eib, altes   Die Nacht war ruhig. Tausende von Sternen blitzten am Firmament. Einen Augenblick betrachtete ich dieses überwältigende Schauspiel, und wie von selbst fanden die Worte eines Gebets zu meinen Lippen. Wer aber könnte meine Bestürzung schildern, als ich nach unten blickte und dort an der Stange des Aushängeschilds der Herberge »Zum fetten Ochsen« einen Mann hängen sah. Sein Haar war aufgelöst, die Arme steif und die Beine waren so sehr ausgestreckt, daß sich ihr riesiger Schatten bis ans Ende der Straße dehnte!

Die Unbeweglichkeit dieser Gestalt in den Strahlen des Mondes hatte etwas Entsetzliches. Mich überlief es eiskalt, ich klapperte mit den Zähnen. Ich wollte schreien, aber wie durch einen geheimnisvollen Zwang sah ich nach unten, und ich entdeckte die alte Frau, die, inmitten der großen Dunkelheit, an ihrem Fenster niederkauerte und den Mann, der dort hing, mit diabolischer Genugtuung betrachtete. - Erckmann-Chatrian, Das unsichtbare Auge oder Die Herberge der Gehenkten. Frankfurt am Main 1979. In: Das unsichtbare Auge. Eine Sammlung von Phantomen und anderen unheimlichen Erscheinungen.  (st 477, zuerst 1862)

Weib, altes (2)  Ich beobachtete, wie die verhutzelte, affenähnliche Gestalt aus dem Schatten der Hütte kroch. Sie krabbelte auf allen vieren, aber als sie den Platz, wo der König saß, erreicht hatte, richtete sie sich auf, warf die Pelzbekleidung ab und enthüllte ein höchst ungewöhnliches und unheimliches Angesicht. Es war offensichtlich das eines hochbetagten Weibes, so zusammengeschrumpelt, daß es nicht größer war als das Gesicht eines einjährigen Kindes, aber von zahllosen, gelben Furchen geprägt. Inmitten dieser Runzeln war eine eingesunkene Spalte, die den Mund vorstellte, das Kinn bog sich nach vorne zu einer Spitze. Von einer Nase war da nicht zu sprechen; wahrlich, man hätte es für das Gesicht eines sonnengetrockneten Körpers halten können, wenn nicht ein Paar großer schwarzer Augen gewesen wären, noch voll Feuer und Verstand. Sie funkelten und spielten unter den schneeweißen Augenbrauen und der vorspringenden pergamentfarbigen Stirn wie Juwelen in einem Beinhaus. Der Schädel selbst war völlig kahl und von gelber Farbe, und die nackte, runzelige Kopfhaut bewegte sich und zog sich zusammen wie der Kopf einer Kobra.

Die Gestalt, die zu diesem furchtbaren Gesicht gehörte, einem Gesicht, so furchtbar in der Tat, daß es einem einen Schauer von Furcht durch und durch jagte, wenn man es ansah, diese Gestalt stand für einen Augenblick regungslos. Dann streckte sie eine hagere Pfote vor, bewehrt mit Fingernägeln von beinahe einem Zoll Länge, legte sie auf die Schulter von Twala, dem König, und begann mit dünner, durchdringender Stimme zu sprechen:

»Höre, o König! Hört, o Krieger! Hört, o Berge und Ebenen und Flüsse, Heimat des Stammes der Kukuana! Höret, o Sterne und Sonne, o Regen und Sturm und Nebel! Höret, o Männer und verheiratete Frauen, o Jünglinge und Mädchen und o ihr ungeborenen Kinder! Höret, alle Wesen, die leben und sterben müssen! Höret, alle toten Wesen, die wieder leben werden - wieder zu sterben! Hört, das Feuer des Lebens ist in mir, und icli prophezeie. Ich prophezeie! Ich prophezeie!«

Die Worte erstarben mit einem schwachen Seufzer, und Entsetzen schien sich aller Herzen zu bemächtigen, die sie hörten, uns nicht ausgenommen. Dieses alte Weib war ganz entsetzlich.

