brutschen  An der Wand krabbelte ein geflügeltes und nicht näher identifizierbares Tierchen, so etwas wie eine Mücke, mühsam hinauf und hinunter. So jedenfalls der erste Eindruck: sah man genauer hin, begriff man allerdings, daß es nur hinaufkrabbelte und aus Notwendigkeit oder widrigem Geschick hinunterkrabbelte. Kurzum,  das Tierchen versuchte, die Wand hinaufzuklettern, was ihm auch gelang; an einer bestimmten Stelle fand es dann allerdings für seinen Fuß oder sein Bein keinen Halt mehr und rutschte unwei-... gerlich ab.

Nun ergaben sich hieraus zwei Fragen, die eine technisch und die andere gar metaphysisch. Die erste: warum benutzte es nicht die Flügel - oder hatten sie sich ihm vielleicht in ähnlichen Fällen schon als nutzlos erwiesen? Und: warum wollte es denn hinaufkrabbeln? Mit anderen Worten: wohin wollte es überhaupt, welche Stelle wollte es erreichen?. . . Freilich eine müßige Frage; könnte denn ein hochentwickelter und mit Bewußtsein versehener Mensch, beteiligt an der in seinem Land stattfindenden industriellen Revolution, sich jemals in das winzige Gehirn einer winzigen Mücke hineinversetzen und sich mit dieser identifizieren? Aber doch!

Immerhin gibt es auf der Welt Salzwüsten, die in der Sonne gleißen und vertrocknet, bitter, feindlich sind. Nun, dies Tierchen hatte sich, gemessen an seinen Proportionen, in solch einer Salzwüste verirrt: so ungefähr mußte ihm schließlich die große, weiße, glatte Wand vorkommen: die letztlich (eben wie die erwähnten Wüsten) nirgendwohin führte. Und das Tierchen konnte aus dem guten Grunde nirgendwohin wollen, weil es das Wohin gar nicht gab; und das mußte man ihm begreiflich machen. Also sprang der Schlaflose aus dem Bett, faßte mit aller Vorsicht den winzigen Kameraden seiner Schlaflosigkeit und setzte ihn weiter oben wieder an die Wand, in Richtung auf das Ziel, dem dieser zuzustreben schien.

Die Mücke hielt sich einen Augenblick in der neuen Position, wobei sie ihre Flügelchen zu Hilfe nahm; dann rutschte sie prompt wieder bis fast auf den Boden hinab; um gleich danach ihre mühselige Kletterpartie noch einmal zu beginnen. Und jetzt? . . . Immerhin, ihre Anstrengungen verursachten einem Herzklopfen; aber da es keine Möglichkeit zur Hilfe gab, konnte er ebensogut das Licht wieder ausmachen und das Tierchen sich selbst überlassen. - (land2)

Abrutschen (2)  Der Karren der Piemontesen war aus der Zone der Waldbäume heraus und in einen Bereich gelangt, wo oberhalb des im übrigen schmaler gewordenen Weges nur Lärchen und Gestrüpp wuchsen, während unterhalb der Abhang nahezu senkrecht mehr als hundert Meter abstürzte. Ein Bergbach strömte nieder, den zu einer Rinne ausgehöhlte Baumstämme in normalen Zeiten hinlänglich gefaßt hätten, der jedoch infolge der letzten Regengüsse überall überquoll. Der befahrbare Weg war an jener Stelle ganz dunkel gefärbt, wies augenscheinlich weder Steine noch Kies auf und bestand wahrscheinlich aus seit vielen Jahreszeiten angehäuften und vermoderten Koniferennadeln. Als der Karren zwischen Böschung und Abgrund an der engsten Stelle der dunklen Wegstrecke war, sah der kleine Jean de Juni, daß der eine der Ochsen, der linksziehende, plötzlich zurückscheute und sich, wie weggerissen, auf seinen Gespanngefährten warf. Das Tier hatte gespürt, wie der durch das Geriesel aufgeweichte Boden unter seinen Hufen wich; es hatte versucht, festeren Halt zu finden, und das wäre ihm sicherlich auch mit Hilfe des andern gelungen, das instinktiv die Gefahr erkannt hatte, wenn das Gespann allein gewesen wäre oder wenn es eine weniger umfängliche und weniger gewichtige Last zu ziehen gehabt hätte. Doch als die Räder des schweren Fuhrwerks an die Stelle des Risses kamen, löste der Boden, als sei er unterhöhlt, sich gänzlich aus. Und dann sah der kleine Jean die Wagenplane schwanken, dann ungehindert umkippen, und der Karren rutschte nach rückwärts ab, mit der lockeren Erde dem Abgrund zu, während die heil gebliebene Deichsel sich aufrichtete und die armen Ochsen hochhob, die auf lächerliche Weise einen kurzen Augenblick lang Köpfe und Beine bewegten, wie dicke, auf eine Nadel gespießte Käfer vor Schmerzen zappeln. Weder Aufschreie noch Aufbrüllen; der Krach beim Hinabstürzen hatte sie zugedeckt, sofern sie überhaupt ausgestoßen worden waren.  - André Pieyre de Mandiargues, Kindisches Treiben. In: A.P.M., Schwelende Glut. Frankfurt am Main 1995 (st 2466, Phantastische Bibliothek 323, zuerst 1959)

