cherz  Man unterstellt mir alle möglichen komischen Sachen, die ich nicht gemacht habe, dabei mache ich genug. So hatten wir einmal am Geburtstag meiner Frau in einem Gartenrestaurant ein Abendessen mit etwa zwölf Personen. Ich hatte dazu eine schon betagtere adlige Dame engagiert und eingeweiht, eine wirklich feine Person, und hatte sie auf den Ehrenplatz gesetzt. Dann habe ich sie vollkommen ignoriert. Die Gäste kamen. Sie schauten zu dem großen Tisch, an dem die alte Dame saß, und alle fragten: »Wer ist diese alte Dame?« Ich sagte: »Ich weiß es nicht.« Nur die Ober wußten Bescheid, und meine Frau fragte sie: »Aber was hat sie gesagt? Hat niemand mit ihr gesprochen?« »Die Dame hat gesagt, sie sei von Mr. Hitchcock eingeladen worde.« Als man mich fragte, habe ich geschworen, ich wüßte nicht, wer sie sei. Alle schauten zu ihr, alle fragten sich: »Aber wer ist sie nur? Man müßte es doch herausbekommen.« Wir waren längst beim Essen, da hat schließlich ein Schriftsteller auf den Tisch geschlagen und gesagt: »Das ist ein Gag!« Alle Blicke richteten sich auf die alte Dame. Darauf hat der Schriftsteller einen anderen Gast angeschaut, einen jungen Mann, den jemand mitgebracht hatte, und zu ihm gesagt: »Und Sie, Sie sind auch ein Gag!«

Ich möchte diesen Scherz gern noch einmal machen, ihn aber noch weiter treiben. Ich würde so eine Dame einladen und sie den Gästen als meine Tante vorstellen. Die falsche Tante würde zu mir sagen:

»Könnte ich vielleicht ein Glas haben?« Und ich würde vor allen Leuten sagen: »Nein, nein, du weißt doch, Alkohol bekommt dir nicht, du darfst nichts trinken.« Darauf würde die Tante traurig weggehen und sich in eine Ecke setzen. Den Gästen wäre das sehr unangenehm, alle wären peinlich berührt. Etwas später würde die Tante aufstehen, mit einem bettelnden Blick wieder zu mir kommen, und ich würde ziemlich laut sagen: »Nein, nein, du brauchst mich gar nicht so anzuschaun. Dein Benehmen ist wirklich unangenehm für die anderen.« Und die arme alte Frau würde »oh, oh« machen. Alle möchten sich am liebsten in Luft auflösen, und die falsche Tante würde ganz leise zu weinen anfangen. Schließlich würde ich zu ihr sagen: »Hör mal, du verdirbst uns den ganzen Abend. Mach, daß du in dein Zimmer kommst.«

Ich habe den Gag nie gemacht, ich habe zu viel Angst, daß mich jemand schlagen könnte. - Alfred Hitchcock, in: François Truffaut, Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht? München 1973 (zuerst 1966)

Scherz (2) Scherz von Sterbenden ist übel angebracht, manchmal sogar verderblich. Welch ein Jammer, die Überlebenden zum eigenen Schaden mit einem Witz zu unterhalten!

Wie man auch darüber denken mag, was uns nach dem Tode erwartet, Sterben bleibt ein ernstes Ding: dazu schickt sich nicht Scherzen, sondern Standhaftigkeit. - (bru)

Scherz (3) Betrachtet das Insekt auf eurem Wege: eine kleine, unbewußte Wendung eures Fußtrittes ist über sein Leben oder Tod entscheidend. Seht die Waldschnecke, ohne alle Mittel zur Flucht, zur Wehr, zur Täuschung, zum Verbergen, eine bereite Beute für Jeden. Seht den Fisch sorglos im noch offenen Netze spielen; den Frosch durch seine Trägheit von der Flucht, die ihn retten könnte, abgehalten; den Vogel, der den über ihm schwebenden Falken nicht gewahr wird; die Schaafe, welche der Wolf aus dem Busch ins Auge faßt und mustert. Diese Alle gehn, mit wenig Vorsicht ausgerüstet, arglos unter den Gefahren umher, die jeden Augenblick ihr Daseyn bedrohen. Indem nun also die Natur ihre so unaussprechlich künstlichen Organismen nicht nur der Raublust des Stärkeren, sondern auch dem blindesten Zufall, und der Laune jedes Narren, und dem Muthwillen jedes Kindes, ohne Rückhalt Preis giebt, spricht sie aus, daß die Vernichtung dieser Individuen ihr gleichgültig sei, ihr nicht schade, gar nichts zu bedeuten habe, und daß, in jenen Fällen, die Wirkung so wenig auf sich habe, wie die Ursache. Sie sagt dies sehr deutlich aus, und sie lügt nie: nur kommentirt sie ihre Aussprüche nicht; vielmehr redet sie im lakonischen Stil der Orakel. Wenn nun die Allmutter so sorglos ihre Kinder tausend drohenden Gefahren, ohne Obhut, entgegensendet; so kann es nur seyn, weil sie weiß, daß wenn sie fallen, sie in ihren Schooß zurückfallen, wo sie geborgen sind, daher ihr Fall nur ein Scherz ist. Sie hält es mit dem Menschen nicht anders, als mit den Thieren. Ihre Aussage also erstreckt sich auch auf diesen: Leben oder Tod des Individuums sind ihr gleichgültig.  - (wv)

Scherz (4)

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