Sterbebett  Mein Vater lag, wie sie ihn nach dem Sturz gebettet hatten — die Beine ein wenig angezogen und gekreuzt, die Arme unter der Decke, das Gesicht gerötet und leicht geschwollen, sehr verändert schon. Ich beugte mich über ihn, um ihn zu umarmen, rief ihn bei Namen, sprach zu ihm. Er sah mich an, die Augen halb geöffnet, und begann zu weinen, ohne daß er ein Wort hervorbrachte. Ohne Zweifel hatte der Gute jetzt begriffen, daß der Große Augenblick gekommen war. Wir standen an seinem Bett, meine Stiefmutter, mein Bruder und ich, indem wir uns darauf beschränkten, ihn zu betrachten wie Leute, die nicht recht wissen, was man bei solcher Gelegenheit tut.

Nachdem wir uns endlich gesetzt hatten, begann ich mit dem Gespräch. So erfuhr ich, daß der Arzt gekommen war und die Diagnose gestellt hatte, aus der hervorging, daß an Besserung nicht mehr zu denken war. Meine Stiefmutter würzte das noch durch die üblichen Phrasen über das Elend der Welt, und ich hielt sie in Gang, indem ich mit dem Kopf nickte. Mein Bruder ging währenddessen im Hause auf und ab wie ein junger Radler, der einen schönen Sonntag davonschwimmen sieht.   - Paul Léautaud, In memoriam. Übs. Ernst Jünger. Stuttgart, Zürich 1980 (zuerst 1905)

Sterbebett (2)  Über dem Eingang zum großen Saal - oder Bordurin-Renaudas-Saal - hatte man, seit kurzem zweifellos, ein großes Gemälde aufgehängt, das ich nicht kannte. Es war mit Richard Sévérand signiert und hieß Der Tod des Junggesellen. Das war eine Schenkung des Staates.

Nackt bis zur Gürtellinie, der Oberkörper ein wenig grün, wie es sich für Tote gehört, lag der Junggeselle auf einem unordentlichen Bett. Die zerwühlten Laken und Decken zeugten von einem langen Todeskampf. Ich lächelte, als ich an Herrn Fasquelle dachte. Er war nicht allein: seine Tochter pflegte ihn. Schon hatte auf dem Gemälde die Magd, eine herrschsüchtige Haushälterin mit vom Laster gezeichneten Zügen, die Schublade einer Kommode geöffnet und zählte die Taler. Durch eine offene Tür konnte man im Halbdunkel einen Mann mit einer Schirmmütze sehen, der wartete, eine Zigarette an die Unterlippe geklebt. An der Wand schlabberte eine Katze gleichmütig ihre Milch.  - Jean-Paul Sartre, Der Ekel. Reinbek bei Hamburg 2004 (zuerst 1938)

 

Sterben Bett

 

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