evolver  Wie er selbst gesagt hat: »Redon - derjenige, der geheimnißt« oder »Lautrec - derjenige, der plakatiert«, müßte man sagen: Jarry, derjenige, der revolvert. In seinem Todesjahr schrieb er an Mme. Rachilde: »Es ist eine große Besitzerfreude, in seinem Schlafzimmer mit dem Revolver herumschießen zu können.« Eines Abends, als er sich zusammen mit Guillaume Apollinaire eine Vorstellung des Zirkus Bostock ansieht, terrorisiert er die neben ihm Sitzenden, die er von seinen Fähigkeiten als Dompteur zu überzeugen trachtet, indem er mit seinem Revolver herumfuchtelt. »Jarry«, erzählt Apollinaire, »verhehlte mir nicht die Genugtuung, die er empfunden hatte, die Spießbürger in Schrecken zu versetzen, und mit dem Revolver in der Faust bestieg er das Deck des Omnibusses, der ihn nach Saint-Germain-des-Prés zurückbringen sollte. Dort oben schwenkte er, um mir adieu zu sagen, aufs neue seinen Bulldog.« Ein anderes Mal, in einem Garten, vergnügt er sich damit, den Champagner mit Revolverschüssen zu entkorken. Kugeln verirren sich über den Zaun hinweg, was zur Folge hat, daß eine Dame, deren Kinder in dem benachbarten Garten spielten, herbeigestürzt kommt. »Denken Sie nur, wenn Sie sie getroffen hätten!« - »Nun«, beruhigt Jarry sie, »was macht das schon, Madame, wir werden Ihnen neue machen.« Ein anderes Mal schießt er beim Essen auf den Bildhauer Manolo, der ihm, wie er behauptet, unsittliche Anträge gemacht hat. Als die Freunde ihn mit sich fortziehen, ruft er begeistert aus: »War das nicht schöne Literatur? ... Aber Moment, ich habe vergessen, die Getränke zu bezahlen.« Mit zwei Revolvern an der Hüfte und obendrein mit einem starken, bleigefüllten Stock versehen, eine Pelzmütze auf dem Kopf und Pantoffeln an den Füßen, so stellt er sich gegen Ende seines Lebens jeden Abend bei Doktor Saltas ein. - (hum)

Revolver (2)

Jean Cocteau...

- N.N.

Revolver (3)  Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings, solange man kann, in die Menge zu schießen.

Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen - der gehört eindeutig selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig in Schußhöhe. - André Breton, Zweites Manifest des Surrealismus. 1930

Revolver (4)  Im Mai des Jahres 1919 trat Grosz  bei einer Dada-Soiree auf. Der Abend war von Klangerlebnissen bestimmt. »Chaoplasma«, ein von Hausmann komponiertes Simultangedicht für zehn Sprecher, wurde als Wettbewerb führender deutscher Poeten vorgetragen. Grosz feuerte die Start- und Schlußzeichen mit einer Pistole ab. Eine weitere Nummer bestand darin, daß er während des Stimmens eines Cellos einen »Negertanz« vorführte. Grosz nahm ebenfalls an dem »Wettlauf zwischen einer Schreibmaschine und einer Nähmaschine« teil.  - Nach:  Peter-Klaus Schuster (Hg.), George Grosz - Berlin New York. Ausstellungskatalog Berlin 1994

George Grosz  1917

George Grosz  1917 in seinem Atelier

- Aus: Lothar Fischer, George Grosz in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1976

Revolver (5)

Egoshooter

- Screenshot aus: Half-life 2

Revolver (6)

Luis Bunuel

- Luis Buñuel

Revolver (7) Sehr früh schon hatte ich eine ausgesprochene Vorliebe für Feuerwaffen. Ich war gerade vierzehn, als ich mir einen kleinen Browning besorgte, den ich dann immer bei mir trug — heimlich, versteht sich. Meine Mutter, die etwas ahnte, ließ mich die Arme hochnehmen, tastete meinen Körper ab und fühlte den Revolver. Ich konnte ihr entkommen, rannte die Treppen hinunter in den Hof und warf den Browning in den Müll - um ihn dann später wieder herauszuholen.

