ersuchung   Wem wir noch häufiger, an jedem Brunnen fast, begegnen, das ist Rebekka. Sie ist in ein blauwollenes, prächtig in Falten geworfenes Gewand gekleidet, trägt an den Fußgelenken silberne Reifen und auf der Brust ein Kollier von Plättchen aus dem gleichen Metall, die von feinen Kettchen zusammengehalten werden. Zuweilen bedeckt sie ihr Gesicht, wenn wir uns ihr nähern. Manchmal aber, besonders wenn sie hübsch ist, zeigt sie uns auch ein frisches, braunes Antlitz, das uns aus großen schwarzen Augen anblickt. Gewiß, das ist die biblische Magd, sie, von der das Hohe Lied uns berichtet: »Nigra sum, sed formosa . . .« sie, die über steinige Wege ein Gefäß auf der Stirn trägt und, das feste Fleisch ihrer bronzenen Waden zeigend, in ruhigem Schreiten die schmiegsame Büste auf runden Hüften wiegt, sie hat die Engel des Himmels versucht, wie sie auch uns Heutige noch versucht, die wir wahrlich keine Engel sind.   - (err)

Versuchung (2) Ich streifte eines sonnigen Morgens festlich gestimmter Seele und fröhlichen Fußes durch Paris, betrachtete die Auslagen mit der zerstreuten Aufmerksamkeit des Flaneurs. Auf einmal fiel mir bei einem Antiquitätenhändler ein italienisches Möbel des 17. Jahrhunderts ins Auge. Es war sehr schön, sehr selten. Ich schrieb es einem derzeit berühmten venezianischen Künstler namens Vitelli zu.

Damit ging ich vorüber.

Warum wirkte die Erinnerung an dieses Möbel mit solcher Macht in mir, daß ich umkehrte? Abermals blieb ich vor dem Geschäft stehen, um es anzuschauen, und dabei fühlte ich, wie es mich in Versuchung führte.

Welch eigentümlich Ding die Versuchung ist! Man sieht einen Gegenstand, und allgemach verführt er uns, verwirrt und überwältigt uns wie das Antlitz einer Frau. Sein Zauber durchdringt uns, ein sonderbarer Zauber, der von seiner Form, seiner Farbe, seiner dinglichen Physiognomie ausgeht; und bereits liebt man ihn, verlangt nach ihm, begehrt ihn. Ein Besitzwille kommt in uns auf, leise am Anfang, wie zagend, der aber rasch anwächst, ungestüm, unwiderstehlich wird.

Und es scheint, die Händler erraten nach der Flamme des Blickes die insgeheim sich steigernde Begierde.

Ich kaufte das Möbel und ließ es sofort in meine Wohnung transportieren. Ich stellte es in meinem Schlafzimmer auf.

Oh, wie tun mir jene leid, die nicht den Honigmond des Sammlers mit seiner neuesten Erwerbung kennen! Man liebkost sie mit Augen und mit Händen, als wäre sie aus Fleisch und Blut, man mag sie keinen Augenblick lassen, man denkt immerzu nur an sie, wo man auch geht, was man auch tut. Ihr geliebtes Bild begleitet einen auf der Straße, in der Gesellschaft, allüberall; und kommt man nach Hause, eilt man, noch ehe man die Handschuhe abgestreift und den Hut abgelegt hat, sie mit der Zärtlichkeit eines Liebenden zu betrachten.

Wahrhaftig, acht Tage lang betete ich dieses Möbel an. Alle Augenblicke öffnete ich seine Türen, seine Schübe; ich berührte es voll Entzücken, genoß alle innigen Freuden seines Besitzes.

Eines Abends nun, als ich die Dicke einer Füllung betastete, stellte ich fest, daß dahinter ein Geheimfach liegen müsse. Mein Herz fing an zu klopfen, und ich brachte die ganze Nacht über der Suche nach dem Mechanismus herum, ohne daß ich ihn zu entdecken vermochte.

Es glückte mir anderntags, als ich ein Feilenblatt in einen Spalt der Boiserie grub. Eine Tafel glitt zur Seite, und ich erblickte, auf schwarzem Samt hingebreitet, die wunderbaren Haare einer Frau!

Ja, eine Haarflut, einen riesigen Zopf ins Rote spielenden blonden Haars, offensichtlich dicht an der Haut abgeschnitten und mit einer Goldschnur umwunden.

Ich starrte sprachlos, aufgewühlt darauf! Ein nahezu unmerklicher Duft, so alt, daß er war wie die Seele eines Duftes, schwebte aus der geheimnisvollen Lade und von der überraschenden Reliquie auf.

