitten in deinem Gesicht sehe, ist dann keine Nase: Nur ein hoffnungslos unehrlicher oder verwirrter Beobachter würde freiwillig für so abolut verschiedene Dinge denselben Namen wählen. Ich ziehe es vor, meinem Lexikon und dem gängigen Gebrauch zu folgen, die mich zu erklären zwingen, daß zwar fast alle anderen Menschen eine Nase pro Person haben, ich indes keine.

Nichtsdestoweniger wäre, wenn irgendein fehlgeleiteter Skeptiker in seinem Übereifer, einen Treffer zu landen, in die besagte Richtung einen Faustschlag führen und mitten zwischen diese beiden rosa Wolken zielen würde, das Ergebnis ebenso unangenehm, als wenn ich die solideste und für Boxschläge geeignetste aller Nasen mein eigen nennte. Und außerdem, was ist mit diesen vielfältigen, subtilen Spannungen, Regungen, Druckempfindungen, Kitzel- und Juckreizen, Schmerzgefühlen und Pochsensationen, die in dieser zentralen Region niemals ganz fehlen? Was ist vor allem mit den Berührungsreizen, die ich empfinde, wenn ich mit meiner Hand hier nachfühle? Letzten Endes summieren sich diese Befunde doch zweifellos zu einem erdrückenden Beweis dafür, daß hier und jetzt mein Kopf existiert, oder? - D.E. Harding, nach: Einsicht ins Ich. Fantasien und Reflexionen über Selbst und Seele.  Hg. Douglas R. Hofstadter und Daniel C. Dennett.  München 1992

Nasenlosigkeit (2) Der älteste von der Gesellschaft war ein Mann von großem Ruf, der vielberühmte Geschichtenerzähler Mira Jama, der mit den Spielen seines Geistes hundert Stämme in Entzücken versetzt hat. Auch er saß mit gekreuzten Beinen und mit dem Rücken zum Mond; aber die Nacht war hell genug, um zu zeigen, daß man ihm, bei irgendeinem argen Handel in seinem Leben, die Nase und die Ohren vom schwarzen Kopf rasiert hatte. Er war ärmlich gekleidet; doch war ihm anzusehen, daß er noch immer auf seine Erscheinung hielt. Um den dünnen Leib trug er einen verschossenen, dicken roten Seidenschal, der manchmal bei einer jähen Bewegung aufflammte und im Licht der kleinen Laterne wie Feuer oder heller Rubin zu glühen begann. - (blix)

Nasenlosigkeit (3) Ein Ehepaar, Tafitooa und Ogaoa, bekam ein Kind, das sie Taloolaola nannten. Es war jedoch kein Mensch, sondern ein Drachenfisch. Sie brachten den Fisch in die See und ließen ihn dort. Wenn sie das Essen fertig hatten, brachte Tafitooa es an den Strand und rief:

»Lieber Fisch, lieber Fisch,
Herbei zu Tisch! Im salz'gen Taroblatt,
Duftend und frisch,
Liegen Taro zerschnitten:
Ein schönes Gemisch!
Und die Kokosnuß hängt hier
Mit der Milch so frisch!«

Dann kam der Fisch Taloolaola herbei und aß und trank. Ein böser Mann, der keine Nase mehr hatte, sah und hörte davon. Er wollte den Fisch fangen. Als Tafitooa einmal fortgegangen war, ging dieser Ohnenase an den Strand und sagte:

»Lieber Fisch, lieber Fisch
Herbei zu Tisch!
Im salz'gen Taroblatt,
Duftend und frisch,
Liegen Taro zerschnitten:
Ein schönes Gemisch!
Und die Kokosnuß hängt hier
Mit der Milch so frisch!«

Da kam der Fisch herbei und Ohnenase speerte ihn, so daß er auf der Stelle tot blieb. Er nahm ihn mit, zündete ein Feuer an und wollte ihn nun braten und verzehren. Kurz darauf kam Tafitooa wieder und rief:

»Lieber Fisch, lieber Fisch
Herbei zu Tisch!
Im salz'gen Taroblatt,
Duftend und frisch,
Liegen Taro zerschnitten:
Ein schönes Gemisch!
Und die Kokosnuß hängt hier
Mit der Milch so frisch!«

Diesmal erschien der Fisch Taloolaola nicht. Er war tot. Tafitooa und Ogaoa gingen hin und bliesen die Tritonsmuschel: Pu-u-u-uh!

»Was soll denn der Lärm?« fragten alle Leute. »Das ist unser Trompetenruf«, antworteten Tafitooa und Ogaoa, »wir suchen unser Kind Taloolaola, den Fisch. Wir wollen wissen, ob er noch lebt oder ob ihn jemand gefangen, gekocht und gegessen hat.« Die Leute erwiderten: »Das wissen wir nicht; doch da geht der Kerl ohne Nase und schleppt eine Last auf dem Buckel!«

Nun bliesen die beiden nochmals ins Tritonshorn: Pu-u-u-uh!