Ein andermal sitze ich mit einem Freund auf einer Bank, als zwei golfos daherkommen, zwei Herumtreiber, sich auf dieselbe Bank.setzen und anfangen, uns zu schubsen, bis mein Freund von der Bank herunterfallt. Ich stehe auf und sage drohend, sie sollen das lassen. Darauf holt einer der beiden eine noch blutbeschmierte banderilla raus — nach jeder Corrida konnte man sich so etwas besorgen - und bedroht mich damit. Darauf ziehe ich auf offener Straße meinen Revolver und lege auf die beiden an. Gleich sind sie still. Später, als sie gingen, habe ich mich bei ihnen entschuldigt. Meine Wut hält nie lange an.

Manchmal habe ich sogar die große Pistole meines Vaters entwendet und bin zu Schießübungen aufs Land gefahren. Ich bat einen Kameraden namens Pelayo, sich mit ausgestreckten Armen hinzustellen, einen Apfel oder eine Konservendose auf jeder Hand, und dann schoß ich. Ich glaube, weder den Apfel noch die Hand habe ich jemals getroffen.   - Luis Buñuel, Mein letzter Seufzer. Berlin, Wien, Frankfurt am Main 1985

Revolver (8)  Der Redner. - In meinem letzten Kannibalen Manifest habe ich Ihnen gesagt, daß der Arsch der Arsch das Leben darstellt wie die Pommes Frites und sich wie die Ehre verkauft? Nun, heute Abend wird er verschenkt, sehen Sie sich lieber an, wie voll dieser kleine Saal ist?

Der Zuschauer. - Also es geht wieder los, immer diese Gemeinheiten, Obszönitäten? Anstatt französisch zu sprechen!

Der Redner. - Die Obszönität gibt es nur in Ihrer armseligen Phantasie, es gibt keine Obszönität. Ist das Leben eine Obszönität? Ist Kindermachen eine Obszönität?

Der Zuschauer. - Das Leben ist, was schön ist.

Der Redner. - Aber ja! Eine schöne Heirat oder eine schöne Mitgift, was dasselbe ist, oder ein schöner Sieg auf einem Berg von Aas.

Der Zuschauer. - Wir können uns unmöglich verstehen. Sie führen alles auf das Materielle zurück.

Der Redner. - Ich verstehe, was Sie lieben, den offiziellen Ruhm! Soll ich Ihnen sagen, was Ihnen an DADA mißfällt? Es mag keine Geschichten, keinen Gehirndrill und Sie spüren, wie es sich über Sie lustig macht.

Der Zuschauer. - Aber sagen Sie mir, warum es sich über mich lustig macht?

Der Redner. - Weil Sie ernsthaft, also idiotisch sind.

Der Zuschauer. - Ich verstehe nicht ganz.

Der Redner. - Dieser Künstler oder dieser Bourgeois ist nur ein riesiger Unbewußter, er hält seine Scheu für Redlichkeit! Ihre Wohltätigkeit und ihre Bewunderung, mein lieber Herr, sind verachtungswürdiger als die Syphilis oder die Gonorrhöe, die sie unter dem Vorwand des Temperaments oder der Liebe an ihre Nächsten verteilen.

Der Zuschauer. - Ich kann mich unmöglich weiter mit einem Individuum wie Ihnen kompromittieren und ich fordere alle meine Kollegen Zuschauer auf, zusammen mit mir diesen Saal zu verlassen, da wir mit so einer Person nicht länger in Kontakt bleiben können.

Der Redner. - Natürlich, Du hast Angst, daß der Wind Deinen Rock lüftet und wir Dein Geschlecht zu Gesicht bekommen, das falsch ist. Deine Haare sind auch falsch, Deine Zähne sind falsch; Du hast ein Glasauge, und das ist das einzige, das mich offen ansieht. Das andere ist ein Chamäleon aus Asnieres für Schwachköpfe, zu 20.000 Francs pro Karat.

System, surrealistisches

Der Zuschauer. -  Mein Herr, erstens gehe ich, zweitens habe ich keinen Rock! Ich bin ein Mann.

Der Redner. - Ach - Hose oder Rock, das ist dasselbe, nur das Geschlecht ändert sich. Aber bei Dir und Deinesgleichen kann es sich nicht ändern, da es falsch ist!