Abrutschen (3)  Ich schlafe für mein Leben gern allein, andrerseits bin ich auch, wenn es nur irgend angeht, höflich, besonders gegen schlafende Damen, und war demnach in nicht geringer Verlegenheit. Aber die Dame, die ja eben erst in Schlaf gesunken sein konnte, schlug die Augen mit stierem Blick wieder auf, als ihr ein Geräusch meine Anwesenheit verriet, faßte sich sofort, stieg in einem eleganten schwarzen Pyjama aus meinem Bett und bat um Entschuldigung; sie habe sich in der Etage geirrt, und eine gliche der anderen. Sie wollte das Zimmer verlassen, scheute sich jedoch, aus Angst vor Nachrede, in den Flur zutreten, und bat mich um Rat. Zunächst besann ich mich. Immerhin mochte Personal irgendwo auf den Gängen sein, das sich gewundert hätte; für die Dame wäre das hochnotpeinlich geworden. Was tun? Da kam mir ein rettender Einfall, als ich sie so zaghaft und von unwarscheinlicher Magerkeit, ja skelettartiger Dürre, noch dazu im eng anliegenden Schlafanzug verängstigt vor mir zittern sah ...armes Nervenbündel, fast immateriell, ganz mein Gegenstück: „Meine Gnädigste, ungewöhnliche Umstände verlangen und entschuldigen ungewöhnliche Mittel. Wenn Sie das Zimmer so diskret verlassen wollen, daß niemand es bemerkt, so erlauben Sie mir, Sie unter meinem großen Schlafrock zu bergen; ich trage Sie, unter dieser wahren Ballonhülle, sacht hinaus, und sobald die Luft rein ist, schlüpfen Sie in Ihr Zimmer.' — Es blieb ihr kein anderer Ausweg, und sie ging, scheu lächelnd, auf mein Anerbieten ein.  Ich verstaute sie nun sorgfältig genug unter meinem enormen bademantelähnlichen Rock.  Um die Arme frei zu haben und in ungezwungener Haltung vor etwaigen Zeugen zu erscheinen, hieß ich sie, sich um meine Taille klammern und die Füße hochheben. Ich kann nur sagen, sie hockte mir wie ein Äffchen aufm Bauch, von dessen damals übergesunder Rundung sie abzurutschen drohte.   Ich tat wie ein dicker Pfaff, der die Hände überm Nabel faltet, und überschritt mit ihr Schwelle. Gern hätte ich sie sofort entschlüpfen lassen; es war aber nicht geheuer, man hörte Stimmen und Geräusche, und der Korridor war elektrisch beleuchtet.  Ich stellte mich in eine Nische vor ein Fenster und gab mir den Anschein, in den Park hinauszusehen und zugleich auf jemanden zu warten. Die Zeit verging; offenbar unterhielt sich Personal oder sonstwer auf der Treppe und konnte jeden Augenblick zum Vorschein kommen.   In diesen wenigen Minuten vollzog sich, infolge meiner Korpulenz und ihrer Dürre, rein mechanisch zwischen uns, wie ich versichern kann, die berühmte Unio mystica, auf die wir es, weiß Gott, ganz und gar nicht abgesehen hatten. Wenige Momente später gelang es mir, das Licht auszudrehen; inzwischen war es auch still geworden, und die Dame flatterte aus den Falten meines Gewandes wie eine Motte davon; ich habe sie nie wiedergesehen, auch keine Lust dazu verspürt.  - Mynona, Das Eisenbahnunglück. Hamburg 1988 (zuerst 1925)

Abrutschen (4)  Der lockere Rand der Halde - nur durch den Frost sei er von einer trügerischen Festigkeit gewesen - habe unter der Last des Gespanns nachgegeben, der dabei stehende Fuhrmann habe sich selbst nur mit einem geistesgegenwärtigen Sprung nach hinten retten können. Die Pferde aber, in das Gewirr ihres Zaumzeugs verfangen, rutschten samt Wagen den steilen Hang hinab bis auf den Boden des Tagebaus, wo sie in die untergründige Glut einsanken, die nur von schwachen Schichten erkalteter Asche bedeckt war. Das brüllende Gewieher ... nein, das Gekreisch der Tiere, sagte der Bahnwärter, sei bestimmt bis zur Stadt hinüber hörbar gewesen; der dumpfe Geruch von verbranntem Fell und Fleisch habe sich über die ganze Gegend verbreitet. - Mein Großvater, der Pferde mehr liebte als Menschen, so hieß es, sei aus dem nahen Schrebergarten zur Aschehalde gerannt, mit der Flinte in der Faust, doch bevor er den Unglücksort erreichte, wären die Pferde schon verstummt und vom Schlag getroffen gewesen. Trotzdem hätten die Männer noch von oben auf die zuckenden Fleischhügel geschossen, um sie zur Ruhe zu bringen, es sei zwecklos gewesen.  - Wolfgang Hilbig, Ort der Gewitter. In: W.H., Der Schlaf der Gerechten. Frankfurt am Main 2003

