esessenheit  »Wieviel verlangst du denn noch?« schrie Terrier sie an. »Fünf Franc sind ein Haufen Geld für die untergeordnete Aufgabe, ein kleines Kind zu ernähren!«

»Ich will überhaupt kein Geld«, sagte die Amme. »Ich will den Bastard aus dem Haus haben.«

»Aber warum denn, liebe Frau?« sagte Terrier und fingerte wieder in dem Henkelkorb herum. »Er ist doch ein allerliebstes Kind. Er sieht rosa aus, er schreit nicht, er schläft gut, und er ist getauft.«

»Er ist vom Teufel besessen.«

Rasch zog Terrier seine Finger aus dem Korb.

»Unmöglich! Es ist absolut unmöglich, daß ein Säugling vom Teufel besessen ist. Ein Säugling ist kein Mensch, sondern ein Vormensch und besitzt noch keine voll ausgebildete Seele. Infolgedessen ist er für den Teufel uninteressant. Spricht er vielleicht schon? Zuckt es in ihm? Bewegt er Dinge im Zimmer? Geht ein übler Gestank von ihm aus?«

»Er riecht überhaupt nicht«, sagte die Amme.

»Da hast du es! Das ist ein eindeutiges Zeichen. Wenn er vom Teufel besessen wäre, müßte er stinken.«   - Patrick Süskind, Das Parfüm. Die Geschichte eines Mörders. Zürich 1985

Besessenheit  (2)  Wenn Frauen verlassen werden, tendieren sie dazu, sich selbst die Schuld zu geben, denken, dass was mit der Beziehung nicht in Ordnung war, ärgern sich, die Affäre des Mannes nicht vorausgesehen zu haben, wollen die Probleme durch Reden aus der Welt schaffen. Wenn sie die Kontrolle verlieren, schreiben sie eine E-Mail nach der anderen, rufen ununterbrochen an, suchen nach Beweisen, schnüffeln dem Mann hinterher. Interessanterweise kann man bei Menschen, die eifersüchtig sind, ähnliche biochemische Abläufe im Gehirn beobachten wie bei Menschen, die unter einer krankhaften Form von Besessenheit leiden. Die Anteile von Dopamin steigen, gleichzeitig sinkt der Serotonin-Spiegel, das nimmt ihnen die Ruhe und Ausgeglichenheit, macht sie wütend und unsicher. Eifersüchtige sind besessen. Das müssen sie sein, sonst schaffen sie es nicht, den anderen wieder zu gewinnen. - Helen Fisher, Anthropologin, Berliner Zeitung vom 18./19. Februar 2006

Besessenheit  (3)  Die Erfindung des Teufels. Wenn wir vom Teufel besessen sind, dann kann es nicht einer sein, denn sonst lebten wir, wenigstens auf der Erde, ruhig, wie mit Gott, einheitlich, ohne Widerspruch, ohne Überlegung, unseres Hintermannes immer gewiß. Sein Gesicht würde uns nicht erschrecken, denn als Teuflische wären wir bei einiger Empfindlichkeit für diesen Anblick klug genug, lieber eine Hand zu opfern, mit der wir sein Gesicht bedeckt hielten. Wenn uns nur ein einziger Teufel hätte, mit ruhigem ungestörtem Überblick über unser ganzes Wesen und mit augenblicklicher Verfügungsfreiheit, dann hätte er auch genügende Kraft, uns ein menschliches Leben lang so hoch über dem Geist Gottes in uns zu halten und noch zu schwingen, daß wir auch keinen Schimmer von ihm zu sehen bekämen, also auch von dort nicht beunruhigt würden. Nur die Menge der Teufel kann unser irdisches Unglück ausmachen. Warum rotten sie einander nicht aus bis auf einen oder warum unterordnen sie sich nicht einem großen Teufel? Beides wäre im Sinne des teuflischen Prinzips, uns möglichst vollkommen zu betrügen. Was nützt denn, solange die Einheitlichkeit fehlt, die peinliche Sorgfalt, die sämtliche Teufel für uns haben? Es ist nur selbstverständlich, daß den Teufeln an dem Ausfallen eines Menschenhaares mehr gelegen sein muß als Gott, denn dem Teufel geht das Haar wirklich verloren, Gott nicht. Nur kommen wir dadurch, solange die vielen Teufel in uns sind, noch immer zu keinem Wohlbefinden.  - Franz Kafka, Tagebücher (9. Juli 1912) Frankfurt am Main 1967

