echselbalg  "Es ist mir gleichgültig, ob ich Geld verdienen werde. Es ist mir gleichgültig, ob ich mir einen Namen machen werde. Es ist mir gleichgültig, ob ich irgendein Werk zurücklasse, wenn ich sterbe. Alles, was ich wünsche, sind gewisse Empfindungen!" Und mit der ganzen Kraft seines Verstandes machte er sich an den Versuch, zu analysieren, was diese Empfindungen waren, die er mehr wünschte als alles andere.

Das erste, was er tat, war der Versuch, ein geistiges Hilfsmittel zu analysieren, das anzuwenden er gewohnt war — ein Hilfsmittel, das ihm das geheime Substrat seines ganzen Lebens lieferte. Dies war ein gewisser Kniff, das zu tun, was er "in seine Seele versinken" nannte. Dieser Trick war schon in sehr frühen Tagen seine verstohlene Gewohnheit gewesen. In seiner Kindheit hatte die Mutter in ihrer oberflächlichen Art ihn oft deswegen verspottet und hatte diesen Zustand der Trance oder diese Anfälle von Geistesabwesenheit mit einem lustigen, aber eher unanständigen Kinderstubennamen bezeichnet. Sein Vater hingegen hatte ihn in diesen Stimmungen ermutigt — indem er sie sehr ernst nahm — und ihn, wenn er unter deren Bann war, behandelt, als wäre er eine Art kindlicher Magier.

Sei dem wie immer, damals, als er im Hause seiner Großmutter in Weymouth gelebt hatte, war es gewesen, daß das Wort ihm zuflog, das er jetzt bei sich stets verwendete, um diese Besessenheiten zu beschreiben. Es war das Wort "Mythologie", und er verwendete es in einem völlig eigenen, privaten Sinn. Er konnte sich sehr gut erinnern, wo er zuerst auf das Wort gestoßen war. Es war in einem merkwürdigen Raum, genannt der "Vorraum", der durch Schiebetüren mit dem Wohnzimmer seiner Großmutter verbunden und mit jener Art ornamentalen Krams angefüllt war, den Mittelständler in der frühen Regierungszeit der Königin Viktoria zu erwerben liebten. Das Fenster des großmütterlichen Zimmers öffnete sich auf die See, und Wolf, der das Wort "Mythologie" in dieses Bogenfenster trug, ließ es hier zu seiner eigenen geheimen Bezeichnung für seine eigene geheime Gewohnheit werden.

Dieses "Versinken in seine Seele" — diese Empfindung, die er "Mythologie" nannte — bestand in einem gewissen Heraufbeschwören einer unterbewußten magnetischen Kraft auf die Oberfläche seines Geistes, einer Kraft, die von jenen sehr frühen Tagen in Weymouth, da er von dem Bogenfenster aus das leuchtende Glitzern der Sonne und des Mondes auf dem Wasser beobachtet hatte, darauf vorbereitet schien, solchen Beschwörungen zu gehorchen.

Diese heimliche Übung war stets von einer hochmütigen geistigen Vorstellung begleitet — nämlich von der Vorstellung, daß er an irgendeinem okkulten kosmischen Kampf teilnehme — einem Kampf zwischen dem, was er sich gerne als "gut", und dem, was er sich in jenen fernen Tiefen gerne als "böse" dachte.

Wie es kam, daß das bloße Nachgeben vor einer Empfindung, die ebenso erregend war wie ein geheimes Laster, die Macht haben sollte, solch dreisten Hochmut zu erwecken, war Wolf selbst nie imstande zu erklären; denn von seiner sogenannten "Mythologie" führte kein Ventil zu irgendeiner Art von Tätigkeit. Sie beschränkte sich völlig auf eine geheime Empfindung in seinem Geiste, auf eine Empfindung, die von einer Art war, daß er sie wohl nur sehr schwer irgendeinem lebenden Menschen in verständlichen Worten hätte erklären können.

Tatsächlich aber hing sein tiefster persönlicher Stolz — das, was man als seine dominierende Lebensillusion hätte bezeichnen können — gänzlich davon ab.

Nicht nur, daß er keinen Ehrgeiz nach Tätigkeit empfand, hatte er auch keinen Ehrgeiz nach irgendeiner Art von literarischem oder intellektuellem Wirken. Zutiefst in seinem Wesen verbarg er eine Verachtung, die in ihrer Überhebung über all die menschlichen Erscheinungen weltlichen Erfolges eigentlich bösartig war. Es war, als wäre er ein Wechselbalg von einem anderen Planeten, auf dem all die Prozesse des Lebens — die großen dualistischen Kämpfe zwischen Leben und Tod — niemals aus dem Zauberkreise des privaten Bewußtseins des Individuums hervortraten. - John Cowper Powys, Wolf Solent (zuerst 1929)

Wechselbalg (2) Ein Bild trug den Titel ›Die Lektion‹ — dem Himmel sei es geklagt, daß ich es jemals erblickte! Hör zu: kannst du dir vorstellen, wie es aussieht, wenn so ein Haufen unaussprechlich widerlicher, hundehafter Wesen rund um ein zartes Kind hockt, um ihm beizubringen, wie es sich nach ihrer eigenen schauderhaften Weise zu ernähren habe? Gegen einen Wechselbalg eingetauscht! Du kennst doch diese alten Geschichten, in denen die Unter- oder Unirdischen ihre höllische Brut in den Wiegen der Säuglinge, die sie gestohlen haben, zurücklassen? Und Pickman stellte hier in meisterhafter Art dar, was aus solchen unglücklichen Kindern wird, wie es ihnen ergeht, wie sie aufwachsen — und durch diese Darstellung wurde mir zum ersten Mal die abstoßende Ähnlichkeit zwischen jenen menschlichen und nicht-menschlichen Geschöpfen klar. Pickman zeigte in grausiger Eindringlichkeit den sukzessiven Übergang von der niedrigsten und verkommensten Stufe menschlichen Lebens zu diesen nicht mehr menschlichen Bestialwesen auf.