Der Zuschauer. - Aber es gibt nichts Falsches - das ist doch zumindest eine der Theorien, die Sie vertreten haben.

Der Redner. - Du hast recht, es gibt nichts Falsches.

Der Zuschauer. - Die Nachahmung, so scheint mir ...

Der Redner. - Die Nachahmung ist wahr, ein Garten aus Celluloid ist wahr, ein Papagei aus Bergkristall ist wahr, ein versilbertes Schaf ist wahr.

Der Zuschauer. - Sie werden mir aber wohl nicht sagen wollen, daß DADA wahr ist?

Der Redner. - DADA spricht mit Dir, es ist alles, es umfaßt alles, es gehört allen Religionen an, kann weder Sieg noch Niederlage sein, es lebt im Raum und nicht in der Zeit. - Aber, entschuldigen Sie, Herr Zuschauer, welche Staatsangehörigkeit geben Sie vor?

Der Zuschauer. - Ich bin Franzose aus Paris.

Der Redner. - Aus Paris.

Der Zuschauer. - Jawohl, aus Paris.

Der Redner. - Das stimmt. Es gibt die Franzosen aus Marseille, aus Bordeaux, aus Besançon, aus Paris, Sie sind wie gewisse Erdenbewohner, die sich für Russen, Amerikaner, Deutsche oder Engländer halten. Es stimmt, es stimmt, Sie reisen gerne mit der Postkutsche.

Der Zuschauer. - Sie Elender (er schießt mit seinem Revolver auf den Redner). -  Francis Picabia,   Festival - Manifest - Weitsichtiger, nach: Nautilus Literarischer Taschenkalender 1988. Hamburg 1987

Revolver (9)  So ist es im traum und nicht anders. Einer kommt durch die tür und steht da und hebt die hand und siehe: er hält in der linken eine lebende taube, symbol des friedens, der liebe, der unschuld und der zuversicht auf bessere zeiten. Und siehe: mit der rechten langt er in die brusttasche, holt einen schwerkalibrigen revolver hervor, verlangt geld und gold und wieder geld und läßt sich als ordentlicher vertreter eines rauhen tones in keinster weise abwimmeln. Was soll das? fragt man sich mit recht in dieser nacht zum zweiunddreißigsten mai.

- (tra)

Revolver (10)  

W. S. Burroughs 1990

- Quelle

Revolver (11)

- N. N.

Revolver (12)

- Banksy

Revolver (13)

Revolver (14)

Das harmonische bündel

Der funke, der die mücken zum sport treibt, schmückt nicht mehr das knopfloch der landbesteller der alpen und des kaukasus. Die faden einer bunten, großen spule verlangsamten das ballspiel und verbargen das ziel. Zum glück, denn der waffenglanz senkte den blick der duellanten. Die verachtung der zuschauer berauschte sie mit bescheidenheit. Freilich, man kann nicht lebenslänglich trunken sein.

 - Max Ernst, Paul Eluard: Die Unglücksfälle der Unsterblichen. Spiegelschrift 7. Köln 1971 (zuerst 1922)

Revolver (15)

- Robert Mapplethorpe

Revolver (16)

Revolver (17)

Revolver (18)

Revolver (19)

 - Eric Stanton, Bonnie and Clara

Revolver (20)

Revolver (21)

Picasso mit Revolver

- René Burri

Revolver (22)

- Albert Watson

Revolver (23)

- N. N. (Salvdor Dalí)

Revolver (24)

Revolver (25)

- N.N.

Revolver (26)

- Leone Frollo

Revolver (27)  Lazare sprach stets kaltblütig, langsam, wie zu sich selbst. Als ich an irgendeinen dieser langsamen Sätze dachte, die ich gehört hatte, mußte ich lachen. Wäre ich doch an Antonios Stelle gewesen. Ich hätte sie erschossen . . . Bei der Vorstellung, daß ich Lazare vielleicht liebte, entrang sich mir ein Schrei, der im Tumult unterging. Ich hätte mich selbst zerfleischen können. Ich war von dem Revolver besessen - von dem Bedürfnis zu schießen, ihr die Kugeln . . . in den Bauch ... in ihre ... zu jagen. Als ob ich mit absurden Gesten ins Leere fiele, so, wie man im Traum wirkungslose Schüsse abgibt.  - (bat)