Besessenheit  (4)  Der Teufel und George Sand. — Man darf nicht glauben, der Teufel versuche nur die genialen Menschen. Sicherlich verachtet er die Dummköpfe, doch verschmäht er nicht ihre Mithilfe. Ganz im Gegenteil, er setzt große Hoffnungen in sie.

Man nehme George Sand. Sie ist vor allem und mehr als alles andere ein dummes Ding; aber sie ist besessen. Der Teufel ist es, der sie überredet hat, sich auf ihr gutes Herz und auf ihren gesunden Verstand zu verlassen, damit sie alle übrigen Dummköpfe überredete, sich auf ihr eigenes gutes Herz und ihren eigenen guten Verstand zu verlassen.

Ich kann an dieses dumme Geschöpf nicht ohne einen gewissen Schauder des Abscheus denken. Wenn ich ihr begegnete, könnte ich mich nicht zurückhalten, ihr einen Weihkessel an den Kopf zu werfen. - (cb)

Besessenheit  (5)  Ich habe oft das Gefühl, Kreiters Seele habe von mir Besitz ergriffen. Sie kennen meine Bilder aus New York. Als ich sie malte, war ich noch ich selbst - Welten entfernt von Zorach Kreiter. Hier bin ich Kreiter geworden. Was ich jetzt male, ist nicht eine Nachahmung, es ist mir völlig natürlich. Es bedarf keiner Kunstgriffe. Wenn ich versuche, wieder so zu malen wie früher, so ist mir das unmöglich. Ich spielte mit der Idee, in zwei verschiedenen Stilen zu malen, und die Bilder auszustellen, die mir entsprachen - es ging nicht. Tobias Anfang ist nicht mehr - das klingt wie aus den okkulten Büchern oder wie ein Fall von Persönlichkeitsspaltung. Es war sehr schwierig für mich, diese Verwandlung durchzumachen. Es ist wahr, ich bewunderte ihn, aber wir waren doch ganz entgegengesetzter Art. Er war von Natur aus extravertiert, während ich introvertiert bin. Er war in jeder Beziehung ein ungewöhnlicher Mensch. Ich lebe mit seiner Witwe und höre Dinge über ihn, die mich verblüffen, so grotesk sind sie. Manchmal bin ich nicht ganz sicher, mit wem ich die Nacht verbringe - mit ihr oder mit ihm. - Isaac Bashevis Singer, Gefangene. In: I.B.S., Der Kabbalist vom East Broadway. München 1978 (zuerst 1972)

Besessenheit  (6)  Elisabeth Bastard war von fünf Dämonen besessen, deren einer „Schwefelholz der Unreinheit" hieß.

Die fünf Dämonen, die von Denyse Lacaille Besitz ergriffen hatten, waren Lissi, Beelzebub, Satan, Motelu und Briffaut.

 - Figuier, Geschichte des Wunderbaren (1860), nach (sot)

Besessenheit  (7)  Ihre Babies scheinen ihr Entstehen einem Zufall zu verdanken, einem unbeabsichtigten Zusammentreffen von bestimmten Gegebenheiten. Die Mütter sondern sich ab und hängen über das Kinderkriegen einen Schleier des Geheimnisvollen. Das hat nichts anderes zu bedeuten als die Unfähigkeit, mit der Wahrheit zu leben. Die Wahrheit ist, daß sie nicht wissen, was in ihnen vorgeht; daß es ein mechanisches und von ihnen unbeeinflußbares Heranwachsen Ist, daß zu irgendeinem Zeitpunkt auch eine Seele dazukommt. Sie sind Besessene. Oder: dieselben Kräfte, die den Bomben ihren Weg vorschreiben, den Tod von Sternen befehlen, die Wind und Wolkenbrüche lenken, haben sich auf irgendeine Stelle in ihrem Becken gerichtet, ohne ihre Zustimmung, um wieder ein bedeutendes Zufallsereignis herbeizuführen. Es bereitet ihnen Todesängste. Es würde jeden erschrecken.   - (v)

