ulkan   Der Vesuv ist  in seiner einfachsten, allergrößten und furchtbarsten Gestalt zu sehen, so stolz und erhaben, daß die höchsten Alpen davor verschwinden. Er sieht aus wie ein Wesen, das sich selbst gemacht hat, alles andre ist wie Kot dagegen, und der Dampf aus seinem offnen Rachen ist im eigentlichsten Verstand entsetzlich schön. An keinem andern Orte möcht ich seine Feuerauswürfe betrachten; es muß ein wahres Bild rasender Hölle sein. Unten am Fuß sind die Menschen mit ihren Wohnungen wie unschuldige Lämmer, die er sich zur Beute herschleppte; und die alte Mutter, die See, zieht vergebens zärtlich rauschend heran, sie zu retten. - Wilhelm Heinse, Ardinghello und die glückseeligen Inseln. Stuttgart 1975 (Reclam 9792, zuerst 1787)

Vulkan (2)  Auch die frau wollte ihresgleichen finden, sie flog daher auf dem colibri zu dem zauberer, sie wußte nicht um seine Unfähigkeit. Der verschlungene im bauch des vogels wollte sie warnen, er rief eine weile, dann starb er und wurde zu colibrikot. »Mach du mich wie andere menschen«, sagte sie zu dem zauberer. Der zauberer gab ihr die falsche medizin, sie wurde groß wie ein berg, aber ihr körper blieb schön wie zuvor, die männer sahen ihn aus der ferne, sie entbrannten wiederum in liebe, sie begehrten sie und taten nun, was sie nie hätten tun dürfen: sie kletterten auf sie, sie versanken in ihr wie in einem feurigen krater. Keiner kehrte zurück, man hielt sie für gestorben. Die männer, die sie zuerst begehrt hatten, begannen sie jetzt zu fürchten, ihre lust verkehrte sich in grauen, der zauberer aber, der diese haselnußfrau geschaffen hatte, um die männer zu verwirren, wurde nun selbst wirr, er verwandelte sich in einen spitzen vulkan, und als die frau diesen kegel sah, hielt sie ihn für einen passenden penis, sie hockte sich darauf und bediente sich seiner. Nach einer weile brach der in sie gedrungene kegel gewaltig aus, er füllte diese frau mit der glut seiner lava, sie schrie, bis die morgenröte am östlichen horizont erschien, sie schlief bis mittag, dann erwachte sie und fühlte sich guter hoffnung. - (ei)

Vulkan (3)    Große Überschwemmungen, besonders durch Angriffe vom Meere her, werden wohl die wirksamsten Katastrophen sein. Vulkanausbrüche wurden vom Menschen mit großer Gelassenheit aufgenommen, wenn die erste Panik vorüber war. Ein Vulkan ist in seiner Dimension übersehbar. Man behandelt ihn wie eine Person, die sich im Zustand einer Gemütserregung befindet. Voraussichtlich wird er sich nach einer Weile beruhigen. Die Menschen sind eigentlich immer zu ihren Vulkanen zurückgekehrt. Trotzdem haben sie noch lange nach der Zeit der Ausbrüche über ihre eigenen Beziehungen zum Vulkan nachgedacht. Sie haben angenommen, daß der Vulkan sich über ihr Verhalten aufgeregt hat. Sie versuchen ihr eigenes Verhalten zu kontrollieren oder zu ändern. Der Vulkan hat während des Ausbruches in ihrem Gebiet Schaden angerichtet. Man schädigt ein anderes Wesen nur, wenn man über sein Verhalten erzürnt ist. Das alles sind durchaus normale menschliche Schlußfolgerungen.  - Ernst Fuhrmann, Hinweise zur Vorzeitgeschichte. Nach (fuhr)

Vulkan (4) b Zwei Berge zuckten mit den Lidern, zur gleichen Zeit wie der Fluß:

Den sie Cabrakán nannten, ein Berg, der mächtig genug war, einen Wald zwischen seinen Armen zu zerknicken und eine Stadt auf seine Schultern zu heben, spie Feuerspeichel aus, die Erde in Brand zu setzen. Und er setzte sie in Brand. Den sie Hurakán nannten, ein Wolkenberg, fuhr am Vulkan empor, den Krater mit den Fingernägeln abzubalgen.

Jählings war der Himmel bewölkt, und während der Tag ohne Sonne stillstand, während die Vögel verängstigt durch Hunderte von Binsengattern flohen, hörte man kaum den Schrei der drei Menschen, die im Wind kamen, wehrlos wie die Bäume über der lauen Erde.

In der Finsternis flohen die Affen, und der Widerhall ihrer Flucht blieb verloren zwischen den Zweigen zurück. Hurtig gleich einem Hauch huschten die Hirsche vorbei. Zu wirren, wirbelnden Riesenknäueln verwickelten sich die Bergschweine, plump, mit aschfahlen Augen.

Es flohen die Präriewölfe, die Zähne bleckend, wenn sie einander streiften - welch anhaltender Fieberschauer! Es flohen die Chamäleons, vor Furcht die Farben wechselnd, die Beutelratten, die Leguane, die Pakas, die Kaninchen, die Fledermäuse, die Kröten, die Krebse, die kriechenden, schuppigen Cutetes, die Taltuzas, die Pizote-Affen, die Fliegenden Schlangen, deren Schatten tötet. Es flohen die Klippenottern, gefolgt von den Klapperschlangen, die zusammen mit den Pfeifschlangen und den Geißelschlangen entlang der Gebirgskette den wilden Eindruck einer Flucht in der Postkutsche hinterließen. Zum durchdringenden Pfeifen gesellte sich der Lärm des Schellengeklappers und das Peitschenknallen der Geißelschlangen, die da und dort den Kopf einbohrten und Hiebe austeilten, um sich freie Bahn zu schaffen. Es flohen die Chamäleons, flohen die Tapire, flohen die Basilisken, die zu jener Zeit mit dem Blicke töteten; die Jaguare (sonnegesprenkeltes Laubwerk), die Pumas mit schmiegsamem Fell, die Kaimane, die Maulwürfe, die Schildkröten, die Mäuse, die Stinktiere, die Gürteltiere, die Stachelschweine, die Fliegen, die Ameisen ...

Und mit großen Sprüngen begannen die Steine zu fliehen, gegen die Wollbäume prallend, die wie tote Hühner umfielen, und in vollem Lauf die Wasser, weißen Schaum an den Lefzen vor wildem Durst, verfolgt vom venösen Blut der Erde, sengender Lava, welche die Fährte der Hirschhufe vertilgte, der Kaninchenpfoten, der Tatzen von Pumas und Jaguaren, der Kojotenpfoten; die Fährten der Fische im siedenden Fluß; die Fährten der Vögel im Himmelsraum, der erleuchtet wurde von einem feinen Staub aus verbranntem Licht, aus Asche von Licht. Die Sterne fielen, das Meer vor Augen, ohne die Wimpern zu netzen.  - Miguel Angel Asturias, Legenden aus Guatemala. Frankfurt am Main 1973 (BS 358)

 

Berg Feuer

 

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