Behutsam, beinahe frommen Gemüts faßte ich sie und zog sie aus ihrem Versteck. Sogleich entrollte sie sich, breitete ihre goldene Flut bis zur Erde hernieder, so dicht und leicht, geschmeidig und glänzend wie der feurige Schweif eines Kometen. - Guy de Maupassant, Haar. In: Das Brot der Sünde. Novellen. Berlin 1998 (Aufbau, zuerst ca. 1880)

Versuchung (3) Und ich habe noch viel mehr, pah! Ich habe Schätze in unterirdischen Gängen, in denen man sich wie in einem Wald verirren kann. Ich habe Sommerpaläste aus Rohr und Winterpaläste aus schwarzem Marmor. Mitten in riesigen Seen, die groß sind wie Meere, gehören mir ganz mit Perlmutt überzogene Inseln, rund wie Silberstücke, und die Ufer tönend vom sanften Schlag der lauen Wellen gegen den Strand. Meine Küchensklaven fangen Vögel in meinen Vogelhäusern und Fische in meinen Teichen. Unermüdliche Stecher graben mein Bild in harten Stein, keuchende Bildhauer gießen meine Statuen, Kosmetiker mischen Pflanzenextrakte und Essigessenzen und schlagen mir Salben daraus. Schneiderinnen schneiden mir meine Stoffe zu, Goldschmiede arbeiten mir Schmuck, Haarkünstlerinnen erfinden Frisuren für mich, geschickte Maler übergießen mein Getäfel mit kochenden Harzen und kühlen es mit Fächern. Ich könnte mit der Schar meiner Dienerinnen einen Harem füllen und mit meinen Eunuchen eine Armee aufstellen. Ich besitze Heere, Völker! Ich habe eine Zwergengarde in meinem Vestibül, die Elfenbeinhömer auf dem Rücken trägt.

Antonius seufzt.

Ich habe Gazellengespanne, Elefantenquadrigen, Hunderte von Kamelpaaren, Stuten mit so langen Mähnen, daß sich ihre Hufe im Galopp darin verfangen, Herden mit so großen Hörnern, daß man vor ihnen her die Bäume schlagen muß, wenn sie weiden. Giraffen gehen in meinen Gärten spazieren und heben die Köpfe über den Rand meines Daches, wenn ich nach dem Essen hinausgehe.

In einer von Delphinen gezogenen Muschel gleite ich durch die Grotten und höre das Wasser von den Stalaktiten tropfen. Ich fahre ins Land der Diamanten, wo meine Freunde, die Magier, mich die schönsten aussuchen lassen; dann kehre ich wieder auf die Erde nach Hause zurück.

Sie stößt einen schrillen Pfiff aus; - und aus der Luft läßt sich ein großer Vogel auf ihrem Haarturm nieder und blauer Puder stäubt.

Sein orangefarbenes Gefieder gleicht metallenen Schuppen. Seinen kleinen Kopf schmückt eine silberne Haube; er hat ein Menschengesicht, vier Flügel, Geierkrallen und einen gewaltigen Pfauenschweif, den er voll hinter sich aufschlägt.

Er nimmt den Sonnenschirm der Königin in den Schnabel, schwankt ein wenig, ehe er sein Gleichgewicht findet, plustert sich auf und bleibt regungslos sitzen.

Danke, schöner Simorg-anka! du hast mir gezeigt, wo der Geliebte sich verborgen hielt! Danke! danke! Bote meines Herzens! Er fliegt wie die Sehnsucht. Er fliegt in einem Tag um die Welt. Am Abend kommt er zurück; er setzt sich an das Fußende meines Bettes und erzählt, was er gesehen hat: wie die Meere mit den Fischen und Schiffen unter ihm dahingeglitten sind, wie er aus großer Höhe die unendlichen einsamen Wüsten gesehen hat und wie das Getreide auf den Feldern wogte und die Pflanzen auf den Ruinen verlassener Städte wucherten.

Sie hebt verlangend die Arme. Oh! wenn du wolltest, wenn du wolltest! ... Ich habe auf einem Berg über einer Meerenge ein Lusthäuschen zwischen zwei Ozeanen. Es hat gläserne Wände, einen Schildpattboden und steht allen vier Winden offen. Von dort sehe ich meine Flotten heimkehren und die Leute mit ihrem Gepäck den Berg hinaufsteigen. Wir würden auf Daunen, weicher als Wolken, schlafen, würden kühle Getränke aus Fruchtschalen schlürfen und die Sonne durch Smaragde betrachten. Komm! ...

Antonius weicht zurück. Sie folgt ihm; und, gereizt:

Wie? weder reich, noch kokett, noch verliebt? das willst du alles nicht, hm? lieber lüstern, fett, heiser, mit flammendem Haar und schwammigem Fleisch. Möchtest du einen Leib, kalt wie Schlangenhaut, oder große schwarze Augen, düsterer als die mystischen Höhlen? sieh sie an, meine Augen!

Unwillkürlich sieht Antonius sie an.

