phinx  An unserm Wege geblieben sind mancherlei Sphinxe, die vier zum Beispiel, die auf der Brücke sich wegwenden von den beiden Taten des Herkules, welche auf mittlerer Brückenhöhe geschehen. Sie tragen sanft jede ein Kind mit Füllhorn auf dem Rücken und lassen die Autobusse vorübergehen. Die Herkulesse der beiden Taten sind etwas beunruhigend. Sie stehen so, daß man immer in Sorge ist, sie selbst oder ihre Gegner, der Löwe und der Zentaur, könnten ins Wasser fallen, wenn sie es weiter so treiben. Die Sphinxe hingegen sind beruhigend. Rätsel geben sie nicht auf.

Eine noch harmlosere weiß ich über dem Portal eines Hauses, das der Mauer des zoologischen Gartens gegenüberliegt. Die wartet wie eine freundliche Hausmeistersfrau und hat doch Flügel und Tatzen. - (hes)

Sphinx (2)

Kliban: Katzensphinx

- Kliban

Sphinx (3)

Sphinx-Klecks
 

Unio mystica

Ein Klecks bat eine Achse zum Tanz
und sagte: gestatten, die wahre Substanz.
Die Achse erwiderte: angenehm,
ein Tänzchen in Ehren, aber schön mit System!
Kapelle, Tusch! Es wird feierlich,
hier bilden zwei Kräfte das Ding-an-sich.
Eine Drehung nach rechts, eine Wendung nach links,
kuckt es nicht schlechterdingstreu wie die Sphinx?!

- Peter Rühmkorf, Kleine Fleckenkunde. 1988 (Insel-Bücherei 1082)

Sphinx (4) Ich kann einen blühenden Garten in Paris als den Ort angeben, wo ich 1938 oder 1939 ein stilles, etwa zehnjähriges Mädchen mit einem weißen Sphinxgesicht erblickte, das in seinen dunklen, schäbigen, der Jahreszeit nicht gemäßen Kleidern aussah, als sei es aus einem Waisenhaus geflohen (im Einklang damit sah ich später, wie zwei wehende Nonnen es mit sich zogen); es hatte einen lebendigen Schmetterling geschickt an einen Faden gebunden und führte das hübsche, schwach flatternde, ein wenig verkrüppelte Insekt an dieser elfischen Leine spazieren. - (nab)

Sphinx (5) Damals befanden wir uns häufig in Ada Leversons Gesellschaft. Der arme Oscar Wilde, dem sie eine Herzensgüte entgegengebracht hatte, deren man für alle Zeiten gedenken sollte, hatte sie aus Dankbarkeit ›Die Sphinx‹ genannt. Den Grund dafür kenne ich nicht, denn es gab an ihr nichts Geheimnisvolles.

Äußerlich ähnelte sie einer sehr weisen alten Eule, die sich in einem einzigartig dichten und einzigartig leuchtenden Forsythienbusch verfangen hat. Außerdem hatte sie viel Ähnlichkeit mit der alten Sarah Bernhardt.

Von ihr durfte man stets das rechte Wort zur rechten Zeit erwarten. Einmal flüsterte sie mir, den Blick auf eine junge Dame geheftet, die offenkundig an einsetzender Nymphomanie litt, so laut zu, daß es jeder hören mußte: »Ach, meine Liebe, mir waren vaterlandslose Mätressen eigentlich immer lieber als solche mit Hur-.. .ra-Patriotismus.« Mit Bezug auf dieselbe Dame, deren Arme sich von den Schultern abwärts in einem unglückseligen Zustand der Nacktheit befanden (zu jener Zeit ging eine Dame tagsüber mit vollständig bedeckten Armen), fragte sie mit dem gleichen ungenierten Flüstern und einem Ausdruck, in dem sich Verwirrung und Entsetzen mischten: »Ach, meine Liebe, ob das wohl Beine oder Arme sind?«

Man durfte sich getrost darauf verlassen, daß sie mit jeder Situation fertig wurde. Als man sie bat, eine schwergeprüfte Mutter bei der Verfolgung eines auf Abwege geratenen (und äußerst reichen) einundzwanzigjährigen Sohnes zu begleiten, der mit einer nicht mehr ganz taufrischen verheirateten Dame, die ihm zwanzig Jahre voraus hatte, in die Karpaten geflohen war, erwies sich ihre Hilfe bei der Erledigung der Angelegenheit als unschätzbar. Die beiden Damen trafen in dem Hotel ein, wo der verlorene Sohn logierte, er trat auf sie zu, um sie zu begrüßen und rief, fast unter Tränen, aus: »Was habe ich nur getan? Was habe ich nur GETAN? Wir haben einen Spaziergang in den Bergen gemacht, und mit einem Mal ist ein riesiger schwarzer Bär hinter einem Felsen hervorgestürmt, und ich - ich bin davongelaufen und habe sie im Stich gelassen.«

»Armes Tier«, sagte Ada Leverson und zog ihre Pelze leicht erschauernd enger um sich: »Vermutlich hat es sie umarmt, und jetzt erpreßt sie es.«   - Edith Sitwell, Mein exzentrisches Leben. Frankfurt am Main 1994 (Fischer-Tb. 12126, zuerst 1965)

Sphinx (6)

- Vivant Denon

Sphinx (7) Die Wunde des Selbstmordes. Sie tötet ihren Schöpfer. Und ich sage das, ihr Sphinxe, als menschliches Symbol, damit ihr das Recht habt, freiwillig zu sterben, da ihr doch ständig im Begriff wart zu sterben.