Ich fragte mich gerade, was wohl aus diesen Wechselbälgern werden mochte, die man den Bestohlenen ins Nest gelegt hatte, als mein Auge auf ein anderes Gemälde fiel, das diesen Vorgang verkörperte. Es zeigte ein altertümliches puritanisches Interieur, die Familie war zu einer Andacht versammelt, der Vater las aus der Heiligen Schrift. Auf allen Gesichtern lag ein Ausdruck von edler Frömmigkeit und religiöser Hingebung — nur eines trug einen abgründigen Hohn. Es gehörte einem jungen Mann, offenbar dem ältesten Sohn des Vorlesenden, denn eine gewisse Ahnlichkeit mit diesem war keinesfalls zu verkennen; aber der innere Ausdruck seines Wesens war dennoch der, den eine dieser unreinen Kreaturen bei ähnlicher Gelegenheit empfunden haben würde. Es war der Wechselbalg — und Pickman hatte ihm in einer Stimmung von raffinierter Ironie seine eigenen Züge gegeben.  - H. P. Lovecraft, Pickmans Modell, in: H. P. Lovecraft, Cthulhu. Geistergeschichten. Übs. H. C. Artmann. Frankfurt am Main 1972 (st 29, zuerst 1928)

Wechselbalg (3) Mit Recht konnte das Weib über den abscheulichen Wechselbalg klagen, den sie vor drittehalb Jahren geboren. Das, was man auf den ersten Blick sehr gut für ein seltsam verknorpeltes Stückchen Holz hätte ansehen können, war nämlich ein kaum zwei Spannen hoher, mißgestalteter Junge, der von dem Korbe, wo er querüber gelegen, heruntergekrochen, sich jetzt knurrend im Grase wälzte. Der Kopf stak dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rückens vertrat ein kürbisähnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen die haselgertdünnen Beinchen herab, daß der Junge aussah wie ein gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel entdecken, schärfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein Paar kleine, schwarz funkelnde Äuglein gewahr, die, zumal bei den übrigens ganz alten, eingefurchten Zügen des Gesichts, ein klein Alräunchen kundzutun schienen. - E.T.A. Hoffmann, Klein Zaches genannt Zinnober (zuerst 1819)

Wechselbalg (4) Wenn gefragt wird, ob die Vertauschungen von Kindern mit Hilfe der Dämonen geschehen und ob die Dämonen einen Menschen, auch wider seinen Willen, von Ort zu Ort schaffen können, so wird auf das erstere mit ja geantwortet. Denn auch Quilelmus Parisiensis sagt im letzten Teile De universo, die Vertauschungen der Kinder könnten in der Weise geschehen, daß mit Zulassung Gottes der Dämon eine Vertauschung des Kindes vornehmen oder auch eine Fortbewegung bewirken kann. Solche Kinder heulen auch immer gar erbärmlich, und wenn auch vier oder fünf Mütter nicht ausreichten zum säugen, so nehmen sie doch niemals zu, sind aber ungewöhnlich schwer. Den Müttern gegenüber ist wegen des großen Schreckens, den sie davon haben könnten, derlei weder zu bestätigen noch zu verneinen, sondern sie sind anzuweisen, daß sie die Urteile der Gelehrten aufsuchen. - Jakob Sprenger, Heinrich Institoris, Der Hexenhammer. München 1985 (dtv klassik, zuerst 1487)

Wechselbalg (5)   Das Schuhmacherlein führte aus: Die Menschen als Geschöpfe Gottes seien - ceterum censeo - mit der Sintflut untergegangen. Die, welche von der Arche heruntergekommen seien, seien nicht die gleichen gewesen, welche sie gebaut und welche in sie hineingegangen seien. Unter die Tiere hätten sich Ungeheuer gemischt, das habe leicht passieren können anläßlich des Durcheinanders, das beim Verladen herrschte. Die Ungeheuer hätten während der Sintflut Noah und dessen Familie umgebracht und hätten sich nach der Sintflut als Noah und dessen Familie ausgegeben. Es sei ja niemand dagewesen, der ihnen das Gegenteil hätte beweisen können. Einzig die Tiere, die seien Zeugen gewesen; aber ihnen, die bis dahin die menschliche Sprache beherrschten, hätte es die Sprache verschlagen angesichts dessen, was sie auf der Arche miterlebten. Was sie seither als Laut von sich geben, sei nichts als Klage und Anklage, daß die, die als Menschen auftreten, gar keine seien. - Hugo Loetscher, Der Buckel. Zürich 2004

Wechselbalg (6)  

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