Abrutschen (5)  Leider überkommt ihn das  Abrutschen ohne Vorwarnung, und zwar fast immer, wenn er im Begriff ist, eine Schwelle zu überschreiten oder sich über ein Sims zu beugen. Er lehnt sich aus dem Fenster, um die Triebe eines wuchernden Efeus zu ordnen, und plötzlich findet er sich im Wasser; er macht zwei Züge und klammert sich an die Äste einer Roßkastanie, die, inmitten einer Art von überdachtem Schwimmbecken, aus dem Wasser ragt, zusammen mit sieben anderen Kastanien gleicher Größe, die ebenfalls fast ganz unter Wasser stehen. Er bemüht sich, von einem Ast zu einem anderen, sichereren zu gelangen, und als er wieder aus dem Laub herauskommt, ist der Baum nicht mehr derselbe, sondern ein anderer auf der entgegengesetzten Seite. Er taucht ins Wasser, um zu sehen, wie tief das Becken ist, und anstatt den Boden zu berühren, taucht er, die Füße voraus, von unten wieder auf und findet sich in einem anderen Schwimmbecken treibend, das genauso aussieht, wie das erste, unter dem gleichen Gewölbe, mit den einladenden und ins Wasser hängenden Ästen von acht Kastanien, den oberen nur allzu ähnlich, ebenso täuschend und austauschbar. Man sieht, daß es ihm inzwischen sogar verwehrt ist, ohne Risiko aus dem Fenster zu schauen oder zumindest, sich zu weit hinauszulehnen. Vor ein paar Monaten ist er, nur um den Ölbrenner zu kontrollieren, in den Keller hinuntergegangen, und man mußte ihn steifgefroren von einem Flughafen in Island zurückbringen, wo er wenige Stunden vorher im Pyjama mit einem dänischen Düsenflugzeug gelandet war; er verriet jedoch niemandem, daß es sich in Wirklichkeit um ein Geschwader von acht Flugzeugen gehandelt hatte und wie verwirrend die Erfahrung war, in all diesen acht Maschinen gleichzeitig zu fliegen.  - J. Rodolfo Wilcock, Das Stereoskop der Einzelgänger. Freiburg  1995 (zuerst 1972)

Abrutschen (6)  

- Miguel Fernandez, Berliner Woche vom 11.September 2013

Abrutschen (7)  Ich polierte den Türgriff mit meinem Taschentuch und öffnete leise die Tür.

An den Türrahmen gekrallt hing an acht gekrümmten Fingern, von denen alle außer einem weiß wie Wachs waren, das, was von einem Mann übriggeblieben war.

Seine Pupillen waren drei Millimeter weit, die Augen, porzellanblau, standen weit offen. Sie blickten mich an, aber sie sahen mich nicht. Er hatte störrisches, eisengraues Haar, von dem sich das verschmierte Blut leuchtend rot abhob. Eine Schläfe war zerschmettert, und Blutfäden zogen sich davon zur Kinnspitze. Einer der verkrampften Finger, der, der nicht weiß war, war bis zum zweiten Gelenk völlig zermalmt. Aus dem rohen Fleisch ragten Knochensplitter. Etwas, das einmal ein Fingernagel gewesen sein mochte, sah jetzt wie ein zackiger Plastiksplitter aus.

Der Mann trug einen braunen Anzug mit aufgesetzten Taschen, drei im ganzen. Sie waren abgerissen worden, hingen als Fetzen herab, und das dunkle Alpakafutter war zu sehen.

Sein Atem ging mit flachem, nichtssagendem Keuchen wie ferne Schritte auf welkem Laub. Sein Mund stand offen wie bei einem Fisch und war von Blutbläschen gesäumt. Der Gang hinter ihm lag so leer da wie ein frisch ausgehobenes Grab.

Gummisohlen quietschten plötzlich auf dem nackten Parkett neben dem Läufer des Korridors. Die verkrampften Finger des Mannes glitten vom Türrahmen ab, und sein Körper begann, in den Knien zusammenzusacken. Seine Beine konnten ihn nicht mehr tragen. Sie gaben nach, und der Körper drehte sich in der Luft wie ein Schwimmer in einer brechenden Welle und fiel dann auf mich zu.  - Raymond Chandler, Mord aus dem Handgelenk. Frankfurt am Main 1968

 

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