»Blut! Blut! Blut! Ströme von Blut; Blut überall. Ich schaue es, ich rieche es, ich schmecke es - es ist salzig! Es fließt rot über die Erde, es regnet hernieder von den Himmeln.

Fußspuren! Fußspuren! Fußspuren! Der Schritt des Weißen, der von weit her kommt. Er erschüttert die Erde, die Erde erzittert vor ihrem Herrscher. Blut ist gut, das rote Blut ist hell; es gibt keinen Geruch, der dem Geruch von frisch vergossenem Blut gleicht. Die Löwen werden es auflecken und brüllen; die Geier werden ihre Schwingen darin baden und vor Freude kreischen. Ich bin alt! Ich bin alt! Ich habe viel Blut gesehen; ha, ha! aber ich werde noch mehr sehen, bevor ich sterbe, und fröhlich sein. Was glaubt ihr, wie alt ich bin? Euere Großväter kannten mich, und deren Väter kannten mich, und deren Vaters Vaters Väter. Ich habe den weißen Mann gesehen und seine Wünsche. Ich bin alt, aber die Berge sind älter als ich. Wer baute die große Straße, sagt es mir? Wer malte die Bilder an die Felsen, sagt es mir? Wer richtete die drei ›Schweigenden‹ dort auf, die über die Grube wegschauen, sagt es mir?« und sie wies gegen die drei steilen Berge, die in der vorhergehenden Nacht unsere Aufmerksamkeit erregt hatten. »Ihr wißt es nicht, aber ich weiß es. Es war ein weißes Volk, das vor euch hier war, das sein wird, wenn ihr nicht mehr seid, das euch auffressen und vernichten wird. Ja, ja, ja!

Und weshalb kommen sie, die Weißen, die Schrecklichen, die Wissenden der Zauberei und aller Gelehrsamkeit, die Starken, die Standhaften! Der helle Stein auf deiner Stirn, o König, was ist es? Wessen Hände fertigten den eisernen Schmuck auf deiner Brust, o König? Du weißt es nicht, aber ich weiß es. Ich, die Alte, ich, die Weise, ich, die Isanusi, die Zauberdoktorin!«

Jetzt wandte sie ihren kahlen Geierschädel uns zu.

»Was sucht ihr, weiße Männer von den Sternen - ah, ja, von den Sternen? Sucht ihr einen, der euch verlorenging? Ihr werdet ihn hier nicht finden. Er ist nicht hier. Seit Generationen und abermals Generationen hat keines Weißen Fuß mehr dieses Land berührt; keiner außer ernem, und ich erinnere mich, daß er es verließ, um zu sterben. Ihr kommt wegen der glänzenden Steine; ich weiß es - ich weiß es. Ihr werdet sie rinden, wenn das Blut trocken ist. Aber werdet ihr dorthin zurückkehren, woher ihr kamt, oder ... werdet ihr mit mir enden? Ha! Ha! Ha! Und du, du mit der dunklen Haut und dem stolzen Betragen«, sie zeigte mit ihren dürren Fingern auf Umbopa, »wer bist du, und was suchst du? Keine Steine, die leuchten, kein gelbes Metall, das glänzt, diese läßt du den ›Weißen von den Sternen‹. Mir dünkt, ich kenne dich, mir dünkt, ich rieche den Geruch des Blutes in deinem Herzen. Streife den Lendenschurz ab -«

Bei den letzten Worten begann es in dem Gesicht dieses ungewöhnlichen Geschöpfs zu zucken, es stürzte zu Boden und wälzte sich mit Schaum vor dem Mund  auf der Erde.   - Henry Rider Haggard, König Salomons Schatzkammer. Zürich 1982  (zuerst 1885)