»Was soll denn das Blasen?« rief Ohnenase. »Das ist unser Trompetenruf!« antwortete Tafitooa und Ogaoa. Und Ohnenase sagte: »Kommt nur mit und wartet, bis ich mein Essen fertig gekocht habe.« Tafitooa und Ogaoa folgten ihm ahnungslos. Sie setzten sich im Hause des Ohnenase hin und warteten, bis er das Essen fertiggekocht hatte. Er setzte es ihnen vor. Als er jedoch die Augen des Drachenfisches in Taroblätter einwickeln wollte - da sprang Tafitooa auf und schlug den Kerl ohne Nase tot.  - Südsee-Märchen. Hg. Paul Hambruch. Köln Düsseldorf 1979 (Diederichs: Märchen der Weltliteratur)

Nasenlosigkeit (4)  Die Kisten bestanden aus merkwürdig goldfarbenem Holz, mit wunderbaren Glasfronten und enthielten die mumifizierten Gestalten von Wesen, die in ihrer Groteskheit die wildesten menschlichen Träume überboten. Von diesen Monstrositäten einen Eindruck wiederzugeben, ist unmöglich. Sie waren reptilienartig, mit Körperumrissen, die manchmal an ein Krokodil, manchmal an einen Seehund denken ließen, aber an gar nichts von den Dingen, von denen der Naturwissenschaftler oder der Paläontologe je gehört hat. In der Größe reichten sie an einen kleinen Menschen heran, und ihre Vorderbeine trugen zarte und offensichtlich menschliche ganz merkwürdige Füße, wie menschliche Hände und Finger. Aber ihre Köpfe, die einen Umriß aufwiesen, der allen bekannten biologischen Grundsätzen hohnzusprechen schien, waren das Allermerkwürdigste. Man konnte diese Geschöpfe mit nichts vergleichen - blitzartig gingen mir Vergleiche mit der Vielfältigkeit der Katzen, der Bulldoggen, dem sagenhaften Satyr und dem Menschen auf. Nicht einmal Jupiter selbst hat eine solch ungeheuer vorspringende Stirn. Dennoch stellten das Fehlen der Nase und die alligatorähnlichen Kiefer diese Wesen außerhalb jeder klassifizierten Kategorie. - H.P. Lovecraft, Stadt ohne Namen. Frankfurt am Main 1997 (st 2756, Phantastische Bibliothek 346)

Nasenlosigkeit (5)

Sphinx. - Am Boden im Sand hockend, rauchen wir eine Pfeife und betrachten ihn. Seine Augen wirken noch voller Leben, die linke Seite ist vom Vogelkot geweißt (die Haube der Chephrenpyramide hat deshalb auch weiße, längliche Flecken), er ist genau der aufgehenden Sonne zugewandt, sein Kopf ist grau, sehr große Ohren, abstehend wie bei einem Neger, sein Hals ist verwittert und geschrumpft; vor seiner Brust ein großer Krater im Sand, der ihn noch mehr zur Geltung bringt; die fehlende Nase verstärkt noch die Ähnlichkeit, da er dadurch plattnasig wirkt. Im übrigen muß es sich um einen Äthiopier gehandelt haben; die Lippen sind dick. - (orient)

Nasenlosigkeit (6)  Ein Junge, der manchmal mitkam und mit dem wir fünf waren, trug ein schwarzseidenes Taschentuch überm Gesicht, weil er damals keine Nase hatte und man ihm ein neues Gesicht machen wollte. Er war von der Militärakademie aus an die Front gekommen und binnen einer Stunde, als er zum erstenmal in der vordersten Linie war, verwundet worden. Sie machten ihm ein neues Gesicht, aber er war aus einer sehr alten Familie, und sie konnten die Nase nie ganz richtig hinbekommen. Er ging nach Südamerika und arbeitete in einer Bank.  - Ernest Hemingway, Die Nick Adams Stories. Reinbek bei Hamburg 1973

Nasenlosigkeit (7)  Alle Freude und Hoffnung des Herrn Lütkens wurde verwandelt in bittres Herzeleid und tiefen Gram, als seine Hausfrau statt des holden Knäbleins, das die Barbara Roloffin prophezeit, einen abscheulichen Wechselbalg zur Welt brachte. Das Ding war ganz kastanienbraun, hatte zwei Hörner, dicke große Augen, keine Nase, ein weites Maul, eine weiße verkehrte Zunge und keinen Hals. Der Kopf stand ihm zwischen den Schultern, der Leib war runzlicht und geschwollen, die Arme hingen an den Lenden, und es hatte lange dünne Schenkel.

Herr Lütkens klagte und lamentierte gar sehr. ,O du gerechter Himmel', rief er, ,was soll denn daraus werden! Kann mein Kleines wohl jemals in des Vaters würdige Fußstapfen treten? Hat man jemals einen kastanienbraunen Ratsherrn gesehen mit zwei Hörnern auf dem Kopfe ?*

Der Fremde tröstete den armen Herrn Lütkens, so gut es gehen wollte. Eine gute Erziehung, meinte er, vermöge viel. Unerachtet, was Form und Gestaltung beträfe, der neugeborne Knabe ein arger Schismatiker zu nennen, getraue er sich doch zu behaupten, daß er mit seinen dicken großen Augen gar verständig umherblicke, und auf der Stirn zwischen den Hörnern habe viel Weisheit geräumigen Platz. Wenn auch nicht Ratsherr, so könne doch der Junge ein großer Gelehrter werden denen oft absonderliche Garstigkeit sehr wohl anstehe und ihnen tiefe Verehrung erwerbe.  - E. T. A. Hoffmann, Die Serapionsbrüder (zuerst 1819 ff.)

 

Nase Mangel

 

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