ezensent  Zuerst schien mir die Birnentheorie des Verlegers sehr einleuchtend. Warum sollte die Erde eigentlich apfelförmig sein? Warum nicht birnenförmig? Ihr Aussehen konnte nur gewinnen, wenn sie die Form einer Birne hatte.

Schließlich ist die Birne eine feinere Frucht als der Apfel, dachte ich, der Verleger hat sicher recht, und ich werde das in meiner Besprechung des Werkes für die Literiterarischen Hefte feststellen. Und doch, ich weiß nicht, dachte ich dann nach eigener Uberlegung, die Oxforder Theorie hat doch auch vieles für sich. Vielleicht ist die wirklich birnenförmig; aber sicher ist das nicht; sicher ist nur, daß sie nicht wie eine Birne schmeckt; Birnen habe ich immer gerne gegessen; aber die Welt ist nicht nach meinem Geschmack; sie schmeckt viel eher wie ein Apfel, und Äpfel habe ich nie gerne gegessen. Ich werde doch für die Oxforder Theorie eintreten, sagte ich mir. In meiner Besprechung vertrat ich deshalb die Ansicht, die Erde sei rund, ich führte Bibelstellen an und versuchte nachzuweisen, daß der biblische Apfel die Erde verkörpere, sowohl was ihre Gestalt als auch was ihren Geschmack betreffe. »Ein Apfel ist rund«, schrieb ich, und die Welt ist auch rund; der Apfel ist eine saure, unbekömmliche Frucht, und wer hat je einen herzhaften Happen Welt gekostet, ohne nicht das Gesicht schmerzlich zu verziehen?« Im übrigen verfuhr ich aber mit dem Verleger höchst glimpflich, sagte ihm Artigkeiten über seinen Stil und bestätigte die Richtigkeit seiner Ansichten, mit alleiniger Ausnahme der Birnenfrage. -  George Borrow, Lavengro der Zigeuner-Gentleman. Zürich 1987 ( zuerst 1851)

Rezensent (2) Als ich noch die Romane meines Freundes Hesekiel in der Kreuz-Zeitung besprechen mußte, habe ich diese Kunst gelernt; man lobt das, was zu loben ist — irgend was derart läßt sich immer finden — und geht über das Andre hin. Namentlich geht man über die Hauptfrage hin: ist das Ganze gut oder schlecht, sympathisch oder antipathisch. Muß man aber diese Frage, wohl oder übel, beantworten, so findet die Niedertracht menschlicher Natur auch da noch ihren Ausweg. »Ich habe sehr wohl erkannt, worauf Sie lossteuern; ich mache Ihnen mein Compliment; ja, so liegt es; Sie legen muthig die Axt an die Wurzel; wollte Gott, daß wir das Ziel erreichen; nur in diesem Zeichen können wir siegen. « In solchen Phrasen geht es weiter; immer ganz allgemeine Sätze, die von »Intentionen« faseln; — davon, wie‘s eigentlich ist, ist keine Rede. Und doch kann ein Buch, dessen Absichten ich mit Recht feire, nebenher noch miserabel sein. - Theodor Fontane an Georg Fiedlaender, 1. Aug. 1894

Rezensent (3)


 

- (dafnis)

Rezensent (4) Michaelis unter seinen Rezensenten kommt mir vor  wie Captain Cook in dem Königlichen Schiff Endeavour unter den Kanus der Wilden von Neu Guinea. Wenn diese um ihn herum rudern, hölzerne Lanzen schwenken und Herausforderungs-Gesichter schneiden, so sieht er ihnen lächelnd zu, unterfängt sich aber irgendeiner oder der andere und schmeißt Steine und hölzerne Spieße nach ihm, so feuert er, weil er ihnen nicht allein an Macht, sondern auch an Weisheit unendlich überlegen ist, einen Schuß mit unschädlichem  No 6 geladen über den Köpfen weg. Ein einziger von seinen 6-Pfündern würde ihrer zwanzige in den Abgrund senden. - (licht)