Weib, altes (3) Cathus ist ein Tier in dem Land Arkadien, das wie ein schmutziges Schwein stinkt. Der Meister Adelinus schreibt von dem Tier, daß es aus seinem Rachen Flammen hervorschießt; das tut es aber vor allem, wenn es sehr zornig wird. Das Tier gleicht denen, von denen in dem Buch der Weisheit geschrieben steht, daß Feuer aus den Mäulern kommt. Unter diesem Tier verstehen wir die zornigen Verleumder und die alten Weiber, die guten Leuten die Ehre mit dem Feuer, das heißt mit den Worten, die aus ihrem Mund kommen, schwärzen. - (meg)

Weib, altes (4)

Parzen

"Sie spinnen fein"

- Goya, Caprichos. Zürich 1972 (detebe 33/1, zuerst 1799)

Weib, altes (5)  Ein altes Weib kam über den Markt her; sie sah etwas zerrissen und zerlumpt aus, hatte ein kleines, spitziges Gesicht, vom Alter ganz eingefurcht, rote Augen und eine spitzige, gebogene Nase, die gegen das Kinn hinabstrebte; sie ging an einem langen Stock, und doch konnte man nicht sagen, wie sie ging; denn sie hinkte und rutschte und wankte; es war, als habe sie Räder in den Beinen und könne alle Augenblicke umstülpen und mit der spitzigen Nase aufs Pflaster fallen.- Wilhelm Hauff, Zwerg Nase

Weib, altes (6)

Totentanz

- Hans Holbein d. J.

Weib, altes (7)

DIE ALTEN WEIBLEIN

I

In den gewundenen Falten der alten Hauptstädte, wo alles, selbst das Grauen, uns verzaubern kann, treibt es mich unwiderstehlich, wunderlich verhutzelten und verführerischen Wesen aufzulauern.

Diese schlotterigen Mißgestalten waren einstmals Frauen, Eponina oder Lai's! Zerbrochne Mißgestalten, bucklige, verkrümmte, laßt sie uns lieben! es sind noch immer Seelen. In löcherigem Unterrock und unter dünnen Stoffen

Suchen sie, gepeitscht von schnöden Winterwinden, im Räderlärm der Omnibusse zitternd sich ihren Weg und pressen wie Reliquien an ihre Hüfte einen kleinen Beutel, bestickt mit Blumen oder Bilderrätseln;

Sie trippeln, ganz wie Marionetten; schleppen sich wie wunde Tiere hin oder tanzen, ohne es zu wollen, arme Schellen, an denen mitleidlos ein Dämon zerrt! Ganz zerbrechlich

Sind sie, nur ihre Augen blicken scharf wie Bohrer, sie leuchten wie bei Nacht ein Wasserloch; sie haben die Himmelsaugen des kleinen Mädchens, das über alles Glitzernde erstaunt und lacht.

Habt ihr auch schon bemerkt, daß mancher Altweibersarg fast so klein ist wie der eines Kindes? Weise bietet der Tod in diesen Bahren, die sich gleichen, uns ein Sinnbild von wunderlichem, doch bestechendem Geschmack,

Und wenn ich in dem wimmelnden Gemälde von Paris ein schwaches Spukgebilde vorüberwanken sehe, so ist mir stets, als schliche dieses zerbrechliche Wesen einer neuen Wiege zu;

Es sei denn, ich überlegte, geometrischen Erwägungen nachhängend, beim Anblick dieser Glieder, deren Eintracht schwand, wie oft der Schreiner wohl die Maße des Kastens ändern muß, in den man alle diese Körper legt.

— Diese Augen sind Tränen-Brunnen, unerschöpflich, Schmelztiegel, glitzernd von erkaltetem Metall. . . Unüberwindlich lockt der Zauber dieser Rätselaugen den, der die Milch des strengen Unglücks sog!

 

II

Liebestrunkene Vestalin, die man in Frascatis heute abgerißnem Spielhaus sah; Thaliens Priesterin, ach! deren Name nur der begrabene Souffleur weiß; Tivolis leichtherzige Berühmtheit, die im Schatten dort ihre Jugendreize wiegte,
Sie alle berauschen mich; doch unter diesen schwachen Wesen gibt es welche, die, Honig aus dem Schmerz bereitend, den Opfermut, der ihnen seine Flügel lieh, anspornten: »Mächtiger Hippogryph, entführe mich bis in den Himmel!«
Die eine, durch ihr Vaterland im Unglück eingeübt, die andre, die ihr Gatte mit Leiden überhäufte, die andre, um ihres Kindes willen durchbohrte Schmerzensmutter, sie alle hätten ihre Tränen als einen Strom ergießen können!