Die Sphinxe, die Pans hübscher Herde entsprungen waren, bäumten sich auf, sie erbleichten und ihr Lächeln verwandelte sich in fürchterliches und panisches Entsetzen. Schlagartig kletterten sie mit Hilfe ihrer scharfen Krallen bis in die Wipfel der höchsten Bäume und stürzten sich hinab. Das Ungeheuer Kapalu hatte den raschen Tod der Sphinxe mit angesehen, ohne den Grund dafür zu begreifen, denn es hatte nichts erraten. Es stillte seinen ausgezeichneten Hunger mit ihren zuckenden Leibern. Allmählich wich die Dunkelheit aus dem Wald. Da das Ungeheuer das Tageslicht scheute, kaute und leckte und schlang es immer schneller. Bei Anbruch der Morgendämmerung floh das Ungeheuer Kapalu in dunklere Einöden. Als der Tag anbrach, erfüllte sich der Wald mit Geräuschen und blendender Helligkeit. Die Singvögel erwachten, und die alte gelehrte Eule schlief ein. Von all den Worten, die im Laufe dieser Nacht gesprochen worden waren, merkte sich der Zauberer, um darüber nachzudenken, nur den Ausspruch des getäuschten Druiden, der zum Meer aufgebrochen war: »Ich lerne, wieder Fisch zu werden.« Er erinnerte sich auch mit Vergnügen an die Worte des miauenden Ungeheuers Kapalu; »Wer frißt, ist nicht mehr allein.«  - (apol)

Sphinx (8)  Sie hat Flügel wie ein Fürsprecher, riesige und runde. Wenn er sie von vorne betrachtet, er wagt es, weil er glaubt, daß sie mit halboffenen Augen träume, ist sie ein mächtiges Weib mit kindlich abstehenden Flechten, er denkt: was für ein Widersinn, mit sehr vollen beweglichen Wangen. Sie hebt die Lider und blickt mit einem wasserhellen Blick, der sich allmählich mit einer großen Träne füllt, die nicht austritt. So mit riesig angeschwelltem grünem Auge schaut sie ihn an, ihr hoher Hals, der in den breiten Nacken des Tiers verläuft und zugleich einstürzt in die Abgründe der warmen Brüste, hält das königliche Haupt. Während er gebannt wird durch ihren fast schon sprechenden Mund, geht hinter ihr die Nacht auf, blau, tief, mit Sternen und einem gelben Rand Horizont. Sie öffnet die Lippen, und ihre Augen sind jetzt bernsteingelb; wie er erschauert! Eine graue Falte zieht sich durch die gewölbte Stirn. Er lauscht, löst rasch und ängstlich den Rätselspruch und sinkt. Ihre Flanke rührt sich ein wenig.  - Friederike Mayröcker, Die Sphinx tötet. In: F. M., Gesammelte Prosa 1949 bis 1975. Frankfurt am Main 1989 (zuerst 1956)

Sphinx (9)   Als Ödipus das Wort  ›Mensch‹ ausstieß, zuckte die Sphinx zusammen und begann zu heulen. Ihre Flügel zitterten, als Ödipus das Wort wiederholte, und die Sphinx versuchte, sich mit ihren Schwingen die Ohren zuzuhalten; aber die Ohrmuscheln wuchsen, als bekämen sie nicht genug von dem Wort, als habe sie ein Schlag getroffen, der sie anschwellen ließ. Es wimmerte aus der Sphinx wie aus einem Kinderkörper, aber es schüttelte sich der Leib eines Löwen, und ihr Mädchenmund spitzte sich, als wolle er das Wort küssen und sich ihm hingeben; zugleich versuchte die Sphinx mit dem Schwanz auszuholen, um das Wort in der Luft zu treffen. Aus ihren Brüsten floß eine Milch, die das eigne Fleisch ätzte, und sie schrie auf; der Schrei kam von tief unten, als hätte sich die Erde gespalten. Und Ödipus schlug zu: Wort um Wort und ›Mensch‹ um ›Mensch‹. Die Krallen der Sphinx bohrten sich in den Felsen, und das Gestein begann zu bröckeln. Sie rutschte und warf sich in den Abgrund, in den sie die Verlierer zu Tod gestürzt hatte. - Hugo Loetscher, Die Papiere des Immunen. Zürich 1986

Sphinx (10)  Sie ließ sich in den Knien einknicken, sie wurde schlaff in den Knöcheln, sie sank auf das Fell des... (bei den Imitationen, die jetzt im Handel sind, kann man nie sagen, um was für ein Fell es sich handelt), und dann ließ sie es geschehen, daß der weiche Körper sich wieder aufrichtete, während ihre Beine auf den Teppich fielen.