Revolver (28)

Revolver (29)  »Und da war dann die alte Mrs. Atkins. Niemand hat gewußt, daß sie einen Revolver hatte, nur ich. Ich hab's gewußt, weil ich die Kommode reparieren sollte. Also gut. Sie war im Haus, fünfundsiebzig Jahre alt, und in der Schublade der Kommode - das Schloß funktionierte nicht mehr -, da lag der Revolver. Er war mit einem Paar Damenschuhe zusammen eingewik-kelt. Eine kleine Größe, ich weiß nicht mehr, fünfunddreißig oder sechsunddreißig. Aus weißem Satin. Die Hochzeitsschuhe ihrer Urgroßmutter, hat sie gesagt. Kann sein. Jemand hat zwar behauptet, sie hätte sie in einem Trödelladen gekauft, aber das weiß ich nicht genau. Und der Revolver lag dabei. Jawohl! Es hieß, ihr Sohn hätte ihn mitgebracht, aus Ostafrika. Er hat dort Elefanten geschossen. Und wissen Sie, was die Alte gemacht hat? Ihr Sohn hatte ihr das Schießen beigebracht. Sie saß dann am Wohnzimmerfenster und paßte auf, und wenn jemand aufs Haus zukam, hat sie den Revolver genommen und rechts und links an ihm vorbeigeschossen. Ja. Die Leute waren in Todesangst und sind davongelaufen. Sie sagte, sie würde keinen reinlassen, der die Vögel aufscheuchte. Sie war ganz wild auf Vögel. Glauben Sie ja nicht, sie hätte je auf einen Vogel geschossen, nie! Ach, und dann all die Geschichten über Mrs. Letherby. Die haben sie beinahe eingesperrt, wegen Ladendiebstahl. Sie soll es sehr schlau gemacht haben. Und dabei war sie so reich!«  - Agatha Christie, Alter schützt vor Scharfsinn nicht. Bern und München 1996

Revolver (30)  Über den Wellen und Bergketten der Wüste erschienen die weißen getriebenen Flieger. Von den Lagerplätzen der Nomaden trugen sie ängstliche junge mit Gewalt mit sich fort, setzten sie nach Stunden wieder bei ihrer hinstürzenden Horde aus. Die Tedaleute ließen sie bei sich übernachten.

Wie der Mond sein weißes Licht über die Land­schaft goß, lagen die bronzehäutigen Männer vor den Zelten der Frem­den, im Schatten, lüfteten lautlos die Wand, warfen Speere. Kaum eine Handbreit flogen die ins Dunkle. Zum Entsetzen der sich hinwerfenden Tedas prallten die eisernen Spitzen wie von einer Wand ab; der lange vibrierende Stab rollte rückwärts. Wenn sich drin bei den schlafenden Männern nichts rührte, schlichen überall geduckt verhüllte Nomaden an die Lagerstätten der Fremden, Revolver in den Händen, die sie von ihnen geschenkt erhalten hatten zu dem roten Tarbusch, dem blau-schwarzen Sudanhemd und Beinkleid, dem blauschwarzen Schal für Mund und Nase. Je dichter sie an die Fremden herankamen, um so gewichtiger wurden die Waffen in ihren Fingern. Sie mußten mit Gewalt die Revolver vorwärtsdrängen, die sich vor der Annäherung an ihren früheren Besitzer zu furchten schienen. Wie aber der gespannte Halm einschnappte und das Pulver krachte, warf das Explosionsgas das Geschoß nur wenig im Rohr vorwärts, dann drückte die Kugel rück­wärts, das Rohr zersprang knatternd, zerriß den Angreifern die Hände. Die Fremden standen ruhig auf. Die kleinen Lederkästchen, die die eisenabstoßende Ladung enthielten, schnallten sie fester über ihren Brüsten, verbanden die Verwundeten, sprachen den Angreitern, die sich im Sand vor ihnen vergruben, zu, und denen, die im schwarzen Tamariskenschatten im Hinterhalt bewegungslos lagen.  - (gig)

Waffe Surrealismus
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