 

III

Ach! wie vielen dieser alten Weiblein bin ich nachgegangen! Eine, unter andren, ließ zur Stunde, wo der Sonnenuntergang den Himmel mit roten Wunden blutig färbt, nachdenklich abseits auf einer Bank sich nieder,
Um einem jener schmetternden Konzerte zu lauschen, mit denen die Soldaten bisweilen unsre Gärten überschwemmen und die an solchen goldenen Abenden, wo man sich neubelebt fühlt, das Herz der Städter mit Heldenmut durchfluten.
Jene, gerader Haltung noch, stolz und der Zucht getreu, sog diese hellen kriegerischen Klänge gierig ein; manchmal öffnete ihr Auge sich wie das Auge eines alten Adlers; ihre Marmorstirn schien für den Lorbeer auserkoren! 

 

IV

So, unerschütterlich und ohne Klagen, durchwandert ihr das Chaos der belebten Städte, ihr Mütter mit blutendem Herzen, Kurtisanen oder Heilige, deren Name einst in aller Munde war.

Die ihr die Anmut wart und wart der Ruhm, keiner erkennt euch! ein roher Trunkenbold schmäht im Vorbei-gehn euch mit zotigem Begehren; feig hüpft ein Flegel über eure Fersen.

Voll Scham, noch da zu sein, ihr eingeschrumpften Schemen, schleicht ihr, scheu und gebückt, an Mauern hin; und niemand grüßt euch, seltsame Geschicke! Menschentrümmer, reif für die Ewigkeit!

Ich aber, der ich euch von ferne zärtlich überwache, mit sorgenvollem Blick, der euren schwanken Schritten folgt, ganz als ob ich euer Vater wäre, o Wunder! koste ich heimliche Vergnügungen, von denen ihr nichts ahnt:

Ich sehe, wie eure neuen Leidenschaften zaghaft sich entfalten; ich lebe mit euch, ob sie düster oder hell sind, eure einsamen Tage; mein Herz genießt vervielfacht alle eure Laster! meine Seele strahlt von allen euren Tugenden!

Ruinen! ihr die Meinen! o verwandte Hirne! jeden Abend sag ich feierlich euch lebewohl! Wo werdet ihr morgen sein, ihr achtzigjährigen Even, auf denen schrecklich Gottes Pranke lastet?


- Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen (zuerst 1857). Übs. Friedhelm Kemp Frankfurt am Main 1966 (Fischer Tb. 737)

Weib, altes (8)  Im Anfange sprachen alle Pflanzen und Steine, die Erde und das Wasser, und die Menschen verstanden die Sprache der Steine, der Erde, des Wassers und aller Tiere. Die Menschen hatten untereinander auch nur die eine Sprache, die alle Welt sprach und verstand. Aber dann ließ die erste Mutter der Welt den Wind über das Holz streichen, und damit hörten Steine und Erde und Pflanzen und das Wasser auf zu sprechen, und die Menschen verstanden nicht mehr die Stimmen der Tiere und hörten auf, sich selbst noch untereinander zu verstehen.

Die erste Mutter der Welt brachte alles Unglück in die Welt. Sie machte alles Schlechte, und die Menschen haben es noch heute unter sich. Alle Blinden, alle Törichten, alle Stummen, alle Tauben haben ihr Unglück von der ersten Mutter der Welt, die nur alles entzweite und verdarb, weil sie eine große Zauberin war und alles beherrschen wollte und Freude am Unglück hatte. - Märchen der Kabylen. Gesammelt von Leo Frobenius, Hg. Hildegard Klein. Düsseldorf u.Köln  1967 

Weib, altes (9)  

 

Weib

 

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