Maurice packte sie und preßte die rumänischen Knie schweigend an seine Brust. Nach einigen Augenblicken der Erwartung seufzte er.

Dann drückte er probeweise einen Kuß auf ihre Hand. Mathilda zog die Hand nicht zurück. Hierauf deklamierte Maurice: «Ich liebe Sie. Mathilda, ich liebe Sie, Sie gefallen mir. Ich bin trunken von Ihnen, verrückt nach dir. Gib mir deinen Mund, Mathilda Arabesco!»

Und während er im Begriff war, sie an sich zu reißen, während die Beute ihm gewissermaßen schon sicher war, schüttelte die Frau sich, erhob sich leicht, dehnte sich auf Knien und Ellbogen wie eine Katze, die sich streckt, und, indem sie das Gesicht auf ihre Handflächen stützte und die lodernde Flamme ihres Blicks in die Tiefe von Maurices Augen sprühte, fragte sie ihn mit übermenschlicher Stimme:

«Was weißt du von Mihail Eminesco?» Maurice verharrte regungslos versteinert vor der Frau, die ihn, ausgestreckt auf Knien und Ellbogen, gespannt betrachtete, wie die Sphinx, wenn sie Ödipus das Rätsel aufgibt.

Maurice Pantin sah sich unwiderruflich verloren. Niemals hatte er von diesem rumänischen Dichter gehört, der hingegen Mathildas tägliche geistige Nahrung war; Mihail Eminesco war im Maroquin-Einband in ihrem Handkoffer durch die ganze Welt gereist, und von Seite zu Seite hatte er einige Tränen aufgesogen, die ihr in Tagen des Spleen über die weißen und rosigen Wangen getropft waren.

«Was also weißt du von Mihail Eminesco?»

Aber ehe noch Maurice Zeit gehabt hatte, seine Unwissenheit zu gestehen und sich geschlagen zu geben, unterbrach der Klang einer Glocke seine Not. Die Sphinx erhob sich von ihrem Piedestal und durchschritt zwei oder drei Zimmer, um zu öffnen. Allein geblieben warf Maurice einen Blick auf die Büchergestelle, um eine Enzyklopädie zu suchen. Es war keine vorhanden.

Oder, um genau zu sein, es war eine da. Die sieben Bände von Larousse nebst Ergänzung standen da, aber der erschrockene Maurice sah sie nicht.

«Wer hätte je gedacht», sagte er zu sich selbst, «daß man, um gewisse Frauen zu erobern, ein Examen über allgemeine Kultur ablegen müßte, wie bei der Bewerbung um eine Stelle bei der Eisenbahn?» - Pitigrilli, Rumänenzauber. In: P., Luxusweibchen. Reinbek bei Hamburg 1988  (rororo 12201, zuerst 1922)

Sphinx (11)

Oedipus vor der Sphinx

Von Hera, der strengen Wächterin ehelicher Treue, entsandt, die Thebaner der Frevel ihres König Laios wegen zu strafen, verheerte die Sphinx das Land und holte sich Menschenopfer, solange niemand eines ihrer täglich gestellten Rätsel zu lösen vermochte. Ödipus kam nach Theben, weil er dem Orakel von Delphi ausweichen wollte, das ihm die Tötung seines Vaters und die Heirat mit seiner Mutter vorausgesagt hatte, rannte aber gerade so ins Verderben: Mit Laios mordete er seinen Vater, der ihn als Kind ausgesetzt hatte. Nachdem er die Frage der Sphinx nach einem Tier, das eine Stimme habe, am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig und am Abend dreifüßig sei, mit den unterschiedlichen Altersstufen des Menschen beantwortet hatte, tötete er das Untier und erhielt die verwitwete Königin - seine Mutter - zur Ehefrau. Erst spät - er zeugte vier Kinder mit Jocaste, darunter Antigone - fielen ihm seine unbewußt begangenen Untaten wie Schuppen von den Augen, und er blendete sich. Daumier zeigt Ödipus vor der Sphinx in der Pose eines in seine Stimme verliebten Deklamators oder Operntenors. Das Schwert, mit dem er eben erst den Vater getötet hat und mit dem er gleich dem Untier den Kopf abschlagen muß, hängt ihm als wenig streitbares, dafür gut sichtbares Requisit vor dem Bauch. Den Schwierigkeiten Rechnung tragend, die Fabelwesen der Dramaturgie bereiten, verbirgt die Sphinx ihr tierisches Unterteil hinter einem Felsen den  Blicken der Zuschauer; ihr verzerrtes Gesicht kann man als Reaktion auf die Lösung des Rätsels und ihr nun bevorstehendes Ende, aber auch als Reaktion auf den hier dargebotenen Vortrag nehmen.  - (dau)

Sphinx (12)

- Alfred Kubin

Sphinx (13)

Sphinx (14)

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