Rezensent (5)  Liebstes Schnuckchen, tausend Dank für Deinen Brief, der eben kommt als Ersatz für das Telefongespräch 1 10, was es grade auf meiner Uhr ist. Lieb, daß Du an mich denkst, ich denke auch an Dich. Gestern nachmittag war ich nicht in Straußberg, aber in Grünau u. ging über die Müggelberge (berge !!) nach Friedrichshagen. Schönes Wetter, wenig Menschen, erfreuliches Wasser der Oberspree u. des Müggelsees, aber die Trostlosigkeit, Armseligkeit, Kärglichkeit dieses Norddeutschland erschütternd. Da lobe ich mir das Schlesierland mit der »großen schwingenden Linie« (unmöglich, Trudchen, Kunstgewerbe!) u. den »violetten Tiefen in (!) den Abend« (geht nicht, Kleiner! vieux jeu, früher Heinrich Mann, 1900) u  den fließenden Wellen, Wölbungen u. müden Hügeln - bist Du böse, Petit, aber ich kritisiere Deinen Stil doch so gern, mir geht jedes geschriebene oder gedruckte Wort direkt mit einem Stich ins Gehirn, ich hab einen besondren Sinn für das Wort -  kurz sei nicht böse, mein süßer kleiner Petit -

soweit war ich gediehen, als Deine Rosen kamen u die Flasche [das folgende Wort ist unleserlich]. Ich bin empört, ich finde Dich skandalös, ich breche diesen Brief sofort ab u. die Rosen haben einen Duft wie nie Rosen gehabt haben u sind gelb wie ! ! die Rosen eines fernen Landes. So was Schönes  habe ich noch nicht gesehn. Dieses Mattgelb ist die schönste Farbe, die ich kenne, sie beunruhigt mich direkt, süßes Petitchen, wie kannst Du so was tun, ich bin einfach traurig, daß Du Dein schönes gutes Geld von der chemischen Industrie für mich in solchen Quantitäten fortgibst.

Sei glücklich, mein Kleiner, u feire Ostern; beschreibe Landschaften nur in kurzen, knappen Sätzen, sachlich, ohne »wie«, lieber trocken als gefühlvoll, denn in der Schilderung ist Gefühl nichts u. Name alles, u es ist erstaunlich, welche Stilwirkungen man erzielt durch Fortlassen. Sei sehr geliebt u. geküßt von

 Deinem        G.  

 - Gottfried Benn an Gertrud Zenzes, 15. April 1922. In: G.B., Das gezeichnete Ich. Briefe aus den Jahren 1900-1956.  München 1962 (dtv 89)

Rezensent (6)  Rue Jacob steigt man hinten in einem Hof fünf Etagen hinauf. Man irrt durch einen Korridor, auf den die Türen der Dienstbotenkammern hinausgehen, eine Art Labyrinth des Wirtschaftsflügels. Man stößt auf eine Tür, in der der Schlüssel steckt. Man klopft, man entschließt sich aufzuklinken. Man steht in einer Art von schönem Kutscherzimmer, auf den Fliesen drunter und drüber lauter Bücher. Da liegt auch ein paar ungewichster Männerstiefeletten. Eine Stimme ruft aus dem Nebenraum wie tief aus einem Traum herauf: »Wer ist da?« Man tritt ein, man erblickt das Stübchen einer Grisette, einer Näherin, einen Nachttisch, auf dem viele Bücher liegen; und im Bett ein bärtiges, mageres, miserables Männchen, das Gesicht von Murger auf die Maske von Géricault geklebt. Man hat ihn aus dem Schlaf geweckt. Es ist zwei Uhr. Man blickt sich um: um bei einem Gelehrten zu sein, gibt es nicht genug Bücher; zuviele gibt es, um bei einem Romanschriftsteller zu sein. Die Bücher sind neu: wir befinden uns bei einem heimarbeitenden Kritiker. Es ist Montegut, der von der Revue des deux Mondes jüngst zum Moniteur übergewechselt ist. Graues Tageslicht, graue Stube, graue Worte, ein schemenhafter Mann, unauffälliges Elend, Armut eines fleißigen Burschen, nichts außer Handwerkszeug, ein Kamin, dem es kalt ist, an den Wänden Resignation: das ist das Interieur. - (gon)

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