Besessenheit  (8) Auf einem selbstgemachten Altar, vor einer Madonna, brannten zwei Kerzen. Ihr Lidit fiel über den Boden, über die staubigen Bänke. Vor dem Bild lagen Blumen und Spielzeug. Vor ihnen, in ihren Knabenhosen, stand Robin. Ihre Bewegung war im Schreck abgebrochen und an dem Punkt erstarrt, da die Hand beinahe ihre Schulter erreicht hatte. Und in dem Augenblick, da Noras Körper gegen das Holz schlug, begann Robin niederzugehen. Sie glitt hinab, immer tiefer hinab, das Haar pendelte, die Arme waren ausgestreckt. Und da stand der Hund, bäumte sich zurück, die Vorderläufe schräg gestemmt; seine Pfoten zitterten mit dem Zittern seines Hinterkörpers, sein Haar stellte sich auf; die Schnauze stand offen, die Zunge hing seitwärts über die scharfen leuchtenden Zähne hinab; er winselte und wartete. Und nieder ging sie, bis ihr Kopf neben dem seinen hing, bis sie da lag auf allen vieren, die Knie angezogen. Bis die Adern hervortraten, im Nacken, unter den Ohren, in den Armen anschwollen und breit und pochend in die Finger stiegen, während sie sich vorwärts schob.

Der Hund, bebend in jedem Muskel, sprang zurück, die Lefzen verzerrt, seine Zunge ein steifer, krummer Schrek-ken im Maul. Rückwärts bewegte er sich, zurück, als sie näher kroch, nun auch sie winselnd, sich vorwärtswälzend, den Kopf krampfhaft seitwärts gedreht, grinsend und winselnd. In die entfernteste Ecke gezwängt, bäumte sich der Hund auf, als wolle er einer Gefahr weichen, die ihn mit solchem Grauen erfülle, daß er sich schwebend über den Fußboden erheben müsse; dann sank er ab, krallte sich seitwärts in die Wand, auf der seine erhobenen Vorderpfoten abrutschten. Und Kopf nach unten, die Stirnlocken durch den Staub schleifend, fiel sie gegen seine Seite. Er stieß einen einzigen Klageton aus und schnappte nach ihr, hüpfte bellend um sie her; und wie er von Seite zu Seite sprang, den Kopf ihr zugewandt, schlug sein Körper gegen die "Wand, jetzt an dieser, jetzt an der anderen Seite.

Da begann auch sie zu bellen. Hinter ihm herkriechend bellte sie, zwischen Krämpfen von Gelächter, abstoßend und ergreifend. Der Hund begann zu jaulen, rannte mit ihr, sein Kopf direkt neben dem ihren, als wolle er sie überlisten; weich und langsam liefen seine Pfoten. Er rannte hierhin und dorthin, ein Jammern tief unten in seiner Kehle; und sie grinste und heulte mit ihm, Ihr Schluchzen kam in immer kürzeren Abständen. So krochen sie Kopf an Kopf, bis sie es aufgab und ausgestreckt liegen blieb, die Hände neben sich, das Gesicht abgewandt und weinend. Nun gab es auch der Hund auf. Er legte sich nieder, seine Augen blutunterlaufen, sein Kopf flach über ihren Knien ausgestreckt.  - Djuna Barnes, Nachtgewächs. Frankfurt am Main 1983 (zuerst 1936)
 

Teufel Wahn

 

Oberbegriffe
zurück 

.. im Thesaurus ...

weiter im Text 
Unterbegriffe

 

Verwandte Begriffe
Synonyme