Alle, denen du je begegnet bist, vom singenden Straßenmädchen unter der Laterne bis zur Patrizierin, die Rosen aus ihrer Sänfte blättert, alle Formen, alle Wunschbilder deiner Phantasie, begehre sie! Ich bin keine Frau, ich bin eine Welt. Meine Kleider brauchen nur zu fallen, und du wirst die Mysterien meines Leibes finden!

Antonius klappert mit den Zähnen.

Wenn du mit deinem Finger meine Schulter berührtest, wäre es wie Feuer in deinen Adern. Der Besitz auch nur des kleinsten Teils meines Körpers würde dich mit ungestümerer Freude erfüllen als die Eroberung eines Reiches. Gib deine Lippen! Meine Küsse schmecken wie eine Frucht, die in deinem Herzen zerginge! Ah! wie du dich in meinen Haaren verlieren, meine Brust einsaugen, meine Glieder bestaunen wirst, und, von meinen Blicken versengt, in einen Wirbel...

Antonius schlägt ein Kreuz.

Du verschmähst mich! leb wohl!

Sie entfernt sich weinend, dreht sich noch einmal um:

Wirklich? eine so schöne Frau! Sie lacht, und der Affe lüpft die Schleppe.  - (vers)

Versuchung (4)  Zwei junge Christen wurden verhaftet. Den einen von ihnen bestrich man am ganzen Körper mit Honig, und sie setzten ihn unter der Sonnenhitze den Stichen der Mücken, Wespen und Hornissen aus. Der andere aber wurde auf ein weiches Bett gelegt, das an einem lieblichen Ort aufgestellt war. Dort wehte eine milde Luft, Blumen dufteten, man hörte Bäche rauschen und Vögel singen; mit blumenverzierten Stricken war der junge Mann so fest gebunden, daß er die Hände und Füße nicht rühren konnte. Es war da auch ein junges Mädchen, das zwar sehr schön, aber schamlos war. Und so handelte sie auch schamlos an dem jungen Mann, der erfüllt war von der Liebe zu Gott. Da er aber wider seinen Willen eine Regung des Fleisches spürte und er nichts hatte, sich zu wehren, biß er sich mit den Zähnen die eigene Zunge ab und spuckte sie dem schamlosen Mädchen ins Gesicht. Der Schmerz vertrieb die Versuchung. - Legenda aurea

Versuchung (5) Am Anfang der Welt gab es nur einen Mann, der Kimaku hieß. Er bebaute als erster die Felder, wie es ihm der gute Geist Terana zeigte.

Einer der bösen Geister aber erschuf eine Frau und stellte sie an den Pfad, auf dem Kimaku immer vorbeikam. Die Frau war nackt, und sie war sehr schön, weil sie den Kimaku verführen sollte. Kimaku sah sie zwar an und fand sie sehr schön, aber er tat gar nichts, ja er sprach sie nicht einmal an. Er ging weiter, aber die Frau ging ihm nach.

Und nun geschah es, daß nach einer Biegung des Weges aus der Frau auf einmal zwei Frauen wurden und daß bei jeder weiteren Biegung eine neue Frau hinzukam. Da begann Kimaku zu laufen, wenn er sich eigentlich auch ganz gern zu ihnen gesellt hätte.

Kimaku begegnete dem guten Geist Terana und erzählte ihm, was ihm begegnet war. Da nahm Terana sofort seinen Um-hang ab und kleidete Kimaku darein, er selbst aber legte Kimakus Mantel an, so als ob er Kimaku wäre. Kimaku aber setzte sich an den Wegrand, und gleich darauf kamen zehn Frauen gegangen. »Hast du hier einen Mann vorbeigehen sehen?« fragten sie ihn.

Er antwortete: »Ja, soeben ist einer vorbeigegangen.« Die Frauen waren alle nackt, und Kimaku dachte: ›Wie schön sie sind!‹

Die Frauen kehrten um und fragten ihn: »Bist du Kimaku ?« Aber er sagte: »Nein.«

Da gingen sie weiter den Weg entlang. Sie kamen zu Terana, der sich auf einen Stein gesetzt hatte. Da er den Umhang von Kimaku trug, dachten sie: ›Jetzt haben wir ihn erwischt.‹ Und sie umgaben ihn. Aber Terana zog eine goldene Rute hervor, die er unter der Schulter versteckt hatte, rieb sie mit den Händen, und sogleich entstand ein großes Feuer, das alle Frauen verbrannte.

Wenn aber Kimaku den Wünschen der Frauen nachgegeben hätte, wäre er kastriert worden, denn jene wilden Frauen hatten Zähne in ihrer Natur.  - Südamerikanische Indianermärchen. Hg. Felix Karlinger und Elisabeth Zacherl. München 1992 (Diederichs, Märchen der Weltliteratur)

Verführer Sünde
Oberbegriffe
zurück 

.. im Thesaurus ...

weiter im Text 
Unterbegriffe
Verwandte Begriffe
Synonyme