elbstmörder
 

Ich bin einer der Versunkenen,
Die durch tausend Wälder schweigen,
Ich bin einer der Ertrunkenen,
Die kein Leid je wieder zeugen.

Ihr aber freut euch des Schiffs,
Verekelt mit Segeln den See.
Ich will tiefer zur Tiefe.
Stürzen, schmelzen, erblinden zu Eis.

O Sirupsprache der Gletscher!
Was soll mir der Gipfel -
Die Sonne betrat ihn!
Am Berge lockt mich der Abgrund,
Der Entspanner, Erlöser, Empfänger.

Bahnen, wohltätige Bahnen!
Niederfährt eiserne Kraft
Unselige Menschen

Ich grüße den Tod.
Denn Sein ist Gefängnis,
Im Hirn haust die Qual,
Das Auge verengt Welt,
Und schlecht ist Geschlecht,
Es vermehrt sich.

Schön ist es, ein Skelett zu sein oder Sand.

 - Albert Ehrenstein, nach  A.E.: Gedichte und Prosa. Neuwied u.a. 1961

Selbstmörder (2)
 

In Bäumen irrend, wo die Äste knacken,
erschrecken sie bei jedem feuchten Schritte,
zerhöhlt und morsch. Und ihrer Stirnen Mitte
in Schrecken wie ein weißes Feuer flackert.

Schon ist ihr Leben flach, das wie aus Pfannen
dampft in die graue Luft, und macht sie leerer.
Sie sehn sich schielend um. Und ihre Augen querer
in Wasserbläue rinnen ganz zusammen.

Ihr Ohr hört vieles schon von dumpfem Raunen,
wie Schatten stehn sie auf den dunklen Wegen,
und Stimmen kommen ihnen schwach entgegen,
wachsend in jedem Teich und jedem Baume.

Und Hände streifen ihrer Nacken Schwere,
die peitschen vorwärts ihre steifen Rücken,
sie aber gehen wie auf schmalen Brücken
und wagen nicht zu fassen mehr ins Leere.

Im Abendraum ein dunkler Schneefall tröpfelt,
und wie von Tränen wkd ihr Bart bereifet,
und Dorn und Stachel wollen sie ergreifen
und lachen leise mit den Knister-Köpfen.

Und plötzlich hängen sie an großer Schlinge
und strampeln mit den dürren Knochenbeinen.
Der Mond erfüllt die Nacht mit großem Scheinen.
Im Dunkel ist ein Fetzen toter Dinge.

- Georg Heym, nach (mus)

Selbstmörder (3)

- Otto Dix

Selbstmörder (4)

Das Lied des Selbstmörders

Also noch einen Augenblick.
Daß sie mir immer wieder den Strick
zerschneiden.
Neulich war ich so gut bereit
und es war schon ein wenig Ewigkeit
in meinen Eingeweiden.

Halten sie mir den Löffel her
diesen Löffel Leben.
Nein ich will und ich will nicht mehr,
laßt mich mich übergeben.

Ich weiß das Leben ist gar und gut
und die Welt ist ein voller Topf,
aber mir geht es nicht ins Blut
mir steigt es nur zu Kopf.

Andere nährt es, mich macht es krank;
begreift, daß man’s verschmäht.
Mindestens ein Jahrtausend lang
brauch ich jetzt Diät.

- Rilke

Selbstmörder (5)

- Antoine Wiertz

Selbstmörder (6)  Hier ist nicht der Ort für einen akademischen Diskurs, einen harmonischen, gelehrten, geduldigen, eingehenden, phano-menologischen Diskurs über den Eigentod: man werfe jedoch einen kurzen Bück auf die Geste dessen, der sich herabstürzt, in die Luft jagt, sich ausweidet, um einen Kopf kürzer macht, durch Eisenbahnschienen operieren läßt, sich verblausäuert, sich verleichenfärbt, sich verlottert und zerlöst, sich an gedächtnisstützendem Knoten aufhängt, sich mit tüchtigem Messer tranchiert; oh, er ist kein einsamer und außerhalb der menschlichen Tonleiter stehender Mensch, vielmehr das einzig angemessene, überzeugende, sachgemäße Argument der Grammatik, Paradigma, ein ›Labienus Romam pervenit‹ für dumme Schüler, brüderlich für uns alle, die wir an ihm Anteil nehmen, am folgerichtigen Freund, an seinen zerstreuten Gliedern; unser Freund und rotknochiger Geronimo: dem Totenschädel-Abgeordneten, dem wir unser halbherziges ›Nein‹ anvertrauen.  - (nieder)
 
 

Mörder Selbst

 

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