chwelle   Ein Kenner hat den Zustand gewisser Lebewesen an der Schwelle zu ihrer Verwandlung ungefähr folgend beschrieben: Sie hörten auf, zu fressen; suchten, sich zu verbergen; entledigten sich jeden Unrats; seien unruhig.

All das trifft, mehr oder weniger, seit längerem auf mich zu. Durcheinander und Schmutz im Haus fallen mich buchstäblich an; ich habe kaum Hunger mehr; mit dem Leben in der Verborgenheit spiele ich nicht mehr bloß, es erscheint mir für die kommende Zeit als das Gemäße. Insbesondere aber bin ich unruhig. Für das mühelose Türenaufmachen, das mir vor Augen steht, bin ich sonderbar unruhig.

So wird mir bewußt, daß mein Vorhaben gefährlich ist. Mißlingt mir die Weiterung, so bin ich gescheitert, ein für alle Male. Aus wäre es dann mit der so wohnlichen Verborgenheit, es bliebe nur noch das Auf und Davon. Zwar könnte ich mich dabei frei bewegen, doch hätte ich nirgendwo mehr meinen Platz. - Peter Handke, Mein Jahr in der Niemandsbucht. Frankfurt am Main 1994

Schwelle (2)   Ich habe mit der Zeit ein Auge für die Übergänge bekommen, die sonst in der Regel, auch von den zünftigen Ausgräbern, übersehen werden. Ich bezeichne mich selber manchmal im Spiel als »Schwellenkundler« (oder auch »Schwellensucher«). Dieser Ausdruck ist nicht nur bildlich zu verstehen. Ich bin tatsächlich ein Ausforscher von Haus-, Kirchen-, Tempel-, ja ganzen ehemaligen Siedlungs-Schwellen geworden, auch wenn diese, wie oft bei Marmor oder Granit, weggetragen oder, bei Holz, vermodert sind: ich erkenne die einstigen »Queren« im Gelände an Einsenkungen, Schuttfüllungen, Farbsprüngen, Holzresten. Meine Arbeit ist nicht bloße Nebensache: von der Festlegung der Schwellenorte kann die Zeichnung der gesamten Grundrisse ausgehen; mit ihnen als den Grenzlinien deutet sich die ursprüngliche Anordnung eines Baus oder auch eines ganzen Dorfes an.   - Peter Handke, Der Chinese des Schmerzes. Frankfurt am Main 1986 (zuerst 1983)

Schwelle (3)  Sie waren nun zu sechst, und alle begannen auf den Jungen, der am Boden lag, einzutreten. Der Junge bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Zu meiner Überraschung konnte ich am Klang erkennen, ob ein Schuh sein Ziel verfehlt hatte oder die Finger traf und nicht Stirn oder Nase. Ich war wie gelähmt. Wenn ich den Vorfall jetzt überdenke, bilde ich mir ein, ich sei nah genug gewesen, um dem ganzen ein Ende zu machen . . . Aber ich tat es nicht. Ich glaube, ich kam gar nicht auf den Gedanken. Es war, als ob sich die Zeit dramatisch verlangsamt hätte, Anfang und Ende jeder Sekunde schienen so deutlich markiert wie die Bilderfolge auf einer Filmspule; und ich war hypnotisiert von jedem Bild, das ich sah . . . Mit diesem ersten Zusammenstoß war eine Art Schwelle überschritten worden, eine imaginäre Trennlinie: diesseits der Schwelle hatte ein Sinn für die Grenzen des Erlaubten bestanden, ein normales Einverständnis - selbst in diesem Haufen - darüber, was man nicht machen konnte; jetzt aber waren wir irgendwo, wo es nicht mehr viele Grenzen gab, wo der Sinn dafür, daß es Dinge gab, die man nicht machen konnte, nicht mehr existierte . . . Es war eine Erregung, die an etwas Größeres, an ein transzendentes Gefühl grenzte - zumindest Freude, aber eher wohl etwas wie Ekstase. Eine durchdringende Energie ging davon aus; unmöglich, nicht ein wenig davon gepackt zu sein. Neben mir sagte jemand, er sei glücklich, sehr glücklich, er könne sich nicht erinnern, jemals so glücklich gewesen zu sein.  - Bill Buford, Among the Thugs. Nach: H. M. Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg. Frankfurt am Main 1993

Schwelle (4)  Unter der plebs deorum der Karyatiden und Atlanten, der Pomonen und Putten, mit deren Entdeckung er den Leser aufnimmt, sind ihm die liebsten doch jene einst herrschenden, nun zu Penaten, unscheinbaren Schwellengöttern gewordenen Figuren, die angestaubt auf Treppenabsätzen, namenlos in Flurnischen einquartiert, die Hüterinnen der rites de passage sind, die ehemals jeden Schritt über eine hölzerne oder metaphorische Schwelle begleiteten. Von ihnen kommt er nicht los und ihr Walten weht ihn noch an, wo ihre Abbilder längst nicht mehr oder unkenntlich stehen. Berlin hat wenig Tore, aber dieser große Schwellenkundige kennt die geringeren Übergänge, die Stadt von Flachland, Stadtteil von Stadtteil abheben: Baustellen, Brücken, Stadtbahnbögen und Squares, und sie alle sind hier geehrt und beachtet, ganz zu schweigen von den schwelligen Stunden, den heiligen zwölf Minuten oder Sekunden des kleinen Lebens, die den makrokosmischen twelf-nights entsprechen und auf den ersten Blick so unheilig aussehen können. »Die Tanztees der Friedrichstadt«, weiß der Autor, »haben auch ihre lehrreichste Stunde, bevor der Betrieb losgeht, wenn im Dämmer nah bei den noch eingehüllten Instrumenten die Ballettdame einen Imbiß einnimmt und sich dabei mit der Garderobenfrau oder dem Kellner unterhält.« - Rezension (hes), in: Walter Benjamin, Beroliniana. München und Berlin 2001

Schwelle (5)  Mühsam holte er Atem, aber merkwürdig: sein Traum schien sich fortzusetzen; die Tür stand weit offen, und auf der Schwelle stand ein ihm völlig unbekannter Mann und musterte ihn unverwandt.

Raskolnikow hatte die Augen noch gar nicht richtig geöffnet und schloß sie sofort wieder. Er lag auf dem Rücken und rührte sich nicht.

Träume ich noch immer? dachte er und hob abermals kaum merklich die Lider, um zu sehen: der Unbekannte stand an derselben Stelle und starrte ihn noch immer an.

Plötzlich trat er vorsichtig über die Schwelle, schloß behutsam die Tür hinter sich, ging an den Tisch, wartete ungefähr eine Minute, ohne während der ganzen Zeit den Blick von Raskolnikow zu wenden, und setzte sich leise, geräuschlos auf den Stuhl vor dem Diwan; seinen Hut legte er neben sich auf den Boden, stützte beide Hände auf seinen Spazierstock und legte das Kinn auf die Hände.

Man sah, daß er bereit war, lange Zeit zu warten. - Fjodor M. Dostojewskij, Schuld und Sühne. München 1977 (zuerst 1866)

Verwandlung Tür
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